DIE WELT möchte lieber nicht, dass Griechen wählen

29. Dezember 2014

Vor den letzten Parlamentswahlen in Griechenland im Juni 2012 gab es mehr oder weniger subtile Versuche aus Deutschland, dem griechischen Wahlvolk deutlich zu machen, dass es bloß nicht die „Linksradikalen“ (was die in Deutschland gängige und irreführende Übersetzung von „Koalition der Radikalen Linken“ ist) wählen dürfe. Bundesfinanzminister Schäuble warnte, dass alles andere als der bereits beschlossene Sparkurs sowieso nicht infrage käme, und viele griechische Wähler verstanden das als Drohung, im Falle eines Wahlsieges der Linken drohe Griechenland der Rauswurf aus dem Euro.

Nun wird der Sparkurs seit Jahren umgesetzt und hat katastrophale Folgen mit sich gebracht. Man könnte sagen, die Voraussagen aller Fachleute außerhalb vom IWF und den Wirtschaftsressorts von WELT und Focus haben sich bewahrheitet. Weil angesichts dieser Tatsachen subtile Drohungen offensichtlich nicht mehr helfen, greift man bei der WELT jetzt offen zu den Waffen und fordert die europäischen Regierungschefs auf, endlich aggressiv das griechische Wahlergebnis zu beeinflussen.

Aufmacher auf Welt.de war folgerichtig am Nachmittag ein Kommentar des Wirtschafte-Ressortleiters Olaf Gersemann, der schon in der Überschrift fordert:

Euro-Länder müssen den Griechen mit Rauswurf drohen

Nochmal zum Genießen: Die Euro-Länder müssen den Griechen (also: den griechischen Wählern) mit Rauswurf drohen, wenn sie falsch wählen? Diese nervige Demokratie muss denen im hypermodernen WELT-Newsroom schon gewaltig auf die Nerven gehen. Sowas geht online?

Abgesehen davon, dass das die Verträge gar nicht zulassen: Ich könnte Olaf Gersemann die völlige Unkenntnis des griechischen Reformprozesses einigermaßen verzeihen, obwohl ein klügerer Mensch an seiner Stelle dann vielleicht gar nicht drüber schreiben würde. Die dickhodig-antidemokratische Haltung ist schon überragend ekelhaft. Aber dass es jemand tatsächlich fertigbringt, die anstehenden Neuwahlen in Griechenland zu kommentieren, ohne mit einem einzigen Wort auf die Lage in Griechenland einzugehen, ist so absurd menschenverachtend, dass es mich ernsthaft schockiert.

Wer DIE WELT verstehen will, muss sich offensichtlich möglichst weit von der Welt entfernen.

18 Kommentare

Dass DIE WELT ein Problem mit elementaren Prinzipien der Demokratie hat, ist nichts neues.

by freiwild on 29. Dezember 2014 at 16:23. #

Was für eine Katastrophe!

by mikis on 29. Dezember 2014 at 16:25. #

Lieber Michalis Pantelouris,
wir hatten ja eben schon mal kurz das Vergnügen. Fairerweise verweise ich darum gerne auch hier nochmal auf unseren Dialog drüben bei Twitter (https://twitter.com/MichPant/status/549570487677091841). Es ist nämlich nicht so, dass „DIE WELT“ da irgendetwas fordert, sondern EIN Autor mit EINER Meinung, die eindeutig als solche gekennzeichnet ist. Wir schätzen unsere Binnenpluralität, die dazu führt, dass auch solche Kommentare bei uns ihren Platz finden: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article135361042/Griechen-liefern-was-Paris-und-Rom-nicht-schaffen.html Und die dürfte es ja nicht geben, wenn das, was Sie dort oben schreiben, tatsächlich so uneingeschränkt stimmen würde.
Wie gesagt – inhaltlich mag man über den Kommentar vielleicht streiten. Genau das ist ja aber auch Sinn und Zweck eines Kommentars.
Beste Grüße
Martin Hoffmann
Leiter Social Media DIE WELT

by Martin Hoffmann on 29. Dezember 2014 at 16:37. #

Lieber Martin Hoffmann,

mal abgesehen davon, dass die Meinung des Wirtschafts-Ressortleiters lebensnah nicht „irgendeine Meinung“ sein sollte, schützt das Argument der Binnenpluralität nicht vor der Verantwortung, dass man als Medium das, was da gesagt wird, für eine diskussionswürdige Meinung hält. Wähler zu bedrohen ist ist undemokratisch, und das zu fordern hält die WELT für eine diskussionswürdige Meinung? Dann sage ich mal meine Meinung: Das ist richtig, richtig eklig.

by mikis on 29. Dezember 2014 at 16:53. #

Binnenpluralität in der Medienlandschaft ist eine Grundvoraussetzung für eine demokratische Gesellschaft. Aber die Meinungen von Journalisten in der heutigen zeit bringt macht mich oft sehr nachdenklich. Aber gut.

Die griechische Bevölkerung wird wählen so wie sie es möchte.
Nach ihrem Empfinden, ihrer Erwartungen, ihrer Enttäuschungen. Und vielleicht wird es ein griechisches Drama geben. Dann aber, folgt auch das europäische Drama ;-).

Mit besten Grüßen

by Poseidon on 29. Dezember 2014 at 17:08. #

Tja, liebe welt* – ihr bestätigt wirklich (erneut) jedwedes Urteil was man über Euch (und andere Journaille) jemals haben konnte. Andererseits: Es macht Spaß, Euch beim Untergang zuzugucken. Lebt wohl!

*mit Absicht kleingeschrieben. Gerngeschehen!

by Hardy on 29. Dezember 2014 at 20:11. #

Wenn es in der heutigen und mächtigen Medienlandschaft denn noch so etwas wie eine Meinunspluraität geben würde, wäre das doch super! Leider ist dem aber nicht mehr so. Die Menschen in Griechenland, wenn diese so wählen wie prognostiziert, sind es leid von immer denselben Parteien regiert zu werden dessen Vertreter offenkündig nicht in der Lage waren ein Land verantwortungsvoll zu regieren. Aber das die EU dazu beigetragen hat, dass es in Griechenland instabil ist (politisch, sozial und wirtschaftlich) wird nicht erwähnt. Dabei ist es das Einmaleins der Volkswirtschaft, dass Steuererhöhungen in diesen unfassbaren Größen zum Verderb eines Volkes führen muss (nicht kann). Was die EU in GR veranstaltet in großen Teilen schlecht für Hellas. Daher hat die EU die Lage also deutlich mit zu verantworten und nun soll nun laut der Meinung des Chefredakteurs von DIE WELT Druck auf GR machen? Schizophrenie.

by Ralph Urban on 29. Dezember 2014 at 20:32. #

Die Meinungsfreiheit ist ein der Demokratie dienendes Grundrecht. Hier beruft sich der Leiter Social Media der DIE WELT auf „Meinungsfreiheit“. In dem veröffentlichten Artikel geht es um eine „Meinung“, nach der man den Wählern in Griechenland die „freie Wahl“ nehmen sollte (…eine ernstzunehmende Drohkulisse im Wahlkampf aufbauen…). Die freie Wahl, das sollte man nicht vergessen, ist eine essentielle Ausprägung der Demokratie . Mit einfachen Worten: diese „Meinung“ mag eine Meinung sein; sie dient aber NICHT der Demokratie, sondern fordert das Beschneiden von Demokratie, nämlich frei wählen zu dürfen.

by Katerina on 29. Dezember 2014 at 21:58. #

Ich weiss nicht, ob nur DIE WELT nicht möchte, dass die Griechen wählen. Laut Umfragen in Griechenland sind ca. 60% der Griechen gegen vorgezogene Neuwahlen. Es kommt also jetzt zu Wahlen, die eine deutliche absolute Mehrheit der Wähler gar nicht möchte. Und das in der Wiege der Demokratie!

by Klaus Kastner on 30. Dezember 2014 at 11:17. #

Heyyyyyyy Miki,

ob dieser „Bericht über die Untersuchung über die Rolle und die Tätigkeiten der Troika (EZB, Kommission und IWF) in Bezug auf Programmländer des Euroraums“ jemals in der deutschen (Oligarchen-) Presse erwähnt wird?

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+REPORT+A7-2014-0149+0+DOC+XML+V0//DE&language=de

Ich glaube nicht

by Lina on 30. Dezember 2014 at 17:45. #

Klaus kastner ist übrigens bei Varoufakis bekannt. LOL
Wär schön, wenn er sich genauso leidenschaftlich den hiesigen zum Himmel stinkenden Missständen widmen würde….

by Lina on 30. Dezember 2014 at 18:07. #

Du bist so ein Dummschwätzer, diese ganze Sparpolitik ist ein Run auf einen Abgrund zu. Leider gibt es zu viel Blinde, die dieses nicht erkennen! Lass deine Kommentare lieber, sie bringen wirklich keinen Weiter sondern stürzen uns noch tiefer in das Loch! Mach deine Augen auf, dieser Unsinn läuft schon 40 Jahre und seit dem ist es nicht besser geworden, sondern alle Länder der Welt sind pleite. Seid ihr eigentlich ganz normal, dass ihr vor lauter Wald die Bäume nicht mehr seht? Macht die Augen auf, und schaut mal in die Statistik, die Verschuldung Deutschland seit Mitte der siebziger Jahre. Da ist für jeden erkennbar, dass uns die Sparpolitik in diese Schieflage gebracht hat. Wir haben sowohl bei den Politiker als auch bei den Journalisten nur noch Dummköpfe.

by Peter Halvensleben on 2. Januar 2015 at 07:48. #

Die Wahl zu haben bedeutet nicht, vor Konsequenzen gefeit zu sein. Eine „ernstzunehmende Drohkulisse“ beschneidet nicht die Freiheit der Wahl, genauso wenig wie die soziale Ächtung nach Kundgabe einer sozial geächteten Meinung die Meinungsfreiheit beschneidet. Etwas anderes gilt, wenn die jeweilige Staatsgewalt Konsequenzen androht. Aus der Sicht der Griechen sind das aber nicht die anderen europäischen Regierungen, sondern nur ihre eigene und vielleicht noch die EU-Kommission.

by dot on 3. Januar 2015 at 01:07. #

[…] DIE WELT verstehen will, muss sich offensichtlich möglichst weit von der Welt entfernen". Link (Blogbeitrag, ca. 3 […]

by Linkschau vom 04.01.2015 | textfetzen on 4. Januar 2015 at 18:02. #

Vielleicht willst Du bei Gelegenheit mal was zu Tsipras schreiben. Die aktuelle Griechenland-Berichterstattung lässt einen etwas ratlos zurück derzeit.

by jokahl on 2. Februar 2015 at 16:36. #

Wir sollten unsere Verbrecher Junta langsam verhaften und ins Gefängnis stecken. Die Wollen es nicht merken, dass deren Politik voll gegen die Wand läuft. Es gibt keinen Wachstum, deshalb mussten ja auch die Löhne runter. Wachstum ist ein Lüge, wir stehen schon Jahrzehnte auf der Stelle. Der einzige Wachstum den es gibt, ist an der Börse, das auf die Kosten der Allgemeinheit. Diese Regierung ist eine Verbrecherregierung, die das ganze Volk schädigt, wenn wir sie weiter agieren lassen, dann zerstören sie ganz Europa.

Ich hoffe, es gibt wenigsten 1 Leber hier, der sich die Geschichte in der Sparpolitik mal in der Statistik verfolgt. Seit 1975 ist die Sparpolitik voll gegen die Wand gelaufen, im Gegenteil, je mehr gespart wurde, desto höher stiegen die Schulden. Es wird Zeit, das wir diesen Unsinn beenden! Es ist kaum noch Kitten, aber wir sollten es versuchen! SCHLUSS MIT DER SPARPOLITIK IN EUROPA, ABER INSBESONDERE AUCH IN DEUTSCHLAND.

by Peter Halvensleben on 3. Februar 2015 at 06:12. #

Ich möchte damit sagen, die Sparpolitik ist ein Verbrechen an Millionen Bürger! Schluss damit. Arbeitsplätze haben Vorrang vor der Sparpolitik! Schluss mit der Arbeitslosigkeit. Ich wende mich auch gegen die Gewerkschaften, denen ist in den achtziger Jahren schon vorgeworfen habe, das sie nicht die Interessen der Bürger vertreten. Sie haben, als SPD Mitglieder diese Sparpolitik mit geschaffen und haben somit millionenfache Arbeitslosigkeit geschaffen. Ich rufe die Gewerkschaft auf, ihren jahrzehntelangen Irrtum einzusehen und mit für eine Änderung einzutreten. SCHLUSS MIT DER SPARPOLITIK IN EUROPA, ABER INSBESONDERE AUCH IN DEUTSCHLAND.

by Peter Halvensleben on 3. Februar 2015 at 06:28. #

[…] * Michalis Pantelouris zu diesem ‚Weltmann': „Ich könnte Olaf Gersemann die völlige Unkenntnis des griechischen Reformprozesses einigerma… […]

by stilstand» Blogarchiv » Mutti wird Taufpatin on 10. Juli 2015 at 11:21. #

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