Ich bin provoziert worden

11. März 2014

Dirk von Gehlen hat mir offenbar ein “Blogstöckchen zugeworfen”, was bedeutet, ich bin jetzt so eine Art Geisel und kann nicht mehr ruhig schlafen, bis das hier erledigt habe.

Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.

Ich halte das für eine Art Kettenbrief mit einem bescheuerten Namen, aber für Dirk würde ich selbst dabei mitmachen (außerdem ist mir gerade eingefallen, dass ich ja alle Bücher mit Amazon-Affiliate-Links versehen kann, oder? Ich versuche das). Ich warne vorweg, dass mein Literaturgeschmack unvorstellbar unoriginell und merkwürdig ist.

Also:

1. Tatsächlich ungelesen liegt bei mir ungelesen Zadie Smith – NW
auf dem Nachttisch. Weil ich sie ziemlich verehre und alle ihre Bücher geliebt habe. Ich fühle mich auf die bizarrstmögliche Art mit ihr verbunden: Ich habe das Gefühl, sie macht das, was ich tun würde, wenn ich es könnte (ähnliche Gefühle habe ich übrigens in der Musik in Bezug auf Badly Drawn Boy (Affiliate Link: Have You Fed The Fish),in der Mode für den unverschämt viel zu früh verstorbenen Alexander McQueen und beim Sport selbstverständlich für Iron Mike Tyson). Und ich lese gerne auf englisch, um mein Englisch zu erhalten.

2. Entsprechend werde ich sicher irgendwann Mike Tysons Undisputed Truth: My Autobiographylesen, wobei da wahrscheinlich noch ein paar Bücher dazwischenrutschen, an die ich im Moment noch nicht denke, die ich dann plötzlich wichtiger finde, obwohl sie es sicher nicht sind.

3. Das Geschäft mit der Musik: Ein Insiderberichthätte mich kein Stück interessiert, wenn ich nicht dieses irrwitzig spannende Interview mit ihm auf heise.de gelesen hätte, bei dam man (ich zitiere meinen Bürokollegen hier) “jeden Satz rausnehmen und küssen will”. Jetzt ist das wohl Pflicht.

4. Und als Politik-Nerd freue ich mich auf Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlamentvon Roger Willemsen.

5. Ich habe außerdem eine Schwäche für den Mond und fest vor, ihn noch in meiner Lebenszeit zu bereisen. Deshalb ist für mich das ohne Frage tollste, schönste und wichtigste Buch des vergangenen Jahres Norman Mailer: Moonfire: The Epic Journey of Apollo 11.Es liegt bei mir nicht ganz ungelesen, aber ich bin noch lange nicht damit fertig (ich kannte natürlich auch den Text von Norman Mailer schon und habe es wegen des Gesamtpakets gekauft. Unfassbare Fotos!). Insofern erfüllt das Buch nur so halb die Kriterien.

Ich weiß, ich soll jetzt acht (ACHT?) Blogger benennen, die ihre Buchvorsätze aufzählen sollen. Mach ich aber nicht.

Kurz warten

14. Februar 2014

Ich bin Vater von zwei kleinen Kindern und es ist völlig richtig, dass die Rechtsordnung nicht ausgerechnet mich danach fragt, wie mit Menschen umzugehen ist, die Kinder sexuell missbrauchen oder den Missbrauch dadurch befördern, dass sie kinderpornografische “Schriften” kaufen und so aus dem Verbrechen auch noch ein Geschäft machen. Meine Antwort wäre nicht zivilisiert. Wer meinen Kindern etwas antut ist tot, wenn ich das irgendwie einrichten kann, und wer anderen Kindern etwas antut, dem muss es aus meiner Sicht nicht besser gehen.

Allerdings ist mir auf einem allgemeineren Level klar, dass das keine vernünftige Antwort einer zivilisierten Gesellschaft auf Verbrechen ist. Deshalb bin ich einigermaßen froh, dass ich da nicht konkret gefragt bin.

Allerdings setzt der Reflex schon viel früher ein. Wenn die Vorwürfe stimmen sollten, dass Sebastian Edathy Bilder von nackten Jungs einem Anbieter von solchen und schlimmeren Dingen bestellt hat, dann bin ich angewidert, wütend und wünsche ihm entstellende Pusteln, egal wie “legal” das gewesen sein mag. Gesetze sind nicht alles.

Aber so weit sind wir noch nicht. Im Gegenteil: Ich habe lange keinen öffentlich so “großen” Fall erlebt, bei dem nicht nur die Beweislage so dünn war, sondern bei dem nicht einmal ein einziger strafrechtlicher Vorwurf erhoben wurde. Und klar, es mag Feuer sein, wo hier Rauch ausgemacht wird, aber ich bin der Überzeugung, dass wir als zivilisierte Gesellschaft besser sein müssen, als ich es als Vater bin, und mit der Vorverurteilung eines Menschen warten müssen, bis wir das Feuer sicher als solches identifiziert haben.

Denn natürlich ist ein Szenario denkbar, in dem Edathy unschuldig ist. Es mag nicht wahrscheinlich sein, aber es ist möglich, und bevor sein Ruf und sein Leben zerstört werden, sollte man sich jenseits jedes vernünftigen Zweifels sicher sein.

Nur mal als Verschwörungstheoretiker: Edathy tritt als Vorsitzender des NSU-Ausschusses reihenweise Nachrichtendienstlern auf die Füße, und plötzlich kommt der Innenminister mit Erkenntnissen befreundeter Ermittlungsbehörden, Edathys IP-Adresse wäre da im Zusammenhang mit (nicht strafbarem) Schmuddel aufgetaucht. Klingt abstrus, ist aber trotzdem irgendwie auch so passiert (derselbe Innenminister verteidigt zeitgleich dieselben befreundeten Dienst auf abstruse Weise gegen belegte Vorwürfe gigantischen Ausmaßes). Danach werden Medien mit allen möglichen Details gefüttert, die alles mögliche aussagen können, aber nicht müssen (und kommt es nur mir so vor, oder sind es besonders oft der NDR und die SZ, die von dem investigativ-Team des für seine Geheimdienstkontakte gerühmten Georg Mascolo versorgt werden?). In dieser Situation wirkt selbst die Abwesenheit von echten Beweisen plötzlich wie ein Indiz für die Schuld (er war gewarnt!). Edathy ist politisch tot und seine bürgerliche Existenz vernichtet. Niemand wird ihm irgendetwas glauben. Es heißt nicht, dass es so war, aber wenn man ihn hätte wegen irgendetwas mundtot machen wollen, dann wäre das ein perfekter Weg.

Wie gesagt, das muss alles nichts bedeuten. Es kann sein, dass er schuldig ist und aus der Stadt gejagt gehört. Aber ich wäre froh, wenn wir Rechtsstaatler genug wären, auf Beweise zu warten, bevor wir die Existenz eines Mannes zerstören. Dazu bleibt uns danach auf jeden Fall noch genug Zeit.

PS. Und wenn er meine Tochter nur schief anguckt, dann hänge ich ihn an den Eiern auf. Das gilt übrigens für alle.

Being Matussek

13. Februar 2014

Die Welt-Gruppe im Axel-Springer-Verlag hat eine Aktion über das Altern gestartet. So wie Männer in Geburtsvorbereitungsgruppen falsche Schwangerschaftsbäuche umgehängt bekommen, um mal zu fühlen, wie anstrengend das Leben für ihre Partnerinnen ist, simuliert die Welt-Gruppe in einer Reihe von Kommentaren, wie es sich anfühlt, wenn man beginnt zu denken wie ein verkalkender alter Mann.

Als Großmeister des mentalen Fatsuits wurde sogar Matthias Matussek reanimiert, der eigentlich beim Spiegel schon im journalistischen Abklingbecken seinen sklerotischen Gedanken nachhing, Youtube-Filmchen drehte und zu Großem längst nicht mehr fähig schien.

Matussek hat eine einmalige Methode, vorzuführen, wie es wäre, wenn das Denkvermögen langsam aber stetig abnähme. Dazu schreibt er Kommentare, die sich anfühlen, als würde man sich Gips in die Synapsen gießen.

Nehmen wir sein neuestes Werk, ein Kommentar, in dem eine Figur “Matussek” ihre homophobe Grundhaltung verteidigt. Sie endet in einem Crescendo aus aufsteigenden gedanklichen Blubberbläschen, so als würde Opa einfach wieder und wieder vergessen, dass er schon eine Corega-Tabs-Tablette in das Glas mit seinen Zähnen geworfen hat – und immer noch eine nachlegen.

Matussek schreibt dort

Ich lasse mir meine Gedankenfreiheit nicht nehmen, das gehört zu meinem Stolz als Publizist. Ich weiß, dass ich damit keine Beliebtheitswettbewerbe im “Grill Royal” oder anderen Szene-Tränken gewinnen werde, aber ich habe nach wie vor Reserven, wenn ich im Fernsehen zwei schwule Männer serviert bekomme, die perfekte Eltern sind und völlig normaaaal einen kleinen Jungen adoptiert haben, oder eine andere Kleine mit ihrer Liebe beschenken, die sie sich über Leihmütter in der Ukraine oder Indien organisiert haben.

Seine Gedankenfreiheit besteht hier darin, weiterhin Gedanken zu haben, die seit Jahrhunderten Männer vor ihm hatten. Insofern darf man sie hier nicht als “Die Freiheit der Gedanken” missverstehen, sondern muss sie wahrnehmen als “Freiheit von Gedanken” – was er zusätzlich deutlich macht daran, dass seine “Reserven” dann bestehen, wenn Schwule als Eltern perfekt und normal sind, obwohl sie ihre Kinder auf offenbar unnormalen Wegen bekommen, also adoptiert haben.
Das ist als Gedanke ja erst einmal nur Kritik an der Adoption, denn die schwulen Eltern beschreibt er doch als perfekt. Er meint das ironisch, aber es gibt ja hier nicht den Hauch eines Anhaltspunktes, dass sie nicht perfekt sind, außer eben der unnormalen Empfängnis, der Adoption – und die ist zunächst mal nicht homo oder hetero.*

Da blitzt sie, die Brillanz des Matussek hinter dem “Matussek”: Die Gedanken bewegen sich in engen, versandeten Gedankenbahnen, in einer Welt des Mangels, in einer Wüste – es ist das Gegenteil von der Freiheit, die wir meinen, wenn wir Gedankenfreiheit sagen. Etwas ironisch zu sagen bedeutet in der Regel, man meint etwas anderes, meist sogar das Gegenteil dessen, was man sagt – aber von Mattusseks genial parodiertem Altherrendenken existiert eben kein Gegenteil. Etwas, das normal aussieht, “normaaaaal” zu nennen, macht es eben nicht unnormal. Aber irgendwann sind wir wahrscheinlich alle zu alt, das noch zu erkennen.**

Ich glaube nicht, dass die Ehe zwischen Männern oder Frauen gleichen Geschlechts derjenigen zwischen Mann und Frau gleichwertig ist. Punkt. Nicht, dass die Veranlagung Sünde wäre – ich glaube, der liebe Gott liebt alle seine Geschöpfe. Doch ich glaube auch an die Polarität der Schöpfung und daran, dass es für Kinder wichtig ist, diese Polarität zu erleben.

Zur Polarität kommen wir gleich, nehmen wir erst den wichtigeren Punkt, der hier aufgegriffen wird. Denn Matussek greift sich hier virtuos eine der wichtigen philosophischen Fragen, die jeder Mensch, zumindest aber jeder Gläubige im Verlauf seines Alterns zu klären hat. Denn natürlich scheitert auch ein jeder Katholik letztlich an seinem eigenen Anspruch an sich selbst, niemand ist so gut, wie er sein will. Man nennt das Leben. Man muss sich selbst unter realistischem Licht betrachten und sich vergeben können, man muss Gottes Liebe und Vergebung annehmen können. Das sollte zur Demut erziehen.

Im Verlaufe der eigenen Verkalkung erreicht der alternde Gläubige da aber oft genug einen erstaunlichen Punkt, und Matussek legt mutig seinen Finger in die Wunde: Gott liebt und verzeiht allen, der verkalkende Mann aber eigentlich nur sich selbst. Seine Lebenserfahrung, seine Haltung, seine eben nicht mehr freien Gedanken zwingen ihn, auch da zu richten, wo Gott es nicht tut. Da ist dann Homosexualität für Gott okay (“Gott liebt alle”), für “Matussek” aber minderwertig und ein Vergehen an den Kindern, denen zumindest die Polarität vorenthalten wird. Der echte Matussek verpackt den Gedanken des verkalkenden “Matussek” dabei überragend komisch in einen Freudschen Versprecher der gendermäßigen politischen Überkorrektheit, indem er von “Männern und Frauen gleichen Geschlechts” redet, so als würden die Kinder in einer homosexuellen Ehe mit zwei Männern unterschiedlichen Geschlechts die von ihm geforderte Polarität durchaus erleben können. Auf der Metaebene entlarvt “Matussek” den bröckelnden Gips, der aus diesen vermeintlich freien Gedanken rieselt.

Da wirkt der Schlusssatz fast schon ein bisschen zu einfach, als ein fast zu billiges Finale, aber Matussek richtet sich an ein Massenpublikum und will sicher verstanden werden, so dass er plakativ in dem Satz endet:

Wahrscheinlich bin ich homophob wie mein Freund, und das ist auch gut so.

Mir persönlich ist das zu grell, auf den Selbsthass alternder Klemmschwestern abzuzielen, aber wenn er sein Ziel dadurch am Ende sicher trifft, soll es mir recht sein. Zwei alte Freunde, die sich ihre Liebe nie gestehen konnten …okay, irgendwie 1950er, aber was soll’s.

Der Punkt ist gemacht: Wer Homophobie so rechtfertigt wie “Matussek”, den hat Matussek nach allen Regeln der Kunst geoutet. Er hat einfach Angst vor der Welt, die er nicht mehr versteht. Und das ist irgendwie okay. Wenn Opa vom Krieg erzählen will, dann tun wir eben so, als würden wir zuhören, wenn das macht, dass er sich besser fühlt.

Sollte er allerdings nochmal Stiefel anziehen und in den Krieg ziehen wollen, müsste man ihm schon klarmachen, dass er in der Welt heut nichts mehr zu sagen hat.

*Über Katholiken und ihre Vorstellungen von Empfängnis will ich hier nicht anfangen, aber Jesus Christus hatte zwei Väter.
** Genau hier ist übrigens Harald Schmidt stehengeblieben und hat aus der besten Sendung im deutschen Fernsehen langsam aber sicher die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung der besten Sendung im deutschen Fernsehen gemacht. Ruhe sanft, alter Meister!

PS. In der ersten Fassung habe ich die Ursünde begangen und Matussek konsequent falsch geschrieben. Peimlich!

Wenn Diekmann sich korrigiert

10. Februar 2014

In der vergangenen Woche titelte die Bild “Griechen doppelt so reich wie wir”. Das war natürlich wissentlich falsch berichtet, also gelogen. Es war dann auch noch rein handwerklich-journalistisch unterhalb jedes professionellen Niveaus, weil nicht einmal ein Experte zu Wort kam, um die (fälschlich als “amtlich” deklarierten Zahlen) einzuordnen – das ging ja auch nicht, weil sie falsch waren. Allerdings hat die Bild ein  eingespieltes Verfahren, ihre Lügengeschichten nachträglich gefühlt zu rechtfertigen: Sie konfrontiert einen Angegriffenen damit und wertet die Tatsache, dass er mit der Bild überhaupt noch redet, als Beweis dafür, dass es so falsch nicht gewesen sein kann. Gemeinsam mit seinem Griechenland-Hetzbeauftragten Paul Ronzheimer (das ist der, der sich nicht traut, seine Berichterstattung mit mir zu diskutieren) flog Kai Diekmann also letzte Woche nach Athen, interviewte den griechischen Ministerpräsidenten und brachte dabei etwas unter, das auf den ersten Blick wie eine Frage zur Bild-Schlagzeile aussieht (Kai Diekmann nennt es dann auch auf Twitter so).

Tatsächlich lautet die Frage:

BILD: Laut einer Statistik der Bundesbank sind Griechen im Durchschnitt reicher als Deutsche. Was ist Ihre Meinung dazu?

Selbst Samaras kann die Implikation der Frage in Sekunden zerfetzen. Aber das ist nicht das eigentlich lustige. Viel spannender ist es, sich die Frage genau anzugucken:

“Laut einer Statistik der Bundesbank” – es geht natürlich erstens um die Europäische Zentralbank, nicht die Bundesbank (die natürlich sowieso keine Daten über griechische Vermögen hat), zweitens behaupten die Zahlen nicht, dass “Griechen” im Schnitt reicher sind, sondern griechische Privathaushalte (im Pro-Kopf-Vergleich ist das anders, und es macht einen Unterschied, weil in vielen Ländern vor allem Südeuropas mehr Menschen in einem Haushalt leben als in Deutschland), und drittens hätte man außerdem auch ruhig noch dazu anmerken können, dass nach denselben Zahlen auch Spanier, Italiener und Zyprer durchschnittlich teilweise um ein Vielfaches “reicher” wären als Deutsche (was den Unsinn noch deutlicher gemacht hätte). Noch einmal spannender wäre die Frage: Die Bild stellt diese Zahlen als angeblich “amtliche” im Februar 2014 auf den Titel, obwohl sie von 2009 stammen und im April 2013 veröffentlicht, diskutiert und als nicht aussagekräftig bewertet wurden – was ist ihre Meinung dazu? Und das ist dann überhaupt ein Knüller: “Was ist Ihre Meinung dazu” ergibt keine Sinn, wenn man nach den tatsächlichen Zahlen fragt, wie es Ronzheimer und Diekmann verdruckst tun. Die wahren Zahlen sind keine Meinung, sondern Fakten, so wie “Amtlich: Griechen doppelt so reich wie wir” keine Meinung ist, sondern eine falsche Tatsachenbehauptung. Eine Meinung dazu wäre: Wenn Sie so etwas veröffentlichen, dann sind Sie schon ein bisschen eklig!

Schiss-Reporter Ronzheimer und sein “Bart statt Rückgrat”-Chefredaktuer* Diekmann bringen es nicht über sich, ihre Fehler zuzugeben. Bizarrerweise passt das nicht einmal zu Diekmann, man würde fast erwarten, dass er in dieser Situation den offensichtlichen Fehler zugibt und so auf die ihm eigene, hipsterironische Art Glaubwürdigkeitspunkte sammelt. Aber man kann das eben nur fast erwarten, weil auch die Ironie nur eine Pose ist. Die Fehler sind so groß, zahlreich und offensichtlich, dass man den Vorsatz zur Lüge nicht wegdiskutieren kann. Kein Journalist der Welt konnte diese Zahlen aus Versehen so falsch verstehen.

Offenbar läuft in der Bild gerade eine Serie von Deutschen, die ihre Sünden gestehen. Wenn Bart Simpel auch nur halb so cool wäre, wie er tut, dann wäre es an der Zeit für ihn, da mitzutun.

 

*Chefredak-Tuer ist mein Lieblingstippfehler des Tages.

Lügen wollen.

5. Februar 2014

Man muss kein Insider sein, um die Zeichen zu erkennen: Der Geruch von Rauch in der Luft, der Smog über Athen, der heute weniger vom Autoverkehr stammt als von den Kaminfeuern, in denen die Bewohner ihre Möbel verfeuern, um wenigstens ein bisschen Wärme in die Wohnungen zu bekommen. Heizöl ist längst viel zu teuer, der Strom bei vielen Familien längst von den Elektrizitätswerken abgeklemmt, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden. Nach dem Tod der 13-jährigen Sara in Thessaloniki durch eine Rauchvergiftung gibt es Pläne, Strom an bestimmten Tagen kostenlos an die ärmsten Haushalte abzugeben, um den Smog ein bisschen zu mildern. Das ist die Lage In Griechenland. Katastrophal.

Oder, wie die Bild schreibt:

Griechen reicher als wir!

Die dazugehörige Geschichte ist ein Fanal der Lüge. Ich habe sie nur online gelesen, aber zumindest da hat sich kein Autor getraut, sie mit seinem Namen zu kennzeichnen, und das ist verständlich.

Für ihre Geschichte hat die Bild eine manchmal “Studie” genannte Erhebung der EZB aus dem letzten Jahr ausgegraben, von der die EZB warnt, sie als Studie zu betrachten und deren fehlende Aussagekraft bereits ausführlich, auch von mir, besprochen wurde. Wer sie dennoch als Grundlage einer Geschichte benutzt, der lügt vorsätzlich. Wer sie als Vorlage zu einer Geschichte benutzt, die Vorurteile gegenüber anderen – in diesem Fall auch noch: notleidenden – Menschen zu schüren, der begeht meiner Meinung nach Volksverhetzung.

“DIE GRIECHEN SIND DOPPELT SO REICH WIE DIE DEUTSCHEN!
Im Mittel verfügt ein griechischer Haushalt über 101 900 Euro Vermögen, hat die Eurobank EZB bereits 2013 ermittelt. Ein deutscher Haushalt kommt dagegen gerade mal auf 52 000 Euro.
WIE KANN DAS SEIN?
BILD sagt, warum die Griechen reicher sind

Die Inhalte sind schnell zu widerlegen. Bild sagt,

[Die Griechen] zahlen weniger Steuern!

Natürlich sagt das in echten Zahlen überhaupt nichts aus. Tatsächlich ist die Belastung durch Steuern und Sozialabgaben in Deutschland im OECD-Raum überdurchschnittlich hoch, aber das sagt über die Vermögen in den Ländern nichts aus, weil man dafür zum Beispiel die Höhe der Einkommen wissen müsste. Und, welche Überraschung, die lagen und liegen in Griechenland selbstredend so weit unterhalb der deutschen, dass auch nach Abzug aller Belastungen deutsche Lohnempfänger mehr Geld haben als griechische. Das zweifelt natürlich auch niemand an, schon gar nicht die angeführte EZB-“Studie”.

Bild sagt auch,

Sie besitzen mehr Immobilien!

Was ein ähnlicher Quatschfakt ist. In den meisten Ländern der Welt ist der Anteil der Immobilienbesitzer höher als in Deutschland. Der funktionierende deutsche Mietmarkt ist eher die Ausnahme als die Regel. In jedem afrikanischen Buschdorf ist der Anteil der Immobilienbesitzer höher als in Deutschland [Nachtrag: dämlicher Scheißsatz von mir]. Allerdings fließt der Wert der Immobilie, die jeder Grieche abzahlt, voll in die Berechnung des “Vermögens” ein. Hier entsteht ein großer Teil der verzerrenden Darstellung der “Studie” (und, nochmal, das sagen ihre Autoren auch. Jeder weiß es. Die Bild weiß es. Sie lügt aber gern). Ich besitze keine Wohnung, sondern wohne zur Miete. Meine Schwester in Athen besitzt ihre Wohnung. Meine ist beheizt. Bei ihr ist stundenweise im Wohnzimmer ein Heizlüfter an.

Meine Lieblingslüge, zu der ich hundertfach schon alles gesagt habe:

Sie kassieren mehr Rente!

Falsch. Sie kassieren sehr, sehr, sehr viel weniger Rente. Die absurden Prozentzahlen (110 Prozent des letzten Nettolohns!) entstehen, weil Rente und Pensionen in sehr vielen Fällen nur auf Grundgehälter gezahlt werden und nicht auf die Zuschläge, die oft den größeren Teil des Gehaltes ausmachen. Mein Vater ist ein griechischer Pensionär und bekommt einen Bruchteil seines letzten Nettogehaltes ausgezahlt. Aber hier lauert der nächste große Fehler der “Studie”: Während Immobilien und private Rentenvorsorge als Vermögen zählen, tun Renten- und Pensionsansprüche gegenüber dem Staat das nicht. Das heißt, weil in Griechenland die staatliche Vorsorge so niedrig ist sorgen die Menschen mehr privat vor (wieder als anekdotische Evidenz: Meine Schwester in Griechenland wird praktisch keine staatliche Rente bekommen. Sie muss für ihr Alter mehr privat vorsorgen als ich). Ein deutscher Beamter zum Beispiel hat hunderttausende Euro Pensionsansprüche, die nur technisch kein “Vermögen” sind — praktisch aber natürlich schon.

Und natürlich der wichtige Hinweis auf das südländische Gemüt:

Sie tricksen die Finanzämter aus!

Viele Griechen konnten bislang beim Einkaufen, im Restaurant die Mehrwertsteuer (23 %) prellen. Selbstständige wie Anwälte, Ärzte etc. hinterziehen bis zu 29 Milliarden Euro Steuern/Jahr – über ein Zehntel der Wirtschaftsleistung.

Und damit das klar ist: Ich halte Steuerhinterziehung für Diebstahl an der Allgemeinheit, ohne Wenn und eigentlich ohne Aber – aber hier geht es um einen Zusammenhang: Nach einer Untersuchung des Tax Justice Network, die weitestgehend auf Zahlen der Weltbank basiert, liegt Griechenland damit auf Platz 21 der Welt in Bezug auf Schäden durch Steuervermeidung. Deutschland liegt auf Platz fünf. Zu behaupten, die Griechen würden durch Steuerhinterziehung doppelt so viel Vermögen aufbauen wie die Deutschen ist ein rassistisches Vorurteil. Die griechische Mittelschicht der Lohnempfänger war nicht korrupt und ist nicht korrupt. Die deutsche Finanzelite ist es nicht weniger als die griechische. Die Alltagskorruption, über die wir in Griechenland sprechen, betrifft weit überwiegend die Bauwirtschaft (und Verwaltung) und das Gesundheitssystem, und auch hier ist der größte Teil von Konzernen (übrigens überdurchschnittlich oft deutschen) verursacht. Zu behaupten, die Steuerhinterziehung in der Gastronomie in Griechenland wäre so fundamental anders als in Deutschland, dass daraus allgemein messbare Vermögensunterschiede entstehen, zeugt von bösem Willen – so wenig über die Gastronomie wissen kann man gar nicht.

Was Bild als Argument übrigens nicht anführt, ist dass in den nach der “Studie” der EZB “reicheren” Ländern wie Griechenland, Spanien und Zypern auch noch mehr Personen in jedem Haushalt leben, deren Vermögen natürlich zusammengerechnet wird. Wenn Oma also in der Familie lebt, dann zählen ihre Lebensersparnisse mit.

Der neue, bisher eigentlich nicht unanständig wirkende FDP-Vorsitzende Christian Lindner nimmt die Einladung seiner APO-Kollegen von Bild in dem Artikel an und warnt denn auch verschwurbelt davor, den reichen Griechen auch noch Geld hinterher zu werfen. Ein einziger Tag in Griechenland könnte ihn heilen. Ein einziger Tag in Athen, an dem er sieht, wie Menschen in Autos übernachten, an Suppenküchen oder mit chronischen Krankheiten nach kostenloser Gesundheitsversorgung anstehen. Ein einziger Tag in einer Wohnung, in der eine Mutter versucht, ihre Familie warm zu bekommen, indem sie Möbel verbrennt – und dann die ganze Nacht wach sitzt um zu kontrollieren, dass ihre Kinder nicht an Rauchgasen ersticken.

Ein einziger Tag in der Realität könnte vom Lügen heilen, wenn man denn tief drinnen eigentlich die Wahrheit sagen wollte. Die Hetzer von Bild wollen es natürlich nicht. Sie schreiben nicht einmal mehr ihre Kürzel unter die Artikel. Sie diskutieren ihre Machwerke nicht in der Öffentlichkeit. Sie legen nur Gift aus und zündeln nachts.

Das ist falsch, schlecht, ekelhaft und böse. Und unnötig. Vielleicht ist es das, was mich am meisten ärgert: Man müsste nicht böse und rassistisch sein, um Zeitungen zu verkaufen. Die Geschichte der 13-jährigen Sara und so viele andere wären dafür genauso geeignet. Aber dafür müsste man sich hinabbegeben in die Realität.

Korrigierender Nachtrag: In der Urfassung der Geschichte waren zwei falsche Sätze und ein bescheuerter: Zum einen ist die Belastung durch Steuern und Sozialabgaben IN DEUTSCHLAND überdurchschnittlich hoch, also nicht nur allgemein. Und außerdem endete ein Satz in Nirvana … (Danke, H.H.). Und der Satz mit dem Buschdorf ist rassistischer Quatsch von mir, ich habe ihn als Mahnmal für Blödheit stehen lassen und markiert.

Journalisten-Bullshit-Bingo. Heute: Transparency International

3. Dezember 2013

Heute veröffentlicht die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International ihren Jahresbericht, und man kann unbesorgt Wetten darüber abschließen, dass Griechenland dabei einmal mehr als “das korrupteste Land der EU” bezeichnet werden wird.

Der Spaß dabei ist, darauf zu achten, wer denn das Thema des Jahresberichtes einigermaßen realitätsgetreu wiedergeben kann. Denn TI ist naturgemäß nicht in der Lage, echte Korruption zu messen (die meisten korrupten Menschen geben das in Befragungen nicht zu, oder, wie TI selbst schreibt: “There is no meaningful way to assess absolute levels of corruption”) und befragt stattdessen letztlich alle möglichen Menschen und Gruppen, welches Land sie für besonders korrupt halten. Dadurch schneiden Länder, deren Korruption besonders im Fokus der Berichterstattung steht, quasi automatisch schlechter ab.

Entsprechend heißt der Bericht von TI auch “Corruption Perceptions Index”, also “Korruptionswahrnehmungsbericht” und sagt aus, welche Länder für besonders korrupt gehalten werden, nicht ob sie es sind (natürlich gibt es da Korrelationen, aber es ist trotzdem ein Unterschied).

So, und jetzt mal abwarten, welcher Journalist die Unterscheidung in seiner Berichterstattung hinkriegt.

PS. Doppelt lustig: SpOn nennt das Thema zumindest einmal richtig den “vermuteten Grad der Korruption”, behandelt den Inhalt dann aber einfach als Fakten anstatt Vermutung.

PPS. Okay, die Rhein-Zeitung macht alles richtig: Sie zitiert korrekt UND schmeichelt mir!

Fachblatt für Homophobie

20. November 2013

Einen Mann im Büro verführen? Wenn junge, attraktive Frauen das machen, dann ist die BILD nicht nur dafür, sie hilft sogar dabei: Unter dem Motto “Lust auf eine Büro-Affäre? Sex-Coach pimpt Business-Mode auf” erklärt das Fachblatt für Bigotterie

Einen Großteil unserer Zeit verbringen wir am Arbeitsplatz. Es ist also wenig überraschend, dass sich hier Liebes-Beziehungen entwickeln, ein heißer Flirt oder eine Affäre. Der traditionelle Business-Look in dunklen Farben und hoch geschlossene Oberteile sind allerdings alles andere als sexy und wecken kaum die Fantasie der Herren.
BILD hat Sex-Coach Vanessa del Rae gefragt, wie sie den strengen Look auflockern würde. Als Beraterin hat sie häufig mit Klienten aus dem mittleren und gehobenen Management zu tun und kennt deren Vorlieben.

Und natürlich ist das nicht einmal ein Bruchteil der Treffer, den die Suche nach “Sex im Büro” auf bild.de ergibt. Da hat das Ressort Geifern und Sabbern einiges zu bieten.

Ganz anders ist die Sache natürlich, wenn Sie ein junger, attraktiver Mann sind und einen Mann im Büro verführen.

Dann versucht BILD nämlich alles, um mit Ihrem Privatleben Ihre Karriere zu zerstören.

BAYERISCHER LANDRAT
Sex im Amt
Mehrmals soll Michael Adam (28) einen Liebhaber zum Sex ins Landratsamt gebracht haben. Auch Drogen soll der verheiratete Politiker bei den Treffen konsumiert haben.

In der kompletten Geschichte steht nichts Berichtenswertes, das die Welt etwas anginge. Zur Erinnerung ganz kurz der einschlägige Auszug aus dem Pressekodex:

Ziffer 8 – Schutz der Persönlichkeit
Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.

Mit wem Michael Adam wo schläft hat die Öffentlichkeit nichts anzugehen. Natürlich impliziert BILD, er hätte sein Sexualleben als offen homosexueller Politiker irgendwie öffentlich gemacht (“Michael Adam, jung, schwul, evangelisch, gilt als moderner Hoffnungsträger der Bayern-SPD.”), aber dann müsste man im Intimleben eines jeden Politikers herumschnüffeln dürfen, der je seinen Partner irgendwohin mitgenommen hat. Angela Merkel ist doch offen heterosexuell, dann muss man doch auch fragen dürfen, ob sie mit Professor Sauer nicht im Kanzleramt …

Natürlich nicht.

Ich wünschte, es gäbe ein schöneres Wort für diese Ekligkeiten, die BILD treibt und bei seinen Lesern vermutet, als Homophobie. Denn man darf nie vergessen, dass es ja keine Phobie ist, die solche Leute treibt. Sie haben ja nicht vor allem Angst, sie sind vor allem Arschlöcher.

BILD-Reporter gehen dahin, wo es weh tut. Anderen weh tut.

1. November 2013

Die Hamburger Senatskanzlei hat mich eingeladen, auf einer Veranstaltung zum Thema “Europa in den Medien” mit Paul Ronzheimer zu diskutieren, dem Mann, der Griechenland öffentlichkeitswirksam die Drachme zurückgeben wollte (“Das wäre auch für unseren Euro das Beste”) und es umschreibt als “Land der Bankrotteure und Luxusrenten, Steuerhinterzieher und Abzocker.” Natürlich habe ich das sofort zugesagt. Ich würde sehr gern öffentlich mit Paul Ronzheimer diskutieren.

Aber Paul Ronzheimer kneift. Er hat seine Teilnahme an der Veranstaltung wieder abgesagt, als er hörte, dass er mit mir diskutieren soll. Er würde zwar kommen, aber nur wenn jemand anderes da säße als ich. Der Mann, von dem die markigen Zitate oben stammen, ist außerhalb seiner präpotenten Prosa ein kleiner Feigling. Ich habe ihn per Mail gefragt, ob man solche wie ihn im BILD-Stil eher Schiss-Reporter oder Reporter-Schisser nennen sollte – aber er redet ja nicht mit mir.

Dabei ist es keineswegs so, dass er grundsätzlich lässig ignoriert, was über ihn geschrieben wird. Wenn er meint, sachliche Fehler in einem Beitrag über sich entdeckt zu haben, dann schickt er auch schonmal Richtigstellungen an Blogger mit dem Hinweis, ihn doch beim nächsten Mal direkt zu fragen. Er Antwortet auch auf Fragen, die ihm Menschen auf Facebook schicken. Auf eine kritische Frage von mir reagiert er dann allerdings nicht mehr.
Paul Ronzheimer hat sich für die Veranstaltung einen angenehmeren Gegenüber erbeten, und er kriegt ihn offenbar. So kann er dann wieder Geschwurbsel abgeben wie im Studenten-Magazin Campus der Zeit, das ihn zu den demütigenden Bildern fragt, auf denen er alten, verzweifelten Omis auf dem Athener Omonia-Platz Drachmenscheine in die Hand drückt wie der reiche Onkel aus Amerika:

Ronzheimer: Ich habe viel darüber nachgedacht, und es war sicherlich Boulevard an der Grenze. Meine Idee war: Griechen auf der Straße zu fragen, was sie über eine Rückkehr zur Drachme denken. Dazu kam das Foto mit mir und den Scheinen in der Hand. Ja, das hat polarisiert. Die Entwicklung ein Jahr später gibt uns aber in der kritischen Haltung zu den Hilfsmaßnahmen recht.

Wenn er das glauben würde, könnte er es diskutieren. Aber natürlich weiß er, dass selbst wenn er inhaltlich recht hätte (hat er nicht), es nicht darum geht, sondern um die Frage, ob man als Journalist für billige Witze leidende und verängstigte Menschen demütigen und beleidigen darf. Er meint: ja, darf man – will da aber nicht öffentlich mit jemandem drüber sprechen, von dem er weiß, dass er kritischere Fragen zu erwarten hat, die er nachträglich nicht mehr redigieren kann. Etwas armseligeres habe ich von einem Erwachsenen noch nie erlebt, glaube ich. Meine beiden kleinen Töchter stehen männlicher erwachsener zu dem, was sie anstellen.

In dem Zeit Campus Interview erklärt Ronzheimer noch, warum er sich oft gerne die Zeit nimmt, Menschen zu erklären, dass BILD ja eigentlich gut ist. Ich möchte das ganz kurz wiederholen, weil es als Argumentation sehr originell ist: Ronzheimer meint, dass was er macht gut ist, weil ja die BILD gut ist. Nun ist er vielleicht nicht das schärfste Messer im Block und offenbar kein Intellektueller, aber was muss man rauchen, um so etwas zu glauben? Es ist natürlich so: Ich glaube nicht einmal, dass die BILD gut ist – aber wenn sie es wäre, dann wäre es Ronzheimer noch lange nicht.

Er ist stattdessen der Reporter-Schisser. Nicht nur schlecht, sondern auch noch feige.

 

Korrektur: Ich habe nach einigen richtigen Hinweisen das falsche Adjektiv “männlicher” gegen das korrektere “erwachsener” getauscht. Meine Töchter sind natürlich nicht männlicher, sondern mutiger, stärker und lässiger. Leider alles nicht abgedeckt durch “männlich”, sonst wäre ich das ja auch.  

Jetzt doch: Kostenlos-Kultur im Netz – die deutsche Huffington Post

16. Oktober 2013

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mich nicht provozieren zu lassen von der deutschen Huffington Post, die ich in praktisch jeder Hinsicht für unsäglichen Müll halte, aber wie das so ist: Nachdem nun die wenigen an sich normalen unter den Menschen, die für die deutsche “HuffPo” schreiben, anfangen sich zu rechtfertigen (z.B. Nico Lumma hier und Karsten Lohmeyer hat gleich seinen bisher einzigen HuffPo-Beitrag zum Thema “Rechtfertigung für seinen bisher einzigen HuffPo-Beitrag” geschrieben), fühle ich mich genötigt, ein paar Logikprobleme anzusprechen.

Kurz die Ausgangslage: Die deutsche Huffington Post will eine neue Form Journalismus bieten, an der vor allem neu ist, dass es für die Beiträge kein Honorar gibt. Stattdessen könnten Autoren die Reichweite der Plattform nutzen, auf sich Aufmerksam zu machen. Die Rechte an dem Text gehen dabei an die HuffPo (der Autor braucht eine Genehmigung, wenn er ihn z.B. auf seinem eigenen Blog auch nochmal veröffentlichen will), Kosten eventueller Rechtsstreitigkeiten bleiben am Autoren hängen.

Nico Lumma findet das irgendwie normal und nicht viel anders, als wenn er einen Gastbeitrag für die FAZ schreibt und wenn ich ihn richtig verstehe nicht einmal viel anders, als wenn er in seinen eigenen Blog schreibt. Karsten Lohmeyer findet das eine neue Art von Journalismus und zumindest das Experiment wert und “bettelt” (das schreibt er) am Ende des Artikels um bezahlte Aufträge oder zumindest darum, ihm auf Twitter zu folgen.

Ich finde, beide haben Unrecht und die Huffington Post ist in jeder Hinsicht eine Zumutung.

Und das hat ein paar sehr einfache Gründe: Die US-amerikanische Mutter der deutschen HuffPo (bei der Arianna Huffington die Herausgeberin ist und nicht Cherno Jobatey) war eine Antwort auf die durchgedrehte rechte Blogszene der Staaten. Sie bündelte politisch liberale Stimmen als Gegengewicht. Weil sie dabei immer erfolgreicher wurde, entwickelte sich daraus das Geschäftsmodell mit der unbezahlten Arbeit. Die deutsche HuffPo beginnt gleich mit dem Geschäftsmodell und lässt die Politik weg. Nico Lumma sieht in der Gründung dann auch den Versuch, eine Meinungsplattform zu etablieren. Ich kann das nicht erkennen. Ich sehe den Versuch, ein billig produziertes Anzeigenumfeld zu basteln. Das ist ein fundamentaler Unterschied, weil der Unternehmung die innere Zielsetzung fehlt. Sie ist ausschließlich funktional interessiert. Ich möchte das mal an einem Bild durchdeklinieren.

Nehmen wir an, ich wäre ein Journalist und würde für die HuffPo schreiben dürfen. Eine Bezahlung bekomme ich nicht, mein Honorar ist nur die Aufmerksamkeit, die ich generiere. Diese Aufmerksamkeit kann ich dann möglicherweise woanders zu Geld machen. Dadurch passieren zwei Dinge: Erstens mal muss ich versuchen, so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu generieren. Ich werde also jedes Mittel wählen, meine Geschichte so dramatisch wie möglich zu erzählen. Als Beispiel bietet sich wieder Lohmeyer an, dessen Überschrift ist “Steinigt mich, ich schreibe für die Huffington Post”. Und was für die einzelnen Geschichten gilt, gilt auch für die ganze Seite, die auf eine noch hässlichere Art aufgeregt ist als Rainer Brüderle am Veggie-Day. Bei näherer Betrachtung ist auch klar, warum das gar nicht anders sein kann: Wenn die deutsche HuffPo keine Agenda hat sondern nur ein Unternehmen ist, aber die meisten Autoren nicht in Geld bezahlt werden, sondern in Werbefläche für sich oder ihre Sache, dann besteht das Medium letztlich aus nichts als aneinandergeklatschten Anzeigen. Das ist nicht “Journalismus 3.0″, wie Lohmeyer es nennt, es ist haargenau das Gegenteil: Journalismus definiert sich ziemlich genau dadurch, dass er eben nicht den Inhalt des Berichts davon abhängig macht, was die Folge des Berichtes ist. Wenn ich einen Text schreibe, um damit eine bestimmte Handlung zu bewirken, ist es Werbung. Wenn ich einen Text schreibe, damit mich jemand anders bucht, für ihn einen Text zu schreiben oder einen Vortrag zu halten, dann ist es Werbung und nicht Journalismus, auch nicht Punkt null (ich möchte übrigens nie wieder hören, irgendwas wäre irgendeine Zahl Punkt null. Ich finde das affig).

Dabei ist dann auch klar, warum es sich hierbei eben nicht um ein System handelt, indem der klassische Gastbeitrag zur Regel erhoben wird. Ein Gastbeitrag setzt eine Struktur voraus, in der der Gast die Ausnahme ist – die unabhängige Stimme. Nico Lumma zum Beispiel ist eine solche unabhängige Stimme, und er erhebt sie regelmäßig zum Beispiel auf seinem Blog. Er schreibt dort und für die HuffPo, weil er bestimmte Vorstellungen davon hat, wie die Welt sein sollte, und dafür hat er natürlich lieber viel Publikum als wenig. Das ist alles gut. Aber kein Journalismus, sondern politische PR. Da habe ich überhaupt nichts gegen, ich bin sogar sehr oft seiner Meinung (Disclosure: Ich war ein paar Jahre lang gemeinsam mit ihm in der SPD), aber es ist Werbung für eine (wenn auch gute) Sache. Das kann nicht die Zukunft des Journalismus sein, weil es eben kein Journalismus ist. Wenn diese Art Beiträge aber das Herz der HuffPo sind (garniert von ein paar aufgebohrten Agenturmeldungen. In dem Moment, wo ich das hier schreibe, ist der Aufmacher unter einer Überschrift von der Größe eines Scheunentores eine eher schmierige dpa-Geschichte über die Quadratmeterzahl der Dienstwohnungen deutscher Bischöfe), dann ist das Herz der HuffPo PR und nicht Journalismus.

Und der nächste Schritt ist dann der allerwitzigste: Wenn die HuffPo-Macher Journalisten auffordern, das Schreiben für die HuffPo als Werbung für sich selbst zu betrachten, dann müssen sie nach der unternehmerischen Logik davon ausgehen, dass diese Autoren die Arbeitszeit als Werbekosten verstehen. Und Werbekosten müssen von irgendwem bezahlt werden, denn Kosten bleiben sie ja. Das Geschäftsmodell der HuffPo ist also, dass andere, klassische im Sinne von: bezahlende Medien indirekt (Lohmeyer schreibt “über Bande”) für den “Journalismus 3.0″ der HuffPo bezahlen. Uncooler geht es gar nicht, schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass die deutsche HuffPo dafür mit dem Burda-Verlag kooperiert, der so die Zerstörung seines eigenen Geschäftsmodells querfinanziert.

Das also bleibt: Die HuffPo will sich inhaltlich bestückt sehen von Leuten, die eine Werbebotschaft haben für ein – irgendein – Ziel, im Zweifel für die eigene Dienstleistung. Dabei müssen sie auch noch die Rechte an ihren Werken aufgeben. Dabei gehen die Macher explizit davon aus, dass ihre Autoren von anderen bezahlt werden. Dass ein solcher Autor per Definition eigentlich nie die innere Unabhängigkeit haben kann, die einmal die mentale Voraussetzung für Journalismus war, ist offensichtlich. Und dann führt es auch noch dazu, dass die Geschichten in ihrem Kampf um Aufmerksamkeit schreiend, blinkend und aufgetakelt daherkommen wie Olivia Jones nach zehn Herrengedecken.

Nein, ich bin nicht dafür. Ich halte das für ein obskures Unterfangen, das im US-Kontext möglicherweise sinnhaft begonnen hatte (inzwischen ist das auch nur noch eine hässliche Sammlung völlig übergeigter Überschriften und mäßig relevanter Youtube-Videos) aber hier selbst im besten Fall überwiegend, eigentlich möchte ich sagen: praktisch ausschließlich destruktive Wirkung entfalten kann und wird. Für keinen einzigen Journalisten wird es sich lohnen, kostenlos für die HuffPo zu schreiben, stattdessen wird es höchstens eine Abwurfstelle für professionelle, anderweitig bezahlte Meinung-Haber und -Äußerer sein.

HuffPo, mach es dir doch einfach selbst.

 

PS. Um das ganze noch ein bisschen meta zu machen freue ich mich, dass die Kollegen von Carta diesen Beitrag crossposten. Das ist nämlich der Unterschied: Ich kann hier machen, was ich will – und es gehört mir auch hinterher noch. Die Redaktion von Carta kann kuratieren, was zu ihrer Linie passt, und ich kriege ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für mein Weltbild. So wird ein Schuh draus. Allerdings natürlich auch kein Geschäft.

Lieber Journalismus, wir müssen reden

4. August 2013

Die Branche, jeder weiß das, ist durch und durch korrupt. Fast kann man sagen, dass es schon eher die Ausnahme ist, wenn irgendwo das drinsteht, was außen angepriesen wird. Die Produkte sind oftmals unter nachlässigsten Bedingungen produziert, von Menschen, die gerade noch so das Nötigste dafür bekommen, an Mitteln und an Bezahlung. Quantität geht weit über Qualität, und der allergrößte Teil der Kundschaft ist ohnehin an nichts interessiert als daran, möglichst nichts für die Produkte zu bezahlen. Und obwohl neue Technik das gesamte Gewerbe in den letzten Jahrzehnten revolutioniert hat, werden nicht nur die Möglichkeiten kaum ausgeschöpft, selbst althergebrachte Standards werden pausenlos unterlaufen: weil es alle machen; weil die Ausbildung so schlecht ist, dass an sich Ungeheuerliches normal erscheint; oder weil echte Kriminelle am Werk sind. Allen Sonntagsreden zum Trotz verschwinden die letzten verbliebenen Qualitätsproduzenten von diesem Scheiß-egal-Markt, weil niemand ihre Arbeit honoriert. Es könnte sein, dass bald kein einziger mehr übrig ist. Das ist nicht einmal unwahrscheinlich.

Die Rede ist von Olivenöl, dem eigentlich schönsten Produkt der Welt. Wovon denn  sonst?

Bleiben Sie kurz bei mir: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift BEEF ist eine Geschichte, die ich geschrieben habe, über Olivenöl. Oder, wenn man es genauer nimmt, über die Suche ganz verschiedener Männer nach dem besten Olivenöl der Welt – weil wir in Wahrheit nach Jahrtausenden erst langsam in die Position kommen, das ganze Potenzial dieses einzigen Fruchtsaftes unter den Ölen wirklich auszuschöpfen (Olivenöl war über Jahrtausende zwar wertvolle Medizin, Brennstoff und rituelle Substanz, aber keine Nahrung. Es war bis zur Einführung der Zentrifuge in die Mühlentechnik in den Siebzigerjahren sowieso von Anfang an ranzig).
Die Recherche für diese Geschichte begann vor anderthalb Jahren, als ich Conrad Bölicke kennenlernte: Wahrscheinlich der deutsche Olivenölpapst, in jedem Fall ein Mann, der unvorstellbar viel über die Materie weiß. Vor 18 Jahren hat er eine Firma gegründet, die Spitzenöle kleiner, feiner und wie ich gleich noch erläutern werde auch sonst besonderer Produzenten direkt vermarktet. Das System funktioniert in etwa so: Er bezahlt den Produzenten mehr, als sie beim Verkauf an die üblichen Konzerne verdienen würden, und über die Direktvermarktung bleiben die Öle trotzdem für die Endkunden bezahlbar.

Das ist der erste Schritt. Es kommen zwei noch wichtigere: Zum einen bietet das Konzept die Möglichkeit, dass die Kunden die Produzenten (medial und bei Veranstaltungen auch direkt) selbst kennenlernen können. Und zweitens verpflichtet sich jeder Produzent einem großen Ziel: Immer besser zu werden. Denn tatsächlich gibt es immer noch keine Olivenfachschulen in Europa, werden die Mühlen immer noch betrieben von Mechanikern, die viel über Maschinen wissen und wenig über Oliven, und gleichzeitig denkt jeder Grieche, Spanier und Italiener, er oder zumindest sein Onkel machten ohnehin das beste Öl der Welt, zu lernen gäbe es da nichts mehr. Deshalb braucht es die besonderen Produzenten: Sie stellen sich zunächst mal gegen eine ganze Kultur. Im Ernst und bei allerZurückhaltung: Die Geschichte in BEEF ist wirklich ganz interessant.

Aber mich beschäftigt dabei noch etwas anderes: Die Art und Weise dieser Männer, mit der (ewigen) Krise ihrer Branche umzugehen. Sie machen nämlich die Dinge ganz einfach so, wie sie sein sollten: Sie stellen die höchste Qualität her, verbessern sich dabei trotzdem immer weiter und finden die Kunden, die tatsächlich bereit sind, für die ehrliche Qualität zu bezahlen. Das ist das eine. Das andere ist: Alle Kunden, die nicht bereit sind dafür zu bezahlen, fressen den Scheißdreck, der als Olivenöl verpackt im Supermarkt steht.* Mir persönlich kommt das bekannt vor: Es ist der Weg, der im Journalismus seit Jahren behauptet wird. Aber so wenig, wie aus minderwertigem Lampantöl “Extra Vergine” wird, nur weil man in Brüssel so lange lobbyiert, bis es legal ist (doch!), so wenig wird aus Quatsch “Qualitätsjournalismus”, nur weil man es behauptet.

Aber das ist nur der erste Gedanke, das erste Gefühl, das auftaucht, wenn man in einem Olivenhain in der Nähe von Korinth steht, über das Land sieht und fast schon körperlich spürbar all das einatmet, was der Olivenbaum und seine Frucht bedeuten. Sie sind in jeder Hinsicht Nahrung, sind Kulturgut, das Symbol und gleichzeitig die Erfüllung dessen, wofür es steht: Nahrung und Lebensgrundlage, gleichzeitig prägend für und geprägt von ihrer Heimat. Ihre Geschichte ist so reich, dass man praktisch jede andere Geschichte der Welt damit verknüpfen kann. Man könnte die ganze Geschichte der südeuropäischen Krise an der Olive entlang erzählen, wenn man wollte. Natürlich könnte man das: Sie ist das wahre Leben. Es macht einen Unterschied, ob es den Oliven gut geht oder nicht. So wie es für die Menschen einen Unterschied macht, ob sie echtes, ehrliches Olivenöl essen oder nicht**.

So wie es für die Verfasstheit jeder Gesellschaft wichtig ist, dass die echten, ehrlichen Informationen fließen. Die Frage, die sich dabei aufdrängt – mir aufdrängt – ist: Sind Journalisten da noch die richtigen? Wenn diese Männer, Conrad Bölicke zum Beispiel, oder Dimitrios Sinanos, der Olivier in Korinth, wenn sie ihr Produkt herstellen, dann machen sie den Boden besser. Wenn sie es verkaufen, machen sie ihr Dorf besser, ihre Gemeinde, sie machen das Leben ihrer Kunden besser. Und wenn sie darüber reden, wie und warum sie es machen, dann transportieren sie Werte, die nach meiner Erfahrung in meiner Branche, dem Journalismus, in den vergangenen Jahren immer lauter behauptet und immer weniger gelebt wurden.

Ich habe nichts anderes gelernt als meinen Beruf, deshalb kam es für mich sehr überraschend, als Conrad mich vor kurzer Zeit gefragt hat, ob ich in meinem Leben nicht noch einmal etwas Vernünftiges machen will: das, was er macht. Wenn man ihn fragt dann heißt das eigentlich: Die Welt ein bisschen mehr so machen, wie sie sein sollte.

Journalist bleibt man ja irgendwie für immer. Ich auch. Aber jetzt eben vor allem im Herzen, in der Realität nur in sehr ausgewählten Fällen.***

Wenn Sie, wenn Ihr, aber ein echtes, ehrliches, großartiges, aufregendes, besonderes Olivenöl sucht – und das sollte jeder tun –, dann gerne bei arteFakt, denn da bin ich ab sofort und verbinde meine Liebe zum Mittelmeer, zum Essen, zur Kultur und nicht zuletzt auch irgendwie die zur Kommunikation mit meinem Lebensunterhalt.

Ich werde an dieser Stelle davon berichten. Wünscht mir Glück.

HainKlenia

 

*(und damit meine ich nicht nur die ganzen Öle, die in den Tests durchfallen. Selbst die besseren Supermarktöle sind regelmäßig nur durch die lächerliche EU-Olivenölverordnung überhaupt legal als “extra nativ” im Handel. In Wahrheit ist das sehr oft minderwertiger Schmodder).

**(all die Wunder, die Olivenöl in Bezug auf Herz und Gefäße zugesprochen werden sind wahr – wenn man gutes Öl isst. Und Öl kann noch viel mehr).

***(das sind zunächst mal meine Kolumnen in GQ und Emotion, zwei Redaktionen, denen ich sehr dankbar bin und die meinen Schritt mit amüsiertem Interesse verfolgen).