Nummer Eins lebt

Eines der unwürdigsten Manöver der Massenmedien wird immer dann exerziert, wenn betretenes Schweigen in Worte zu fassen ist. Und der Fall eines Nationaltorhüters, der sich das Leben nimmt, bietet ganz offensichtlich die Gelegenheit, den Satz „Mir fehlen die Worte“ hundertfach in jede Ausgabe jeder Tageszeitung zu drucken. Robert Enke ist tot, und das geht mir näher als ich es jemals hätte vorstellen können. Aber natürlich gibt es darüber eine unglaubliche Menge zu sagen. Denn Robert Enke war offensichtlich einer von vier Millionen Deutschen, die an Depressionen leiden. Und es würde vielen Betroffenen helfen, wenn diese Krankheit, die jedes Jahr 12000 Deutsche in den Suizid treibt, endlich ihr Stigma und ihr Mysterium verlieren würde.

Ich habe heute etwa tausendmal bescheuerte Fußballfans gesehen, die in irgendeine Kamera die hirnlose Frage gestellt haben: „Warum nur?“ Und noch mehr Journalisten, die all diesen Scheiß abfragen und ihre dämlichen Geschichten so beenden: Zurück bleibt die Frage und so weiter blabla. Es kotzt mich an.

Wir wissen, warum. Es ist eine Krankheit. Man kann sie in den allermeisten Fällen behandeln, in fast jedem Fall kann man helfen und lindern, oder man muss wohl sagen: könnte – denn in der Realität sind Depressionen immer noch etwas, für das sich der Patient schämt – und sie sind trotz der riesigen Verbreitung so unbekannt, dass jeder zweite Fall vom Hausarzt nicht erkannt wird. Wir haben für die am weitesten verbreitete psychische Erkrankung in unserem Land einen unvorstellbaren Aufklärungsbedarf. Aber im Rahmen der real existierenden Medienwirklichkeit lesen wir stattdessen über die verdammte Schweinegrippe (die in meinen Augen nichts ist als eine Hysterie).

Ich bin dafür, das zu ändern. Deshalb fordere ich uns alle auf, unsere Energie von der Hysterie ein bisschen auf die Realität zu richten und uns mit einer Krankheit zu beschäftigen, an der so viele mitten zwischen uns bestialisch leiden, ohne dass sie sich trauen, darüber zu reden. Ich habe irgendwann damit angefangen, über meine Begegnung mit der Krankheit zu reden, und ich werde das weiter tun.

Wir sollten dafür eine Initiative starten und den DFB auffordern, das Trikot mit der Nummer Eins in der Zeit bis nach der WM in Südafrika – die wohl Robert Enkes Karrierehöhepunkt geworden wäre – nicht zu vergeben, sondern ihn auf diese Art symbolisch im Kader zu behalten und damit zu zeigen, dass an Depressionen Erkrankte in die Mitte unserer Gesellschaft gehören. Ich fände das ein gutes und starkes Zeichen.

Wenn ich ein entspannteres Verhältnis zum Beten hätte dann gälten meine Gebete heute Robert Enkes Familie und der Lokführerin oder dem Lokführer, die seine Verzweiflungstat zum Werkzeug seines Todes gemacht hat.

Aber so, wie es ist kann ich nur sagen: Es ist kein sonderlich guter Tag.

PS. In einer früheren Version dieses Textes stand an einer Stelle „Freitod“ anstelle von Suizid. Eine absurde Formulierung. Natürlich bringt sich ein schwer depressiver Mensch nicht freiwillig um. Danke an Jan für den Hinweis (in den Kommentaren).

PPS. Ich habe inzwischen eine Email mit meiner Bitte an den DFB geschickt und würde mich freuen, wenn viele von Euch das auch täten. Sie steht hier.

78 Antworten auf „Nummer Eins lebt“

  1. Schön geschrieben, und ich teile deine Meinung.
    Trotzdem noch was anderes: Die 12.000 Leute pro Jahr klingen für mich wie die Gesamtzahl aller Suizide. Oder sind das wirklich nur die Depressiven, die sich das Leben genommen haben?

  2. Du hast natürlich recht, allerdings sind meines Wissens Depressionen so überproportional Auslöser für Suizide, dass es an der endgültigen Zahl fast nichts ändert. Auf Wikipedia gehen sie von mindestens 90 Prozent an der Gesamtzahl aus, allerdings erkennt ein Autor bei den verbliebenen zehn Prozent etwas schwurbelig: „Trotzdem ist davon auszugehen, dass sowohl eine innere wie eine äußere Ursache für eine Depression besteht, d. h. ein für Depressionen anfälliger Patient wird durch seine Lebensumstände depressiv.“ D.h.: Es mag äußere Gründe für den Freitod gegeben haben, aber bis es zur Umsetzung kam, führen die erst einmal in die Depression. Ich glaube das auch. Meiner Meinung nach sind Typen wie Herr Möllemann, der offenbar recht rational und klar und ohne Anzeichen einer psychischen Erkrankung in den Tod gehen in unserer Kultur (zum Glück) sehr selten.

  3. @mikis: Nun könnte ich noch sagen, dass „Je nach Schätzungen“ natürlich so eine Sache ist, aber dann könntest du mich zu Recht einen nervigen Pedanten nennen. Danke für die Erklärung!

  4. Ich mag die Idee, die Nummer 1 vorerst nicht zu vergeben. Für die Freundschaftsspiele bis zur WM dürfte es kein Problem sein, bei der WM selbst hat auch die FIFA ein Wörtchen mitzureden, die normalerweise die Nummern 1 bis 23 vorschreibt.
    Der Fall Enke ist genauso tragisch wie jeder andre Fall dieser Art, doch im Gegensatz zu vielen andere Fällen steht dieser eben in der Öffentlichkeit und berührt viel mehr Menschen als manch anderes Einzelschicksal. Erst vor kurzem ist hier im Ort etwas Ähnliches geschehen, und die Erinnerung daran ist nun wieder etwas wach geworden.

  5. Danke für den Kommentar. Ehrlich gesagt: Ich würde ein bisschen auf den Widerstand der FIFA hoffen, damit der Fall ein kleines bisschen Wirbel auslöst und den DFB zu einem winzig kleinen bisschen Kampf zwingt, das einfach durchzuziehen. Eben wegen all der Fälle, die sonst einfach nicht beachtet werden.

  6. guter artikel zu einem schweren thema.

    was mich hier und in vielen anderen berichten jedoch irritiert ist der begriff „freitod“ für das symptom einer garnich freiwilligen erkrankung.
    depression ist keine verstimmung, sondern selbst unter behandlung eine lebensbedrohende krankheit. finde suizid oder selbsttötung deswegen passender.

  7. Da bin ich voll und ganz einverstanden. Ich wollte vor allem den Begriff Selbstmord umgehen, weil eine Selbsttötung im Regelfall eher keine Mordmerkmale erfüllt – in diesem Fall wohl sowieso nicht. Aberes stimmt: Natürlich hat sich Robert Enke nicht getötet, weil er es wollte. Sondern weil er nicht mehr anders konnte. Danke für den Hinweis.

  8. Stimme Dir vollkommen zu, allerdings ist die Sache eben ziemlich vertrackt. Ueber die eigenen Depressionen oeffentlich zu sprechen ist echt nicht einfach, fand ich zumindest. Das gilt auch und vor allem, wenn man nicht gerade Nationaltorwart ist.

    Ironischerweise ist ja ein offener Umgang mit der Krankheit schon ein guter Schritt in Richtung Besserung. Irgendwo dazwischen liegt also der schwarze Hund begraben. 😉

    Danke fuer den Post!

  9. guter Artikel. Wie hieß der Fußballer der vor kurzen ein Buch über seine Krankheit (Depression)geschrieben hat, hab nur ein Gespräch mit ihm gesehen, da hatte ich den Eindruck, dass die Verantwortlichen Arbeitgeber ihn ziemlich allein gelassen haben. Als Fußballer hat man stark kräftig und wie alle zu sein, in allen Bereichen. Krankheit oder sexuelle nicht normgerechte Orientierung sind nicht erwünscht. Schade, wäre ein optimales Gebiet Solidarität zu zeigen.

    Hab mit Fußball nix zu tun, Namen sind mir unbekannt, aber auch mir geht dies Nahe.

  10. Auch eine Krankheit ist Teil des Bewusstseins und somit Teil der Person und deren Handlungsraumes. Von einer Absicht ist hier also sehr wohl auszugehen und das wir alle von unserem Umfeld beeinflusst werden ist auch nichts neues. Deshalb finde ich „Freitod“ nicht falsch. Obwohl Bewusstsein und „Entscheidungsfreiheit“ ein philosophisches Thema für sich sind.

  11. Die 1 (vorerst) nicht mehr zu vergeben fände ich klasse, nur befürchte ich, dass der DFB da von selbst niemals drauf kommen würde.

    Wie wäre es mit einigen, ähm, unverbindlichen Mails an eben jenen Fußballverband?

  12. Wenn es dich so ankotzt, dass die Leute frage „Warum?“ warst du scheinbar noch nie von einem Verlust betroffen.

    Nebenbei hast du scheinbar keinerlei Ahnung von Seelsorge etc. Die Frage „Warum?“ ist extrem wichtig für den Trauernden.

    Nach einem Autounfall wird auch kein Mensch sagen, „Weil das Blech ihm den Kopf gebrochen hat“.

    Ich finde dein Anliegen durchaus richtig, aber deine Einleitung ist albern.

  13. Ich war auch an Depressionen erkrankt und bin dann auch irgendwann offen damit umgegangen. Da war ich aber schon ohne Job. Leider dürfte das für eine Person des öffentlichen Lebens sehr viel schwieriger sein, als für Otto N.
    Was ich bewegend fand, ist, dass selbst der große FC Barcelona ehrliche Betroffenheit gezeigt hat, obwohl Enke nur ein Jahr dort gespielt hat.
    Die Idee mit der Nr. 1 ist wirklich gut.

  14. So, wie es ist, ist das hier auch kein sonderlich guter Text.
    Schweinegrippe ist also eine“verdammte Hysterie“? Sag das mal den Eltern der Kinder, die daran gestorben sind. Und selbst wenn sich diese Epidemie als weniger lethal erweist als zunächst befürchtet, ist die Schweinegrippe als Testlauf für die nächste schwere weltweite Pandemie, die nach der Meinung aller ernstzunehmenden Spezialisten überfällig is, immer noch Gold wert. Alle, die jetzt sagen: „Panikmache, Medienhype!“, werden sich noch umgucken. Ich kenne Ärzte die vor nichts mehr Angst haben als vor einer Grippepandemie. Depression ist nicht ansteckend und man kann sie du selbst richtig sagst, behandeln. Also bitte nicht Äpfeln mit Birnen vergleichen.
    Außerdem ist es m.E. unzulässig, die Sprachlosigkeit angesichts eines Selbstmordes mit dem dämlichen, wohlfeilen „Warum nur?“ in einen Topf zu schmeißen.

  15. @journeyman Philosophisch hast du sicher recht, aber genau da liegt ein großes Problem: Da man die Krankheit Depression von außen nicht sehen und als nicht Betroffener kaum nachvollziehen kann, besteht oft der Eindruck, der Kranke wäre irgendwie selbst schuld – also freiwillig krank –, was sich dann in Hinweisen niederschlägt wie: „Sieh doch mal das Positive“ oder „Nimm dir das nicht so zu Herzen“. Ich höre seit gestern immer wieder erstaunte Stimmen, die nach der Pressekonferenz von Teresa Enke sagten: „Was, der hatte das schon BEVOR seine Tochter gestorben ist?“ Da schwingt mit: Dem ging es doch gut. Erfolgreicher Sportler, Millionär und so weiter. Aber das alles hat eben mit einer Depression oft gar nichts zu tun. Es ist eine Krankheit, die Psyche ist auch Teil des Körpers und er konnte sich eben nicht aussuchen, wie es ihm geht. Insofern ist er meiner Meinung nach auch nicht freiwillig gestorben.

    @anabell Der Fußballer heißt Sebastian Deisler und sein Buch „Zurück ins Leben“.

  16. @Gregor Vielen Dank für den Einwand, ich habe tatsächlich keine Ahnung von Seelsorge, aber ich finde auch, dass die trauernden Fußballfans in diesem Fall zwar gerne Seelsorge in Anspruch nehmen sollen, vor allem aber darum geht es bei der Frage hier nicht. Ich war schon von Verlust betroffen und habe mich gefragt: „Warum? Wie kann das sein?“ Die Frage hier aber lautet: „Warum hat er sich das Leben genommen?“ Und die können wir beantworten. Und weil wir es können, müssen wir auch. Die allgemeine Frage nach dem philosophischen Warum und nach der himmlischen Gerechtigkeit, die sich der Trauernde stellt, ist meiner Meinung nach vor allem einer Familie vorbehalten.

  17. @Hanne Genau das ist mein Einwand: Es sterben sehr viel mehr Menschen an Krankheiten, mit denen sich sehr viel weniger Zeitungen verkaufen lassen. Es ist eine verdammte Hysterie und ein verdammter Medienhype. Das Argument mit dem Testlauf mag richtig sein. Aber ich stehe für einen Testlauf mit einem schlecht getesteten Impfpräparat nicht zur Verfügung. Und ich weiß nicht, wie viele Menschen es täten, wenn man das ganze Testlauf nennen würde.

  18. Kann man bitte jedes Nachrichtenportal Deutschlands zwingen, Deinen Text zu veröffentlichen oder zumindest zu verlinken? Es ist der mediale Umgang mit dieser Geschichte, der mich ähnlich fassungslos macht wie die Nachricht an sich.

    Eine der bezeichnendsten Szenen dieser Tage trug sich gestern in einem ganz und gar unwürdigen „ZDF Spezial“ zu: Da unterhielt sich also der Moderator Poschmann mit dem DFB-Generalsekretär Niersbach. Und der sagt irgendwann: „Die Spieler haben geweint, da muss sich auch keiner seiner Tränen schämen.“ Was übersetzt heißt: Also, normalerweise wird in der Nationalmannschaft natürlich nicht geheult, und wenn doch, dann hat sich der betreffende Spieler in die Ecke zu stellen. Aber in einer solchen Situation ist ein bisschen Weinen natürlich völlig in Ordnung. Herr Poschmann, wollen Sie auch mal?

    So lange wir ganz grundsätzlich davon ausgehen, dass Trauer zu zeigen nur in besonderen Ausnahmefällen erlaubt ist, so lange werden Menschen glauben, dass sie eine Depression verstecken müssen. Ich habe Robert Enke vor ein paar Jahren getroffen, für einen Kaffee mit seiner Tochter und seiner Frau. Das war ein tolles Gespräch, tief beeindruckt bin ich nach Hause gefahren.

    Dass er sich jetzt in einer so ausweglosen Situation gewähnt hat, sagt wenig über ihn aus, weil wir alle keine Ahnung davon haben, was in ihm vorging, aber viel über unsere Gesellschaft. Herr Niersbach, ich muss mich dieses Eintrags jetzt nicht schämen, oder?

  19. Ich habe heute gelesen, dass Hannover 96 die 1 nicht/nie mehr vergeben will. Das finde ich mal ne echt tolle Aktion. Allerdings ist zu befürchten, dass in den Hintergrund gerät, warum sich Enke getötet hat.
    @anabell: meinst Du Sebastian Deisler? Der wurde aber wie ich finde von seinem letzten Arbeitgeber (FC Bayern) recht gut unterstützt und sein hochdotierter Vertrag trotz Kenntnis der Erkrankung und vielen Ausfallzeiten relativ problemlos verlängert.

    Toll finde ich übrigens, dass dieser Artikel einer der ganz wenigen ist, in dem auch dem/der Zugführer/in Mitgefühl ausgesprochen wird. Das sollte auch den Weg in die großen Mainstream-Publikationen finden, da er/sie jetzt bestimmt nen mächtigen Knacks weg hat ohne auch nur das geringste dafür zu können.

  20. Es steht dir ja völlig frei, dich nicht impfen zu lassen, meines Wissens gibt es keine Impfpflicht. Die Tatsache, dass in so kurzer Zeit ein Impfstoff entwickelt wurde, ist eine medizinische Leistung, die gar nicht hoch genug bewertet werden kann. Das raffen aber die meisten Leute, die den Vorgang – positiv oder negativ – kommentieren, absolut nicht, weil sie keine Ahnung davon haben. Stell dir mal vor, die entsprechenden Behörden hätten gesagt: Ach, lass uns mal abwarten, das wird schon alles nicht so schlimm werden & dann wäre das große Sterben losgegangen. Was hätte das für ein Krakeele gegeben ! Die Tatsache, dass momentan mehr über Schweinegrippe als über z.B. HIV oder Herzkranzgefäßverengung in der Zeitung steht, macht die potenzielle Gefahr, die von einem frisch mutierten Grippevirus ausgeht, nicht geringer. Dem sind Medienberichte nämlich scheißegal. Was mich so konsterniert, ist die Tatsache, dass der Versuch der WHO, eine mögliche Pandemie einzudämmen, als Reaktion vor allem Medienschelte auslöst – das ist aus meiner Sicht komplett bizarr.

  21. Gut, dass Du den Zusatz noch geschrieben hast, das wäre auch mein einziger Kritikpunkt gewesen. Ich wollte erst keinen Text bei mir verfassen, hab mich dann nur für
    „Manche Entscheidung treffen wir nicht selber, unsere Seele ist so zerstört und irgendwann kann man nicht mehr aufstehen, nicht immer und immer wieder…“
    entschieden, denn freiwillig war das Vorgehen sicher nicht.

  22. @Hanne Leider steht der ganze Text nicht frei zugänglich online, aber hier ein Satz aus einem grandiosen Text im „New Yorker“ über die Entstehung von Pandemie-Geschichten in den populären Medien:

    Very few Americans suffered from the actual disease. A lot more of them experienced panic, confusion, and a consistently shifting narrative pushed by the press that first understated, then overstated, the threat. Lepore writes, “As the story grew, it took on certain familiar—and as it turned out, durable—features, features that borrow as much from pulp fiction as from public health: super scientists fight super bugs in race to defeat foreign menace invading American homes.”

    Read more: http://www.newyorker.com/online/blogs/newsdesk/2009/05/primary-sources-polly-panic.html#ixzz0WdiFQ7Sp

    Es erinnert schon deutlich an heute. Und Anlass zur Medienschelte gibt es in diesem Zusammenhang genug, denn Panik hilft uns in keinem Fall – und wird es auch nicht, wenn tatsächlich mal eine gefährliche Pandemie kommen sollte.

  23. Die ersten intelligenten Sätze zum Suizid von Robert Enke.
    Die Anregung, die „1“ wenigstens bis Sommer 2010 nicht zu vergeben, hat großen Charme. Hoffe, daß DFB- ZK sieht es auch so.
    Warum hat mich sein Tod eigentlich so geplättet? Ich stehe etwas ratlos vor meinen Emotionen.

  24. @mikis
    Ich versteh schon was sie meinen. Aber jemandem das Trauern vorbehalten zu wollen ist verfehlt. Man mag es dumm finden, wenn Menschen sich so an einen Fußballspieler binden.
    Mann kann die ja alle für „bescheuerte Fußballfans“ halten.
    Aber ihnen deswegen absprechen zu trauern und eben diese tief bewegende Frage nach dem „Warum“ zu stellen zeigt eigentlich nur Ignoranz. An den Kameras sind die Fans nunmal auch nicht Schuld.

    Ich glaube du hast in deinem Text einfach zwei Sachen vermischt. Nämlich auf der einen Seite die Frage nach dem „Warum“ etwa im Sinne der Theodize als Ausdruck der Trauer.

    Und auf der anderen Seite, die wirklich alberne Tatsache, dass Günther Jauch bei SternTV erstaunt feststellt, dass es Depressiven wirklich nicht so toll geht.

  25. @ Gregor Danke, der Hinweis ist richtig und wichtig. Ich will niemandem das Trauern verleiden. Ich trauere ja selbst mehr, als es vernünftig wäre angesichts der Tatsache, dass ich Robert Enke, wann immer ich ihn in Persona gesehen habe, nur verflucht habe (er stand im gegnerischen Tor und sehr effektiv fast immer im Weg).

  26. Der Erste, der öffentlich auch mal an denjenigen denkt, der im Führerstand der Lok saß – und nun damit fertig werden muss, einen Menschen getötet zu haben.

  27. Hi all,
    das Geheule über den Enke kann ich einfach nicht verstehen.
    Für mich ist er der grösste Idiot des 21 Jh. Er hat alles gehabt, er ist in Deutschland aufgewachsen, hatte ne schöne Frau, nen schönen Job, er konnte den ganzen Tag Fussball spielen, das Jubeln der Massen, Geld wie Heu.
    In Rumänien stehen an den Bahnschienen viele schwarze Kreuze. Das hat den Vorteil das wenn jemand im Zug fährt und Depressionen hat kommt er gleich auf die richtige Idee (sorry, das war ein Witz).

    Ich kann jeden Selbstmörder in Rumänien verstehen, aber die wären heilfroh gewesen, wenn sie nur halb soviel Glück im Leben gehabt hätten wie dieser Tropf.

    Der grösste Idiot des 20 Jh. war übrigens Adolf Hitler, aber der hatte wenigstens einen brauchbaren Grund (der Russe kommt). Aber welchen Grund hatte der Enke?
    Ich komm mir vor wie bei den Leiden des jungen Wehrter. Das ist übrigens ein grauenhaftes Buch. Das nehme ich Goethe heute noch übel.

    Holger Rösler

  28. @ Holger Rösler Ich glaube, ich brauche gar nicht sagen, wie falsch das ist, was Sie sagen. Aber für alle, die tatsächlich noch etwas über das Leben lernen wollen, müsste die Botschaft eigentlich klar sein: Wenn selbst ein erfolgreicher und vom Schicksal bis dahin (die Krankheit begann ja offenbar spätestens 2003) vom Schicksal eher begünstigter Mensch depressiv werden kann, dann kann es jeden treffen. Und so ist es: Es ist eine Krankheit. Keine Stimmung.

  29. Ein wirklich guter Text von dem ich hoffen würde das die Berichterstattung in den Älteren Medien würden ihn aufnehmen. Niemand der nicht selber diese Krankheit hatte kann kann nachempfinden was Robert Enke durchgemacht hat. Noch weniger kann man das als selbst betroffener anderen Erklären, weil es Schutzmechanismen aussetzt die bei uns Menschen im unterbewustsein angelegt sind.

    Mann kann das nur akzeptieren und versuchen darauf hinzuwriken das jedem bewust wird das er kein schlechter mensch ist weil er diese Krankheit hat. Dafür muß man das Umfeld sensiblilisieren das es erkennen kann was da abgeht und die Person dann nicht schneiden sondern immer das Gespräch anbieten. Das wird nicht ausreichen aber es ist wichtig zu sehne das es auch in einer solchen Situation menschen gibt die einen so annehmen wie man ist.

    Robert Enke hat ja laut Aussagen seinees Artzes und seiner Frau aus genau diesem Grund auf eine Behandlung in einem Krankenhaus verzichtet weil er Unverständnis und Häme erwartet hat, wenn das publik würde, wo Mitgefühl und Bewunderung angebracht gewesen wäre. Aber so ist das scheinbar in unserer Gesellschaft, wer Schwäche zeigt bekommt Härte zu spüren. leistung Leistung über alles … so sollte unsere nationalhymne anfangen …

  30. Ihr Engagement in Ehren, aber die Idee ist, wie ich finde, nicht fair. Die Nummer 1 ist eine prestigeträchtige Nummer, an die sich die Torhüter, die sie zu besonderen Anlässen wie einer WM getragen haben, noch Jahrzehnte später gerne erinnern und ihren Kindern und Enkeln davon erzählen. Diese Chance darf nicht durch symbolgeschwängerten Aktionismus zerstört werden. Robert Enke hätte sicher gewollt, dass jemand seine Nr.1 übernimmt und damit die deutsche Mannschaft nächstes Jahr zum Sieg führt.

    Für Anteilnahme und Gedenken, aber gegen blödsinnigen Symbolismus.

  31. @bbecks Vielen Dank für den Gedanken. Ich fürchte nur, der deutsche Torwart bei der WM in Südafrika wird ohnehin damit leben müssen, dass er vielleicht nicht im Tor stehen würde, wenn Enke noch leben würde – so unfair der Gedanke auch ist. Und ich glaube, an die deutsche „Nummer 24“ wird man sich dann erst recht erinnern.

  32. Dann schwebt ja ein grauenhaftes Schwert über uns allen. Ohgott, das ist mir jetzt erst aufgefallen.
    Wir leben in einer Welt die keine Todeskultur hat. Wir Europäer leben in einer All Inclusive Gesellschaft. Der Tod findet in Afghanistan oder auf der Autobahn statt. Oder im Fernsehen (Rambo) oder im Internet (Call of Duty 2, Deutscher Bund.
    Der Tot hat sich in eine virtuelle Angelegenheit verwandelt.
    Wenn ein Michael Jackson oder ein Enke stirbt dann blässt sich die Informationsindustrie auf und kaschiert ihre sinnleere durch eine Inflation von Gefühlsausbrüchen. Und um so länger das Thema in den Medien ist um so lächerlicher wird es. (würg, sorry)
    Und der Kerl ist erst vor kurzem gestorben. Das heisst für mich, das ich die nächsten Tage kein Fernsehen kann, ausser Al Bundy und die Simpsons.

    Was das mit den Depressionen angeht; ich hasse meinen Job (das geht vielen so) , ich darf meine Kinder, die ich über alles liebe, nicht sehen. Der Verfassungsschutz hält mich für einen Terroristen und die Psychologen haben mich mit paranoid-halluzinatorische Schizophrenie eingestuft. Und sie halten mich für Selbstmordgefährdet. Ich bin sozusagen ein heisser Kanidat für so was.
    Und trotzdem lebe ich.
    Ich habe es warm, ich kann meine Computerspiele spielen. Die Simpsons sind für mich eine grosse Inspiration (nicht so wie dieser Wehrter) und es gibt sogar den einen oder anderen Menschen der mich mag.
    Allein wegen dieser Menschen und den Simpsons lohnt es sich für mich zu leben. Ich gehe davon aus dass sie auf mich stinksauer wären wenn ich meinen bösen Geistern folgen würde.

    Das Problem ist nicht der Tod sondern wenn man irgendwann auf sein Leben zurückschauen muss und erkennt das man in seinem Leben nur Scheisse gebaut hat. Aber über die Frage bin ich mir bei mir selbst wirklich noch nicht im klaren.
    Schönen Tag noch.

  33. ich finde es traurig das sich die menschen nicht getrauen zu ihrer krankheit zu stehen..alleine wegen der angst wie andere darauf reagieren könnten..es sollten sich mal alle diejenigen die jetzt so fassungslos machen nicht auch durch ihr verhalten zu dem freitod beigetragen haben..den anspruch das jemand dauernd 100 % bringt egal wie es ihm psychisch oder physisch geht..es sind immer noch menschen und keine maschienen…und selbst maschinen funktionieren nicht immer wie sie sie sollen..also sollte man einem menschen das erst recht zugestehen ..nähmlich auch einmal nicht wie eine maschine zu funktionieren..

  34. Und Fussballer sind Männer die, solange sie nicht im Ruhestand sind es vermeiden erwachsen zu werden. Das heisst das sie emotional in einem Alter von 16 feststecken. Die meissten Fussballer sind, sorry, lächerliche Gestalten mit viel Geld. Und ihr Umfeld ist auch nicht besser. Ich habe den Verdacht das das erste Fussballspiel nach einer Schlacht war und der erste Fussball der Kopf eines Gegners war. Vor allem die Hooligans haben mich auf die Idee gebracht.
    Übrigens, wenn es zu Gewalt im Stadion kommt dann sollten sie mal Mozarts Jupitersymphonie spielen. Pipes of Peace von Mc Cartney sollte bei Briten helfen, Ofra Haza im Nahen Osten. A thousend miles in Amerika.
    Jedenfalls was beruhigendes.
    Aber wenn nix hilft Mozart.

  35. @Holger Rösler Und ich habe den Eindruck, Sie denken, das hier wäre ein Diskussionsforum. Dabei ist es nur mein Blog.

  36. Na ja, keine Ahnung, reale Probleme interessieren keine Sau, solange die Sau lebt. Und wenn sie tot ist ist es noch schlimmer.
    Diese Welt ist wirklich eine Illusion

  37. Lieber mikis. Ich finde Ihren Text bemerkenswert. Die Reaktionen zeigen doch, wie sehr wir noch in Vorurteilen gegenüber Depressiven gefangen sind.

    Darüber zu diskutieren ist gar nicht leicht. Ist unser Leben selbstbestimmt, und sind wir damit verantwortlich für unser Wohlergehen, oder sind wir „nur“ ein Produkt unserer Körpersäfte? Sind es immer Schicksalsschläge, die uns aus der Bahn werfen, oder sind wir selber „schuld“? Können wir vermeiden, krank zu werden? Im Kreise dieser Fragen hat jeder so seine eigene Weltsicht.

    Ich neige zu einer eher rationalen Sicht und zu sehr viel Bescheidenheit, was unsere Selbstbestimmung angeht. Ich würde es jedenfalls begrüßen, wenn mir im Falle einer solchen Krankheit auf einer rationalen Basis geholfen würde, notfalls auch mit Medikamenten.

    Vielen Dank jedenfalls für den bedenkenswerten Text.

  38. Zitat: PS. In einer früheren Version dieses Textes stand an einer Stelle “Freitod” anstelle von Suizid. Eine absurde Formulierung. Natürlich bringt sich ein schwer depressiver Mensch nicht freiwillig um. Danke an Jan für den Hinweis

    Hurrah, wir kapitulieren vor dem Gutmenschentum und der Sprachpolizei!

  39. Die Aktion finde ich vom Gedanken her gut, aber die Aussicht auf Erfolg ist so gering, dass ich verstehe, wenn der DFB es erst gar nicht versucht.

    Grund: Es gibt eine FIFA-Pflicht die Spieler von 1-23 durchzunummerieren. Ich kann mich noch an die Situation erinnern (leider ohne belastbare Detailinfos) , dass ein asiatisches Land (Japan, China, Südkorea?) bei einer WM eine bestimmte Zahl (4 oder 6 meine ich) auslassen wollte, da diese dem einheimischen Zeichen für „Tod“ sehr ähnelt und deshalb als „Unglückszahl“ gilt. Wurde von der FIFA aber abgelehnt, da grundsätzlich jedes Team mit den Nummern 1-23 aufzulaufen hätte und es da keine Ausnahmen gäbe.

    Da dies schon ein paar Jahre zurückliegt und die Umstände jetzt ja auch besondere sind, könnte der DFB natürlich einen entsprechenden Antrag stellen, aber alles weitere steht natürlich in den Sternen. Und grundsätzlich kann man schon annehmen, dass dies ohnehin eine Überlegung des DFB wird, da man ja auch keinen Torwart mit „Enkes Zahl“ nach Südkorea schicken will. Einen symbolischen Versuch könnte es also ohnehin geben.

    Die Forderung, bereits jetzt eine Art Kampagne beim DFB zu starten, finde ich – zumindest zum jetztigen Zeitpunkt – deplatziert. Für solche Gedanken hat der DFB noch den ein oder anderen Monat Zeit.

  40. Seit wann sind Menschen gut? In dieser Welt ist einer der Teufel des anderen. Das ist das was ich aus dem Fernsehen lerne.

  41. In eigener Sache: Ich habe volles Verständnis für ein gewisses Unverständnis gegenüber den Kommentaren von Holger Rösler, aber ich werde trotzdem Kommentare löschen oder nicht freischalten, in denen er unsachlich beleidigt wird.

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