Lügen wollen.

Man muss kein Insider sein, um die Zeichen zu erkennen: Der Geruch von Rauch in der Luft, der Smog über Athen, der heute weniger vom Autoverkehr stammt als von den Kaminfeuern, in denen die Bewohner ihre Möbel verfeuern, um wenigstens ein bisschen Wärme in die Wohnungen zu bekommen. Heizöl ist längst viel zu teuer, der Strom bei vielen Familien längst von den Elektrizitätswerken abgeklemmt, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden. Nach dem Tod der 13-jährigen Sara in Thessaloniki durch eine Rauchvergiftung gibt es Pläne, Strom an bestimmten Tagen kostenlos an die ärmsten Haushalte abzugeben, um den Smog ein bisschen zu mildern. Das ist die Lage In Griechenland. Katastrophal.

Oder, wie die Bild schreibt:

Griechen reicher als wir!

Die dazugehörige Geschichte ist ein Fanal der Lüge. Ich habe sie nur online gelesen, aber zumindest da hat sich kein Autor getraut, sie mit seinem Namen zu kennzeichnen, und das ist verständlich.

Für ihre Geschichte hat die Bild eine manchmal „Studie“ genannte Erhebung der EZB aus dem letzten Jahr ausgegraben, von der die EZB warnt, sie als Studie zu betrachten und deren fehlende Aussagekraft bereits ausführlich, auch von mir, besprochen wurde. Wer sie dennoch als Grundlage einer Geschichte benutzt, der lügt vorsätzlich. Wer sie als Vorlage zu einer Geschichte benutzt, die Vorurteile gegenüber anderen – in diesem Fall auch noch: notleidenden – Menschen zu schüren, der begeht meiner Meinung nach Volksverhetzung.

„DIE GRIECHEN SIND DOPPELT SO REICH WIE DIE DEUTSCHEN!
Im Mittel verfügt ein griechischer Haushalt über 101 900 Euro Vermögen, hat die Eurobank EZB bereits 2013 ermittelt. Ein deutscher Haushalt kommt dagegen gerade mal auf 52 000 Euro.
WIE KANN DAS SEIN?
BILD sagt, warum die Griechen reicher sind

Die Inhalte sind schnell zu widerlegen. Bild sagt,

[Die Griechen] zahlen weniger Steuern!

Natürlich sagt das in echten Zahlen überhaupt nichts aus. Tatsächlich ist die Belastung durch Steuern und Sozialabgaben in Deutschland im OECD-Raum überdurchschnittlich hoch, aber das sagt über die Vermögen in den Ländern nichts aus, weil man dafür zum Beispiel die Höhe der Einkommen wissen müsste. Und, welche Überraschung, die lagen und liegen in Griechenland selbstredend so weit unterhalb der deutschen, dass auch nach Abzug aller Belastungen deutsche Lohnempfänger mehr Geld haben als griechische. Das zweifelt natürlich auch niemand an, schon gar nicht die angeführte EZB-„Studie“.

Bild sagt auch,

Sie besitzen mehr Immobilien!

Was ein ähnlicher Quatschfakt ist. In den meisten Ländern der Welt ist der Anteil der Immobilienbesitzer höher als in Deutschland. Der funktionierende deutsche Mietmarkt ist eher die Ausnahme als die Regel. In jedem afrikanischen Buschdorf ist der Anteil der Immobilienbesitzer höher als in Deutschland [Nachtrag: dämlicher Scheißsatz von mir]. Allerdings fließt der Wert der Immobilie, die jeder Grieche abzahlt, voll in die Berechnung des „Vermögens“ ein. Hier entsteht ein großer Teil der verzerrenden Darstellung der „Studie“ (und, nochmal, das sagen ihre Autoren auch. Jeder weiß es. Die Bild weiß es. Sie lügt aber gern). Ich besitze keine Wohnung, sondern wohne zur Miete. Meine Schwester in Athen besitzt ihre Wohnung. Meine ist beheizt. Bei ihr ist stundenweise im Wohnzimmer ein Heizlüfter an.

Meine Lieblingslüge, zu der ich hundertfach schon alles gesagt habe:

Sie kassieren mehr Rente!

Falsch. Sie kassieren sehr, sehr, sehr viel weniger Rente. Die absurden Prozentzahlen (110 Prozent des letzten Nettolohns!) entstehen, weil Rente und Pensionen in sehr vielen Fällen nur auf Grundgehälter gezahlt werden und nicht auf die Zuschläge, die oft den größeren Teil des Gehaltes ausmachen. Mein Vater ist ein griechischer Pensionär und bekommt einen Bruchteil seines letzten Nettogehaltes ausgezahlt. Aber hier lauert der nächste große Fehler der „Studie“: Während Immobilien und private Rentenvorsorge als Vermögen zählen, tun Renten- und Pensionsansprüche gegenüber dem Staat das nicht. Das heißt, weil in Griechenland die staatliche Vorsorge so niedrig ist sorgen die Menschen mehr privat vor (wieder als anekdotische Evidenz: Meine Schwester in Griechenland wird praktisch keine staatliche Rente bekommen. Sie muss für ihr Alter mehr privat vorsorgen als ich). Ein deutscher Beamter zum Beispiel hat hunderttausende Euro Pensionsansprüche, die nur technisch kein „Vermögen“ sind — praktisch aber natürlich schon.

Und natürlich der wichtige Hinweis auf das südländische Gemüt:

Sie tricksen die Finanzämter aus!

Viele Griechen konnten bislang beim Einkaufen, im Restaurant die Mehrwertsteuer (23 %) prellen. Selbstständige wie Anwälte, Ärzte etc. hinterziehen bis zu 29 Milliarden Euro Steuern/Jahr – über ein Zehntel der Wirtschaftsleistung.

Und damit das klar ist: Ich halte Steuerhinterziehung für Diebstahl an der Allgemeinheit, ohne Wenn und eigentlich ohne Aber – aber hier geht es um einen Zusammenhang: Nach einer Untersuchung des Tax Justice Network, die weitestgehend auf Zahlen der Weltbank basiert, liegt Griechenland damit auf Platz 21 der Welt in Bezug auf Schäden durch Steuervermeidung. Deutschland liegt auf Platz fünf. Zu behaupten, die Griechen würden durch Steuerhinterziehung doppelt so viel Vermögen aufbauen wie die Deutschen ist ein rassistisches Vorurteil. Die griechische Mittelschicht der Lohnempfänger war nicht korrupt und ist nicht korrupt. Die deutsche Finanzelite ist es nicht weniger als die griechische. Die Alltagskorruption, über die wir in Griechenland sprechen, betrifft weit überwiegend die Bauwirtschaft (und Verwaltung) und das Gesundheitssystem, und auch hier ist der größte Teil von Konzernen (übrigens überdurchschnittlich oft deutschen) verursacht. Zu behaupten, die Steuerhinterziehung in der Gastronomie in Griechenland wäre so fundamental anders als in Deutschland, dass daraus allgemein messbare Vermögensunterschiede entstehen, zeugt von bösem Willen – so wenig über die Gastronomie wissen kann man gar nicht.

Was Bild als Argument übrigens nicht anführt, ist dass in den nach der „Studie“ der EZB „reicheren“ Ländern wie Griechenland, Spanien und Zypern auch noch mehr Personen in jedem Haushalt leben, deren Vermögen natürlich zusammengerechnet wird. Wenn Oma also in der Familie lebt, dann zählen ihre Lebensersparnisse mit.

Der neue, bisher eigentlich nicht unanständig wirkende FDP-Vorsitzende Christian Lindner nimmt die Einladung seiner APO-Kollegen von Bild in dem Artikel an und warnt denn auch verschwurbelt davor, den reichen Griechen auch noch Geld hinterher zu werfen. Ein einziger Tag in Griechenland könnte ihn heilen. Ein einziger Tag in Athen, an dem er sieht, wie Menschen in Autos übernachten, an Suppenküchen oder mit chronischen Krankheiten nach kostenloser Gesundheitsversorgung anstehen. Ein einziger Tag in einer Wohnung, in der eine Mutter versucht, ihre Familie warm zu bekommen, indem sie Möbel verbrennt – und dann die ganze Nacht wach sitzt um zu kontrollieren, dass ihre Kinder nicht an Rauchgasen ersticken.

Ein einziger Tag in der Realität könnte vom Lügen heilen, wenn man denn tief drinnen eigentlich die Wahrheit sagen wollte. Die Hetzer von Bild wollen es natürlich nicht. Sie schreiben nicht einmal mehr ihre Kürzel unter die Artikel. Sie diskutieren ihre Machwerke nicht in der Öffentlichkeit. Sie legen nur Gift aus und zündeln nachts.

Das ist falsch, schlecht, ekelhaft und böse. Und unnötig. Vielleicht ist es das, was mich am meisten ärgert: Man müsste nicht böse und rassistisch sein, um Zeitungen zu verkaufen. Die Geschichte der 13-jährigen Sara und so viele andere wären dafür genauso geeignet. Aber dafür müsste man sich hinabbegeben in die Realität.

Korrigierender Nachtrag: In der Urfassung der Geschichte waren zwei falsche Sätze und ein bescheuerter: Zum einen ist die Belastung durch Steuern und Sozialabgaben IN DEUTSCHLAND überdurchschnittlich hoch, also nicht nur allgemein. Und außerdem endete ein Satz in Nirvana … (Danke, H.H.). Und der Satz mit dem Buschdorf ist rassistischer Quatsch von mir, ich habe ihn als Mahnmal für Blödheit stehen lassen und markiert.

101 Antworten auf „Lügen wollen.“

  1. Tweet von heute, Mittwoch, 12 Uhr:
    Paul Ronzheimer ‏@ronzheimer
    Von Kiew nach Athen: Für einen Tag mit @DanielBiskup @KaiDiekmann bei meinen griechischen Freunden @bild pic.twitter.com/vVIJv41ih1

  2. Bravo und Danke, Michalis.

    Ich hatte wirklich gehofft, dass diese unselige „Studie“ nicht wieder ausgegraben wird. Und dass ich mir nicht werder den Mund fusselig reden muss, um diversen Bekannten, Verwandten oder auch Kunden zu erklären, was für eine üble Hetze das ist, die da betrieben wird. Zudem ist das Ganze ja auch rein logisch gesehen hanebüchener Quatsch: Das Lohnniveau ist in Griechenland in den letzten 50 Jahren (oder mehr) nie höher gewesen als in Deutschland, und die Drachme war zumeist inflationär – wo sollen diese fiktiven hohen Vermögen also herkommen?

    Dein neuer Text wird mir dabei helfen, ein bisschen Energie zu sparen…

    HH

  3. Keep fighting, Michalis.
    Es ist wichtig, immer und immer wieder die Fakten – die BILD-befreite Wahrheit also – der chronischen Griechenland-Hetze entgegenzuhalten.
    Du machst das so unermüdlich und mit der nötigen Akribie. Großes Lob – und unbedingt weiter so!

  4. Als mir die „Bild“-Schlagzeile heute früh aus dem Zeitschriftenständer ins Gesicht sprang, wusste ich, ich brauche mir den Artikel nicht anzutun, weil Du mit dem Widerlegen bist als ich mit dem Lesen. Nach der Lektüre des „Bild“-Ergusses muss ich sagen: Okay, sie lügen, aber könnten sie es nicht wenigstens etwas weniger dreist tun? Ich fühle mich da intellektuell nicht ernst genommen.

  5. Wieso „keine Kürzel“? In meiner Ausgabe iPhone-PDF stehen dort „jan“ und „hoe“ als Autoren…

  6. Ich werde nie verstehen, dass egal welche Vereinigung eine „Studie mit Zahlen“ rausbringt, diese nicht vergleichbar macht!

    Alleine die Veröffentlichung mit der Warnung, diese nicht als Studie zu verwenden ist schon fahrlässig! Ob man das nun Populismus, Diskriminierung oder absichtliche Irreführung nennt, kann sicherlich diskutiert werden!

    Man darf sich fragen, welchen Zweck diese Veröffentlichung, mit so einem Kommentar dienen soll.

  7. @Matthias: Danke, ich kann bei mir keine Kürzel sehen. „hoe“ ist dann Dirk Hoeren, der Brüssel-Korrespondent, was die Ahnungslosigkeit mehrfach ekelhaft macht. „jan“ kenne ich nicht.

  8. Danke fürs Auseinandernehmen der BILD-Hetze!

    Das Lügen ist das eine. Das Totschweigen von Hintergründen ist das andere. Auch wir Deutschen sind ja im Schnitt alle stinkreich. Von der BILD kann man es nicht erwarten, aber schade, dass die Fragen auch sonst nicht gestellt werden: Wie sieht es denn jenseits dieser Durchschnittswerte aus? Was sind denn die Ursachen für die auch hierzulande zunehmend ungleiche Verteilung der Vermögen?

    Passend dazu, wenn auch schon dreieinhalb Jahre alt:
    „Die Reichen, nicht die Griechen“
    http://www.humane-wirtschaft.de/die-reichen-nicht-die-griechen-guenther-moewes/

  9. „In jedem afrikanischen Buschdorf ist der Anteil der Immobilienbesitzer höher als in Deutschland“.
    Wollen Sie den Satz wirklich so stehen lassen?
    Ich finde ihn rhetorisch daneben und außerdem noch überflüssig.
    Ansonsten stimme ich Ihnen zu.

  10. Ob Griechenland (wer ist das, die Oberschicht, die Mittelschicht, die Unterschicht?) reicher als Deutschland (wer ist das, die Oberschicht, die Mittelschicht, die Unterschicht?) ist oder ärmer, bleibt ungeklärt.
    Es scheint mir aber klar, dass jedes Land zunächst einmal selber für sich verantwortlich ist. Den Buhmann im Ausland zu suchen, halte ich für sehr verwegen.
    Die „Bild“ mag alles mögliche sein, aber am schlechten Zustand Griechenlands ist sie nicht schuldig.

  11. Ich lese dieses Stück Papier i.d.R. nie, und doch springt mir unfreiwillig fast jeden Tag die Titel-Schlagzeile ins Gesicht. Das Erste was ich mir bei dieser nur dachte war: „Ok.. was haben die jetzt mal wieder geraucht?“.

  12. Die Schlüsse der „Bild“-Zeitung sind natürlich absurd, aber ich denke schon, dass sie da einen wichtigen Punkt ansprechen: die Deutschen sind im europäischen Vergleich ziemlich arm. Und die Argumentation, die Griechen müssten ihre Häuser ja noch abzahlen ist auf „Bild“-Niveau: in der Studie wurde das Vermögen selbstverständlich als Differenz zwischen Besitz und Verbindlichkeiten gebildet, alles Andere wäre ja auch hanebüchen.

    Auch der Vergleich der Rentenansprüche eines einfachen griechischen Angestellten mit den Pensionsansprüchen eines deutschen Beamten ist eine ziemliche Frechheit, wenn man anderen eine verzerrte Darstellung vorwirft. Die Ansprüche an die Rentenkassen sind auch in Deutschland zudem alles andere als real, wieviel diese Ansprüche unterm Strich in ein paar Jahrzehnten noch wert sein werden, wird sich erst zeigen. Mein Tipp: Nicht viel mehr als in Griechenland.

    Fakt ist: die Deutschen lassen sich seit Jahren massiv verarschen, wie es um die Vermögensverhältnisse im Land steht, woran die „Bild“-Zeitung auch nicht ganz unschuldig ist. In der Medienwelt wird das aber fast nicht thematisiert, weil Wirtschaftsjournalisten und Verleger von diesen Verhältnissen selbst erheblich profitieren. Schlimmer noch: das deutsche Modell soll jetzt ja als Vorbild in die gesamte Eurozone exportiert werden.

  13. Nein es ist falsch zu glauben, dass jedes Land für sich selbst verantwortlich ist.Klassisches Beispiel: Militärische Verwüstung durch einen Aggressor, was genau können die Überfallenen dafür? Ebenfalls vom Ausland gesteuerte Putsche wie 1973 in Chile, und schließlich das Niederkonkurieren anderer EU Mitgliedsländer durch die deutsche Lohnzurückhaltungspolitik.Was können in all diesen Fällen die Opfer ( wozu im letzten Fall auch die deutschen Arbeitnehmer zählen)
    Und natürlich ist an dieser verfehlten Wirtschaftspolitik auch die Bild Mitschuld, wegen der dauerhaften neoliberalen Propaganda

  14. ein Fehler nur, Michalis: einen Christian Lindner können auch Jahre in Griechenland nicht heilen. Neoliberalismus ist ein hartnäckiger Virus.

  15. Kann man den Autor nicht wegen Volksverhetzung anklagen? Oder gilt dieser Straftatbestand nur für NPD-Mitglieder?

  16. „BILD“ ist halt der inhaltliche und geistig-moralische Nachfolger von „Stürmer“ und „Völkischer Beobachter“.
    Klingt scheiße, ist aber so. Irgendjemand muss in diesem Land für Volksverhetzung und Lügenpropaganda zuständig sein, und das macht halt Springer mit seinen Lügenpamphleten.

  17. Sehr schön auseinandergenommen. Aber was zur Hölle ist ein Buschdorf? Um Sie abgewandelt zu zitieren: Man müsste nicht böse und rassistisch sein, um vernünftig zu argumentieren.

  18. Entschuldigung, scheint schon abgehakt. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil… von einer Freischaltung meines letzten Kommentars kann also gerne abgesehen werden (sorry).

  19. So sehr ich auch diese Art der Berichterstattung der „Bild“ verachte, so wenig hat dieser Blogartikel dem entgegen zu setzen. Persoenliche Anekdoten sind keinerlei Beweis fuer die Zustaende in einem Land und immer nur mit „kommen Sie nach Athen und sehen Sie selbst“ zu argumentieren, hilft auch nicht gegen noch so fragwuerdige Studien.

    Was nicht heisst, dass man selbst ohne Zahlen diesen Unfug locker widerlegen kann. Allein die Sache mit dem Wohneigentum ist doch sehr einfach, waehrend die Deutschen sehr haeufig zur Miete leben und damit Monat fuer Monat Geld rausblasen, ohne Vermoegen anzuhaeufen, sieht das zB in Griechenland halt etwas anders aus, deshalb sind die Belastungen aber nicht kleiner.

  20. Pingback: Anonymous
  21. Ebenso wie die Bild-Hetze kann ich die „Arme Griechen“ Geschichte nicht mehr hören. „Das Land“, genauer gesagt seine gewählten Volksvertreter, haben sich in den Euro gelogen und mit allem erdenklichen Mist beschissen bis sich die Balken biegen.

    Man muss sich nur den Milliarden Devisen-Swap mit Goldman Sachs anschauen, mit dem sie kurzzeitig die Staatsschulden reduziert haben – mit dem Wissen, dass es mit jedem Monat unwahrscheinlicher wird, dass sie vor dem Kollaps des Euro aussteigen müssen.

    Man war plötzlich froh nur noch 5% statt 20% fürs Geld zahlen zu müssen und das ganze Land hat sich fleißig überschuldet und über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt kommt es doppelt und dreifach zurück, aber so funktioniert die Wirtschaft eben. Den Griechen geht es grad so, wie es unserer Solarbranche gehen wird – sobald diese lächerlichen Subventionen weg sind, bricht das eben aufgebaute Kartenhaus in sich zusammen und hinterlässt einen Haufen Schulden für den Steuerzahler.

    Auch wenn Schäuble schon das nächste „Rettungspaket“ ankündigt, wird das nichts ändern. Die Gewinne sind längst privatisiert und die Schulden auf die Steuerzahler umgeschichtet. Nachträglich wird man wohl vom größten Raubzug der Geschichte sprechen, denn was hier an Billionen vom Bürger zu den großen „Investoren“ geflossen ist und noch fließen wird, dürfte historisch einmalig sein.

  22. Lieber Michalis Pantelouris,

    im Grunde danke für den Artikel. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Bild Zeitung gerne verkürzt zitiert und bin froh, wenn die Diskussion mit Fakten angereichert wird.

    Ich stimme auch inhaltlich in den meisten Punkten (v.a. Lohneinkommen zu).

    Trotzdem lässt sich der Befund mit dem durchschnittlich höheren Vermögen der Griechen nicht wegdiskutieren. Auch wenn man die Erhebung der EZB nicht als Studie benennen will, ist das Ergebnis ohne Zweifel zumindest tendenziell richtig: Aufgrund des Immobilienvermögens ist das Vermögen (u.a.) der Griechen im Schnitt höher, als das der Deutschen.

    Es ist natürlich klar, dass das historisch darauf zurückzuführen ist, dass Deutschland einen Weltkrieg verloren hat, nachdem die Städte zerstört waren und die Wohnungen nur mit Mieteigentum wieder aufgebaut werden konnte. Es ist auch wahr, dass das auf einer langen Tradition in v.a. südlichen Ländern beruht, nach der das Immobilienvermögen in der Familie erhalten wird und immer behutsam an die nächste Generation weitergegeben wird. Es gibt also nachvollziehbare Gründe für dieses Faktum.

    Es bleibt aber nichtsdestotrotz ein Faktum, wie auch immer man es bewerten möchte. Das Vermögen der Griechen ist im Schnitt aufgrund der Immobilien höher als das der Deutschen. Natürlich ist es nicht schön, diesen Umstand für Populismus zu nutzen (niemand erwartet, dass die Griechen ihre Wohnungen verkaufen, das wäre dumm /die Deutschen sollten im Gegensatz vielleicht mehr Wohnungen kaufen, aber das ist ein anderes Thema).

    Insoweit finde ich es leider auch von Ihnen kurzsichtig, der Bild Zeitung auch in diesem Punkt ein Lüge zu unterstellen. Ich fände es schöner, wenn Sie die Fakten zugeben würden und dann das eigentliche Problem, den Missbrauch der Fakten darstellen würden.

    Viele Grüße, Jan.

  23. Wer den Artikel verfasst hat, ist egal. Interessant ist, dass da Strippen gezogen werden. Es geht offenbar um die „Vermögensabgabe“ bzw. „Reichensteuer“. Das Thema ging schon in der Welt durch vor wenigen Tagen: http://bit.ly/Lzi6oY mit akribischer Aufstellung, was da wo zu holen wäre (Griechenland 75 Mrd.)
    Es sieht so aus, als gäbe es im Hintergrund politische Positionskämpfe, von denen wir nichts mitkriegen. Die Bundesbank hat das Thema erörtert und eher abgelehnt, DWI ist dafür („als nachgeolte Steuer gerecht“), Kenneth Rogoff in der Wiwo ist dafür. Lindner mischt sich ein (ausgerechnet die Liberalen plötzlich für Reichensteuer???) … demzufolge ist jemand in der Regierung dagegen. Jedenfalls soll da jemand weich gekocht werden via öffentliche Stimmung. Man kann sich denken, dass Banken lieber griechische Großvermögen besteuern als für Schuldenschnitt sind. Beim Springer-Verlag ist die Hetze der eine Punkt, der stinkt. Der andere ist, wie der Verlag in bestimmte politische Scharmützel eingebunden ist, um das publizistische Schlachtfeld zu designen. Das fällt denen ja nicht von allein ein, in WELT und BILD dieses Konzert zu spielen und Burda trötet dann auch gleich mit. Keine Ahnung, wo da die Fronten verlaufen. Die Vermögensabgabe geistert seit einigen Monaten eher zaghaft umher, EU-Kommission ist eher dagegen.
    Es wäre interessant zu erfahren, wie die von allen Seiten Geprellten und Verratenen darüber denken, wenn die landeseigenen Millionäre & Milliardäre zur Kasse gebeten werden? Wie steht den SYRIZA dazu?

  24. Seit B… damit begonnen hatte, Griechland anzugreifen, frage ich mich, wurde einer der Autoren einmal in einem griechischen Lokal falsch bedient? Ist das die Rache dafür?
    Und wann beginnt bei solchen „Falschberichten“ die Volksverhetzung – was anscheinen ja gewollt ist, wenn man die Leserbriefe sich antut.

  25. Erst einmal, evcharisto poly (zu Deutsch: „Vielen Dank“) an meinen Landsmann, Herrn M. Pantelouris für diese sachliche Argumentation zu dieser unglaublichen Entgleisung Seitens der Bild-Zeitung…

    Ich möchte hierbei aber auf das Thema Vermögen eingehen dass der User Jan etwas weiter oben anspricht.
    Er versteht es nunmal leider so(zumindest er selbst, aber ich vermute dass es leider auch die meisten Deutschen so sehen, wenn sie diese Studie der EZB zu Augen bekommen) dass die Griechen generell mehr Vermögen besitzen weil Sie ja mehr Eigentum vorweisen können (sprich eigene Häuser oder Wohnungen) …

    Nun hierbei handelt es sich aber um eine Fehlintepretation. M. Pantelouris geht sogar auf dieses Thema so ziemlich genau ein, aber ich stelle das ganze etwas „bürgerlicher“ dar, damit es auch alle verstehen.

    Erst ein Mal muss man sich zu Gemüte führen wie die EZB diese Studie gemacht hat, und wie diese Zahlen zustande kommen.

    Hier muss man ganz einfach ein paar Tatsachen auf den Grund gehen.

    In Deutschland leben die meisten Menschen zur Miete.
    Das sind so viel ich im Kopf habe ungefähr 60-65% der Bevölkerung.
    Der Grund hierfür liegt auf der Hand, und ist den meisten eigentlich schon lange bekannt: Die Immobilienpreise in Deutschland sind äusserst hoch.
    Das waren Sie schon immer, und zur Zeit steigen die PReise immer weiter.
    Dies hat zur Folge dass der größte Teil der Bevölkerung sich eher eine Miete leisten kann, als ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung.
    In Griechenland hingegen ist es seit Jahrezehnten schon immer so gewesen dass die Menschen Häuser bauten.
    Die Hälfte des Landes lebt in den zwei großen Ballungszentren Athen und Thessaloniki (gute 5 Milionen Einwohner – beide Städte zusammen), der Rest verteilt sich in der Provinz und in den ländlicheren Regionen. Vor allem dort leben die Menschen in Häusern die mindestens von Uroma oder Uropa stammen. Dem entsprechend erben die meisten einfach die Bleibe der Eltern.
    Letzteres ist auch der große und gravierende Unterschied im Vergleich zur Deutschen Demografie bzw im Vergleich zur griechischen Lebenseinstellung.
    Denn in Deutschland besteht ein Haushalt meistens nur von einem Paar. Die Kinder ziehen idR mit 18 aus der Wohnung aus. In Griechenland hingegen ist das Bild (vor allem auf dem ländlichen Gebiet) von Großeltern die mit Ihren Kindern und den Urenkeln unter einem Dach wohnen gang und gäbe – und seit Ausbruch der Krise immer mehr die Regel…

    Somit kommen wir zu dem elementaren Unterschied der Zussammensetzung von Vermögen hier (DE) und dort (GR)…
    Die Mehrheit der Griechen wohnt in einem Haus, oft zussammen mit den Eltern (das hat eher traditionelle Gründe, und hat was mit dem Fasmilienzussammenhalt zu tun). Dem entsprechend werden die Gehälter, Renten und natürlich der Eigentum des Familienhauses bzw Wohnung zussamengerechnet.
    Jetzt rechnet mal… Eltern, Kinder im Erwachsenenalter (idr bis 35) und Haus… 100.000 Euro… Wie viel kostet denn das Haus? 50.000? 60.000?
    Der Rest ist der „Reichtum“… Verteilt auf meist 4 Parteien…

    Und jetzt stellt den Vergleich zu Deutschland.
    Hier wohnen meistens (Ehe)-Paare alleine. Die Kinder ziehen in der Regel aus (meistens zwischen 18 und 21 Jahren)…
    Dem entsprechend erscheinen in der Studie der EZB die Deutschen mit „mickrigen“ 52.000 Euro Vermögen, weil sie meistens eher zur Miete wohnen und die Kinder längst aus dem Haus sind.
    Der Vergleich also hinkt…

    Aber rechnet mal die griechischen Verhältnisse auf Deutsche um… Stellt euch vor in Deutschland würde der Familienzussammenhalt genauso sein wie bei den Griechen…

    Nehmen wir mal an die Deutschen würden zu 74% (wie in Griechenland) im Eigentum (meistens Haus) leben, die Kinder würden mit 35 Jahren immer noch bei Mama und Papa im gleichen Haus wohnen, und das (DEUTSCHE) Haus kostet ca 300.000 Euro…
    Rechnet jetzt mal die Gehälter der Eltern, die der Kinder plus den EIgentum zussammen…
    Wieviel habt ihr dann… 500.000? 600.000€ ???

    Merkt ihr alle was?

    Man kann eben nicht einfach die Lebenssituation der Griechen mit der, der Deutschen vegleichen.
    Das sind zwei völlig verschiedene Paar Stiefel…

    Wenn ihr mal den Vergleich zb mit irgendwelchen afrikanischen, oder arabischen Ländern macht, werdet ihr zum gleichen Entschluss kommen wie die Bild – vorrausgesetzt, ihr missachtet ganz einfach die Lebenssituation bzw die Familiensituation unter den Dächern des entsprechenden Landes… (Stichwort: Buschdörfer)

    Ich hoffe dass jetzt die meisten verstanden haben, WAS für eine Art von rechtradikalistischer Propaganda die BIld-Zeitung heute morgen veröffentlicht hat.

    Und die größte Frechheit schlecht hin: Es steht nirgendwo ein Verfasser des Artikels…

  26. Bild Zeitung ist rechts und nichts anderes! Diese wollen die Menschen in Europa weiter auseinander bringen! Wer auf die Bild hört hat sich verblenden lassen! Immer die anderen sind Schuld aber der eigenen Regierung was vorzuwerfen niemals! Ganz schwach!

    Sehr guter Beitrag genauso ist es!!! Bravo Mixali!

  27. Zitat von Prokrastes: “ “BILD” ist halt der inhaltliche und geistig-moralische Nachfolger von “Stürmer” und “Völkischer Beobachter”.“

    Stimme ihnen da voll und ganz zu! Wollte beim lesen des Artikels exakt dasselbe schreiben.

    Als ich heute die Schlagzeile in einem der BILD-Zeitungsständer gesehen habe, hatte ich mir schon gedacht, dass da was nicht stimmen kann und bestimmt nur plumpe Hetze betrieben wird . Schaue dann gerade auf Bildblog bzw. auf diese Seite und siehe da – es stimmt. Einfach nur beschämend.

    @Michalis Pantelouris: Danke für diesen aufschlussreichen Artikel der eine Menge gerade rückt. Leider werden viele aufgehetzten Bild-Leser davon nicht viel mitbekommen werden.

  28. Freut mich wirklich von Herzen, dass du es auch so siehst, Michalis!
    Bis vor kurzem war ich diesbezüglich noch nicht so sensibel und will auch deshalb nicht den Oberlehrer raushängen lassen, schließlich sind wir alle zunächst einmal Opfer unserer Sozialisation…
    Naja, jedenfalls kann ich deinen tollen Blog(eintrag) nun umso lieber weiterempfehlen.

  29. Was leider auch hier übersehen wird:

    Die oft zitierten hohen Pensions- und Rentenansprüche deutscher Bürger sind ja keinesfalls bereits gedeckt; sie sind vielmehr Zukunftsversprechen, die künftige Steuer- und Beitragszahler erbringen müssen.

    Wenn man also die Pensions- und Rentenansprüche in Deutschland als Vermögen der Deutschen anrechnen will, muss man gleichzeitig den Deutschen die gleiche Summe als Schulden anrechnen, da sie diese Summe ja noch zu erbringen haben.

    Es bleibt unterm Strich: Dieses Argument zieht nicht.

  30. >> “In jedem afrikanischen Buschdorf ist der Anteil der
    >> Immobilienbesitzer höher als in Deutschland”. Wollen
    >> Sie den Satz wirklich so stehen lassen? Ich finde ihn
    >> rhetorisch daneben und außerdem noch überflüssig.
    >> Ansonsten stimme ich Ihnen zu. –

    ehrlich gesagt finde ich diesen satz großartig und schön böse sarkastisch 🙂 mir gefällt der satz gut ]:D

  31. Hi

    Selbst wenn die Griechen reicher wären(Du hast ja wunderbar dargelegt, daß dem nicht so ist), so wäre dies nicht erwähnenswert.
    Was hat das Privatvermögen der Griechen mit den Schulden des Staates zu tun? Fällt es niemanden auf, daß der Bürger nicht mit seinem Privatvermögen für die Staatsschulden haftet(mit einer Ausnahme) und schon gleich garnicht die Klientel, die das private Vermögen massgeblich bilden.
    Was hat also -analog- das Privatvermögen der Deutschen zum Beispiel mit dem Zustand unserer Straßen zu tun?

    Was fodert also diese unsägliche Zeitung? Enteignet die Bürger? Aber bitte nur bei den Griechen, Spaniern usw.

    btw : Der deutsche Staat verdient sich an den Staatshilfen eine goldene Nase. Diese werden nämlich treu und brav mit neuen und überteuerten Krediten zurückgezahlt.

  32. Danke für den Artikel und vor allem für die Links!
    Ein ABER hätte ich allerdings auch noch. Es mag sein, dass der Schaden durch Steuerhinterziehung absolut gesehen niedriger ist als der in Deutschland. Wie in deinem Link steht, liegt aber der Anteil der sog. Schattenwirtschaft in Griechenland bei 27%, während es in Deutschland „nur“ 16% sind.

  33. @Theo2905:

    Das sind ja alles schöne Theorien, nur leider stimmen sie nicht mit den Fakten überein. Laut Tabelle 1.1 besagter EZB-Studie hat der durchschnittliche Haushalt in Deutschland 2,04 Mitglieder, in Griechenland 2,64. Das ist gerade mal ein Drittel mehr und reicht hinten und vorne nicht aus, die Diskrepanz bei den Vermögen zu erklären. Nebenbei: Finnland und die Niederlande haben eine ähnliche Haushaltsgröße wie Deutschland, aber ein mit Griechenland vergleichbares Medianvermögen.

    Und dass Immobilien in Deutschland teurer sind als in Griechenland, ist schlicht und ergreifend falsch: http://www.globalpropertyguide.com/Europe/square-meter-prices

  34. Danke, Michalis! Ich habe den Artikel in der Bild zwar nicht gelesen, aber gestern zusammen mit meiner Frau zufällig die Schlagzeile im Zeitungsautomaten gesehen – eine Lektüre des Unsinns war da nicht nötig. Danach musste ich meiner Frau erklären, warum so etwas in Deutschland durch die Pressefreiheit geschützt ist und warum sich einzelne Personen gegen Lügen wehren können, Vorurteile gegen eine ganze Nation aber einfach so verbreitet werden können – auch wenn ich hier gerne eine Anklage wegen Volksverhetzung gesehen hätte. Meine Erklärung ist nicht sonderlich überzeugend ausgefallen, und nur der Vergleich zu diktatorischen Regimen bzw. ein Blick in die deutsche Geschichte hilft noch einigermaßen als Begründung, warum die Presse selbst in solchen Fällen nicht angetastet werden darf.

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