Volkers Stimme

Es heißt, Politiker könnten viel reden, ohne etwas zu sagen, aber es geht auch anders herum: Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und damit ein mächtiger Mann in diesem Land, ist sich nicht zu schade, das bürgerliche Profil der Union durch ein paar, wie nenne ich es jetzt, homosexualitätsskeptische Sätze zu schärfen. In der Berliner Zeitung sagte er:

Ich glaube nicht, dass Kinder sich wünschen, in einer homosexuellen Partnerschaft aufzuwachsen.

Nun ist es so, dass sich die Welt im Sinne von „die Realität“ im Sinne von „das, was es wirklich gibt“, nicht danach richtet, was Volker Kauder glaubt. Studien, die sich mehr mit dieser Realität beschäftigen als mit Kauders Innenleben, belegen sogar eher das Gegenteil von dem, was er für richtig hält.

Aber mein Problem mit Kauders Aussage ist ein viel grundsätzlicheres, als dass er offensichtlich die Realität nicht kennt, über die er spricht. Es ist die Tatsache, dass er darüber spricht, wie er spricht, obwohl er weiß, dass er Unrecht hat. „Ich glaube, dass“ ist nicht der Anfang eines Satzes, mit dem eine Regierungsentscheidung über die Lebensrealität von Bürgern eines Landes begründet werden soll. „Ich glaube“ bezieht sich auf eine persönliche, ethisch-moralische Entscheidung, etwas, von dem ich nicht wissen kann, ob es richtig oder falsch ist – mit anderen Worten etwas, über das ich keine aussagekräftigen Studien machen kann. Wenn Kauder sagt, er glaube nicht, dass Kinder sich das wünschen, sagt er in Wahrheit, er findet es falsch, wenn Kinder von homosexuellen Partnern großgezogen werden – obwohl die Studien belegen, dass es den Kindern dabei gut geht. Um aus einer Studie zu zitieren, die die damalige Familienministerin Zypries vor anderthalb Jahren vorgestellt hat:

Jungen und Mädchen, die bei zwei Männern oder Frauen leben, finden ihre herkömmlichen Geschlechterrollen sehr wohl. „Im Vergleich zu anderen Kindern verhalten sie sich sogar jungen- und mädchenhafter“, sagt Marina Rupp vom Institut für Familienforschung der Universität Bamberg, wo die Studie in dreijähriger Arbeit erstellt wurde. Darüber hinaus zeichnet diese Kinder ein signifikant höheres Selbstwertgefühl aus als Kinder in normalen Partnerschaften.

Kauder stellt das, was er glaubt und für ethisch-moralisch richtig hält, über das, was in der Realität beobachtet werden kann. Das ist, wie Al Gore es beschrieben hat, ein Angriff auf die Vernunft. Aber damit nicht genug, er begründet seine, wie nenne ich es, homophobe Haltung entgegen aller Erkenntnisse mit dem Kindeswohl – und das ist schäbig.

Ich glaube, Volker Kauder sollte noch einmal in sich gehen und versuchen, den Mut zu finden, den es braucht, um mit einer Welt umzugehen, in der nicht alle sind wie er.

5 Antworten auf „Volkers Stimme“

  1. Ich glaube nicht, dass Kinder sich wünschen, mit Volker Kauder als Vater aufzuwachsen.
    Aber wahrscheinlich würde er das nicht als Grund anerkennen, ihm zu verbieten, welche zu haben. Warum wohl?
    Und weil ja bekanntlich alles gemacht wird, was möglich ist, wäre es wahrscheinlich auch am sichersten, Kinder gar nicht mehr bei ihren Eltern zu lassen, man weiß ja, was da alles möglich ist…

  2. Da Herr Kauder die Realität (und die Studien) vermutlich (und da stimme ich Dir zu) nicht kennt, kann er nicht wissen, dass er Unrecht hat. Er kann daher aber auch nicht wider besseren Wissen reden.

    Er redet in dem Fall ohne Wissen. Er bekommt dank seiner Position die Bühne, Dinge zu verbreiten, von denen er keine Ahnung hat. Das ist traurig und irgendwie peinlich. Aber aus professioneller Sicht furchtbar ist, dass Journalisten die Bühne gerne bereit stellen und die Verbreitung von solchen Äußerungen ermöglichen. In der Sucht würde man hier von Co-Anhängigkeit reden. Im Journalismus 2010 nennt man es Arbeitsalltag und Kampf um exklusive Inhalte.

  3. @Sascha Müller Jänsch: Ich finde schon, dass er wider besseren Wissens redet, wenn er so etwas verbreitet. Wenn mein Nachbar solche Thesen verbreitet, dann soll er. Dann darf er das auch ohne vorherige Hintergrundrecherche, weil es einfach nur seine Meinung ist – ganz gleich, ob man sie teilt oder nicht. Aber zum Beruf eines Politikers gehört es hingegen dazu, sich zu informieren, ehe man sich öffentlich zu einer Sache äußert. Und wenn man sich nicht informiert, aber trotzdem über ein Thema redet, dann ist das schon in gewisser Weise fahrlässig und damit auch wider besseren Wissens. Außerdem: Haben uns die Politik und der daran hängende Staat nicht geleert, dass Unwissen nicht vor Strafe schützt? Ich finde, dass man gerade deswegen so etwas wie diese Äußerungen verurteilen muss – unabhängig vom Inhalt! Ein Politiker ist schließlich auch ein Bürger dieses Staates – auch wenn das die meisten nicht wahr haben wollen und sich für etwas „Höheres“ halten.

  4. Ich glaube, nein, denke, dass SEHR viele Kinder nicht bei ihren Eltern aufwachsen möchten. Und ich denke auch, dass sehr viele homosexuelle Elternpaare die besseren Eltern sind als die „normalen“.
    Und: Kauder konnte ich noch nie leiden. Er schwätzt einfach immer nur dummes Zeug. Wie die meisten Politiker. Ob sie es nicht besser können oder es nicht wollen, das sei dahin gestellt.

  5. Ich glaube, dass…lassen wir das.

    Herr Kauder weiß sehr wohl, wovon er redet und er weiß warum. Die Abweichung zwischen Realität und Volker Kauder ist keine Unwissenheit, sondern sein Imageauftrag. Sein Job bei der CDU ist der des scharfen Hundes an der Kette. Er sagt die Dinge, die Frau Merkel nicht sagen darf oder will und eröffnet (wie im Beispiel) Debatten, die es außerhalb der CDU sonst gar nicht gäbe. Hin und wieder beim Auslauf im Park zieht er etwas heftiger an der Kette und wenn der vorbeilaufende Bürger dann erschreckt zuckt, würgt Frau Merkel ihn vorsichtig mit dem Halsband. Wenn aber der Bürger sich beeindruckt zeigt, darf er noch ein bisschen mit den Zähnen fletschen.

    Und sollte der scharfe Hund sich eines Tages losreißen und über die Strenge schlagen, dann wird er ohne viel Aufhebens eingeschläfert. So kommt nie jemand auf die Idee, dem Frauchen irgendwie nahezutreten. Eigentlich gar nicht so dumm, oder?

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