Es ist ein Heft!

Jetzt komme ich endlich dazu, wenigstens ein paar Worte über „Nido“ zu schreiben, das neue, junge Familienheft von Timm Klotzek. Und junge Familie bin ja selbst, insofern gehöre ich endlich mal wieder irgendwo zu einer Zielgruppe. „Es ist ein Heft!“ weiterlesen

Erlösermodell – Oder: Unser tägliches Bernd gib uns nicht gerade heute

Ich werde an dieser Stelle transparent zwei Fehler berichtigen. Nummer eins: In diesem Blog habe ich vor einigen Wochen die Position von Bernd „dem Dritten“ Buchholz zum Kampf gegen die Medienkrise ganz unzweifelhaft falsch halluziniert. Mein Bauchgefühl hat mich betrogen, wie so oft, wenn es mit suggeriert, ich müsste unbedingt noch eine Kleinigkeit essen. Buchholz setzt im Gegensatz zu meiner Behauptung nun also doch kein Signal im Kampf um eine Weiterentwicklung des Qualitätsjournalismus, sondern spart eisern, und antwortet im aktuellen Spiegel auf die Frage, ob Medien nicht eine Seele nötiger haben als einen Newsroom unter anderem mit dem Satz: „Ich bewahre hier nicht auf Teufel komm raus alte Ideale, um am Ende als Letzter das Licht ausmachen zu müssen.“ Das ist schon ein harter Satz für mich, denn ich habe selbstverständlich vor, meine Ideale – die alt sind – auf Teufel komm raus zu bewahren, und ich wäre heimlich ziemlich stolz auf mich, wenn ich der Letzte wäre, der das Licht ausmacht. Das Problem ist nur: Mein Atem wird nicht so lange reichen, wie Gruner & Jahrs gereicht hätte, insofern wird das Licht wohl eine Weile früher ausgehen, als es unbedingt nötig gewesen wäre – aber immerhin wissen wir jetzt, woran wir sind.

Um einmal die Fronten aufzuräumen: Ich glaube, dass in diesem Land seit seinem Bestehen großartiger Journalismus gemacht wurde, auch – und manchmal sogar besonders – von Kollegen im Hause Gruner & Jahr, und mein Respekt könnte nicht größer sein. Aber wie alles andere auf dieser Welt auch ist Journalismus, wenn er gut und lebendig sein soll, ständiger Veränderung unterworfen. Und im Moment stagniert er, verändert  sich höchstens zum Schlechteren. Ich komme noch auf konkrete Beispiele zu sprechen, aber zunächst einmal sollten wir festhalten: Um dem alten Ideal von großartigem, dienenden Journalismus gerecht zu werden, braucht es ständige kreative Veränderung und die Möglichkeit, sie auch am Markt auszuprobieren.

Nach meiner subjektiven Einschätzung verpufft ein großer Teil der Kreativität im Moment allerdings in Versuchen, mit schrumpfenden Ressourcen in den Redaktionen zumindest die alte Qualität aufrecht zu erhalten. Das ist ehrenwert und ich bewundere die Kollegen, die es schaffen. Aber es ist aus meiner Sicht und nach meiner Erfahrung praktisch unmöglich, in dieser Situation die nötige ständige Selbsterneuerung zu stemmen. Schon gar nicht, wenn zeitgleich ein neues Meta-Medium zu lernen und zu verstehen ist. Und schon doppelt gar nicht, wenn die Return-on-Investment-Zyklen im Verlagswesen dabei derartig zusammengestrichen werden, dass es einem Journalisten inzwischen fast peinlich zu sein hat, wenn er in einer Konferenz nur eine Geschichte vorschlägt und kein Erlösmodell.

Diese Überlegungen führen zu einer schmerzhaften Frage: Wer führt die trotz allem nötige Erneuerung des Journalismus an, wenn nicht die Verlage? Wenn Qualitätsjournalismus plötzlich nicht mehr bedeutet, die alten Ideale zu wahren, sondern im besten Fall noch den Status Quo – nur billiger produziert? Was dabei herauskommt kennen wir: eine Simulation. Anstatt auch nur den Ist-Zustand zu erhalten, ist das, was unter dem Label „Qualitätsjournalismus“ verkauft wird, dann meist eher so etwas wie Analogkäse. Und das ist – obwohl es so klingt – nicht auf ein Medium beschränkt: Analogkäse geht auch digital, wie die Webseiten vieler analoger Qualitätsmedien beweisen. In dieser Situation zu sagen, man wolle „nicht auf Teufel komm raus alte Ideale bewahren“ ist ein bisschen so, als würde eine Dame in der Herbertstraße auf Sankt Pauli nicht auf Teufel komm raus ihre Unschuld bewahren wollen – es kommt einen Tick zu spät. In Wahrheit ginge es darum, sich an die Ideale erst einmal wieder heranzukämpfen – denn wir haben in dieser Phase der Veränderung an sehr viele andere Dinge gedacht als an sie.

Und in diesem großen, verwirrenden Zusammenhang habe ich einen zweiten Fehler gemacht (ACHTUNG, TRANSPARENTE AUFKLÄRUNG), der mit meiner lautstark geäußerten Meinung zum „Internet-Manifest“ zusammenhängt, und der mir Ende letzter Woche eingängig unter die Nase gerieben wurde: Unabhängig davon, ob das „Manifest“ nun richtig oder falsch ist oder gut oder schlecht formuliert, hätte es sich gelohnt ein paar Gedanken dazu zu verlieren, warum ausgerechnet jetzt und zu diesem Zeitpunkt eine gefühlte Elite von Netzwerkern es für nötig befindet, überhaupt so ein Ding zu schreiben.

Und das stimmt. Ich habe es nicht getan, und sonst auch niemand, der mir aufgefallen wäre. Und obwohl dieses Manifest mir in der Form sehr widerstrebt, obwohl ich vieles darin für falsch oder im falschen Ton gesagt halte, obwohl ich viele Fehler darin, daran und darum nennen kann, bleibt doch eine Sache aus meiner Sicht richtig: Dem etablierten Journalismus fehlt aus oben genannten Gründen die Kraft zur Selbsterneuerung. Ohne Selbsterneuerung geht es aber nicht. Und aus den etablierten Häusern kommt in dieser Richtung zu wenig oder genau das Falsche.

Die Web-Wichtel, egal wie wichtig sie sind, schaffen es alleine auch nicht. Wer also soll es tun, wenn Buchholz es nicht macht? Wenn Springer wahnsinnig viel Erfolg damit hat, dass sie aus der Netzkultur ausgerechnet die größte Schwachstelle zum Prinzip erheben (denn was ist ein 1414-Leserreporter anderes als ein Troll mit einer Kamera)? Wenn die meisten Verlage gar nichts tun als Bestehendes billiger nachzubauen?

Kurz: Ich fand und finde das „Manifest“ verunglückt (und Mercedes Bunz‘ Geschichte im Guardian-Blog richtig  unappetitlich, keine Frage), aber dass es Dinge zu tun und zu sagen gibt, hier und jetzt, das kann ich verstehen, und das hätte ich auch beim ersten Meckern sagen können. Ich finde blöd, was geschrieben wurde, nicht dass etwas geschrieben wurde.