Journalisten-Bullshit-Bingo. Heute: Transparency International

3. Dezember 2013

Heute veröffentlicht die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International ihren Jahresbericht, und man kann unbesorgt Wetten darüber abschließen, dass Griechenland dabei einmal mehr als „das korrupteste Land der EU“ bezeichnet werden wird.

Der Spaß dabei ist, darauf zu achten, wer denn das Thema des Jahresberichtes einigermaßen realitätsgetreu wiedergeben kann. Denn TI ist naturgemäß nicht in der Lage, echte Korruption zu messen (die meisten korrupten Menschen geben das in Befragungen nicht zu, oder, wie TI selbst schreibt: „There is no meaningful way to assess absolute levels of corruption“) und befragt stattdessen letztlich alle möglichen Menschen und Gruppen, welches Land sie für besonders korrupt halten. Dadurch schneiden Länder, deren Korruption besonders im Fokus der Berichterstattung steht, quasi automatisch schlechter ab.

Entsprechend heißt der Bericht von TI auch „Corruption Perceptions Index“, also „Korruptionswahrnehmungsbericht“ und sagt aus, welche Länder für besonders korrupt gehalten werden, nicht ob sie es sind (natürlich gibt es da Korrelationen, aber es ist trotzdem ein Unterschied).

So, und jetzt mal abwarten, welcher Journalist die Unterscheidung in seiner Berichterstattung hinkriegt.

PS. Doppelt lustig: SpOn nennt das Thema zumindest einmal richtig den „vermuteten Grad der Korruption“, behandelt den Inhalt dann aber einfach als Fakten anstatt Vermutung.

PPS. Okay, die Rhein-Zeitung macht alles richtig: Sie zitiert korrekt UND schmeichelt mir!

14 Kommentare

Es hat bei SPON nicht lange gedauert. Die Schlagzeile jetzt lautet: „Korruption in Krisenland Spanien nimmt drastisch zu“. Es ist wirklich traurig.
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/korruption-spanien-stuerzt-in-transparency-international-index-ab-a-936877.html

by Sascha Müller-Jänsch on 3. Dezember 2013 at 10:07. #

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/transparency-korruptionsindex102.html

Tagesschau – hit and a miss…

Hier heißt das Ding im Artikel dann auch nur noch TI-Index, was dessen Bedeutung dann vollends verschleiert.

by Ruben Grimm on 3. Dezember 2013 at 12:28. #

Also mal ernsthaft, wie will man denn Korruption objektiv erfassen, wenn die meisten Gespräche und Handschläge hinter verschlossenen Türen stattfinden? Natürlich kann man da nur schätzen, mutmaßen und muss notgedrungen von den bislang bekannten Fällen hochrechnen. Finde ich persönlich wesentlich besser als das Thema ganz unter den Tisch zu kehren.
Dass der Korruptionswahrnehmungs-Index kein Korruptions-Index ist, sollte man als Journalist natürlich zumindest im Artikel richtigstellen (als Teaser finde ich das vertretbar – wer würde denn bei „Griechenland *glaubt* eine Korruptionsquote von 60% zu haben“ nicht gähnen?).
Im Zuge dessen sollten Sie aber auch erwähnen, wie beispielsweise der Ifo-Geschäftsklima-Index zustande kommt. Nämlich genauso. Das Institut befragt Unternehmen, wie sie ihre aktuelle Lage und wie sie die Zukunft ihres Unternehmens einschätzen. Das Ifo-Institut rät also nicht mal selber – es lässt raten.
Wieso sollten wir dem CPI des TI 😉 also weniger Bedeutung beimessen?

by Andreas Herberg on 3. Dezember 2013 at 12:51. #

Genau das ist der Unterschied: Geschäftsklima ist gefühlt, Korruptionswahrnehmung auch. Beides kann sehr wichtig sein, beides kann mit den tatsächlichen Geschäften und der tatsächlichen Korruption übereinstimmen, muss es aber nicht – und deswegen sollte man es als das benennen, was es ist. Aus dem einen einen Geschäftsbericht zu machen ist genauso falsch wie aus dem anderen einen Korruptionsindex. Mein Thema ist, dass Journalisten es offensichtlich nicht können (und die Leser deshalb gar keine Chance dazu haben).

by mikis on 3. Dezember 2013 at 13:32. #

Warum regt sich alles über Spanien, Griechenland, Portugal und andere. Wir leben selber in einem Land, das mit ganz an der Spitze, der korrupten Länder ist. Wer das nicht sehen kann, der will es auch nicht sehen. Ich habe die ganzen Skandale der letzten 40 Jahre gesammelt, nicht ein Politiker ist wirklich dafür in Verantwortung genommen worden. Fangt lieber mal an über Deutschland zu reden. Das was Deutschland aus eigenen Interessen, den anderen Europäern an tut, geht für mich bereits ins kriminelle. Stürzt 100 Millionen Menschen, in die Armut und in die Erwerbslosigkeit. Das auch Deutschland nur noch 30 % wohlhabende hat, haben unsere Regierungen zu verantworten! Jetzt ziehen sie dieses, auch in Rest – Europa durch. Die Deutschen werden schon 40 Jahre über den Nuckel gezogen. Sind hier in Deutschland wirklich so wenige, die dieses System durchblicken? Ich fasse es echt nicht. Die Deutschen wachen erst auf, wenn sie selber die Betroffenen sind. Kümmert euch um die Probleme, die in unserem Land bestehen. Da hat ihr schon ein Leben lang zu tun. Ich kündige auch hier die Gründung einer neuen Partei an.

by Peter Halvensleben on 3. Dezember 2013 at 14:49. #

Da wir nur noch finanzradikale Parteien haben. Ihr merkt es noch nicht einmal, wenn ihr immer weniger Geld in der Geldbörse habt. Die erzählen euch, das es so sein muss und ihr sagt, ist ok. Seht seelenruhig zu, dass die Gesellschaftsschichten, die schon am meisten haben, ganz gleich, ob die Wirtschaft brummt, oder ob die Wirtschaft am Boden liegt, noch am meisten dazu verdienen. Ihr begreift noch nicht einmal, dass es euere Gelder sind, die, die Reichen mehr haben. Um das gleich vorwegzunehmen, man muss kein Kommunist sein, um das zu sehen. Man muss nur mal seinen Kopf anstrengen. Die Bürger, die dieses System laufen lassen, sind für die Korruption mit verantwortlich, weil ihr sie stützt, mit eurer Stimme. Sie können es nur mit eurer Unterstützung. Ihr lasst euch erzählen, die Arbeitslosen und die Sozialleistungen sind dafür verantwortlich, die Reichen lachen sich tot, über soviel Dummheit. Hauptsache sie kassieren immer ab. Mich stört sowieso, dass die meisten nur zwischen Rot und Schwarz unterscheiden können, als wenn es dazwischen nichts mehr gibt. Wir haben keine Demokratie in Deutschland.

by Peter Halvensleben on 3. Dezember 2013 at 14:50. #

Wir haben ein Räuberkapitalismus, in dem selber unsere Verfassung, der Gier vieler Deutscher zum Opfer fällt. Jeder beklaut den Anderen, hauptsache ich. Arbeitslosigkeit ist politisch gewollt. Das ganze System ist marode, ich prognostiziere, dass, innerhalb von 15 Jahren dieses System zusammenbricht. Die USA können bereits mit fast 500 Billionen schulden, die Tage zählen. Das können die gar nicht mehr abzahlen, niemals!Wir gehen mit unter, weil wir so blöd waren uns die Verhältnisse der USA, in Deutschland hineinkopieren. Wir leben in einer Welt, in der die Gier so groß ist, dass es zügellos laufen muss und es zu einem Crash kommt. Keiner gönnt dem anderen was, bis seine Wirtschaft selber zerbricht und er die Auswüchse kennenlernt, die die Meisten nicht sehen wollen.

by Peter Halvensleben on 3. Dezember 2013 at 14:51. #

1) Du hast natürlich Recht, dass der Corruption Perceptions Index nur die Wahrnehmung misst. Insofern hast Du Deinen Hauptpunkt, ganz unbestritten.

2) Daraus folgt auch, dass Journalist_innen darauf hinweisen müssten. (Aber, ach, Journalist_innen und Studien. Ich könnte stundenlang fluchenweinenseufzen).

3) Du hast auch Recht, dass es einen Bias bei der Bewertung von X geben kann (und vermutlich auch gibt), wenn viel über Korruption in X berichtet wird.

Aber so, wie Du es oben geschildert hast, klingt es noch viel verzerrender und problematischer, als es ist:

“ [TI] befragt stattdessen letztlich alle möglichen Menschen und Gruppen, welches Land sie für besonders korrupt halten. Dadurch schneiden Länder, deren Korruption besonders im Fokus der Berichterstattung steht, quasi automatisch schlechter ab.“

Das ist in dieser Form falsch (oder jedenfalls irreführend).
TI befragt[1] nicht irgendwelche Menschen, welches Land sie für besonders korrupt halten.
TI befragt[1] irgendwelche Menschen, für wie korrupt sie ein bestimmtes Land halten, für das sie aus verschiedenen Grünen als Expert_innen gelten.[2]

(Was wiederum in der Politikwissenschaft aus verschiedenen Gründen eine ziemlich verbreitete und meistens auch ganz vernünftige Methode ist, die (je nach Ausgestaltung) dann auch ganz taugliche Ergebnisse liefert.)

Das ist ein ziemlich gravierender Unterschied, weil da viel mehr Landeskenntnis vorausgesetzt wird und dann zu vermutende verzerrende Effekte der Berichterstattung weitaus weniger stark durchschlagen sollten.

Soll heißen: Der Index ist als Proxy für aus anderen Gründen nicht mögliche Korruptionsmessung wahrscheinlich schon ganz tauglich.

[1] korrekt: nutzt Daten von Organisationen, die das tun.
[2 ]zugegeben, es gibt wohl einige Indizes, die über Länder hinweg befragen, aber die europäischen Staaten sind in mehreren anderen Indizes enthalten, die mit Länderexptert_innen arbeiten.

by Jonas Schaible on 3. Dezember 2013 at 16:08. #

Ja, es ist extrem verkürzt. Aber es ist leider richtig. Wenn meine saloppe Formulierung dazu führt, dass es klingt, als wollte ich TI oder ihr System kritisieren: gar nicht! Es ist auch aus meiner Sicht ein unter den Umständen guter und gangbarer Weg, genau das zu zeigen, was sie auch sagen, dass sie es zeigen. Aber die Qualität von Befragten, Fragen und allgemeinen Daten zwischen den Ländern ist allein schon extrem unterschiedlich, es sind am Ende „alle möglichen Menschen und Gruppen“. Aber wie gesagt, ich ziehe die Ergebnisse in Bezug auf das von TI behauptete überhaupt nicht in Zweifel. Es ist bestimmt die beste Evaluation der Wahrnehmung von Korruption.

by mikis on 3. Dezember 2013 at 16:22. #

In der Tat gibt es schon bei den Indizes, die ich kenne, teils massive Probleme, weil die Indikatoren und Bewertungen nicht ordentlich spezifiziert sind; deswegen “ je nach Ausgestaltung“.

Ich wollte nur einhaken, damit nicht der Eindruck entsteht, da würden jeweils ein und dieselben Personen und Gruppen zur Korruption in Griechenland und Deutschland und Spanien und Togo befragt – da käme nämlich riesiger Murks raus, der total von Berichterstattung abhängt.

by Jonas Schaible on 3. Dezember 2013 at 16:27. #

Das ist allerdings total richtig.

by mikis on 3. Dezember 2013 at 16:28. #

Der CPI ist halt auch nur ein Bullshitometer wie der Ifo-Geschäftsklimaindex. Da befragen die Kaffeesatzleser die Glaskugelbesitzer und nennen das dann eine seriöse Größe. Das ist, als würde man den Wohlstand einer Gesellschaft an Länge und Intensität Bremsspuren in den Unterhosen von 1000 Befragten messen…

Aber Chapeau an die Rhein-Zeitung, dass sie den Sachverhalt nicht nur erkannt, sondern auch die Kritik daran richtig wiedergegeben haben. Sowas ist selten.
Bloß schade, dass der Bildblog keine Auszeichnungen vergibt. Das wäre einen Sonderpreis wert gewesen.

by JJ Preston on 3. Dezember 2013 at 16:53. #

[…] Journalisten-Bullshit-Bingo. Heute: Transparency International Heute veröffentlicht die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International ihren Jahresbericht, und man kann unbesorgt Wetten darüber abschließen, dass Griechenland dabei einmal mehr als “das korrupteste Land der EU” bezeichnet werden wird. Der Spaß dabei ist, darauf zu achten, wer denn das Thema des Jahresberichtes einigermaßen realitätsgetreu wiedergeben kann. Denn TI ist naturgemäß nicht in der Lage, echte Korruption zu messen (die meisten korrupten Menschen geben das in Befragungen nicht zu, oder, wie TI selbst schreibt: “There is no meaningful way to assess absolute levels of corruption”) und befragt stattdessen letztlich alle möglichen Menschen und Gruppen, welches Land sie für besonders korrupt halten. Dadurch schneiden Länder, deren Korruption besonders im Fokus der Berichterstattung steht, quasi automatisch schlechter ab. Quelle: Michael Pantelouris […]

by Hinweise des Tages II | NachDenkSeiten – Die kritische Website on 6. Dezember 2013 at 16:30. #

published our five questions, when you were being interviewed by Katrin. and today I have the honor of presenting me own blog, Sir! Yes, sir! I do! write. Endlich komme ich dazu. Herrliche Sache. Bin noch nicht bei nativem Olivenöl angelangt. Ein Glöck!

by Magister Frau Katrin Keßler on 6. Juni 2014 at 14:41. #

Leave your comment

Required.

Required. Not published.

If you have one.



%d Bloggern gefällt das: