Extrem überdimensionierte Vorurteile

Nur, damit ich das einmal öffentlich klargestellt habe: Es bleiben viel zu oft Behauptungen wie diese unwidersprochen, wie sie gerade wieder (offensichtlich basierend auf einer dpa-Meldung*) Bild.de verbreitet:

Griechenland ist mit mehr als 760 000 Staatsdienern bei lediglich rund elf Millionen Einwohnern extrem überdimensioniert.

Mit „Griechenland“ ist hier der Öffentliche Dienst gemeint. Deshalb einmal zum Vergleich: Deutschland hat bei einer etwa 7,27fachen Größe 4,6 Millionen Angestellte im Öffentlichen Dienst (Griechenland hätte im Verhältnis 5,52 Millionen), aber das liegt nicht unwesentlich daran, dass in Deutschland zwischen 1991 und 1995 gut eine Million in den Statistiken gern als „Sonstige“ geführte Beschäftigte verschwunden sind, nämlich bei

Zweckverbände, Bundeseisenbahnvermögen/Deutsche Bundesbahn, Deutsche Bundespost

herausgefallen sind, weil sehr privatisiert wurde, was in Griechenland nicht passiert ist. Ansonsten wäre das „extreme“ Verhältnis heute wohl annähernd eins zu eins. Nun kann man ja gerne argumentieren, die Infrastruktur eines Landes solle privat sein (finde ich nebenbei bemerkt in der Regel nicht), aber dann sollte man kennzeichnen, dass es sich bei dem „extremen“ Verhältnis eher um das Verhältnis zur eigenen Ideologie davon handelt, wie ein Staat organisiert sein soll als – wie suggeriert wird – um eine Art objektiver Berechnung, bei der Deutschland auch noch „extrem“ viel „besser“ abschneiden würde.

Es ist ja nicht so, dass ich an der Effizienz des griechischen Staatswesens nicht viel zu kritisieren hätte, aber dieses Nachplappern von schwachsinnigen, pseudoobjektiven Kennzahlen geht mir jeden Tag mehr auf den Geist. Es ist Ideologie, schlicht und ergreifend.

Ausatmen.

*Danke Stefan für den Hinweis!

14 Antworten auf „Extrem überdimensionierte Vorurteile“

  1. Wäre es denn keine Ideologie, wenn es anders wäre?
    Zu glauben, dass die Zahl der Mitarbeiter eines Staates in einem bestimmten Verhältnis zu seinen Einwohnern stehen sollte, ist doch nicht weniger Ideologie als zu glauben, dass die Infrastruktur privat sein sollte, oder nicht, oder wie?

  2. Und nur, damit das auch mal jemand offizieller sagt auch noch die OECD in ihrem Bericht „Government at a Glance 2011
    Country Note: GREECE“:

    Greece has one of the lowest rates of public employment among OECD countries, with general government employing just 7.9% of the total labour force in 2008. This is a slight increase from 2000, when the rate was 6.8%. Across the OECD area, the share of government employment ranges from 6.7% to 29.3%, with an average of 15%. The Greek government has plans to further decrease this share, by replacing only 20% of staff leaving on retirement. Public employment is also highly centralised in Greece, with over 80% of staff working at the central government level.

  3. Deine Zahlen verwirren mich aber gerade auch ein wenig. Nur um sicher zu gehen, dass ich es richtig verstanden habe, aber besagt folgende Aussage:

    „[…]Deutschland hat bei einer etwa 7,27fachen Größe 4,6 Millionen Angestellte im Öffentlichen Dienst (Griechenland hätte im Verhältnis 5,52 Millionen),[…]“

    dass Deutschland 7,27 mal so groß ist wie Griechenland und 4,6 Millionen Angestellte i.Ö.D. und wäre Griechenland so groß wie Deutschland wären es 5,52 Millionen Angestellte i.Ö.D.? Ich hab den Satz dreimal lesen müssen, weil mich die ZAhlen egrade irgendwie verwirrten. 🙂

  4. Man hat als Südeuropäer bei Springer und Bertelsmann doch doch überhaupt kein Recht mehr sich zu „verteidigen“.

    Man hat das Recht sich schuldig zu bekennen.

    Man hat das Recht sich zu entschuldigen.

    Man hat das Recht die Deutschen „zu bewundern“.

    Man hat das Recht nicht nach Fakten zu schauen.Wenn man es doch tut holt man automatisch „die Nazi-Karte“ raus.

    Ich könnte noch viele Dinge hier anführen.Aber wo zu?Solange sich nicht die meisten Bundesbürger über Springer und Bertelsmann aufregen und mal ein aufrechter deutscher Journalist oder Bürger diese Verlage verklagt ist das alles unnütz.

  5. Auch bei den Ausgaben für den öffentlichen Sektor ist Griechenland nur Durchschnitt.

    Übrigens: die nächste Lüge folgt dieser auf dem Fuß: der vom überteuerten Staatsfernsehen ERT. Verglichen mit Deutschland kostet es relativ zum BIP oder pro Kopf, also je nachdem wie man rechnet, ca. ein Drittel bis ein Fünftel dessen, was der öffentliche Rundfunk in Deutschland kostet. Also mal schauen, ob wir am Sonntag noch Tatort gucken können.

  6. Auch wenns hier nicht reinpasst – magst du dich dazu mal äußern:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/interview-mit-alexis-tsipras-und-willst-du-nicht-mein-bruder-sein-12307999.html

    Denn wenn man nicht total in der Materie steckt, kann man sich dazu praktisch keine Meinung bilden… ist das ein ein kulturelles Problem, ist das nur was perönliches zwischen den beiden… kann da nur mit den Achseln zucken. Wäre an deiner Meinung zu diesem Vorgang interessiert.

    Danke!

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