Wenn Obama Europäer wäre

8. November 2012

Die Rede, mit der Barack Obama seine Wiederwahl als US-Präsident akzeptierte, steigert sich in den letzten anderthalb Minuten in einem Crescendo über dem Applaus seiner Anhänger in eine Ode an die Stärke Amerikas, an die Großartigkeit der Union, die Vielfalt, die Einzigartigkeit jedes Einzelnen.

I believe we can keep the promise of our founders, the idea that if you’re willing to work hard, it doesn’t matter who you are or where you come from or what you look like or where you love. It doesn’t matter whether you’re black or white or Hispanic or Asian or Native American or young or old or rich or poor, able, disabled, gay or straight, you can make it here in America if you’re willing to try.
I believe we can seize this future together because we are not as divided as our politics suggests. We’re not as cynical as the pundits believe. We are greater than the sum of our individual ambitions, and we remain more than a collection of red states and blue states. We are and forever will be the United States of America.

Es fällt schwer, diese Rede zu hören und nicht einfach auf der Stelle in diese Vereinigten Staaten auswandern zu wollen. Der Mann ist wahrscheinlich der größte Rhetoriker unserer Zeit. So fällt erst auf den zweiten Blick auf, dass alles das, was er anspricht, um uns herum, in Europa, besser ist – abgesehen von diesem einzigartigen Spirit, diesem amerikanischen Geist, der aus jeder seiner Zeilen aufsteigt und den Zuhörer unwiderstehlich in die Höhe zieht. Diese Rede ist auch deshalb so bemerkenswert, weil wir sonst eben keine Führungspersönlichkeiten erleben – politisch oder sonstwo – die derart virtuos Emotionen auslösen und mit ihnen umgehen können, ohne dabei negativ zu werden. Obama hält eine Bierzelt-Rede, ohne dabei einen Gegner zu benötigen. Er macht niemanden nieder. Alle Emotion, alle Kraft kommt aus ihm selbst. Es ist eine durch und durch positive Rede. Es wird nicht geschimpft, sich nicht empört, sie zieht keine vermeintliche Größe aus dem Sich-erheben über andere. Sie ist ganz allein groß, weil sie auf einer großen Idee basiert.

Es fällt manchmal auch chwer zu glauben, dass diese Idee bescheiden ausfällt im Verhältnis zur europäischen Idee. Verschiedene Völker und Lebensentwürfe, die friedlich zusammenleben? In Wohlstand? Wenn wir uns vor Augen führen, dass wir dabei in jüngerer Vergangenheit Weltkriege und den Zusammenbruch des Kommunismus überstanden haben, nebenbei viele Flüchtlinge aus aller Welt aufgenommen, verschiedene (Staats-)Religionen miteinander versöhnt und auch noch David Hasselhoff durchgefüttert haben, trotzdem in der Regel medizinische Versorgung und Bildungseinrichtungen geschaffen und eine einmalige kulturelle Vielfalt bewahrt haben, dann fragt man sich, was ein begnadeter Rhetoriker wie Obama im Dienst der Vereinigten Staaten von Europa wohl auslösen könnte. Was wäre, wenn dieser in jeder Hinsicht reiche, unvorstellbar schöne Kontinent eine echte Einheit bilden würde?

Vielleicht ist der amerikanische Traum, wie Obama ihn formuliert, nicht besonders anspruchsvoll:

We want our kids to grow up in a country where they have access to the best schools and the best teachers.
A country that lives up to its legacy as the global leader in technology and discovery and innovation, with all the good jobs and new businesses that follow.
We want our children to live in an America that isn’t burdened by debt, that isn’t weakened by inequality, that isn’t threatened by the destructive power of a warming planet.

Diese Ziele sind wahrscheinlich für den durchschnittlichen Europäer näher als für Amerikaner – jedenfalls in Nicht-Krisen-Zeiten. Wir sind reicher, besser gebildet, haben weniger Schulden, bessere Infrastruktur und spielen die interessantere Version von Fußball. Aber wenn es uns besser geht als ihnen, dann sollte doch die europäische Idee, die unter widrigeren Umständen so viel mehr Fortschritt, Wohlstand und Frieden gebracht hat, doch eigentlich noch mehr Begeisterung auslösen. Stattdessen scheint es, als würden mehr und mehr Menschen dieses Europa für überholt und die Rückkehr zum Nationalstaat für wünschenswert oder zumindest für unausweichlich halten.

This country has more wealth than any nation, but that’s not what makes us rich. We have the most powerful military in history, but that’s not what makes us strong. Our university, our culture are all the envy of the world, but that’s not what keeps the world coming to our shores.
What makes America exceptional are the bonds that hold together the most diverse nation on earth.
The belief that our destiny is shared; that this country only works when we accept certain obligations to one another and to future generations. The freedom which so many Americans have fought for and died for come with responsibilities as well as rights. And among those are love and charity and duty and patriotism. That’s what makes America great.

Der Gedanke ist so messerscharf wie schön: Es ist nicht, wie man es sonst hört, die Vielfalt als solche, die Amerikas Kraft ausmacht. Es ist das Band, das die Vielfalt zusammenhält. Der Glaube an ein geteiltes Schicksal. Ich glaube, das zeigt im Umkehrschluss die Schwäche unseres heutigen Europas: Der Glaube, man könne das alles letztlich besser allein, als Nation, ohne diese und jene gerade schwache Nation, ohne diese oder jene drückend starke.

Henry Kissinger hat einmal gesagt, er weiß nicht, wen er anrufen soll, wenn er Europa sprechen möchte. Das ist ein Problem, natürlich, aber es wäre lösbar – wenn Europa wüsste, was es überhaupt sagen will.

9 Kommentare

Spricht mir direkt aus dem Herzen. Wie oft ich diesen Gedanken schon hatte während meiner Zeit in den USA, wie großartig Europa sein könnte, wenn es sich nur als Einheit begreifen würde. United in diversity – wie’s in der Europäischen Verfassung stand.

by Dominic on 9. November 2012 at 09:50. #

whatever man..
an ihren taten werdet ihr sie erkennen..
blumige worte, die mich einen abend lang hoffen und mein herz höher schlagen lassen.. und dann?
am nächsten morgen schon der überkater.
zurück zur von beiden lagern durchgepushten realität von megareichtum, kinderarmut, ultrafunda-mentalistischem klassismus, FEMA camps, TSA, überwachungs- und killerdrohnen, wall street mafia, war on drugs, war on terrorism, cyber war, war on fucking everything! forever!
nobelpreis und großer rethoriker my dirty ass.
und dieser drecks-kriegsverbrecher, -mörder, -rassist, -eugeniker, und nicht zuletzt auch noch -satanist kissinger sollte der erde endlich einen gefallen tun und sich die überfällige kugel geben anstatt über seine telefonverbindungsprobleme zu schwadronieren.

by juggernaut on 9. November 2012 at 13:55. #

Klar tolle Rede. Wenn man gerade eine spannende Wahl gewonnen hat, sagt sich so was aber wahrscheinlich einen Tick leichter, als wenn man als Verlierer dasteht. Und bis es so weit war, hat Mr O. die von der andren Partei schon ein bisschen runtergeputzt: http://www.businessinsider.com/obama-calls-romney-a-bullshitter-2012-10 , http://www.reuters.com/article/2012/10/19/us-usa-campaign-idUSBRE89F07J20121019 , http://www.huffingtonpost.com/2012/10/22/obama-horses-bayonets_n_2003948.html . Ich halte das nicht für ungehörig – die Pferde und die Bajonette fand ich sogar richtig gut. Aber auch ein Obama muss sich in die Niederungen der politischen Auseinandersetzung begeben, wenn er sich im Amt halten will und dann geht’s eben schnell mal in Richtung negative campaigning. Erst nachdem der Gegner von der durch Obamas Rhetorik angefeuerten Mehrheit der Wähler „niedergemacht“ war, konnte der Präsident sein positives Highlight setzen.

by royse on 9. November 2012 at 18:17. #

[…] lösbar – wenn Europa wüsste, was es überhaupt sagen will.   Crosspost von Michalis Pantelouris Die Rede, mit der Barack Obama seine Wiederwahl als US-Präsident akzeptierte, steigert […]

by Wenn Obama Europäer wäre — Carta on 10. November 2012 at 09:15. #

Das übliche Pathos…

by Bluntman on 10. November 2012 at 15:35. #

Klar kann man bei Obama Schattenseiten erkennen. Aber richten wir unseren Blick doch lieber nicht auf Untiefen der US-amerikanischen Politik, sondern auf Europa. Und da muss man Mikis doch zustimmen: es fehlt unseren Spitzenpolitikern an gelebter Europa-Begeisterung.

Das Miteinander der europäischen Staaten ist gewiss verbesserungswürdig (EU-Bürokratie, Agrarpolitik etc. pp.). Aber um es zu verbessern, bedarf es eines sichtbares Engagements, das auch die Bürger mitnimmt. Es ist doch schon so viel erreicht, und noch viel mehr könnte man aus diesem wunderschönen Europa machen. Europa wird seit ein paar Jahren m.E. unter Wert verkauft.

by theo on 11. November 2012 at 14:37. #

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind nur ein Teil Amerikas. Selbst Nord-Amerika umfasst mehr als die USA, nämlich noch Kanada und die Vereinigten Mexikanischen Staaten. Laut Wikipedia gehören sogar Grönland, die karibischen Inseln und Zentralamerika dazu.
Wer oder was gehört also zu Europa?

by Christian Benduhn on 13. November 2012 at 19:38. #

Also mein Europa geht gerade vor die Hunde. Es ist nicht mehr schöner, nicht mehr reicher, nicht mehr gebildeter und der Wohlstand geht im Steilflug, je nach Staat schneller oder langsamer, gerade den Bach hinunter. Und – was nützt es, wenn man schöne Reden halten kann, die dann wie Sprechblasen platzen? Schöne Worte sind genug gewechselt. Die arbeitenden Menschen und die Aussortierten in USA und Europa haben andere Probleme.

by PeWi on 14. November 2012 at 15:44. #

Wovon man nicht träumt, das kann man nicht erreichen – Walt Disney
Hoffnung ist nur ein Mangel an Information – Heiner Müller
Das ist der Unterschied im Denken.

by cws on 20. Dezember 2012 at 23:19. #

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