Doppelt missverstehen heißt trotzdem nicht verstehen

Wer sich die ausufernden Diskussionen um Paid-Content, Journalismus 2.0, den gehirnschädigenden Einfluss des Logarhithmus à la Schirrmacher und all das andere Zeug ansieht, das rund um das Spannungsfeld Information und Internet entstehen, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass sie vielleicht keine Lösung haben. Das alleine wäre nicht weiter tragisch, denn es bedeutet nicht, dass die einzelnen Probleme, die Komponenten der Diskussion sind, nicht lösbar sind: Das ganze, große Problem Kommunikation in den so genannten Neuen Medien könnte sich lösen wie alle anderen Medienprobleme vorher auch – durch viele kleine Teillösungen, die weniger ein sauberes Bild ergeben als ein Ökosystem. Ich glaube aber, dass ausgerechnet der Journalismus sich so schwer tut in der Umstellung auf ein System, das eigentlich der Traum aller Journalisten sein müsste (Jeder kann publizieren was und wie er will! Verdammt, ja!), deutet darauf hin, dass wir an einem Punkt in der Evolution unserer Angebote den falschen Weg genommen haben. Vielleicht lohnt es sich, einmal zu gucken, was man mit dem heutigen Wissen über Journalismus im Netz immer schon hätte besser machen sollen.
Das Internet ist jung und ich war dabei als wir angefangen haben, es als „Verlängerung unserer Marken“ zu nutzen. Vor zehn Jahren, in den Zeiten vor Youtube, fanden manche Stars es tatsächlich unglaublich witzig, wenn man ein Videokamera mitbrachte zu einem Interview und sie damit Unsinn machen ließ. Es war witzig. Zum wirklich ersten Mal hatten wir ein Werkzeug, das Spontanität belohnte, das die kleinen Anekdoten rund um Geschichten – das was Journalisten nicht schreiben, aber beim Abendessen mit Freunden erzählen – zugänglich machte für eine große Öffentlichkeit. Theoretisch. Denn in der Praxis wählte man sich mit einem Modem über die Telefonleitung ins Internet und wartete 35 Minuten darauf, ein vier Minuten langes, unscharfes, fingernagelgroßes Video anzusehen. Die Klickzahlen waren lächerlich. Ich erinnere mich, einmal bei einem langen, sehr netten Frühstück mit der vor zehn Jahren riesigen Band All Saints eine Videokamera auf den Tisch gelegt zu haben, was darin endete, dass sich die vier Mädchen gegenseitig filmten, wie sie Pantomime machten und „When the Saints go marching in“ sangen. Zu einer Zeit, als es von Stars jenseits öffentlicher Auftritte praktisch kein Material gab war das seltenes und großartiges Material. Es hatte ein paar hundert Klicks auf der Seite der Zeitschrift, für die es gemacht worden war – bedeutend weniger als ein billig programmiertes Memory. Und angesichts der wenigen Zuschauer konnte man auch schlecht von einem erheblichen Effekt in der Markenbildung sprechen. Es wurde aufgegeben. Unausgesprochen natürlich: Die Reporter hörten auf, das Material zu bringen, der Verlag forderte es zwar immer wieder von der Redaktion, aber nicht annähernd so intensiv, wie er Klicks forderte – und die User klickten in einer Art und Weise, die Schlussfolgerungen zuließ wie „Das Internet ist kein journalistisches Medium“, „Niemand liest lange Texte im Internet“ und „Im Internet lässt sich mit Journalismus kein Geld verdienen“. Belegt ist keiner dieser Sätze (wie denn auch in der kurzen Zeit). Belegt ist aber die Tatsache, dass wir unsere Energie vor allem darauf verwendet haben zu überlegen, wie Journalismus Klicks bringt (also Anzeigenfläche verkauft) – und sind im Ergebnis auf die Klickstrecken gekommen: Galerien und Umfragen. Und ich werde keine Sekunde darüber diskutieren, ob man diese Art von Journalismus in Paid Content umwandeln kann – man kann es nicht. Punkt, aus. Dafür ist er nie gemacht worden, er ist im Gegenteil darauf optimiert, Inhalte so vor dem User zu verstecken, dass er auf dem Weg zum wirklich interessanten Content möglichst viele Klicks lässt und auch noch abgelenkt wird. Dafür Geld zu verlangen ist nicht nur albern sondern obszön.
Gleichzeitig haben praktisch alle Publikumsmedien die gleiche Strategie eingeschlagen, was sie denn auf ihren Seiten überhaupt zeigen wollen – nämlich alles. und das in jedem Format. Alle Nachrichten als Text, Video und als Bildergalerie, unterbaut von einer Community zum diskutieren und Nachrichten versenden, die dem User am besten noch die Möglichkeit gibt, selbst zu bloggen, Inhalte hochzuladen und seine Startseite zu personalisieren. Außerdem gibt es mindestens einen eigenen und zehn Affiliate-Shops. Eine Medienmarke im Internet ist eine wild wachsende Welt, und weil die wenigen journalistischen Seiten, die angeblich tatsächlich Geld verdienen es so machen, ist das der Weg, den alle nachzugehen versuchen. Für den Journalismus ist das katastrophal, weil es eben die suchmaschinenoptimierte Beliebigkeit hervorgebracht hat, die wir heute zu beklagen haben.

Natürlich hätten wir damals weiter machen sollen. Aus meinem Versuch mit dem Video bei den All Saints wäre vielleicht bis heute ein interessantes Format entstanden, und die multimedialen Fähigkeiten innerhalb der Redaktion wären geschult und verbessert worden, und am Ende wären wir möglicherweise der Platz gewesen, an dem die Geschichten, die wir erzählen wollten, so erzählt werden wie nirgendwo sonst. Stattdessen aber haben wir bis heute jeden Vorsprung verloren: Als ich damals nach London zu dem Interview geflogen bin hatte ich a) überhaupt die finanzielle Möglichkeit, nach London zu fliegen, b) einen Haufen recht teures digitales Equipment im Rucksack, c) einen Ort, an dem ich meine Geschichte publizieren konnte, d) Zugang zu der Band, weil die Band uns brauchte, um auf ihre neue Platte aufmerksam zu machen und e) die Zeit, diese Geschichte zu produzieren (immerhin tat ich das hauptberuflich – für ein Print-Magazin, aber damals liebten wir die Möglichkeit, noch was „für Online extra zu machen“) und das außerdem vor dem Hintergrund, dass ich immerhin ein ausgebildeter Journalist von einer renommierten Journalistenschule bin, auch wenn man ehrlicherweise sagen muss, dass es zu meiner Zeit keinerlei Ausbildung für Online-Journalismus gab (das ist gerade einmal 13 Jahre her. Bizarr).
Alle fünf Vorteile, die ich als Profi gegenüber jedem beliebigen Amateur auf der Straße hatte, sind pulverisiert. Sie existieren einfach nicht mehr. Jeder Amateur hat den Platz, das Equipment und die technischen Fähigkeiten, selbst zu publizieren. Die Stars auch – sie sind sehr viel weniger auf klassische Medien angewiesen, was bedeutet, nur sehr viel weniger Medien bekommen überhaupt exklusive Inhalte. Und der Vorsprung, den Journalisten hatten, weil sie mit Zeit, Erfahrung und gelerntem Handwerk an die Geschichten herangehen konnten ist weitgehend vernichtet durch die real existierenden Arbeitsbedingungen in vielen Online-Redaktionen. Ich kann es empirisch nicht belegen, aber ich bin mir sehr sicher, dass die exklusiven journalistischen Inhalte der deutschen Medienmarken fast ausschließlich von den Journalisten der Print- (oder seltener TV-) Mütterschiffe angeschleppt werden – was auch mit der Tatsache korrespondiert, dass es von Mutterschiffen unabhängige Nachrichten-Organisationen seit dem Tod von Netzeitung und Zoomer ja praktisch nicht mehr gibt.
Wenn man sich ansieht, wie viele Millionen der Aufbau der Online-Redaktionen und der Seiten, die sie betreuen, bis heute gekostet hat, ist es fast unerträglich zu sehen, wie wenig dabei herausgekommen ist. Einfach nur, weil es niemand gewagt hat, sich auf das zu konzentrieren, was seine Marke ausmacht. Geschweige denn auf das, was er kann. Weil Spiegel-Online funktioniert wollen alle Spiegel-Online sein. Nur billiger.
Es ist ein doppeltes Missverständnis: Zunächst einmal sind die technischen Möglichkeiten des Internets so gigantisch, dass wir lange – manche Verlagshäuser bis heute – der Versuchung erlegen sind, Inhalte mit technischen Möglichkeiten zu substituieren. „Da kann der Leser kommentieren“ war genug, obwohl der mindestens ebenso wichtige Teil eine Geschichte gewesen wäre, die zu kommentieren sich wenigstens für ein paar Leser gelohnt hätte. Auf der anderen Seite reicht Inhalt allein nicht: Nur die Texte und Bilder der Printausgabe online zu stellen – überhaupt: nur Texte und Bilder online zu stellen – heißt, das Medium zu missachten. Es ist, als würde man im Fernsehen nur Standbilder zeigen. Die beste Art, Geschichten in dem Medium zu erzählen, ist es wahrscheinlich nicht.
Wir haben also auf ganzer Linie unsere Vorteile verloren, weil wir uns nicht konzentriert haben, und die Frage muss doch sein: Können wir sie uns zurück erkämpfen? Wenigstens einige davon? Eins davon? Wenn wir glaube, dass Paid Content ein Weg für den Online-Journalismus der Zukunft sein wird, dann sollten wir es besser tun, denn wenn wir nicht irgendetwas besser können als alle anderen, dann sollten wir in sinnvollerweise den Amateuren überlassen. Das ist meiner Meinung nach keine Schande: Amateur sein ist ein nobles Unterfangen, das nicht durch Profitgedanken gestört wird, egal ob die Olympischen Spiele nach der reinen Lehre oder bei Leica-Kameras – die edelsten Werke werden von (und im Falle der Kameras für) die Liebhaber einer Sache geschaffen, nicht von den Profis. Wenn Redaktionen nicht regelmäßig erkennbar besser sein können als die Masse der Internet-User – besser darin Informationen umfassend, schnell, korrekt, anschaulich und kurzweilig zu verbreiten – dann sollten sie das Feld räumen und nicht auf staatliche Unterstützung bei dem Versuch hoffen, irgendwie Geld damit zu verdienen.
Einige von den fünf Komponenten, die ich oben aufgezählt habe, können wir nicht oder nicht mehr beeinflussen: Equipment ist so billig geworden und die Technik so einfach, dass wir in diesem Bereich den Amateuren nicht mehr voraus sind. Es ist aber gleichzeitig der am wenigsten wichtige Teil (Heute bin ich wahrscheinlich Billy Wilder technisch voraus. Das macht Wilders Leistung aber nur größer – ich jedenfalls werde ihn nicht vergessen machen). Aber die meisten eben doch. Und meiner Meinung nach die meisten mit Handwerk – mit Hingabe und guten Ideen.
Von Anfang an: Die finanziellen Möglichkeiten, für Geschichten in und um die Welt zu fliegen, sind gigantisch gestiegen – wenn man sich auf einen Reisestandard einlässt, der auf eher studentischem Niveau ist. Ich habe allerdings noch nie erlebt, dass das einer Geschichte geschadet hat. Der Ort, an dem eine Geschichte publiziert wird, ist inzwischen kein rares Gut mehr – aber das heißt nicht, dass der einzelne weniger Wert sein muss. Eine gute Geschichte wird es über virale Verbreitung schaffen, auch von obskuren Plätzen aus gefunden zu werden. Aber eine Seite, die über ihren Ruf – ihre Marke – als Platz guter Geschichten gezielt besucht wird, ist im Überangebot eher mehr wert als früher. Der Zugang zu einer Band, einem Politiker, einem Schauspieler oder Schriftsteller ist vielleicht auf den ersten Blick komplizierter, weil sie heute einen viel größeren Teil ihrer Marke selbst kontrollieren können und wollen und das Angebot an „Media-Outlets“ so viel größer geworden ist, aber auf den zweiten Blick macht es das für den „Markenartikler“ auch sehr viel schwieriger, sich im großen Konzert Gehör zu verschaffen – er braucht dafür bessere, kreativere Ideen oder vom Leser gelernte besondere Qualität; eigentlich Teil unserer Jobbeschreibung. Und drittens, die Zeit: Natürlich liegt die Kontrolle darüber, mit welcher Manpower ich DInge angehe durchaus im Gewaltbereich der Verlage. Und wenn sie so tun, als wären die Sachzwänge übermächtig, sollte man vielleicht erstens auf die durchaus vorhandenen guten Erträge der Häuser hinweisen als auch darauf, wie viel Geld nicht in gute Redaktion gesteckt wird, sondern in Unsinn oder schlechte Redaktion. Es ist in Wahrheit sehr viel einfacher, als sie uns glauben machen wollen, denn eine Sache wird einfach nicht erwähnt: Ein Magazin muss nicht im Internet sein.
Ich weiß, was jetzt kommt: „Das ist Selbstmord, natürlich muss es! Heutzutage!“ Aber die richtige Antwort bleibt trotzdem: nein. Es gibt überhaupt keinen Grund, Geld im Internet zu verbrennen mit Dingen, die weder Geld bringen noch Markenbildung, nur weil ich ein Print-Magazin herausgebe. Der Online-Auftritt von Landlust ist ein Beispiel, dort kann ich nicht viel mehr tun als das Heft abonnieren. Die Webseite der amerikanischen Intouch ist ein kostenlos aussehender Blog auf einer sicher günstigen URL, mehr nicht. Und die selben Verlagsmenschen, die einem erzählen, online würden die ganzen tollen journalistischen Grundsätze nicht funktionieren sind die selben, die einem im selben Satz sagen, die Leser der Print- und der Online-Ausgaben hätten „kaum Überschneidungen“. Wenn das so ist, liebe Freunde, und ihr online kein Geld verdient, dann lasst es doch einfach. Bevor ihr Scheiß macht, lasst es lieber sein und konzentriert euch.
Manchmal werde ich eingeladen, um Magazine zu kritisieren, auch Online-Magazine. Es gibt fast immer einen eher traurigen Moment, wenn ich frage, ob eine bestimmte Geschichte so, wie sie auf der Seite steht, auch so oder so ähnlich aussieht wie der Autor, der Redakteur, wie jeder beteiligte sie gerne hingelegt hätte, wenn er gedurft hätte wie er wollte. Die Antwort ist niemals ja. niemals. Es ist immer das Layout so, dass es ein paar Klicks mehr bringt, die Headline suchmaschinenoptimiert und das ganze Thema eigentlich auch und überhaupt steht da ja die hässliche Anzeige (auf manchen Seiten inzwischen ZWISCHEN Bild und Bildunterschrift). Es ist fürchterlich.
Dabei sind die Gründe, die zu hässlichen, unnavigierbaren Seiten führen praktisch nie vom User gewollt, sondern aus Erfahrung auf den potenziellen Anzeigenklick und den Tausenderkontaktpreis hin gebastelt.
Dafür kann man kein Geld verlangen. Ich weiß, das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost versuchen es gerade halbherzig, aber natürlich geht das schief (meiner Meinung nach wollen sie es gar nicht anders). Es ist Unsinn. Gewachsener Unsinn, deshalb wirkt er, als würde er Regeln folgen. Aber Wahrheit ist es so, als würden wir Routenangaben folgen, nachdem wir einmal ganz früh auf der Strecke falsch abgebogen sind. Danach stimmt nichts mehr.
Also konzentrieren wir uns. Lassen wir den überflüssigen Scheiß sein. Wir können und werden nie alles auf einer Seite unterbringen – und es ist auch nicht nötig. Der legendäre Chefredakteur des New Yorker Harold Ross hat als Motto für das Magazinmachen ausgegeben „if you can’t be funny, be interesting“. Und das ist gleichzeitig wahnsinnig einfach und wahnsinnig schwer. Aber wenn wir es nicht können, wer dann?

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19 Antworten auf „Doppelt missverstehen heißt trotzdem nicht verstehen“

  1. Kluger Artikel, mal wieder. Was mich immer wundert, ist, dass das alles so offensichtlich scheint, und es trotzdem eigentlich keiner macht. Woran liegt das wohl? Liegt da irgendwo ein Denkfehler versteckt, und wenn ja, auf welcher Seite?

  2. Du hast recht, und die Antwort ist relativ einfach und gleichzeitig komplex zu lösen. Sie hat mit der Organisationsstruktur von Verlagen zu tun – mit mittlerem Management. Jeder Verlagsleiter, Verlagsgeschäftsführer, Abteilungsleiter usw. auf dem Weg nach oben zur großen Entscheidung versucht in Wahrheit erstens zwei Dinge gleichzeitig und zweitens ist keines davon geeignet, eine journalistisch gute Seite aufzubauen. Er versucht nämlich erstens seine Karriere dadurch zu befeuern, dass er Aktivität anregt (möglichst erfolgreiche, d.h. schnell in Zahlen erfolgreiche), und sich gleichzeitig dagegen absichert, dass ein möglicher Misserfolg an ihm kleben bleibt.
    Eine journalistische Webseite, die sich auf Wesentliches konzentriert ist aus Sicht so denkender Menschen angreifbar: Sie bietet zu wenig. Wenn ich alles biete, es aber nicht funktioniert, dann kann es nicht an mir liegen, denn ich habe alles versucht. Außerdem können Teile versagen und andere fangen das auf. Man darf nicht vergessen, dass diese Denke außerdem in einem Umfeld auf fruchtbaren Boden fällt, in dem man immer davon ausgegangen ist, Leser würden ein Magazin wegen einiger Geschichten kaufen, auch wenn ihnen andere Geschichten eher egal sind (was zu einem Teil ja sicher auch stimmt – auch wenn es aus meiner Sicht nur eine unzureichende Beschreibung des Kaufimpulses für Zeitschriften ist). Auf jeden Fall: Aus der Angst, Fehler zu machen, erwächst schon nichts Gutes. In einem Konzern mit einer Kette von nacheinander geschalteten vorsichtigen Entscheidungsträgern potenziert sie sich meistens. Dann steht oben ein Verleger, der möglicherweise auch noch zehn Seiten mit Killerapplications kennt, die er auch will. Er will sie dann meist alle auf einer Seite. Und am Ende bleibt Murks, an dem irgendwie keiner Schuld ist – und weil das alles so teuer zu programmieren und so aufwendig zu füllen ist bleibt für die Inhalte hinterher am wenigstens Geld übrig. Es ist traurig, aber wahr: Aus der Struktur Großverlag ist eine Besserung wahrscheinlich nicht zu erwarten – außer vielleicht durch einen Wettbewerb oder ein anderes völlig neben den normalen Strukturen stehendes Projekt, das erstmal kein Geld verdienen muss.

  3. Danke für die Erklärung. Trotzdem staune ich, wie hilflos manche Unternehmen sich anstellen. Irgendwie muss ich in dem Zusammenhang auch immer an den Regionalcode bei DVDs denken, obwohl der nun mit Journalismus gar nichts zu tun hat.

  4. Ja, der Versuch war ähnlich und nur minimal weniger kläglich, Informationen technisch zu begrenzen. Das hat nur in der Geschichte der Menschheit nie funktioniert (stattdessen gibt es bei Douglas Adams ein Raumschiff, das mit schlechten Nachrichten betrieben wird, weil sie schneller reisen als alles andere. Nur waren die Reisenden mit dem Schlechte-Nachrichten-Antrieb überall, wo sie ankamen, so unbeliebt, dass sie keinen Sinn mehr im Reisen sahen. Irgendwo da drin liegt eine Lektion …).

  5. Nichts ist verlockender als die Versuchung. Und die liegt (auch) darin, dass die Suchmaschinenoptimierer und die Programmierer ahnungslosen Erbsenzäh- äh Controllern und Verlagsleuten einreden, dass man „ohne Menschen“ mit journalismusähnlichen Formaten Traffic, Werbeeinnahmen und Geld machen könne. Das ist aber nur ein Nebeneffekt dessen, dass auch die (leitenden) Journalisten nicht begreifen, dass sie mit dem Zeug, das sie mitmachen (und mitverantworten) ihren eigenen Job überflüssig machen. dpa-Feed aufbereiten ist Schwachsinn, auch wenn man dazu drei journalistisch ausgebildete Leute im Schichtbetrieb einsetzt. Aber welche Zeitung – die meisten sind doch Regionalblätter – würde sich auf ihre lokale Kernkompetenz besinnen, wenn sie eine „Online-Offensive“ ankündigt? Eine solche sieht doch eigentlich nur so aus, dass noch mehr gugel-optimiertbares, beliebiges Zeug noch klickintensiver in noch dröhnigerem Design präsentiert wird. So geht das nicht, aber – noch – übt keiner Widerstand.

  6. Sehr treffend beschrieben. Die nachgeschobene Erläuterung im Kommentar zu Verlagen und deren mittlerem Management finde ich sogar noch treffender als den Artikel selbst (obwohl der auch gut ist).

    Besten Dank.

  7. Lieber Herr Pantelouris,

    ich habe zwei Fragen, die mir schon seit längerem auf der Zunge (resp. den Fingern) brennen, und ich finde einfach keine passende Gelegenheit, sie zu stellen, also kann ich’s genauso gut auch jetzt und hier machen:

    1. Wieso schreiben Sie ihre besten Sachen eigentlich kostenlos hier in Ihrem Blog? Nicht, dass ich alle Ihre (offline- oder sonstwie-) Artikel kenne, aber Artikel wie dieser sind oft um Längen besser.

    2. Wieso, wenn wir schon ständig über Paid Content reden, probieren Sie es nicht selbst mal aus? Ich persönlich würde einen Paypal Micropayment Button unter Ihren Artikeln begrüßen, mit dem man Artikel, die einem gefallen haben, mit einem kleinen Betrag nachträglich honorieren kann. Wirklich, ich würde’s machen!

  8. Liebe/r Vanish,

    boah, das ehrt mich wahnsinnig (obwohl das heißt, dass meine Offline-Texte nicht so gut sind, oder?). Und tatsächlich gibt es zum Beispiel bei carta.info eine PayPal-„Kaffeekasse“ (ich finde sie gerade nicht, sonst würde ich sie hier verlinken), wo man für die oft tollen Carta-Texte spenden kann. Ich finde das einerseits großartig, habe auf der anderen Seite aber auch eine ganze Menge Bedenken. Der Reihe nach: Ich habe ein einziges Mal bei Carta fünf Euro in die Kaffeekasse getan und gehe dabei sogar eher überheblich davon aus, dass das eine Menge ist im Verhältnis zu fast allen anderen Lesern (wenn nicht ich, wer soll dann für guten Online-Journalismus zahlen?). Ich glaube allerdings, dass selbst die drei oder vier Klicks und die 45 Sekunden, die eine Zahlung über Paypal braucht, zu lang sind, um so einen Button nach jedem Artikel sinnvoll zu machen. Eine zentrale Kaffeekasse ist im Prinzip sinnvoller, hat für mich aber den merkwürdigen Nebeneffekt, dass ich nicht wüsste, was ich tun soll, wenn da plötzlich eine spürbare Summe Geld zusammen kommt. Aus meiner Sicht würde mich das verpflichten, den Blog mit einiger Regelmäßigkeit weiter zu führen, und mein Spaß entsteht gerade daraus, dass ich es absolut freiwillig und genau so mache, wie ich es eben will. Insofern möchte ich keine Kaffeekasse.
    Ursprünglich war ich aus einem ähnlichen Grund auch dagegen, überhaupt Werbung einzubinden. Ich habe gedacht, dass der Ertrag die Zumutung für den Leser in keiner Weise rechtfertigt. Und das stimmt: Mit all den nervigen Werbebannern, die beim lesen stören, habe ich bisher (in vier Wochen) 7,06 Euro Umsatz generiert, weil fast niemand drauf klickt. Natürlich lohnt das überhaupt nicht, wenn man es als Bezahlung sieht. Aber ich habe (nach einem für mich sehr, sehr angenehmen Gespräch mich Wolfgang Michal) beschlossen, dass ich das Prinzip unterstütze, dass Journalisten ihr eigenes Geld verdienen können sollen. Es gibt hoffentlich solche, die das besser können als ich, aber ich will nicht von einer pseudomoralischen Warte aus auf sich selbst vermarktende Journalisten blicken, sondern neben ihnen stehen – wenn auch nur in einer eher armseligen Ausstattung.
    Aber, und darüber freue ich mich diebisch, ohne wirklich sagen zu können warum, ich habe ein großartiges Web-Projekt gekapert und hätte überhaupt nichts dagegen, damit Geld zu verdienen: die CO2-Kampagne der Projektwerkstatt der Freien Universität Berlin. Dabei geht es einerseits darum, qualitativ gute Energiesparlampen unter das Volk zu bringen (ich bin ein wenig verkappter Öko), und zweitens, möglichst vielen Menschen unternehmerisches Denken beizubringen. Ich bin jetzt also Unternehmer und verkaufe Energiespar-Lampen (gut versteckt rechts oben zwei Punkte unter „Über mich“ als „Pay-Me-Content“). Wer also den Impuls hat, sich bei mir für Inhalte dieses Blogs zu bedanken, der kann ganz einfach dort für 16 Euro sechs gute Energiespar-Lampen bestellen und sich und dem Planeten etwas Gutes tun. Ein Teil (mir fällt gerade auf, dass ich nicht geguckt habe, wie viel eigentlich) des Geldes geht dann an mich. Und ich kann – meinem Gefühl nach – weiterhin schreiben wann, wie und was will, denn für sein Geld kriegt der Leser ja etwas anderes als meine Texte – nämlich Glühbirnen. Wahnsinn, oder? Wahrscheinlich bin ich wirklich nicht der beste Selbstvermarkter. Aber ich kann aus tiefstem Herzen sagen: Zumindest überall dort, wo es auf warmes, romantisches Licht nicht ankommt (also zumindest im Keller), gehören auf jeden Fall Energiespar-Lampen hin!

    Und nochmal: Vielen Dank für den Kommentar. You made my day!

  9. „Ich kann es empirisch nicht belegen, aber ich bin mir sehr sicher, dass die exklusiven journalistischen Inhalte der deutschen Medienmarken fast ausschließlich von den Journalisten der Print- (oder seltener TV-) Mütterschiffe angeschleppt werden – was auch mit der Tatsache korrespondiert, dass es von Mutterschiffen unabhängige Nachrichten-Organisationen seit dem Tod von Netzeitung und Zoomer ja praktisch nicht mehr gibt.“

    Zumindest bei SPON bringe ich seit Jahren immer mal wieder exklusives Zeug an (das in guten Fällen auch gut seine Kreise zieht), ohne irgendwo Redakteur zu sein oder beim Print-Spiegel auch nur den kleinen Zeh in die Tür zu bekommen – AUA! 😉

    Es gibt also sicher noch webexklusiven Gehalt, und nicht nur reine „Wir formulieren die selbe dpa-Nachricht drei mal am Tag um“-Scheinnachrichten, die 176 andere Anbieter in der gleichen Sekunde auch haben. Klar ist aber auch, dass der Exklusiv-Anteil aufgrund drastischer Kürzungen UBERALL auch überall zurück gegangen ist. (Und aus diesem Grunde finde ich die Google-Debatte unserer Herren Verlagshäuser so widersinnig: ab dem Moment, wo eh alle das gleiche haben, hilft Google nicht für fünf Pfennig weiter – Google bringt nur etwas, wenn man Inhalte hat, die die Bots nirgendwo sonst finden.)

    Was fehlt, ist zuallererst einmal das Budget, um Stories anzukaufen, und zwar nahezu überall. Die „Freibiermentalität“, die gewisse Herausgeber beklagen, scheint in erster Linie diese Herausgeber selbst ergriffen zu haben. Nicht der Leser zahlt nicht mehr für Content, sondern der Verleger zahlt nicht mehr für Content.

    „Manchmal werde ich eingeladen, um Magazine zu kritisieren, auch Online-Magazine. Es gibt fast immer einen eher traurigen Moment, wenn ich frage, ob eine bestimmte Geschichte so, wie sie auf der Seite steht, auch so oder so ähnlich aussieht wie der Autor, der Redakteur, wie jeder beteiligte sie gerne hingelegt hätte, wenn er gedurft hätte wie er wollte. Die Antwort ist niemals ja. niemals. Es ist immer das Layout so, dass es ein paar Klicks mehr bringt, die Headline suchmaschinenoptimiert und das ganze Thema eigentlich auch und überhaupt steht da ja die hässliche Anzeige (auf manchen Seiten inzwischen ZWISCHEN Bild und Bildunterschrift). Es ist fürchterlich.“

    Ja. Oh ja. Die Trefferquote meiner Headlines, die es vom Manuskript in die Online-Fassung schaffen, liegt vermutlich nahe Null. Zum Teil vielleicht, weil sie wirklich nicht so toll sind. Zum anderen, weil mir dennoch eine prächtige Überschrift immer noch wichtiger ist als eine google-optimierte Überschrift. (Ich wüßte auch gar nicht, wie das geht.)

  10. Vielen dank für die Hinweise. Ich kann ea immer noch nicht belegen, aber ich bin trotzdem der Meinung, dass die SpOn-Scoops eben die absoluten Ausnahmen im deutschen Online-Journalismus sind. Und, zweitens, geht es mir in der Form nicht um hoffentlich zum besseren hinvrefigierte Überschriften. Es geht mir darum, dass statt einer Geschichte eine Klickgalerie angelegt wird. Oder eine Umfrage. Ich hoffe,vich verstehe dich richtig wenn ich dirnzustimme und sage: es gibt guten Webjournalismus. Aber ich glaube, er ist die Ausnahme, weil das heutige System ihn eher bestraft als belohnt.

  11. Das „System“ bestraft ihn nicht so sehr als es guten Web-Journalismus einfach nicht will, weil der kostet. Und weil selbst guter Web-Journalismus bei den großen Verlagen immer mit einer Klickstrecke versehen sein muß.

    Wobei es da Ausnahmen gibt. Der Deutschen Welle Online mußte ich neulich eine begleitende Bildgallerie fast aufs Auge drücken. Dort paßte sie aber imho einfach mal wirklich. Manchmal ist so eine Klickstrecke eben schön und sinnvoll. Man kann ein bißchen rumzeigen und der Leser kann sich ein Bild von den Dingen machen. Es ist wie Videos und vieles mehr: ein sinnvolles Instrument für manche Sachen.

    Was ich ablehne, sind jene Zwangsklickereien, bei denen dem Leser (und das Wort sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, es heißt eben Leser und nicht Betrachter) Informationen vorenthalten werden, die er nur in der Klickstrecke findet. Das ist Verarsche am Kunden, in meinen Augen. Meine Redakteure kennen meine Einstellung dazu auch.

    Wobei das „System“ nicht die Leser sind. Die Leser haben weiterhin Interesse an guten Stories. Sie finden sie nur immer schlechter und seltener. Im Lokaljournalismus schon lange nicht mehr, und in den großen Blättern mit abnehmender Tendenz. Ich stimme dir da zu: die falsche Abbiegung war es, als von gutem, kreativen, individuellem Journalismus auf billigen Copy&Paste-Journalismus umgesattelt wurde, in der Hoffnung, dass die Leser das nicht bemerken – ein verblüffend von Prä-Internetzeiten geprägter Gedanke. (Und eben „Freibiertmentalität“.) Der Diversifizierung der Kundschaft (der es doch egal sein kann, ob sie die jüngste Guttenberg-Macke via dpa mit identischen Worten auf SPON, Welt, Stern etc. findet) und damit eben der Auflösung der Kundschaft wurde damit imho Vorschub geleistet. Die Leser verjagen und dann klagen, dass sie fortbleiben – das kann so nicht gehen.

    Online ist Aushängeschild. Wer als Verlag Online aktiv wird, der prägt damit rückwirkend ein Image seiner Printtitel. Wer dieses Image nicht positiv prägen kann (etwa durch Scoops), ist besser damit beraten, nicht online zu publizieren. Wenn der Leser anhand eines uninteressant gemachten, nullindividuellen Online-Auftrittes den Eindruck bekommt, der Print-Titel sei genau so, dann killt das den Print-Titel – selbst wenn der spannend und sonstwie toll sein sollte.

    … ich glaub, ich komm ins Schwadronieren. 😉

  12. Michalis,

    gerade kommt mir – dank Vanish – eine super Idee: Wir machen so einen schicken PayPal-Button, aber nur für den Podcast!

    Hurra, ich werde reich!

    Lieben Gruß und schöne Weihnachten

    Armin

  13. bin über den Bildblog zum ersten Mal auf diese Seite gelangt.

    Ich bin selbst Printjournalist und kann nur sagen: So isses!

    Danke dafür, dass mal jemand diese Gedanken aufgeschrieben hat, die so offenkundig und logisch sind, dass sie die verquasten Gehirne von PR- und Konzernmanagern anscheinend nicht mehr erreichen.

  14. Michalis, das ist EINFACH GROSSARTIG. Zu viele Erinnerungen an die frühen Jahre mit Modem, an die Sprüche zum Thema „das liest doch keiner im Internet“ und an die Gleichrichtung bei Print, TV und Online (alle machen allen alles nach). Darf ich Dich mal zitieren: fuckfuckfuck. Also konzentrieren wir uns und besinnen uns auf Qualität, umwerfend gute Qualität, die weiter von copy & paste weg ist als das Ohnesorg-Theater von Fickwitzen.

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