Journalitsen sind Hedlen!

Unsere neue, vom – wenn man der BILD-Zeitung folgt – ehemaligen Bundesverteidigungs-Messias Karl-Theodor zu Guttenberg offenbar brillant eingestielte Bundeswehr, hat vor einiger Zeit in einer großen Kampagne exklusiv in BILD, BamS und auf bild.de um Nachwuchs geworben. Das hat dem Springer Verlag zwar angeblich 600.000 Euro eingebracht, aber auch eine neue Herausforderung: Schließlich sucht das Haus selber auch Nachwuchs, nämlich Bewerber für die hauseigene „Modernste deutsche Journalistenschule“, die Axel-Springer-Akademie. Neben den spannenden Jobs bei der Bundeswehr sahen die Anzeigen aber möglicherweise doch zu lahm aus – schließlich sind Journalisten nicht nur unbeliebt, sie sitzen in Wahrheit ja auch noch den ganzen Tag an Schreibtischen herum und sind, wenn sie denn mal raus dürfen, auf allen Veranstaltungen die am schlechtesten angezogenen.

Dann aber ist jemand auf eine Idee gekommen, und ich werde gar nicht versuchen, mir auszumalen, wie. In der Folge jedenfalls wirbt die Axel-Springer-Akademie für den nächsten Jahrgang nun Nachwuchs mit einem ebenso schlichten wie größenwahnsinnigen Slogan:

Journalisten sind Helden

Das Banner leitet auf eine Seite der Akademie, auf der dieser eher unbescheidene Claim dann weiter ausgeführt wird.

Womit zumindest belegt wäre, dass einige Journalisten Helden sind. Auffällig dabei ist natürlich, dass kein deutscher Kollege dabei ist, aber so auf Anhieb … noch bizarrer ist allerdings die merkwürdige Timeline, die von 1977 nach 2004 springt, nur um dann wieder nach 1979 zurückzukehren. Und, ganz ehrlich, 2004 ist schon Quatsch, denn selbst hier wird ja offen zugegeben, dass Hersh bereits 1969 zum ersten Mal zum Helden wurde, als er das Massaker von My Lai aufdeckte. Da wäre es dann fast schon albern, anzumerken, dass Fallaci natürlich nicht die erste war, die Khomeini öffentlich kritisierte, sondern die erste Journalistin, die es von Angesicht zu Angesicht tat – also eben nicht nur öffentlich. Während die Seite also bis hierhin verdeutlicht, dass es im Journalismus zumindest vor 30, 40 Jahren einmal Helden gegeben hat, wächst gleichzeitig das unschöne Gefühl, dass es heute möglicherweise eher „Journalisten sind Herden“ heißen müsste.

Ein bisschen wirkt es so, als hätten die Bewerber des letzten Jahrgangs diese Seite gestaltet, und zwar hoffentlich nicht die, die letztlich angenommen wurden. Denn es geht noch weiter: Wer seine Eignung als Journalisten-Anwärter testen will, der kann hier den Wissenstest, der Teil des Aufnahmeverfahrens ist, einmal durchspielen. Die erste Frage lautet:

Frage 1 Wissenstest
Es waren natürlich mehr Länder in den Schlagzeilen, es reichen also vier von diesen vielen Ländern. Allein im Nahen Osten und Nordafrika war da einiges los. Jemand wie ich, dessen zeitliche Orientierung innerhalb eines Jahres sich leider weit gehend um die Fußball-Bundesliga und die Formel-1-Saison herum drapiert, erinnert sich dann zum Beispiel daran, dass der Saisonstart der Formel 1 Mitte März in Bahrain wegen Unruhen im Land abgesagt wurde. Außerdem gab es da diesen bizarren Machtkampf an der Elfenbeinküste, wo der abgewählte Präsident einfach nicht gehen wollte. Und so weiter. Könnte man denken. Sollte man aber nicht. Denn die Antwort ist, laut Axel-Springer-Akademie, diese hier:

Wissenstest Antwort Frage 1

Und damit klärt sich dann wahrscheinlich auch das Rätsel um den merkwürdigen Claim. Es war ein Missverständnis. Ich sehe Marc-Thomas Spahl, den Leiter der Akademie, deutlich vor meinem inneren Auge, wie er kopfschüttelnd dasteht und sagt: „Ihr seid mir vielleicht Helden: Journalist werden wollen, aber nichtmal Libyen und Marokko richtig schreiben können!“

PS. Im eigenen Blog der Akademie beschreibt Marc-Thomas Spahl, wie es eigentlich gedacht ist (Hinweis: anders).

PPS. Die Akademie hat die Rechtschreibfehler im Wissenstest jetzt korrigiert.

8 Antworten auf „Journalitsen sind Hedlen!“

  1. Natürlich haben wir Helden. Kai D. springt heldenhaft in die Kanzlerlimousine und entlockt Helmut Kohl bahnbrechende Geheimnisse. Eine ewige Freundschaft zu Kohl und D. unaufhaltsamer Aufstieg sind die Folge.

  2. „Ihr seid mir vielleicht Helden: Journalist werden wollen, aber nichtmal Libyen und Marokko richtig schreiben können!“

    Das wäre ja noch okay. Aber es muss heißen: „Journalisten *ausbilden* wollen, aber …“

    Herrlich scheiße.

  3. Großer Grieche! Du weißt doch, think big. Größenwahn, natürlich, was sonst? Abgesehen davon – soviel Selbstkritik muss sein, wenn wir schon davon sprechen: peinliche Fehler, werden sofort korrigiert, wenn nicht schon geschehen. Wer im Glashaus sitzt. Chronologie sehe ich anders, fänd ich langweilig. Und ansonsten: kommen ja noch weitere Motive, immer wieder auch aktuelle (und auch einige aus unserem Land, versprochen!)

  4. „PPS. Die Akademie hat die Rechtschreibfehler im Wissenstest jetzt korrigiert.“

    Na ja:

    „Frage 8:
    Wer ist Julian Assange und was wird im aktuell (Stand März 2011) vorgeworfen?“

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