Kai Diekmann beschimpfen

Den Impuls, den Chefredakteur der Bild-Zeitung telefonisch zu beschimpfen kann man schwerlich jemandem übelnehmen. Und grundsätzlich müssen Journalisten bereit sein, Kritik an ihrer Arbeit zu ertragen, selbst wenn sie nicht ganz sachlich vorgetragen wird – und sei es nur deswegen, weil Journalisten auch davon leben, selbst Kritik in allen möglichen Formen vorzutragen. Dass allerdings der Bundespräsident auf die Idee kommt, einem Journalisten zu drohen, gleich die Verbindungen zu dem gesamten Verlag abzubrechen, ist in einer Größenordnung dämlich, die an seiner Eignung zweifeln lässt. Hat er wirklich geglaubt, das käme niemals heraus? Selbst wenn Diekmann es nicht so herumerzählt hätte, dass es nun in allen Zeitungen steht (und ich gehe davon aus, dass anders eine Nachricht auf seiner Mailbox nicht öffentlich werden konnte, oder ist das naiv, Rupert Murdoch?), hätte sich doch mit Sicherheit zumindest in der Branche herumgesprochen, was für ein schlechtes Gewissen Wulff in Bezug auf seinen Hauskredit offensichtlich hat. Vielleicht ist Erpressbarkeit ein zu großes Wort für den Zustand, der dann eingetreten wäre, aber wäre es diesem Bundespräsidenten tatsächlich lieber gewesen, ausschließlich ein paar ausgewählte Bild-Mitarbeiter wüssten um diese Schwachstelle in seiner Kreditbiografie? Das macht mir noch mehr Angst als die kleinen, streng riechenden Details die da Tag um Tag ans Licht kommen.

Nach Helmut Schmidt zählen sich auch Journalisten zur Politischen Klasse, und Wulff mochte offenbar genug darauf vertrauen, dass die kleinen Sauereien innerhalb dieser Klasse möglicherweise zur Verhandlungsmasse werden können, wenn man darüber redet, wie „ein Krieg ablaufen soll“, dass sie aber trotzdem dem gemeinen Volk gegenüber geheim bleiben können. Angesichts der langen, erfolgreichen Karriere, die Wulff als Politiker gemacht hat, dürfte er da aus Erfahrung sprechen. Und wenn dem so ist muss die Frage erlaubt sein, wie denn aus dieser Klasse überhaupt ein Bundespräsident hervorgehen will, dem die Bevölkerung dann geradezu naives Vertrauen entgegenbringen soll.

Der Schritt von Wulff, Journalisten einen Deal anzubieten (nämlich den, weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten, wenn sie eine Geschichte unterdrücken) ist nur ein weiterer Tropfen Gift in diesem Endlager voller strahlender Fässer. Aber wenn der oberste Repräsentant unseres Staatswesens in seiner für politische Positionen einzigartigen Unangreifbarkeit nicht in der Lage ist, seine Taten seinen wohlklingenden Reden anzupassen, welcher Politiker soll es dann sein?

Allerdings nähme ich das alles hier zurück, wenn sich herausstellte, dass Christian Wulff seit Jahren jeden Tag Kai Diekmann am Telefon wegen praktisch aller Bild-Geschichten beschimpft, und es nur zufällig an diesem einen Tag einmal um seine eigene ging. Es ist ja auch nicht alles juristisch rechtens, was richtig ist.

41 Antworten auf „Kai Diekmann beschimpfen“

  1. Daß er dem Diekmann auch noch auf den AB schwadroniert – ja, also das schlägt dem berühmten Faß den Boden aus!

    Diese monströse Dämlichkeit kann man nur fassungslos bestaunen.

    Fraglich, wie dieser Mann überhaupt so weit kommen konnte.

    Fazit: entweder er geht still nach Hause und schämt sich, oder aber wir müssen die Funktion des Präsidentenamtes künftig umdefinieren:

    – ein Posten, der es Nulpen wie Wulff ermöglicht, sich bei den Maschmeyers dieser Welt auch ein bißchen interessant machen, Banken und Journalisten zu erpressen, überall seinen persönlichen Vorteil ‚rauszuschlagen und nebenher seiner neugetrauten Dulcinea internationales Top-Flair zu bieten…

  2. Anrufe von Wichtigmännchen aus Politik und Wirtschaft bei den Wichtigmännchen in den Medienhäusern sind wohl normal.
    Wieso wird dieser Anruf jetzt veröffentlicht?

  3. @ Christian Benduhn:

    „Normal“? Daß der Bundespräsident himself bei der Bild-Zeitung anruft, halten Sie für „normal“?

    Und noch ein Sprüchlein auf dem AB hinterläßt – wie ein versetzter Liebhaber?

    „Normal“? Schwimmen Sie weiter.

  4. Ein Bundespräsident ruft nicht an, schon gar keine Mailbox, er lässt anrufen.

    Ein „Freund“ der eine Entschuldigung annimmt und sagt: „Damit ist die Sache für mich erledigt.“ um anschließend den Inhalt an andere Redaktionen durchzustechen, ist kein Freund, sondern ein charakterloser Schmierfink.

    Das allerdings ist keine Überraschung.

  5. Das war dümmer, als ich es heute selbst bei Wulff erwartet habe. Dennoch: Er soll nicht zurücktreten. Der soll zwei Amtszeiten den Grüßaugust geben, das wird teuer genug bei seiner Lebenserwartung…

    Was mir an der Affaire gut gefällt, dass selbst nicht netzaffine Menschen sehr schön aufgezeigt bekommen, wie Politik und die Bild funktioniert.

  6. aber die eigentliche Frage bleibt doch bei dem Anruf von Wulff noch zu klären, wieso hat diese Information und auf welchem Wege das Hause BILD verlassen? Ich habe da so meine eigenen Gedanken…

  7. Echt? Die Frage habe ich gar nicht. Der Anruf ist ja in der Konferenz besprochen worden, jeder bei BILD wusste es. Die Frage ist doch eher: Warum hat BILD die Geschichte nicht gleich gedruckt? Ein Bundespräsident, der auf Anrufbeantworter quatscht, hat ja keinen grundsätzlichen Anspruch, dass das geheim bleibt. Aber BILD sagt in der Mitteilung, sie hätten es wegen der Entschuldigung nicht gedruckt, und das klingt plausibel. Dass Journalisten sich solche Sachen aber weitererzählen ist nicht überraschend, im Gegenteil, alles andere wäre es.

  8. also, du hast in allen punkten recht, aber ich wunder moch trotzdem gerade über die allseitige verwunderung. es soll unüblich sein, das ein politiker bei einer grossen zeitung anruft und um einen deal bittet? es soll unüblich sein, das informationen zurückgehalten werden, um den gegenüber weiter in der hand zu halten? sorry, aber was da gerade passiert ist, ist ein kleiner, alberner zwischenfall, weil die bild sauer auf wulff war.

    politische „geheimnisse“ sind vermutlich in etwa so alt, wie die bundesrepublik. in bonn damals machte zum beispiel die geschichte die runde, das kohl was mit seiner sekretärin hatte, die journalisten aber – männer-ehrenkodexhalber – sich dazu verpflichtet haben darüber nichts zu bringen. zackbummpeng, kaum ist hannelore so tragisch gestorben, heiratet kohl wen?

    dieses kleine netz aus geheinnissen, leichten erpressungen oder hingeworfenen häppchen bestimmt den alltag der hauptstadtberichterstattung. ich will nicht wissen, was sich die journalisten am buffet der bpk erzählen. aber ich halte die tatsache an sich eher für ein offenes geheimnis. wullf wird nicht der erste politiker gewesen sein, der die bild anruft und mit sicherheit auch nicht der letzte. ihn hats halt nun mal nur erwischt. dumm gelaufen.

  9. @Nilz Ich finde, du hast mit allem, was du sagst recht, aber es passt nicht ganz auf diesen Fall. Kohls (wie aller anderen) Affären sind seine Privatsache, aber bei Wulff ging es zunächst im Kern darum, ob er den Niedersächsischen Landtag belogen hat (oder ausweichend geantwortet oder wie auch immer). In der Folge tauchte dann auch der Verdacht auf, er habe Privilegien missbraucht und gegen das Ministergesetz verstoßen. Wäre es hier um eine Affäre mit einer Frau gegangen hätte ich seinen Anruf verstehen können. Aber er versucht aktiv, eine offenbar korrekte Berichterstattung zu verhindern, die direkt seine Amtsführung zumindest als Ministerpräsident betrifft. Das ist IMHO ein anderer Fall als die, die du richtig schilderst.

  10. stimmt. aber angerufen wird aus allen gründen. egal welche art der affäre. nur sind die vermutlich schlau genug, nicht auf die mailbox zu quatschen (also, wobei da nicht „schlau genug“ gesagt werden müsste, sondern eher „nicht zu doof“ :))

  11. Das mit der Mailbox ist tatsächlich so unsagbar irre, dass ich mir die Erklärung dafür wahrscheinlich nicht einmal vorstellen will.

  12. Ich meine, Chistian Wulff hat das Ansehen des höchsten Amtes im Staate durch eine Taktik des Verschleierns und des fast schon dümmlich anmutenden Umgangs mit den Medien nachhaltig beschädigt.

    Obendrein fällt es ihm sichtlich schwer, zu wichtigen Themen Stellung zu beziehen und seine Amtszeit bis dato mit Inhalten, statt mit Schlagzeilen zu füllen. Die Frage ist doch: Wer glaubt diesem Menschen denn noch, wenn er sich beispielsweise zur Schuldenkrise und anderen Themen äussert? Ich jedenfalls nicht mehr.

    Und ein gewisses Maß an Authentizität muss man einfach von einem Bundespräsidenten erwartet dürfen. Zu Amt und Würden gehört es nämlich auch, sich eben wie ein Präsident zu benehmen und auch in der Zeit vor der „Stunde 0“, einen entsprechend ehrlichen Lebensstil gepflegt zu haben. An Benehmen und Erhlichkeit mangelte (und mangelt!) es Herrn Wulff bisher jedoch gewaltig.

  13. Ein FROHES NEUES JAHR! 😉

    Miki, Du machst einen Denkfehler:

    „Der Schritt von Wulff, Journalisten einen Deal anzubieten….“

    Die BILD ist keine Zeitung. Sie ist ein Propagandaorgan. Also wurde keinem Journalisten ein Deal angeboten, sondern einem „Kumpel“ genauso, wie der Kredit-Deal mit von einem anderen „Kumpel“ eingefädelt wurde. Das Gespräch auf der mailbox war privater Natur etc. etc……..

    Überall „Kumpel“ und Freunde, die sich ab und zu gegenseitig abschießen. Von Korruption keine Spur. Die findet ja bekanntlich nur in südlichen Gefilden statt. Tolles Schauspiel!! Was für eine Heuchelei! Ich lach mich tot!

    Ich bin dafür, dass eine gewisse Friede S. das Wulff in seinem Amt ablöst. Dann würde Ruhe und Ordnung in diesem Land einkehren. 😉

    Aber anderseits…..da die BILD ja vorgibt journalistisch tätig zu sein, sollte sie einmal herausfinden, mit welchem Geld sich der Aussenminister eine Villa im Wert von 1,9 Mio. Euro auf Malle (Son Vida!) leisten konnte. DAS wär mal eine Aufdeckung wert. Aber wetten, sie tut’s nicht?

  14. Kein Zufall, das Bild diese Geschichte insziniert und auch kaum, das Bild-TV, err, N24 heute den Bild-Freund Bobbele mit zu Wulff kritischer Meinung zitiert.

    Ungeachtet der Sache Wulff, Diekmann ist ein Arschloch.

  15. chrissi an kai: ich vergrab dein herz an der biegung des rubikon!

    was weißt du kleiner bubi schon
    vom krieg? hör auf zu stressen!
    ich schubs dich in den rubikon
    die fische wollen fressen

    und kuck mal deine trulla an:
    debil und über vierzig!
    dagegen meine: voll vulkan
    sie trägt nen rock? den kürz ich!

    ich spritz dein hemd mit säure voll
    dein samt ist dann beschädigt
    don’t fuck with me, du kleiner troll!
    für mich bist du erledigt

  16. Welch köstliche Vorstellung, dass der Bundespräsident jeden Tag den „Bild“-Chef für dessen Geschichten zusammenstaucht. Dann hätte er sich auch über all die albernen Schlagzeilen zu Heirat, Baby, Bundespräsidentengattinnentattoo usw. beschweren müssen – weil sie distanzlos waren oder so. Könnte man das nicht in den Pflichtenkatalog des Präsidenten aufnehmen? (Zu DDR-Zeiten hieß das „Muttiheft“) Beim ersten Versäumnis wird er seines Amtes enthoben, schließlich soll er Schaden vom deutschen Volk wenden.

  17. …und wer klagt die BILD-Zeitung wegen unwahrer-, menschenverachtender- und verleumderischen Berichten an?
    Niemand, denn alle dieser Leser(innen) stöbern in diesen nichtsnutzen Berichten, um auch noch die Unwahrheit für wahr zu halten.
    Wie stand Anfang der 80er Jahre in der BILD-Zeitung? AIDS die neue Krankheit. AIDS-Kranke sind Homosexuelle und Fixer. (einfach toll)

  18. Bericht von Linda, 3.1. 17.30h
    Ja Linda, da schreibst Du wie ich denke.
    -the more you have, the more you want-
    Ich denke wir beide können uns keine Villa auf Malle leisten, höchstens ein Urlaub im Hotel. Nach dem Urlaub bei Freunden, müssten wir dann den „Geldwerten Vorteil“beim Finanzamt melden und versteuern. Wahr aber lächerlich.

  19. von wem ist Herr Diekmann geschmiert? Warum veröffentlicht er nicht die anderen Anrufe, die er mir Sicherheit bekommt? Herr Diekmann treten Sie zurück, Sie sind für Deutschland nicht mehr tragbar.

  20. Zwei Wünsche: bitte nicht den selbstbesoffenen Wende-Trittbrettfahrer-Pfaffen und bitte, bitte nicht das ältlich-blondierte höhere Töchterchen aus Hannover!

    Dann lieber Wulff forever…

  21. „Der Schritt von Wulff, Journalisten einen Deal anzubieten (nämlich den, weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten, wenn sie eine Geschichte unterdrücken)“

    Und bist du dir dessen so sicher, dass es genau so war? Ich finde es immer gefährlich, sich nur auf eine Quelle zu stützen. Und wenn diese Quelle Kai Diekmann ist, wäre ich noch vorsichtiger.

  22. @theo: Der implizierte Deal ist hier ja, „wenn ihr dies und das macht gibt es Krieg – und nur wenn nicht, dann nicht“. Darauf beziehe ich mich hier, und das bestreitet der BP gar nicht.

  23. mikis,
    die Frage ist zunächst, ob er die Nummer unterdrücken wollte (und wenn ja: wie sah sie denn aus, diese Nummer?) oder ob er um Aufschiebung bat, um seine Sicht der Dinge besser übermitteln zu können.

    Unabhängig davon handelt es sich nicht zwingend um einen „Deal“, welcher illegitim gewesen wäre. Wir kennen weder Vorgeschichte noch Hintergründe, um das derzeit seriös beurteilen zu können. Und dass Politiker – wie viele andere Menschen auch – mit medialem Liebesentzug drohen, ist Alltag.

    Ich verstehe alle, die gerne Wulffs Rücktritt sehen würden. Geht mir nicht anders. Aber wir können nicht nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ journalistische Standards auf den Müll werfen.

    Mir wäre es lieber, ich würde statt des „Perpetuum mobile“ (Stefan Niggemeier) eine fundierte Recherche in den Gazetten lesen können. Es nervt, jeden Tag alle paar Stunden recycelte Geschichtchen präsentiert zu bekommen – gesteuert von Kai Diekmann und seinen Vasallen.

  24. Ich glaube nicht, dass eine auf den Anrufbeantworter der Bildzeitung gesprochene Drohung bzw. Beschimpfung unbedingt ans Licht der Öffentlichkeit gelanten muss.

    Falls sich Wulff nicht durch sehr viel grössere Fehler in höheren Kreisen unbeliebt gemacht hätte, wäre kein Wort darüber nach aussen gedrungen, schliesslich schützt man sich gegenseitig im Mitgliederkreis von Atlantik Brücke und ähnlichen Vereinen, die Diekmann wie Wulff durchlaufen haben.

    Die Pressekampagne gegen Wulff ist nichts anderes als eine Drohung, damit er nicht auf die Idee kommt, die Unterschrift unter den ESM-Vertrag zu verweigern.

    Und was die Würde des Amtes betrifft: Dieses Amt hat schon Knaller wie Lübke und Scheel ausgehalten, und einen Köhler, der – statt wirklich Zivilcourage zu zeigen und Frau Merkeln eine verfassungswidrige Unterschrift zu verweigern – lieber durch die Hintertür verschwindet, da kann selbst ein Wulff nichts mehr kaputtmachen.

    Norbert Bartl
    Herausgeber »Leben im Ausland«

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