Mein letzter Text zu den Piraten

Die Piraten haben also den Beweis angetreten, dass sie inhaltlich arbeiten können und sich mit den „Bochumer Beschlüssen“ eine Art Grundsatzprogramm vervollständigt.

Partei-Grundsatzprogramme bestehen rein rhetorisch oft aus viel heißer Luft, nicht nur bei den Piraten, wirklich füllen kann sie eine Partei nur durch konkrete politische Arbeit, das kann man den Piraten kaum anlasten. Aber ich würde mich gern ein bisschen mit dem beschäftigen, was da konkret beschlossen wurde.

Als oller Sozi nehme ich einmal stellvertretend den Bereich „Arbeit und Mensch“ aus den Bochumer Beschlüssen. Und ich kann vorweg schonmal sagen, dass ich schockiert bin, richtig tief schockiert, nicht allein ob der bizarren handwerklichen Qualität der Beschlüsse, sondern auch wegen der Inhalte. Aber gucken wir uns den Abschnitt kurz in seiner Gesamtheit an.

Arbeit und Mensch

Arbeit ist für uns nicht nur eine handelbare Ware, sondern immer auch die persönliche Leistung eines Menschen. Es ist daher ein Gebot der Menschenwürde, dass jeder Mensch frei entscheiden kann, welchen Beruf er ausüben will und welche Arbeit er an- nehmen will, aber auch, dass diese Leistung entsprechend gewürdigt wird.

Die technologische Entwicklung ermöglicht es, dass nicht mehr jede monotone, wenig sinnstiftende oder sogar gefährliche Aufgabe von Menschenhand erledigt werden muss. Wir sehen dies als großen Fortschritt, den wir begrüßen und weiter vorantreiben wollen. Daher betrachten wir das Streben nach absoluter Vollbeschäftigung als weder zeitgemäß noch sozial wünschenswert. Stattdessen wollen wir uns dafür einsetzen, dass alle Menschen gerecht am Gesamtwohlstand beteiligt werden und werden dazu die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens prüfen.

Und nun der Reihe nach:

Arbeit ist für uns nicht nur eine handelbare Ware, sondern immer auch die persönliche Leistung eines Menschen.

Fasse ich das richtig zusammen als „Arbeit ist mehr wert als nur das Geld, das man dafür bekommt“? Merken wir uns das kurz.

Es ist daher ein Gebot der Menschenwürde, dass jeder Mensch frei entscheiden kann, welchen Beruf er ausüben will und welche Arbeit er annehmen will, aber auch, dass diese Leistung entsprechend gewürdigt wird.

Ich meine, das kann man im Gesamtkontext nur so verstehen: Menschen sollten keine Arbeit annehmen müssen, die sie nicht ausführen wollen. Der falsche Bezug bei der Leistung (gemeint ist wohl „ihre Leistung“ nicht „diese Leistung“, die im Annehmen der Arbeit bestände, die man annehmen will) überdeckt wahrscheinlich die Forderung, dass Arbeit leistungsgerecht entlohnt werden soll? Da sich die Piraten nicht grundsätzlich vom Kapitalismus verabschieden nehme ich an, sie meinen auch hier vor allem, dass Menschen nicht durch materiellen Druck zu unangenehmen Arbeiten gezwungen werden sollen? Sondern dass diejenigen wenig sinnstiftenden, monotonen und gefährlichen Arbeiten, die noch keine Maschine übernehmen kann, dann wenigstens besonders gut bezahlt werden sollen? Das wäre eine kongruente Haltung – irgendwie gefühlt jedenfalls –, aber es steht da nicht. Da steht, dass jeder arbeiten soll, was er will, und das soll „entsprechend“ gewürdigt werden. Zusammen mit dem ersten Satz, der klarstellt, dass Arbeit mehr ist als eine bezahlte Ware, könnte die entsprechende Würdigung dann auch sein zu sagen: „Du machst das doch eh so gerne, das bezahlen wir nicht?“ Oder eine staatliche Stelle, die morgens einen Abgesandten an die S-Bahn stellt, der sich bei den zur Arbeit eilenden für ihr Engagement bedankt? Ich weiß es nicht.

Die technologische Entwicklung ermöglicht es, dass nicht mehr jede monotone, wenig sinnstiftende oder sogar gefährliche Aufgabe von Menschenhand erledigt werden muss. Wir sehen dies als großen Fortschritt, den wir begrüßen und weiter vorantreiben wollen.

Das gilt spätestens seit der Erfindung des Rasenmähers. Oder so. Mehr heiße Luft geht nicht, aber richtig böse wird es erst jetzt.

Daher betrachten wir das Streben nach absoluter Vollbeschäftigung als weder zeitgemäß noch sozial wünschenswert.

Wie bitte? Das Streben nach Vollbeschäftigung ist sozial nicht wünschenswert? Das Streben? Das ist ja nun totaler Unfug. Wahrscheinlich ist gemeint, der Zustand der Vollbeschäftigung selbst wäre nicht wünschenswert (was auch immer an „absoluter Vollbeschäftigung“ noch absolut voller als voll sein soll).

Ich nehme an, hier ist mit Vollbeschäftigung nur die landläufige, engere Definition gemeint, nämlich der Produktionsfaktor Arbeit – also der Zustand, in dem jeder Arbeitswillige auch Arbeit hat. Das finden Piraten sozial nicht wünschenswert? Oder missverstehen sie die Definition von Vollbeschäftigung und meinen eigentlich, es solle nicht jeder arbeiten müssen, weil das … was auch immer? Weil manche eben was Besseres zu tun haben? Ich entferne mich hier vom Text der nur sagt, „das Streben nach Vollbeschäftigung“ sei unzeitgemäß und nicht sozial wünschenswert, aber ergibt das einen Sinn? Ich kann die Partei in beiden Fällen nicht wählen, denn ich finde sowohl das Streben nach Vollbeschäftigung als auch die Vollbeschäftigung als solche sehr wünschenswert, gerade auch sozial, aber wer formuliert denn diesen Quatsch? Der Schwarm? Arbeitsgruppen? Der Parteitag? Und das wird dann so verabschiedet? Puh.

Stattdessen wollen wir uns dafür einsetzen, dass alle Menschen gerecht am Gesamtwohlstand beteiligt werden und werden dazu die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens prüfen.

Statt Arbeit lieber ein ordentliches Bedingungsloses Grundeinkommen. Steht da wirklich: Stattdessen. Es ist das Streben danach, strukturelle Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, sozial nicht wünschenswert, stattdessen soll lieber jeder „gerecht am Gesamtwohlstand beteiligt werden“ – nicht dadurch, dass er die gerechte Chance erhält, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern offensichtlich einfach durch Geld. Die Arbeit des Menschen ist – wir haben uns das oben gemerkt – mehr als nur handelbare Ware, offensichtlich deshalb, weil es nach Ansicht der Piraten sowieso nicht genug davon gibt, und deshalb wird sie rationiert: Es ist nicht zeitgemäß und wünschenswert, dass alle arbeiten, deshalb werden einige fürs Nichtstun bezahlt.

Das ganz Merkwürdige bei den Piraten ist für mich, dass bei mir das Gefühl bleibt, das können sie gar nicht gemeint haben. Das muss ihnen so durchgerutscht sein, sie wollten etwas ganz anderes sagen. Sie können vielleicht einfach nicht so gut Beschlüsse formulieren. Aber dafür steckt da zu viel Arbeit drin, zu viele Stunden und Augenpaare und Gedanken und was auch sonst noch. Das ist so verabschiedet und veröffentlicht – das gilt. Und für mich sind die Piraten damit nicht nur unwählbar, sondern ein echter politischer Feind. Ich bin dieser Partei von Ferne mit einiger manchmal schmunzelnder Sympathie begegnet. Ich fand sogar das Chaos eine ganze Weile lang okay. Aber wer behauptet, Arbeit sei mehr als nur das Geld, das man dabei verdient, um gleichzeitig zu sagen, Vollbeschäftigung sei nicht zeitgemäß und sozial erwünscht, weil die Leute schließlich auch ein irgendwie benamstes Arbeitslosengeld bekommen und dann machen können, was sie wollen – der hat mit der Realität von Menschen keinen Kontakt mehr. Ich empfinde es als zynisch, einem Langzeit-Arbeitslosen mitzuteilen, er solle doch einfach ein bisschen mehr Lebenskünstler sein, ein bisschen mehr wie Johannes Ponader, das sei jetzt sozial so erwünscht und zeitgemäß.

Ich glaube, dass sich die Würde eines Menschen auch über seine Arbeit definiert, darüber, dass er sein Leben mit seiner Arbeit fristen kann. Ich halte Vollbeschäftigung für ein extrem soziales und legitimes Ziel. Aber was weiß ich schon, ich halte es ja auch für vernünftig, dass ein Bundesparteitag in der Lage ist, ordentliche Beschlüsse zu Problemen zu fassen, die dieses Land wirklich hat, die seine Bewohner wirklich haben – und sich nicht mit Zeitreisen abzukaspern.

Das sieht Johannes Ponader anders, der auf Twitter wieder die Medien dafür verantwortlich macht, dass nicht jeder bejubelt, was die Piraten da beschlossen haben.

Medien, die uns für Zeitreisen schelten und gleichzeitig Machtpolitik & Hierarchisierung als Professionalisierung loben. Finde den Fehler.

Ich sag mal so: Ich finde den Fehler.

58 Antworten auf „Mein letzter Text zu den Piraten“

  1. Sich mit den Piraten über Politik zu unterhalten ist wie mit einem 12-Jährigen über das Leben zu diskutieren. Es … ermüdet.

    Ich kann so etwas, was die Piraten da veröffentlichen, einfach nicht ernst nehmen – denn würde ich es ernst nehmen, müsste ich mich ärgern wie Du.

    Ein Aspekt: Tatsächlich ist das bedingungslose Grundeinkommen eine sehr interessante Sache – ich würde es mir dann aber doch eher von Herr Götz als von den Piraten erklären lassen. Und würden die Piraten die Idee hinter dem Grundeinkommen wirklich verstehen, würden sie nicht diesen Blödsinn mit der nicht wünschenswerten Vollbeschäftigung schreiben sondern darauf verweisen, dass man dem Ziel der Vollbeschäftigung möglicherweise durch das bedingungslose Grundeinkommen näher kommen könnte, weil jeder ohne unmittelbaren finanziellen Druck einer Arbeit nachgehen kann, die ihm zusagt und so eine Dynamik entstehen kann, die zu mehr Unternehmertum, Ideen und Produktivität führen kann. Soweit die Theorie – aber ich glaube, das bedingungslose Grundeinkommen wird auf ewig eine Utopie bleiben.

    Und was Herr Ponader so daher zwitschert, ist ebenfalls nicht wirklich relevant. Er hat noch nicht verstanden, dass Politik, wenn man sie als konstruktiven Prozess innerhalb der Gremien betrachtet, eine Menge harter Arbeit ist. Wie sollte er auch?

  2. Da für mich ja eigentlich definitionsgemäß jede Partei ein echter politischer Feind ist, können sich die Piraten dadurch nicht besonders auszeichnen, und ich würde sogar sagen, dass ich sie unter den mir bekannten Parteien wahrscheinlich sogar am sympathischsten finde, weniger vom Programm als von der Herangehensweise her.
    Wohinter nicht viel mehr Leidenschaft steht als hinter der These, dass ich Krebs im Zweifel lieber im Magen hätte als im Gehirn. Aber immerhin.
    Ich mag zum Beispiel deren Plakate, weil die dazu auffordern, Programme zu lesen, und ich stehe hinter ihnen, wenn es darum geht, alberne Tweets zu verteidigen.
    Das ist schon mal mehr Gemeinsamkeit, als ich mit den anderen ausmachen kann.

  3. Ist schon reichlich schwurbelig, was das Programm an der Stelle – und ich vermute an anderen – hergibt. Ich vermute, dass die PIRATEN die alte [und gute] Forderung meinen, das ganze Volk an Produktivitätszuwächsen teilhaben zu lassen. Im Moment fällt ihnen dazu das BGE ein, das ich bis vor kurzem auch als einen guten zweiten Schritt sah – nach einem anständigen, flächendeckenden Mindestlohn.

    Es wäre ja schön, wenn wir eines Tages die utopische Welt der 1970er FS-Filme erreichen, in denen niemand mehr arbeitet*, weil Maschinen alles machen. Und wir sind ja auch schon gut weiter, wie die PIRATEN ja im Programm feststellen. Wenn allerdings keine Menschen mehr für Arbeit benötigt werden, muss man sich fragen, wo die das Geld zum Leben hernehmen, wie also die Produktivität verteilt wird.

    Wie gesagt, ich kann nur vermuten, dass sie das meinen.

    *OK, bis auf die Sicherheitstruppen der oft proto-faschistischen Gesellschaften, die gezeigt werden.

  4. Keine Piratin, und normalerweise immer ziemlich einig mit Dir, aber hier jetzt verwundert: Abgesehen von dem Gesamteindruck mit der heißen Luft und den schlechten Formulierungen, den ich teile, finde ich persönlich es doch eigentlich nicht so VÖLLIG abwegig, anzustreben, daß Lebensunterhalt, also meine materiellen Möglichkeiten zu menschenwürdige Existenz in dieser Gesellschaft, und abhängige Arbeit,
    also daß ich zB für irgendjemanden Schrauben irgendwo reindrehe, getrennter auftreten. Und ich empfinde Vollbeschäftigung, im Sinne von, daß ich irgendwo Schrauben reindrehen oder Dreck wegmachen DARF, damit ich was zu essen kriege, in der Tat nicht als so schrecklich erstrebenswert, auch sozial nicht. Das führt zB zu diesem entsetzlichen, allgegenwärtigen Arbeitsplatzargument: ‚zugegeben, dieses Produkt/Projekt ist zwar sinnlos/umweltgefährdend/böse, ABER wünschenswert, denn es schafft Arbeitsplätze.‘ Äh, nein?

    Natürlich ist ein Arbeitsplatz im Sinne von ‚einen geregelten Tagesablauf haben, sich gebraucht fühlen, einen Beitrag leisten können etc.‘ eine gute Sache, und jedem, der so etwas mag oder braucht, zu wünschen, aber ich sehe Millionen von Beschäftigten, deren Arbetsplätze dieses Potential nicht bieten, sondern ausschließlich, und oft zu einem hohen Preis in Gesundheit und Lebensfreude, und mit einem hohen Maß an praktischer Sinnlosigkeit, dem Erwerb des Lebensunterhalts dienen.

    Inwiefern ist so etwas sozial wünschenswerter als tatsächlich primär anszustreben, „alle Menschen gerecht am Gesamtwohlstand zu beteiligen“ und sich ein System auszudenken, wie die wirklich nötige Arbeit erledigt wird? (Das bringt dann alle möglichen interessanten praktischen Probleme mit sich, und allein der Vergleich der potentiellen Finanzierungsmodelle ist eine Wissenschaft für sich, aber Dein Entsetzen scheint sich ja auf die grundsätzliche Zielsetzung zu beziehen, und da versteh ich es wirklich überhaupt nicht.)

    Oder habe ich irgendwas hanebüchenes überlesen?

  5. ‚Fasse ich das richtig zusammen als „Arbeit ist mehr wert als nur das Geld, das man dafür bekommt“?‘ – nein…

  6. Fein verschwurbelter Beitrag mit der Aussage „Wer nicht arbeitet soll auch nichts fressen!“.
    Hatten wir schon, kommt immer wieder mal rein. Aber Ewiggestrige geben halt nicht auf wenn sie sich mal was in den Kopf gesetzt haben…

  7. Ein paar Anmerkungen:
    „Der falsche Bezug bei der Leistung (gemeint ist wohl „ihre Leistung“ nicht „diese Leistung“ […]“

    Da ist kein falscher Bezug, zumindest sehe ich da keinen.
    Es heisst im Text: „Arbeit ist für uns […] die persönliche Leistung eines Menschen. Es ist daher ein Gebot der Menschenwürde […], dass diese Leistung entsprechend gewürdigt wird.“

    „Wahrscheinlich ist gemeint, der Zustand der Vollbeschäftigung selbst wäre nicht wünschenswert (was auch immer an „absoluter Vollbeschäftigung“ noch absolut voller als voll sein soll).“

    Nun, wenn Du den Wikipedia-Artikel weiterliest, stellst Du fest, dass „Vollbeschäftigung“ durchaus unterschiedlich interpretiert wird: „Zwischenzeitlich wurden in den 1990er Jahren mehrheitlich Marken von 4 %, 5 % oder gar 6 % [Arbeitslosigkeit] als Maßstab genommen.“
    Der Begriff „totale Vollbeschäftigung“ macht insofern durchaus Sinn.

  8. Mir scheint, als ob sich der Verfasser des Artikels erstmalig mit dem Grundgedanken des bedingungslosen Grundeinkommens konfrontiert sieht. Dann kann man die Piraten bei der Enrüstung auch weglassen. Denn die Grundidee des bedingungslosen Grundeinkommens ist, das Menschen Geld dafür bekommen, dass sie eine sinnvoller Arbeit erledigen und nicht wie derzeit irgendeine Arbeit erledigen, damit sie Geld bekommen. Viele Geschäftsideen haben heutzutage nur ein Ziel: Geld einnehmen und einen Weg finden, dem potentiellen Kunden davon zu überzeugen, dass er dieses Produkt dringend benötigt. Im Gegensatz dazu werden, beispielsweise in der Jugendhilfe immer mehr Gelder gekürzt, obwohl es massenweise Leute gibt, die gern diese Arbeit machen würden, selbst für weniger Geld. Da sie aber stattdessen Lotterieabos am Telefon verkaufen müssen, haben sie keine Zeit, sinnvolle Arbeit zu verrichten. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen sähe die Sache anders aus. Aber das wäre ja asozial, junge Mensche zu unsterstützen.

  9. @madove:
    „Und ich empfinde Vollbeschäftigung, im Sinne von, daß ich irgendwo Schrauben reindrehen oder Dreck wegmachen DARF, damit ich was zu essen kriege, in der Tat nicht als so schrecklich erstrebenswert, auch sozial nicht.“

    Du hast übersehen, was der Autor schreibt: „Ich nehme an, hier ist mit Vollbeschäftigung nur die landläufige, engere Definition gemeint, nämlich der Produktionsfaktor Arbeit – also der Zustand, in dem jeder Arbeitswillige auch Arbeit hat.“

    Also: Der, der nicht arbeiten will, muss unter Vollbeschäftigung auch nicht arbeiten. Ergo trifft Deine Aussage nicht zu. Wenn die Piraten sagen würden: Wir wollen ein BGE haben und streben eine Vollbeschäftigung an, wäre das logisch. Aber die wollen ein BGE und streben explizit NICHT an, Vollbeschäftigung zu haben. Also sollen die, die arbeiten wollen, nicht alle arbeiten dürfen.
    Verrückte Welt.

    (Das meinen die natürlich nicht so.)

    Finde den Fehler.

  10. @Andreas: Ich werde zwar nicht erstmalig mit diesem Grundgedanken konfrontiert, aber ich staune dennoch darüber, wie leichtfertig du hier Arbeiten als sinnlos bezeichnest, für die Menschen tatsächlich freiwillig etwas zu bezahlen bereit sind, und im Gegenzug ganz selbstverständlich davon ausgehst, eine Arbeit sei sinnvoll, die sich offenbar deiner eigenen Auffassung nach nur finanzieren lässt, indem man Menschen zwingt, für sie zu zahlen.
    Einerseits muss natürlich jeder selbst entscheiden, worin er einen Sinn sieht, und worin nicht, aber andererseits sollte er dann in meinen Augen nicht verlangen, dass andere ihre eigene Einschätzung von Sinnhaftigkeit opfern, um seine zu unterstützen.

  11. Sie haben nicht etwas kommentiert,
    sondern pur NEU UMGEDICHTET,
    um sich nicht mit den GrundFragen auseinanderzusetzen.

    MEHR ARROGANZ – geht nicht.

    „Mein letzter SoziBlog-Read“.

    PS: Danke für dieses „geistige“ NaturWunder, Leute unter Alt68er totaaal mißzuverstehen.

  12. Ich wollte schon ganz am Anfang zu lesen aufhören, als der Autor einen einzelnen Satz der Piraten mittels eines anderen einzelnen Satzes „zusammenfasst“ und darauf seine Argumentation aufbaut. Hätte ich es doch getan, denn es geht genauso weiter: Umdeutung, Argumentation, vermischt mit ein paar Spuren Entsetzen darüber, dass der eigene Traum der „Vollbeschäftigung“, dem man seit einer Ewigkeit hinterherläuft und die über die Jahrzehnte längst zu „Humankapital“ pervertiert ist, vielleicht ein Irrweg war.

  13. Ich finde es sehr schade, dass die Piraten (noch?) nicht in der Lage sind, ihre Beschlüsse vernünftig zu formulieren.
    Das sorgt dafür, dass Menschen Missverständnisse forcieren können, wie hier geschehen.

    Ganz offensichtlich ist mit dem Beschluss gemeint:
    Vollbeschäftigung = alle kriegen Geld für Arbeit, wer nicht arbeitet ist raus (bzw. am Existenzminimum)
    Bedingungsloses Grundeinkommen = alle können arbeiten was sie wollen und können unabhängig von der Art ihrer Arbeit gut leben

    Das sich das bei logischer Betrachtung widerspricht, wurde hier mustergültig aufgezeigt, aber dieses Problem hängt an der einfachen Unterscheidung, die die Piraten hier anscheinend machen:
    Arbeit #01: arbeiten für Geld -> für alle = Vollbeschäftigung
    Arbeit #02: arbeiten aus Lust -> für alle =/= Vollbeschäftigung

    Wie gesagt, das ist so in sich begrifflich nicht stimmig. Den Piraten deshalb aber andichten zu wollen, dass sie genau diesen Wiederspruch wollen würden, ist angesichts ihres Kontextes in meinen Augen unvernünftig.

    Man sollte die Piraten zwar nicht übermäßig vor Kritik verschonen, aber man sollte mMn die wirklichen Probleme kritisieren, und nicht Dinge hervorheben, die man kritisieren könnte, wenn sie denn so gemeint wären.

    Arrogant ist das wiederum nicht – denn der Beschluss ist wirklich mies geschrieben – aber unfair.

  14. Unbegreiflich, wie Du Dir soviel Mühe machen kannst mit diesem Unfug! Schon das ist der Fehler. Piratens stellen immer wieder unter Beweis, wie stolz sie auf ihr Nichtwissen und ihre Ahnungslosigkeit sind. Dieser Partei gewordene Shitstorm hat eine vorübergehende Akzeptanz, so wie es vorher die Grauen oder Schill auch hatten. Und genauso schnell wie diese werden sie auch wieder verschwinden. Einmal ordentlich in einigen Parlamenten Steuerknete abzocken, ist zwar nicht ganz so bedingungslos wie der Quatsch BGE, aber was solls.

  15. @Atalanta: Man muss nicht mit dem einverstanden sein oder es verstehen, was die Piraten meinen oder machen, aber „unbegreiflich“ ist mir, wie man ihnen „Abzocke“ unterstellen kann.

    2000 Leute geben Geld für Reise und Unterkunft aus, um ein ganzes Wochenende lang in einen stickigen Saal zu sitzen und Demokratie zu leben. Zuvor haben noch viel mehr Leute ihre Freizeit damit verbracht, ca. 700 Anträge auszuarbeiten. Man kann es dumm, unfertig oder falsch finden, was dabei herauskommt, aber sie so zu diskreditieren, spricht nicht für den Autor.

  16. JA,

    wir Piraten kritisieren das Dogma Arbeit, das zu Abhängigkeit, Herrschaft, HartzIV, Prekariat führt. Und das ist gut so.

    – Vollbeschäftigung ist kein sinnvolles Ziel von Politik.
    – Arbeit ist nicht als Selbstzweck positiv zu bewerten.
    – Völlig unabhängig von Arbeit ist jedem Menschen Teilhabe an Wohlstand, Gesellschaft und Demokratie, sowie eine sichere Existenz, bedingungslos zu garantieren.

    Ausführlich dazu siehe meinen Post:

    Die Abkehr vom Dogma Arbeit. Das Wirtschaftsprogramm der Piraten:
    http://de.thecitizen.de/2012/11/27/the-departure-from-the-dogma-work-pirate-party/

  17. Eigentlich ganz lustig, wie jede Formulierung der Grundsatzanträge versucht wird, irgendwie zu deuten und wie jemand dabei so auf die Fr… das Esswerkzeug fällt. und dann aus mehreren irrsinnigen Annahmen noch noch Schlussfolgerungen zu ziehen, ist noch ein Grad schärfer.

    Hilfreicher wäre es, das eigene Verständnis mal zu hinterfragen. Natürlich kannst du es hinnehmen, dass nur ein minimaler Teil an positiver wirtschaftlicher Entwicklung partizipiert, man muss das aber nicht zwangsläufig.

    Die Worte die man dann für politisch Andersdenkende findet, sagen aber mehr über das eigene Niveau aus, und nichts zum „Wettbewerber“.

  18. Mikis,
    Ich bin ja sonst großer Fan von Dir, aber hier hast du daneben gegriffen:
    Ich bin kein Pirat und auch kein sonderlicher Fan des bedingungslosen Grundeinkommens. Das Piratenprogramm ist auch wirklich schlecht formuliert. Aber man sollte das nicht als Gelegenheit nehmen, absichtsvoll das falsche hineinzuinterpretieren und herauszukürzen.

    Absolute Vollbeschäftigung – von mir mal als 0% interpretiert – halte ich für sozial fatal, da dies Zwangsarbeit bedeuten würde. Das Streben danach ebenso, weil es Menschen kaputt macht, die keine Lohn-arbeit finden. Ich habe als Student deutlich unter Hartz IV-Niveau gelebt und war glücklich. Warum? Weil ich im Gegensatz zum Langzeitarbeitslosen nicht das Gefühl hatte, der Gesellschaft zur Last zu fallen und sicher war, dass ich noch gebraucht werde. Hier setzt das BGE an.

    Nimmt man die von dir erwähnten sprachlichen Schnitzer raus und ersetzt an den richtigen Stellen Arbeit durch „Lohnarbeit“, ergibt das Programm mehr Sinn. Ob man dann ein GBE für eine realisierbare Lösung hält, steht auf einem anderen Blatt.

  19. Schotty, das ist nett gemeint, aber schon im innersten Kern falsch argumentiert: Vollbeschäftigung heißt, dass die Produktionsfaktoren ausgelastet sind. Im engeren Sinne, bezogen auf den Faktor Arbeit, bedeutet es, dass Angebot und Nachfrage im Einklang stehen (wegen der Fluktuation usw. ist das schon bei mehr als 0 Prozent der Fall), dass also jeder, der Arbeit will, sie auch findet. Das ist Vollbeschäftigung, sie hat mit Zwangsarbeit aber auch nicht das Geringste zu tun. Du betreibst, wie einige in dieser Debatte offensichtlich auch unter denen, die dieses Programm abgesegnet haben, eine Art Wunschdenken, in dem Begriffe immer mal wieder nach eigenem Gusto umdefiniert werden, wie es gerade passt. Ich bin mir nicht sicher, ob tatsächlich alle oder auch nur eine Mehrheit der Piraten bemerkt haben, was sie hier verabschiedet haben. Aber mit diesem Programm sind die Piraten in der Arbeitsmarktpolitik eine unsoziale und zynische Partei. Es wurde ja hier in den Kommentaren schon klar formuliert: Die Piraten wollen das „Dogma von Arbeit überwinden“. Das ist wenigstens mutig formuliert, aber es ist natürlich ein Schlag ins Gesicht eines jeden, dem die strukturelle Arbeitslosigkeit, die zu überwinden die Piraten (übrigens offensichtlich trotz der demografischen Faktoren) für sozial nicht wünschenswert halten, weil dann ja wieder alle arbeiten. Diese Partei sagt Arbeitslosen, sie sollen sich zeitgemäß abfinden und das Dogma Arbeit überwinden. Ich finde das ekelhaft, und es wird auch nicht dadurch besser, dass es Studenten gibt, die mit wenig Geld auskommen. Auch das ist ein zynischer Einwurf, selbst wenn man Arbeit mit Lohnarbeit ersetzt. Noch zynischer finde ich deinen Hinweis, dass das Streben nach Vollbeschäftigung Menschen kaputt macht, die keine Lohnarbeit finden. Eben nicht. Arbeitslosigkeit macht Menschen kaputt, nicht das Streben danach, dass es keine strukturelle Arbeitslosigkeit gibt.

  20. Da steht: „Das Streben nach Vollbeschäftigung ist nicht wünschenswert.“ Nicht, dass Vollbeschäftigung nicht wünschenswert wäre. Und ich nehme mal an (ich lese zwischen den Zeilen, nicht anders, als du auch), dass mit dem nicht wünschenswerten Streben die derzeit reale Umsetzung dieses Strebens gemeint ist: Statistiktricksereien, Ausweitung des Niedriglohnsektors bei gleichzeitiger Ablehnung eines Mindestlohns. Denn so führt dieses Streben derzeit tatsächlich nur zu einer sozial nicht (uneingeschränkt) wünschenswerten Arbeitssituation.
    [/interpretation]

  21. @Martin
    Da hast Du logisch und textkritisch wohl recht, aber dann kommen wir wirklich nur auf die Ebene mit den mäßig gelungenen Formulierungen:
    Wenn Vollbeschäftigung & „wer arbeiten will“ wirklich meint „wer gerne arbeiten möchte“, dann kenne ich kein Grundeinkommensmodell und keinen Piraten, der das vereiteln würde. Es gibt ja auch genug Nützliches zu tun in der Welt.
    Wenn es aber meint „wer Arbeit sucht, um seinen Lebensunterhalt zu decken“, dann würde es mit einem Grundeinkommen eben nicht wirklich Sinn machen, sich mehr Arbeitsplätze am Fließband oder im Kohleabbau oder so zu wünschen, wie es in SPD/Gewerkschaftskreisen durchaus passieren kann.
    Das meinte ich.

  22. @citizen
    Indem man Behauptungen wiederholt, werden sie nicht wahrer. Es sind die Argumente, die überzeugen können. Insofern – und weil die Diskussionen hier zumeist sehr gehaltvoll sind, würde ich mir doch wünschen, dass Du argumentierst. Das fehlt aber und wird nicht besser, indem du auf ein Parteiprogramm verweist. Denn ein Parteiprogramm, dass gelebt wird, muss von den Menschen, die dafür stehen (weil sie Mitglieder dieser Partei sind), zumindest in den Kernthesen argumentativ vertreten werden werden können.

    A propos dafür stehen. Ich finde es eine Unart, wenn jemand nicht mit seinem Name für die Politik einstehen, kann, die er vertritt. Sich hinter Pseudonymen zu verstecken, mag sinnvoll sein, wenn man Repressionen befürchten muss – aber soweit ist es in Deutschland glaube ich noch nicht gekommen.

    Insofern fände ich es gut, wenn Du, Moritz, mit Deinem vollen Namen hinter dem stehst, was Du vertrittst und offenbar für gut hältst. Ein Impressum für Deinen Blog wäre das mindeste. Es würde Deine Glaubwürdigkeit erhöhen.

  23. Vollbeschäftigung ist im Sinne der deutschen Politik nicht dann, wenn jeder arbeits_willige_ Mensch einer Erwerbsarbeit nachgeht, sondern jeder arbeits_fähige_. Ich verstehe noch immer nicht, warum das sozial wünschenswert sein sollte.

    Es gibt Menschen, die lieben ihre Arbeit. Es gibt Menschen, die hassen ihre Arbeit. Und es gibt Menschen, die hassen Arbeit im Sinne von „Job“ grundsätzlich, da sie damit extrem unglücklich sind und mit ihrer Zeit besseres, aber nicht geldwertes (langläufig „Ehrenamt“, „Hobby“ oder „Kunst“ genannt) anstellen könnten oder einfach gar nichts. Die werden bei uns „Sozialschmarotzer“ genannt – dabei definieren sie ein ausgefülltes Leben einfach anders. Naja, wer nicht produktiv ist, schadet der Gesellschaft. Äh, wirklich?

    Sehen wir es doch einmal von der technischen Seite an (die gerade bei den Piraten recht weit verbreitet sein dürfte): Seit Jahrhunderten zielt nahezu jede technische Entwicklung darauf, menschliche Arbeit durch Erleichterung oder vollständige Automation produktiver oder sogar unnötig zu machen. Dabei verschob sich das Groß der menschlichen Arbeit auf immer „höhere Level“, für die sonst auch schlichtweg nicht genug Arbeitskraft übrig gewesen wäre. Von Landwirtschaft zu Handwerk, zu Industrie, zur Dienstleistung. So war die gewaltige Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft (durch Geräte, Dünger etc.) eine Voraussetzung für die Industrialisierung, wie die Automation der industriellen Produktion eine Vorraussetzung für die Dienstleistungsgesellschaft war.

    Doch was ist das _Ziel_ des ganzen? Was kommt nach der Dienstleistung? Die Antwort findet sich sehr deutlich in der utopischen Literatur des vorigen Jahrhunderts: Freizeit und ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben. Wie sollte jeder buckeln _müssen_, wenn doch so intensiv daran gearbeitet wird, immer mehr Konsum mit immer weniger menschlicher Arbeit zu ermöglichen?

  24. @Sascha Müller-Jänsch:

    Argumente, warum eine Abkehr vom Dogma ‚Arbeit‘ sinnvoll und gut ist, findest du in meinem oben bereits verlinkten Blogbeitrag. Deswegen schrieb ich oben ja „Ausführlich dazu siehe meinen Post“. Dort wirst du dann sehen, dass wir Piraten unsere Positionen sehr wohl mit guten Argumenten und Wertvorstellungen vertreten.
    (Siehe Abschnitt „Warum ist das so wichtig?“ in http://de.thecitizen.de/2012/11/27/the-departure-from-the-dogma-work-pirate-party/ )

    Zu deinen restlichen Ideen sage ich mal nur wenig, denn das ist hier nicht das Thema. Bei Google findest auch du aber bestimmt Positionen und Rechtsauffassungen, die Anonymität/Pseudonymität bei politischen Äußerungen in privaten Blogs nicht nur wie du als „Unart“ sehen. Das könntest du ja respektieren.

  25. @citizen

    Dein Post verdeutlicht, was ich meine. Ich will von Dir Argumente lesen und nicht Verweise auf Websiten, auf den etwas steht.

    Das erwarte ich auch von Dir Politiker, denn Du solltest in jeder Situation in der Lage sein, Deine Position eigenständig argumentativ vertreten zu können.

    Und zum Punkt der Anonymität. Ich würde es bezweifeln, dass Dein Blog, der sich mit Politik auseinander setzt, privat ist, denn schließlich verfolgst Du berufliche Ziele damit (Zitat aus Deinem Blog: „Why I’d like to be a candidate for our Pirate Party for the Bavarian parliament.“). Und nicht private Websiten unterliegen der Impressumspflicht.

  26. Sightly Off Topic: Bitte keine Pseudonym-Debatte! Sascha, auf meinem Blog darf man mit jedem nAmen argumentieren, den man sich geben will – und jeder darf darüber denken, was er will. Aber es ist kein Thema. Das soll jeder für sich entscheiden, es gibt gute Gründe für alles und die Diskussion ist schon in epischer Breite geführt, mit guten Argumenten auf beiden Seiten. Danke!

  27. ( @Sascha Müller-Jänsch:

    Wobei ich mir schlecht diese beruflichen (wenn das überhaupt zutrifft) Vorteile verschaffen könnte — ohne Namensnennung, denn den Namen müsste man z.B. für potentiell Wählende ja schon nennen. Aber egal, ich werde sowieso bald eine Kandidatenseite mit Namen zusätzlich einbauen. )

  28. Sorry an mikis für den Teil der Comments von mir, mit denen ich auf das off-topic von Sascha antwortete.

    Danke an mikis für das Weiteranstoßen der interessanten Debatte zum Themenkomplex Arbeit / Piraten durch auch dieses Blogposting hier von dir dazu.

  29. Toller Artikel, da stimme ich dir voll und ganz zu, diese Partei kann man nicht ernst nehmen.

    Ich glaube mittlerweile das wie in Deutschland zwei Comedyparteien haben. Die Partei von ( Martin Sonneborn) und die Piraten.

  30. In der Essenz kommt der Hausherr zurecht zum gleichen Ergebnis wie andere BGE-Kritiker vor ihm: Dieses „Instrument“ ist eine soziale Stilllegungsprämie. Es komplimentiert die Empfänger aus dem kreativen, wertschaffenden, bewusstseinsbildenden Prozess unserer grundsätzlich und unwidersprochen sozialmarktwirtschaftlich-kapitalistisch verfassten Gesellschaft hinaus.
    Vaya con dios, Commandante Ponader!

  31. Danke für deine Antwort, mikis.
    Mit dem ersten Teil hast du wohl recht: genauso wie du interpretierst hast, habe ich meine Interpretation von „absolute“ Vollbeschäftgung gesucht und dachte mir, die müssen „sinnloses Streben nach 0% meinen“. Ich habe einige Vorträge zum BGE besucht und mir auch schon Debatten mit Götz Werner geliefert, aber ich kann zumindest die Position eines BGE-Befürworters nachvollziehen. Ich möchte das nicht stehen lassen, dass du mich zynisch nennst. Ich habe als Arbeiterkind gerade ein Studium hinter mich gebracht mit 500€ monatlich. Ich kenne viele ReferendarInnen, die mit Hungerlöhnen auskommen müssen. Aber arbeitslos sein heißt in Deutschland, stigmatisiert zu sein, ständig das Gefühl haben zu müssen, eine Last für die Gesellschaft zu sein. BGE-Befürworter glauben, dieses Stigma könne man abschaffen, in dem jeder unabhängig von seiner Situation eine Beihilfe bekommt, damit er Freiheit gewinnt, zu tun, wonach ihm der Sinn steht. Das kann klassische Lohnarbeit sein, aber Kunst, Forschung, lebenslang Sprachreisen unternehmen, oder sandalentragend Talkshows besuchen. Die Intention finde ich nicht zynisch. Arbeitslosigkeit macht Menschen nur kaputt, wenn man Ihnen ständig sagt, es sei „schlecht“, arbeitslos zu sein. Mehr wollte ich gar nicht sagen.

  32. Alle haben ihre Gedanken in einen Hut geworfen und es wurde blind einer nach dem anderen herausgezogen und aneinander gesetzt….obiges ist dann dabei herausgekommen -.-

  33. Schotty, entschuldige, wenndad persönlich klang. War nicht so gemeint. Ich glaube aber, das Schlimmste am arbeitslos sein ist nicht das Stigma, sondern die Arbeitslosigkeit. Und: ich bin in der Theorie überhaupt kein Gegner des BGE. Aber auch das basiert darauf, dass Menschen arbeiten, es dient nicht dazu, strukturelle Arbeitslosigkeit zu finanzieren.

  34. Machen wir uns nichts vor, die meisten einfachen Jobs wie Müllmann oder Paketbote sind Sklaventreiberjobs. Die Menschen gehen daran kaputt, aber ohne diese Jobs sähe es bei uns aus wie in Neapel. Würde es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäben, würde sich niemand mehr ausbeuten lassen. Das wäre fatal für uns reiche Menschen, niemand würde mehr den Müll wegräumen. Aber die Piratenpartei wird eh nie die Gelegenheit haben ihre politischen Ideen zu verwirklichen. Danke für diesen Blogbeitrag.

  35. Weder bin ich ein Freund von Parteien im Allgemeinen, noch der Piraten im Besonderen. Aber diese künstliche Aufregung erscheint mir ein bisschen platt – oder ideologisch motiviert. Die sprachliche Formulierung des Programms zeugt zweifellos von einem niedrigen Reflexionsgrad der Parteivorderen. Aber wenn man die Begrifflichkeiten übersetzt, macht das Programm durchaus Sinn:

    Arbeit = Lohn- oder Gehaltsarbeitarbeit
    Vollbeschäftigung = alle gehen vollzeitlich einer Lohn- oder Gehaltsarbeitarbeit nach

    Der letztere Gedanke ist als gesetztes Ziel tatsächlich „weder zeitgemäß noch sozial wünschenswert“. Immerhin dient Wirtschaft neben der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse nicht zuletzt dazu, durch eine Steigerung der Effizienz menschliche Zeit und Arbeitskraft freizustellen. Wer das verneint, der ist mit (Staats-)Feudalismus gut bedient. Dort gibt es erfahrungsgemäß Vollbeschäftigung.

  36. @2beers: Bisher mein Lieblings-Blödsinns-Argument. Die Schweiz hat de facto Vollbeschäftigung und bald einen Mindestlohn von 4000 Franken. Jetzt kann man streiten, ob das in Deutschland möglich ist, aber mit Feudalismus hat es nichts zu tun, mit Ausbeutung hat es nichts zu tun und es passiert heute (i.S.v. zeitgemäß) und führt nicht zu einem Zusammenbruch der Gesellschaft (i.S.v. sozial nicht wünschenswert). Gleiche deine Argumente doch einmal mit der Realität ab, bevor du sie rauslässt.

  37. @mikis

    „Bisher mein Lieblings-Blödsinns-Argument. […] Gleiche deine Argumente doch einmal mit der Realität ab, bevor du sie rauslässt.“

    Diese Antwort sende ich gern unbenutzt an Dich zurück. Ich erkläre auch, inwiefern Du derjenige bist, der seine Argumente nicht mit der Realität abgeglichen hat:

    Die Schweiz hatte Ende 2011 rund 7,9 Mio Einwohner. Zieht man davon die nicht arbeitsfähigen Personen ab, bleiben ca. 6 Mio übrig. In der Schweiz gehen aktuell jedoch nur rund 4,12 Mio irgendeiner Form von Lohn- oder Gehaltsarbeit nach. In dieser nach oben geschönten Zahl sind auch alle teilzeitlichen und zeitweiligen Beschäftigungsverhältnisse enthalten.

    Es ist folglich Unsinn zu behaupten, „die Schweiz hat de facto Vollbeschäftigung“. Ich gewinne nicht einmal den Eindruck, dass Du weißt, was Vollbeschäftigung dem Wortsinne nach bedeuten würde und wie weit ab schon Deine eigenen Idealvorstellungen von einer solchen faktischen Vollbeschäftigung der Bevölkerung (im Sinne der obigen Definition) liegen.

    PS: Bitte vermeide Erwiderungen bezüglich der Definition von Vollbeschäftigung, die auf die „Arbeitswilligkeit“ anspielen, ohne zugleich zu erläutern, was darunter zu verstehen ist und welche äußeren Faktoren auf den individuellen „Arbeitswillen“ einwirken!

  38. @mikis

    Es scheint, Du hast mein Postskriptum nicht gelesen. Oder nicht verstanden.

    Wenn in jenem Zeitungsartikel von „Vollbeschäftigung“ die Rede ist, so bezieht sich dies auf das Verhältnis von Arbeitswilligen zu Erwerbstätigen. Und dieses Verhältnis ist über gesellschaftliche Normen, Geschlechterrollen, Löhne, Bedingungen am Arbeitsplatz, die Gestaltung des Sozialnetzes, tendenziöse Statistiken uvm. „social engineered“. Es handelt sich dabei um nichts weiter als ein ominöses wirtschaftspolitisches Konstrukt.

    Ein seriöser Begriff von (Voll-)Beschäftigung kann sich daher immer nur auf das Verhältnis zwischen arbeitsfähigen und vollzeitlich arbeitstätigen Personen beziehen. Und auch wenn Du Dir darüber noch gar nicht im Klaren bist: Du willst keine Vollbeschäftigung. Nicht einmal für Dich selbst.

    Denn auch Kindheit, Ausbildungs- und Ruhestandszeiten, Teilzeit-Beschäftigungsverhältnisse, Elternzeit, Urlaub, ehrenamtliche Arbeit, Freizeit etc. sind drastische Einschränkungen der Vollbeschäftigung.

    Wenn Du also Dein anvisiertes Ziel der „Vollbeschäftigung“ in Angriff nehmen oder wenigstens argumentativ retten willst, dann wirst Du es zunächst einmal sinnvoll (um-)definieren müssen.

  39. Lustig, aber nach allen gängigen Definitionen in dieser schäbigen Realität würde ich sagen, das solltest du tun. Ich bin ein Freund zum Beispiel dieser Vollbeschäftigung: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/21068/vollbeschaeftigung

    und dieser: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/vollbeschaeftigung.html

    Und dieser: http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/vollbeschaeftigung/vollbeschaeftigung.htm

    Und wenn die Piraten etwas ganz anderes meinen, dafür dann einen anders besetzten Begriff benutzen, ihren eigenen nicht mit irgendeiner Art von Konzept unterfüttern und hinterher jammern, sie würden nicht oder falsch verstanden, dann muss ich sagen: eben.

    Wie gesagt: Ich verstehe dich, ich bin nur anderer Meinung, weil ich glaube, du hast unrecht.

  40. Zitat: „Ich bin ein Freund zum Beispiel dieser Vollbeschäftigung: […] Und wenn die Piraten etwas ganz anderes meinen […]“

    Ist Dir aufgefallen, dass dies die Erklärung liefern könnte, warum die Piraten nicht von „Vollbeschäftigung“, sondern halbgar von „absoluter Vollbeschäftigung“ sprechen? Es scheint also möglich, dass die Piraten einfach nur weiter gedacht haben als Du – wenn sie offenbar auch zu keinem rechten Schluss gekommen sind.

    Nach den (etablierten) Definitionen, die Du verlinkt hast, wäre „Vollbeschäftigung“ erreicht, wenn das Bedingungslose Grundeinkommen hoch genug ist, dass sich ausreichend Leute entschließen, ihre Lohnarbeit an den Nagel zu hängen und sich aus der Welt der „Arbeitswilligen“ zu verabschieden. Du müsstest demnach doch ein glühender Verfechter des BGEs sein!?

    Merkst Du, dass das in Wirklichkeit gar keine Definitionen des Begriffs Vollbeschäftigung sind, sondern nur deskriptives, zirkelschlüssiges Herumgeeiere?

    Zitat: „Ich verstehe dich, ich bin nur anderer Meinung, weil ich glaube, du hast unrecht.“

    Dieser Satz ist zwar eine nette Geste, aber gleichzeitig der Offenbarungseid für Deine Position. Ich habe logische und einleuchtende Sachargumente geliefert und Du begegnest Ihnen mit der Erwiderung „ich glaube, du hast unrecht“.

    Es bleibt also dabei: Bevor Du kritisierst, dass die Piraten „absolute Vollbeschäftigung“ als gesellschaftliches Ziel ablehnen, musst Du selbst das dafür erforderliche Reflexionsniveau anstreben.

  41. Ich mag die Arroganz in deinem Ton, die wird mir nämlich auch gerne vorgeworfen, aber ich widerspreche trotzdem mal. Nur fürs Protokoll: Wir haben kein bedingungsloses Grundeinkommen (obwohl ich in der Theorie die Idee tatsächlich sehr charmant finde, kenne ich auch keine Berechnung, die eines realistisch erscheinen lässt). Insofern ist dein Einwurf von „müsste nur hoch genug sein“ hinfällig. Ich glaube, man kann bei jeder Wirtschaftstheorie voraussetzen, dass sie am Ende funktionieren soll. Du kannst gern auf deinem Reflexionsniveau Definitionen für alles mögliche ausdenken, aber ich bin trotzdem dafür, dass Politik Probleme löst, die tatsächlich anstehen. Einem Arbeitslosen zu sagen, er soll doch das Dogma Arbeit überwinden, halte ich für keinen Weg dahin. Und das ist eine Frage des Glaubens: Möglicherweise sind tatsächlich, wie es die Piraten meinen, heutige Hartz-IV-Empfänger innerlich befreit, wenn man ihre Grundsicherung bedingungslos macht. Ich glaube, mit einem Arbeitsplatz sind sie in der Regel besser dran.

  42. Zitat: „Ich mag die Arroganz in deinem Ton, die wird mir nämlich auch gerne vorgeworfen […]“

    Danke für die Blumen, aber einen guten Teil davon musst Du wohl als Echo auf Deine ersten Antworten an mich auffassen.

    Zitat: „Wir haben kein bedingungsloses Grundeinkommen“

    Das tut nichts zur Sache. Du kannst alternativ auch die mediale Diffamierung von Hartz-IV-Beziehern stoppen und die Regelsätze so weit erhöhen, dass sich die ganzen Burnout-Arbeitsplätze leeren. Oder Du machst den Weg frei für einige weitere Umweltgifte. Wenn mehr Menschen krank sind, gibt es weniger Arbeitswillige und gleichzeitig mehr Arbeitsplätze im Gesundheitswesen. Auf diese Weise kann man sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. In jedem Fall kommst Du gemäß den von Dir präferierten Definitionen dem erklärten Ziel „Vollbeschäftigung“ näher.

    Zitat: „ich bin trotzdem dafür, dass Politik Probleme löst, die tatsächlich anstehen“

    Eben. Deshalb ist das Streben nach Vollbeschäftigung ja so unsinnig. Niemand will Vollbeschäftigung – außer unseren Wirtschaftseliten. Denn Vollbeschäftigung in der einzig sinnvollen Definition bedeutet Sklaverei. Und mit jenen geschwurbelten „Definitionen“ für Vollbeschäftigung, die in den Wirtschaftswissenschaften kursieren, kann man nicht arbeiten. (Sie dienen nur zur Ablenkung vom eigentlichen politischen Ziel: der maximalen Ausdehnung des Arbeitsmarkts, um den Arbeitnehmern die Bedingungen uneingeschränkt diktieren zu können.) Es wäre noch weitaus greifbarer und sinnvoller, sich darüber zu streiten, ob man Glückseligkeit zum primären wirtschaftspolitischen Ziel erhebt.

    Was das Thema Arbeitslosigkeit angeht, so dient Arbeit keinem Selbstzweck. Wirtschaft hat gerade das Ziel „arbeitslos“ zu machen. Selbstverständlich sollte jeder Mensch Möglichkeit und Anreiz haben, sich produktiv und konstruktiv in die Gemeinschaft einzubringen. Das ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Aber der Weg dorthin führt nicht über die Schaffung und den Erhalt möglichst vieler konventioneller Lohn- und Gehaltsarbeitsplätze. Genauso wenig wie sich Freizeit befriedigender gestalten lässt, indem man seinen persönlichen Abwasch so umständlich organisiert, dass damit fünf Personen ausgelastet werden.

  43. „Es wäre noch weitaus greifbarer und sinnvoller, sich darüber zu streiten, ob man Glückseligkeit zum primären wirtschaftspolitischen Ziel erhebt.“

    Endlich hat mal jemand erkannt, wie es funktioniert. Auf dem nächsten Piraten-Parteitag referiert dann 2beers zum Thema „Bin ich Jesus?“ ( Bitte nur ein Brot mitbringen, für den Rest sorgt 2beers)

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