Being Matussek

13. Februar 2014

Die Welt-Gruppe im Axel-Springer-Verlag hat eine Aktion über das Altern gestartet. So wie Männer in Geburtsvorbereitungsgruppen falsche Schwangerschaftsbäuche umgehängt bekommen, um mal zu fühlen, wie anstrengend das Leben für ihre Partnerinnen ist, simuliert die Welt-Gruppe in einer Reihe von Kommentaren, wie es sich anfühlt, wenn man beginnt zu denken wie ein verkalkender alter Mann.

Als Großmeister des mentalen Fatsuits wurde sogar Matthias Matussek reanimiert, der eigentlich beim Spiegel schon im journalistischen Abklingbecken seinen sklerotischen Gedanken nachhing, Youtube-Filmchen drehte und zu Großem längst nicht mehr fähig schien.

Matussek hat eine einmalige Methode, vorzuführen, wie es wäre, wenn das Denkvermögen langsam aber stetig abnähme. Dazu schreibt er Kommentare, die sich anfühlen, als würde man sich Gips in die Synapsen gießen.

Nehmen wir sein neuestes Werk, ein Kommentar, in dem eine Figur „Matussek“ ihre homophobe Grundhaltung verteidigt. Sie endet in einem Crescendo aus aufsteigenden gedanklichen Blubberbläschen, so als würde Opa einfach wieder und wieder vergessen, dass er schon eine Corega-Tabs-Tablette in das Glas mit seinen Zähnen geworfen hat – und immer noch eine nachlegen.

Matussek schreibt dort

Ich lasse mir meine Gedankenfreiheit nicht nehmen, das gehört zu meinem Stolz als Publizist. Ich weiß, dass ich damit keine Beliebtheitswettbewerbe im „Grill Royal“ oder anderen Szene-Tränken gewinnen werde, aber ich habe nach wie vor Reserven, wenn ich im Fernsehen zwei schwule Männer serviert bekomme, die perfekte Eltern sind und völlig normaaaal einen kleinen Jungen adoptiert haben, oder eine andere Kleine mit ihrer Liebe beschenken, die sie sich über Leihmütter in der Ukraine oder Indien organisiert haben.

Seine Gedankenfreiheit besteht hier darin, weiterhin Gedanken zu haben, die seit Jahrhunderten Männer vor ihm hatten. Insofern darf man sie hier nicht als „Die Freiheit der Gedanken“ missverstehen, sondern muss sie wahrnehmen als „Freiheit von Gedanken“ – was er zusätzlich deutlich macht daran, dass seine „Reserven“ dann bestehen, wenn Schwule als Eltern perfekt und normal sind, obwohl sie ihre Kinder auf offenbar unnormalen Wegen bekommen, also adoptiert haben.
Das ist als Gedanke ja erst einmal nur Kritik an der Adoption, denn die schwulen Eltern beschreibt er doch als perfekt. Er meint das ironisch, aber es gibt ja hier nicht den Hauch eines Anhaltspunktes, dass sie nicht perfekt sind, außer eben der unnormalen Empfängnis, der Adoption – und die ist zunächst mal nicht homo oder hetero.*

Da blitzt sie, die Brillanz des Matussek hinter dem „Matussek“: Die Gedanken bewegen sich in engen, versandeten Gedankenbahnen, in einer Welt des Mangels, in einer Wüste – es ist das Gegenteil von der Freiheit, die wir meinen, wenn wir Gedankenfreiheit sagen. Etwas ironisch zu sagen bedeutet in der Regel, man meint etwas anderes, meist sogar das Gegenteil dessen, was man sagt – aber von Mattusseks genial parodiertem Altherrendenken existiert eben kein Gegenteil. Etwas, das normal aussieht, „normaaaaal“ zu nennen, macht es eben nicht unnormal. Aber irgendwann sind wir wahrscheinlich alle zu alt, das noch zu erkennen.**

Ich glaube nicht, dass die Ehe zwischen Männern oder Frauen gleichen Geschlechts derjenigen zwischen Mann und Frau gleichwertig ist. Punkt. Nicht, dass die Veranlagung Sünde wäre – ich glaube, der liebe Gott liebt alle seine Geschöpfe. Doch ich glaube auch an die Polarität der Schöpfung und daran, dass es für Kinder wichtig ist, diese Polarität zu erleben.

Zur Polarität kommen wir gleich, nehmen wir erst den wichtigeren Punkt, der hier aufgegriffen wird. Denn Matussek greift sich hier virtuos eine der wichtigen philosophischen Fragen, die jeder Mensch, zumindest aber jeder Gläubige im Verlauf seines Alterns zu klären hat. Denn natürlich scheitert auch ein jeder Katholik letztlich an seinem eigenen Anspruch an sich selbst, niemand ist so gut, wie er sein will. Man nennt das Leben. Man muss sich selbst unter realistischem Licht betrachten und sich vergeben können, man muss Gottes Liebe und Vergebung annehmen können. Das sollte zur Demut erziehen.

Im Verlaufe der eigenen Verkalkung erreicht der alternde Gläubige da aber oft genug einen erstaunlichen Punkt, und Matussek legt mutig seinen Finger in die Wunde: Gott liebt und verzeiht allen, der verkalkende Mann aber eigentlich nur sich selbst. Seine Lebenserfahrung, seine Haltung, seine eben nicht mehr freien Gedanken zwingen ihn, auch da zu richten, wo Gott es nicht tut. Da ist dann Homosexualität für Gott okay („Gott liebt alle“), für „Matussek“ aber minderwertig und ein Vergehen an den Kindern, denen zumindest die Polarität vorenthalten wird. Der echte Matussek verpackt den Gedanken des verkalkenden „Matussek“ dabei überragend komisch in einen Freudschen Versprecher der gendermäßigen politischen Überkorrektheit, indem er von „Männern und Frauen gleichen Geschlechts“ redet, so als würden die Kinder in einer homosexuellen Ehe mit zwei Männern unterschiedlichen Geschlechts die von ihm geforderte Polarität durchaus erleben können. Auf der Metaebene entlarvt „Matussek“ den bröckelnden Gips, der aus diesen vermeintlich freien Gedanken rieselt.

Da wirkt der Schlusssatz fast schon ein bisschen zu einfach, als ein fast zu billiges Finale, aber Matussek richtet sich an ein Massenpublikum und will sicher verstanden werden, so dass er plakativ in dem Satz endet:

Wahrscheinlich bin ich homophob wie mein Freund, und das ist auch gut so.

Mir persönlich ist das zu grell, auf den Selbsthass alternder Klemmschwestern abzuzielen, aber wenn er sein Ziel dadurch am Ende sicher trifft, soll es mir recht sein. Zwei alte Freunde, die sich ihre Liebe nie gestehen konnten …okay, irgendwie 1950er, aber was soll’s.

Der Punkt ist gemacht: Wer Homophobie so rechtfertigt wie „Matussek“, den hat Matussek nach allen Regeln der Kunst geoutet. Er hat einfach Angst vor der Welt, die er nicht mehr versteht. Und das ist irgendwie okay. Wenn Opa vom Krieg erzählen will, dann tun wir eben so, als würden wir zuhören, wenn das macht, dass er sich besser fühlt.

Sollte er allerdings nochmal Stiefel anziehen und in den Krieg ziehen wollen, müsste man ihm schon klarmachen, dass er in der Welt heut nichts mehr zu sagen hat.

*Über Katholiken und ihre Vorstellungen von Empfängnis will ich hier nicht anfangen, aber Jesus Christus hatte zwei Väter.
** Genau hier ist übrigens Harald Schmidt stehengeblieben und hat aus der besten Sendung im deutschen Fernsehen langsam aber sicher die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung der besten Sendung im deutschen Fernsehen gemacht. Ruhe sanft, alter Meister!

PS. In der ersten Fassung habe ich die Ursünde begangen und Matussek konsequent falsch geschrieben. Peimlich!

57 Kommentare

[…] Matthias Matussek gegen Michalis Pantelouris. […]

by Sichtweisen | Tante Jays Café on 16. Februar 2014 at 19:02. #

Ich wehre mich gegen den Begriff der „Homophobie“ für Homohasser, denn das ist keine „Phobie“. Die Homohasser haben keine *Angst* wie beispielsweise Klaustrophobiker oder Arachnophobiker. Homohasser haben lediglich eine verdammt beschränkte Sicht der Dinge und beharren auf einem gewissen Arschlochtum. Matussek ist da keine Ausnahme.

Ansonsten: Feine Analyse. Sehr lesenswert.

by Stefanie on 20. Februar 2014 at 21:07. #

[…] Matussek hat offensichtlich seinen Verstand verloren, sollte er je einen besessen haben. pantelouris.de: Being Matussek. Auch Stefan Niggemeier hat sich gut auf ihn eingeschossen. Zurecht. Ekelhafter homophober […]

by Treibgut 21.2.14 | .::: derMattn.de :::. on 21. Februar 2014 at 18:25. #

[…] Being Matussek […]

by INDUB.IO AM SONNTAG: Stuhltransplantation, Meinungsfreiheit und die Dinos - indub.io on 22. Februar 2014 at 20:00. #

[…] Weil Michaelis Pantelouris Matussek äußerst gekonnt nicht ignoriert hat […]

by Das Wölfchen von der Wallfahrt – das Making-Of von Matusseks Antwort an Stefan Niggemeier im European - indub.io on 24. Februar 2014 at 14:47. #

[…] hat die humorvolle Analyse von Michalis Pantelouris, die treffender nicht sein könnte, fast schon zu wenig Aufmerksamkeit genießen können. Und als […]

by Matussek und die Sexualität | GRÜNE JUGEND Chemnitz on 25. Februar 2014 at 15:01. #

[…] Sich als Märtyrer zu fühlen, wenn es Gegenwind gibt, bedeutet ganz einfach, dass man zu stolz oder zu faul ist, die eigenen Position kritisch zu hinterfragen. Man glaubt sich quasi am Ende der eigenen Entwicklungskette. Das ist arrogant, ohne Zweifel, aber auch sehr traurig. Und das ist einer der Gründe, weshalb ich das an den Tag gelegte Verhalte sogenannter Intellektueller wie Matussek, Lewitscharoff, Kelle, Pirinçci & Co. so enttäuschend finde: Es ist ein Offenbarungseid, der gelebte Unwille, dazuzulernen zu wollen. […]

by Kein Blatt vor dem Mund, aber ein Brett vor dem Kopf | indub.io on 4. April 2014 at 16:45. #

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