Spiegel-Online-Style: Die Informationen sind zwar falsch, aber exklusiv!

Am Freitag nachmittag veröffentlichte Spiegel-Online die Nachricht, dass die griechische Regierung erwäge, aus dem Euro auszutreten. Zunächst stand die Geschichte dort als kleinere Meldung, dann fiel offenbar jemandem auf, was für eine Sprengkraft die Geschichte hat: Der Euro-Austritt eines kleinen Landes, ganz besonders in der schwierigen aktuellen Lage Griechenlands, wäre wirtschaftlicher Selbstmord. Er würde außerdem den gesamten Euro-Raum in unvorhersehbarer Weise erschüttern, aber vorhersehbar katastrophal. Also machte man aus der Geschichte einen Aufmacher, der weltweit zitiert wurde und, auch nach eigener Einschätzung von Spiegel-Online, zu Kursverlusten des Euro führte.

Das Problem: Bis heute ist Spiegel-Online das einzige Medium, das diese Information verbreitet. Ohne Angabe einer Quelle. Da steht nur „nach Informationen von Spiegel-Online“. Jeder Teilnehmer eine Treffens von Euro-Finanzpolitikern, das Spiegel-Online als Indiz für die Pläne Griechenlands deutet, sagt, dass über dieses Thema nie geredet worden sei. Die griechische Regierung bestreitet jeden Gedanken in die Richtung vehement und impliziert dabei, die Berichterstattung von Spiegel-Online sei durch interessierte Kreise gelenkt.

Das ist die Situation: Spiegel-Online hat offenbar Informationen, die extrem unwahrscheinlich sind (und sich im Nachhinein entsprechend auch als unzutreffend herausstellen). Diese Informationen hat Spiegel-Online exklusiv. Es ist offensichtlich, dass die Redaktion nicht einmal einen Hinweis darauf geben kann, was ihre Quelle ist, ob sie in deutschen oder griechischen Regierungskreisen beheimatet ist zum Beispiel, weil sonst die Enttarnung der Quelle droht (das ist die positivste Auslegung, warum es keinen Hinweis auf die Quelle gibt).

Die Verantwortung, die in so einem Moment auf dem Redakteur und seinem Chefredakteur liegt, ist immens. Im Zuge der Veröffentlichung ist der Wert des Euro abgesackt, verängstigte Griechen haben Geld ins Ausland geschafft und die Anstrengungen des Landes, seinen Staatshaushalt zu konsolidieren, sind noch ein Stückchen schwieriger geworden. Alles aufgrund von, wie sich später herausgestellt, falschen Informationen, deren Quelle der Redakteur nicht preisgeben kann oder will.

Die Pressefreiheit ist ein heiliges Gut. Und ich bin fest der Überzeugung, Spiegel-Online muss irgendjemanden gehabt haben, der ihnen gegenüber tatsächlich behauptet hat, Griechenland erwäge, den Euro-Raum zu verlassen. Aber angesichts der Absurdität der Behauptung, der Tragweite der Konsequenzen der Veröffentlichung und der Tatsache, dass die Redaktion keine Quelle benennen kann, anhand derer sich ein Leser einen Eindruck von deren Seriosität machen kann, halte ich die Veröffentlichung für unvertretbar.

Es gibt eine Vielzahl von mehr oder weniger wahrscheinlichen Szenarien, wie der Autor Christian Reiermann exklusiv an die falsche Information gekommen sein könnte, in jedem Fall ist er entweder auf eine rein theoretische Floskel hereingefallen („dann müssten wir/dann müssten die aus dem Euro austreten“), oder er hat die durchgesteckte Fehlinformation von jemandem weiterverbreitet, der ein Interesse an der Destabilisierung der griechischen Regierung oder des Euro hat, aus politischen Gründen oder zugunsten gelenkter Spekulation (der Euro Kurssturz war ja vorhersehbar, wenn man diese Informationen hatte). Politisch interessierte Kreise gäbe es sowohl in Griechenland als auch in Deutschland.

Erstaunlicherweise veröffentlichte Reiermann seine Geschichte auch noch, ohne eine einzige Stimme aus der griechischen Regierung zu zitieren. Er zitiert stattdessen aus einem Papier des deutschen Finanzministeriums, das selbstverständlich zu dem gleichen Schluss kommt wie alle Ökonomen außer Hans-Werner Sinn (der daraufhin folgerichtig zum einzigen Ökonomen wird, den Spiegel-Online im Verlauf der Folgegeschichten zitiert). Die Tatsache, dass auch das Finanzministerium einen Euro-Austritt Griechenlands für geradezu bizarr halten würde, interpretiert der Autor, der wie gesagt keine offizielle griechische Stelle zitiert, so:

Schäuble will die Griechen unter allen Umständen vom Euro-Austritt abhalten.

Von einem Euro-Austritt, der, wie jeder einzelne griechische Regierungsvertreter mit Vehemenz erklärt, niemals seriös in Erwägung gezogen wurde. Das ist von Seiten Spiegel-Onlines dann schon bewusste Irreführung. Schäuble muss niemanden von etwas abhalten, das er nicht tun will. Als sich im Nachhinein die Geschichte als unhaltbar darstellt, versteckt Spiegel-Online das aber gekonnt:

Ein möglicher Austritt des südeuropäischen Landes aus der Euro-Zone sei bei der Zusammenkunft, an der auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, und EU-Währungskommissar Olli Rehn teilgenommen hätten, gar nicht diskutiert worden. Das behauptete zumindest Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker.

Das „behauptet“ er? Es ist das, was übereinstimmend alle Teilnehmer des Treffens sagen, und es ist auch das mit Abstand wahrscheinlichste Szenario. Spiegel-Online bezichtigt lieber implizit den „Eurogruppen-Chef“ der Lüge, als zuzugeben, dass sie falschen Informationen aufgesessen sind. Wenn hier jemand etwas „behauptet“, dann vor allem Spiegel-Online. Herr Juncker „behauptet“, aber der oder die ominösen Quellen von Spiegel-Online, die etwas sagen, das extrem unwahrscheinlich und gleichzeitig weltexklusiv ist, sagen die unbestreitbare Wahrheit? Das ist Humbug. Das hätte man nicht schreiben dürfen. Das widerspricht Grundregeln der fairen Berichterstattung. Das ist eine Schande.

Ich nehme an, wir werden die Quellen für diese Geschichte nie erfahren. Wir werden nicht einmal erfahren, ob es welche gab, die man hätte ernst nehmen dürfen. Es ist in jedem Fall seit langem das schlechteste Stück Journalismus, das ich gesehen habe.

PS. In den Kommentaren weist Bastian Brinkmann auf die Theorie des griechischen Ökonomen Yanis Varoufakis hin, der schreibt, die Quellen lägen seiner Meinung nach vor allem im deutschen Finanzministerium – gestützt unter anderem auf die englische Version der Geschichte auf Spiegel Online, in der es heißt:

SPIEGEL ONLINE has obtained information from German government sources knowledgeable of the situation in Athens indicating that Papandreou’s government is considering abandoning the euro and reintroducing its own currency.

Nach Varoufakis‘ Meinung beziehen sich die Spiegel-Online-Infomanten auf mehrere Wochen zurückliegende Berechnungen des griechischen Finanzministeriums, das (selbstverständlich) all denkbaren Szenarien zur Konsolidierung der griechischen Staatsfinanzen hat berechnen lassen. Wenn das so ist (und Varoufakis nennt seine Einschätzung nur eine „considered opinion“ – sie ist auch plausibel, aber nicht belegt), dann hat Spiegel Online sich schlicht von deutschen Ministerialbeamten einspannen lassen, um Druck auf Griechenland auszuüben und ggf. einen Schuldenschnitt als weniger schmerzhaftes Szenario erscheinen zu lassen. Auf einen derart simplen Propaganda-Plot hereinzufallen wäre für das Nachrichtenmagazin mehr als peinlich und sollte weit unter deren professionellen Standards sein, aber ehrlich gesagt fällt mir an Varoufakis‘ Argumentation beim ersten und zweiten Lesen keine Schwachstelle auf. Warum die Redaktion den deutschen Lesern vorenthält, dass die Quelle in Deutschland und nicht in Griechenland sitzt, ist mir ein Rätsel, handwerklich falsch ist es sowieso. Es würde sich allerdings, böswillig betrachtet, mit der Vermutung decken, dass man bei Speigel-Online von vornherein ahnte, dass man sich zu einem willfährigen Werkzeug politischer Propaganda machen lässt. Allerdings verweist Varoufakis auf eine Zusammenstellung der Financial Times, die darauf hindeutet, dass der Spiegel das schon eine ganze Weile macht – und das Freitag nur der vorläufige Höhepunkt dieser Kampagne ist.

PPS. Und irgendwie wird es immer nur noch bizarrer: Laut Nachfrage der SZ hatte die SpOn-Redaktion offenbar in Athen nachgefragt, aber das Dementi dann einfach nicht im Text erwähnt:

Griechenlands Vize-Finanzminister Filippos Sachinidis dementierte umgehend. Sein Land wolle die Euro-Zone keinesfalls verlassen. Sein Ministerium erklärte, der Bericht sei wider besseres Wissen veröffentlicht worden. Die Regierung in Athen habe eine entsprechende Anfrage ausdrücklich verneint.

Ich weiß nicht, wie man das sonst nennen soll, wenn nicht eine gezielte Kampagne. Informationen zurückzuhalten, um einseitiger berichten zu können, ist schlicht und ergreifen lügen.

66 Antworten auf „Spiegel-Online-Style: Die Informationen sind zwar falsch, aber exklusiv!“

  1. Mein erste Gedanke beim Lesen der SPON-Meldung war: „Wie verblödet sind die griechischen Politiker denn jetzt?“. Das beweist, dass manch ein Redakteur keine Ahnung davon hat, was er anrichten kann.
    Kurzfristig würde eine Austritt von Griechenland dem Euro schaden (siehe Kursverfall – ich unterstelle jetzt mal keine Spekulationen am Devisenmarkt des Autors – aber vielleicht seiner „Quelle“) – mittel- bis langfristig wäre es für den restlichen Euroraum vermutlich eher besser, keine hoch verschuldeten Griechen in der gemeinsamen Währung zu haben. Aber das ist ein was-wäre-wenn-Szenario, das niemand exakt einschätzen kann.
    Die Meldung von SPON ist nicht nur ein Beispiel für schlechten Journalismus, sondern auch ein Beweis für die Macht der Medien.

  2. Zur Verteidigung des Spiegels:

    a) der Spiegel hatte die Story zu dem (äußerst geheimen) Treffen exklusiv. Das Treffen wurde fleissig dementiert, aber am nächsten Tag dann doch bestätigt.

    b) Ich fande die Spiegel Geschichte zwar reisserisch in der Überschrift, der Artikel war aber deutlich vorsichtiger. Dass der Spiegel als Begründung den Sinn reinrührt, ist ziemlich sinnfrei.

    c) Zur weiteren Verteidigung des Spiegels: Was meinst du, was die in einem total geheimen, von mehreren Seiten dementierten Treffen diskutiert haben? Das BIP Minus im ersten Quartal? Außer einem Schuldenschnitt oder einem Euro-Austritt gibt es doch nichts, was man geheim diskutieren müsste … Ich weiss, dass das alles eher VT-übliche Begründungen sind … Und: Wieso sollte ich den Dementis über den Inhalt des Gesprächs Glauben schenken, wenn die von den gleichen Leuten kommen, die am Tag zuvor noch das Treffen an sich dementiert haben? (Wie werden übrigens in dieser Geschichte KEINE verlässlichen Informationen bekommen. Egal, was da geplant wird, es muss unter absoluter Geheimhaltung erfolgen. Ansonsten geht die Nummer schief …)

    Ich stimme deiner Kritik aber insofern zu, als dass man eine sooooo wichtige Geschichte nicht so schlampig darstellen darf … Und den Unterschied zwischen der (breaking) Nachricht „Es gibt ein geheimes Treffen“ und der Spekulation über den Inhalt (und mehr hat der Spiegel nicht zu bieten) genauer herausarbeiten muss.

  3. @Tom:

    Der Euro ist gefallen, weil man vermutete, dass die Griechen mit einem Euro-Austritt *drohen* und die EZB anbietet, den Griechen mit mehr Geld zu helfen …

    Wenn Griechenland aus dem Euro austreten würde, wäre der Euro nachher nicht schwächer, sondern stärker.

    Das Problem beim Austritt ist auch sehr technisch: Wie macht man das, ohne dass die Griechen alle vorher ihr Geld abheben, in Gold umtauschen und nachher zu 30 oder 40% höheren Kursen wieder zurücktauschen? Und wie bekommt man die Griechen nachher wieder zurück in den Euro? Denn das war/ist politisch ja erwünscht und auch der Grund, warum Griechenland am Anfang überhaupt erst in den Euro reinkam … Denn dass die da eigentlich nicht reingehören, war schon einigen bewusst, auf die wurde aber nicht gehört …

  4. Das beweist nur, dass wir Leser immer Kritisch bleiben müssen. Auch bei so großen Nachrichtenmagazinen wie dem Spiegel oder seiner Onlineausgabe SpOn.

    Schöner Beitrag.

  5. @egghat: auch das Bundesfinanzministerium geht davon aus, dass ein Euro-Austritt für den Euro-Raum teurer wäre als jedes andere Szenario, abgesehen von dem Vertrauensverlust für alle kleineren Euro-Länder. Der Euro wäre in keiner der Berechnungen stärker.

  6. Dein ganzer Blogartikel basiert auf der Annahme, die Angaben im SPIEGEL seien falsch. Bloss: Woher weisst Du das?

    Lügen vor Bailouts, Währungsreformen, usw. ist normal und wir haben es gerade im Bezug auf die europäische Währungsunion schon mehrfach erlebt.

  7. @Martin: Ähm, unter anderem von SpOn selber? Die ja nicht nur am nächsten Tag das gegenteil schreiben, nämlich dass es nie ein Thema war (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,761209,00.html). Und bis dahin nicht einen einzigen in irgendeiner Weise belastbaren Hinweis auf irgendein Mitglied der griechischen Regierung liefern, dass je tatsächlich auch nur über diesen Schritt nachgedacht wurde, stattdessen aber unzählige, die das Gegenteil bestätigen?

    Mit deiner Argumentation kann ich absolut alles schreiben, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, und nehme dann das Dementi als Beleg. Das ist irgendwie Quatsch, oder?

  8. Danke für den Artikel. Es leider ncht der einzige Artikel, bei dem ein so genanntes Leitmedium eine Geschichte unter Nicht-Berücksichtigung von Fakten und Informationen in eine Richtung schreibt, die – ich versuche es neutral auszudrücken – das Thema spannender macht, als es eigentlich ist. Hier taucht ein Problem auf, dass Deinen Kommentar, Pierre, betrifft. Die meisten Leser haben nicht die Möglichkeit, eine gut geschriebene Geschichte so kritisch zu hinterfragen, wie es nötig wäre. Meist braucht es Spezialkenntnisse, Fachwissen oder mindestens gesteigertes Interesse, um die Probleme oder Fehler in einem Artikel zu erkennen. Ich finde es traurig und gewissenlos, dass Ressortleiter und Chefredakteure oft aus Interesse an guten Schlagzeilen (und manchmal aus Unwissenheit) solche Artikel ins Blatt / Web heben. Das ist für mich Effekthascherei und kein guter Journalismus. Und besonders für ein Leitmedium unverantwortlich.

  9. @Martin: Die griechische Regierung hat das mehrfach dementiert. Und wenn der „Spiegel“ seriöse Quellen hätte, könnte er sie nennen.

  10. @Silke: Selbstverständlich dementiert die griechische Regierung … welches Land der Währungsunion, das «gerettet» werden musste, tat das nicht, üblicherweise bis ein paar Minuten vor Bekanntgabe der «Rettung»?

    @mikis: Der SPIEGEL hat am nächsten Tag nicht das Gegenteil geschrieben, sondern die Konsequenzen eines allfälligen griechischen Austritts aus der Währungsunion beschrieben – und dieser Austritt ist selbstverständlich ein Thema, seit längerer Zeit schon und nicht nur für Griechenland. Die Idee, ein Austritt aus der Währungsunion sei für Griechen und andere kein Thema, ist absurd und nachweislich falsch, wie jeder halbwegs wirtschaftlich und politisch interessierte Europäer weiss. Ja, die Konsequenzen eines griechischen Austritts aus der Währungsunion wären gravierend, aber vielleicht besser ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende. Momentan wird Letzteres geübt, aber ob sich das noch lange durchhalten lässt, ist fraglich …

  11. @Martin: Könntest du eine Quelle nennen, die belegt, dass irgendeine Regierung in Euro-Land ernsthaft den eigenen Austritt oder den Austritt eines Landes aus der Gemeinschaftswährung erwogen hat? Oder irgendeinen anderen, der es (jenseits von Polemik von FDP-Hinterbänklern) erwägt, außer Hans-Werner Sinn, der es tatsächlich seit Jahren fordert, allerdings selbst ja die gleichen Konsequenzen vorhersieht und in der ihm eigenen Art nur die Kosten der seiner Meinung nach unausweichlichen Katastrophe anders verteilen will.

    Tatsache ist: Es gibt kein seriöses juristisches, kein seriöses ökonomisches und erst recht kein seriöses politisches Ausstiegsszenario, in keinem Euroland. „Jeder halbwegs wirtschaftlich und politisch interessierte Europäer“, den du anführst, ist dann tatsächlich höchstens halbwegs interessiert – Ahnung hat er aber offensichtlich gar keine.

  12. Der griechische Ökonom Yanis Varoufakis schreibt, die Quelle für das Gerücht sei vor allem das deutsche Bundesfinanzministerium gewesen. Seiner Analyse nach habe das Ministerium mit einer leichten Panik zum einen zeigen wollen, dass der momentane Kurs der griechischen Regierung nicht ausreiche. Und zum anderen wolle es so ein Szenario aufwerfen, dass eine Umschuldung milde erscheinen lasse. Zu den Stichwortgebern hätten auch, zu einem geringeren Anteil, ein oder zwei große Banken gehört.
    (Seine Quellen nennt Varoufakis übrigens nicht.)

    via

  13. Ich „seconde“ jetzt mal noch den Hinweis von Bastian Brinkmann. Der Artikel ist sehr gut, weil er sich fragt „ciu bono“ Wem nützt es und was soll erreicht werden. Die These: Mit der Drohung des Euro-Austritts soll den Skeptikern einer Restrukturierung deutlich gemacht werden, dass es noch viel Schlimmeres gibt. Also eine Aufforderung „endlich was zu machen“…

    Man mus die These nicht unbedingt glauben, aber es ist schon was dran. Vor allem, und damit zurück zum Artikel oben und der Kritik, wäre der Spiegel dann nicht mehr als das Sprachrohr des deutschen Finanzministeriums … (Das macht den Journalismus im Artikel auch nicht besser, aber man wüsste dann, warum der Artikel so erschienen ist …)

  14. Regel des angloamerikanischen investigativen Journalismus‘ der Siebziger Jahre: Wenn keine Originaldokumente vorliegen, eine Exklusiv-Meldung nur bringen, wenn ihr Inhalt von zwei Quellen unabhängig voneinander bestätigt wird. Was in diesem Fall geheißen hätte: Wenn dir jemand aus „deutschen Regierungskreisen“ sagt, die Griechen überlegen, aus dem Euro auszusteigen, musst du eine weitere Quelle finden, die das bestätigt, und sie darf nicht ebenfalls aus „deutschen Regierungskreisen“ kommen. Viel Arbeit. Und wenn du dir die nicht machen willst und wenn du sie dir machst, und sie führt zu nichts: Dann kannst du davon ausgehen, dass du instrumentalisiert wirst, und verzichtest auf die Nachricht. Tja, die guten alten Zeiten.

  15. Wer an diesem Tag um ca. 4.30 Uhr SPON besucht hat fand sogar eine Meldung vor die aussagt das Griechenland aus dem EURO aussteigen WIRD also nicht erwägt sondern es def. tun wird.

    Wenn ich gewußt hätte das das ganze ca. 90 min. später (unkommentiert) relativiert wird hätte ich einen Screenshot gemacht.

    gruß
    i-lancer

  16. Im Moment der Veröffentlichung war doch jeder tatsächliche Austritt Griechenlands aus dem Euroraum Makulatur. Damit hat man jede Eventualität dieses Themas doch sehr elegant erledigt. Wer immer also ein Interesse daran hatte, eine ernsthafte Diskussion zum Austritt/Rauswurfs Griechenlands aus der Eurozone im Keim zu ersticken, hats geschafft. Perfekte PR würde ich sagen.

  17. @Textkoch: Möglicherweise war das so. Furchtbär fände ich, wenn sich deutsche Leitmedien für so etwas einspannen lassen. Wie unwahrscheinlich das Szenario ist, muss doch jedem in der Redaktion klar gewesen sein.

  18. Lieber Michael Pantelouris,
    das ist alles sehr klug aufgeschrieben – und sicherlich richtig und wichtig, dass solche meldungen kritisch diskutiert werden.
    was mir allerdings an Ihrer Darstellung fehlt, ist die unglaubliche Dilletanz der griechischen und europäischen Seite beim Umgang mit der Meldung. Wie konnte es nur passieren, dass zunächst ein Treffen dementiert wird, hart dementiert wird, und nur wenige Stunden später dieses Treffen dann doch stattfindet? Die Meldung von Spiegel Online hat meiner Meinung nach weltweit nur deshalb soviel Beachtung gefunden, weil das Treffen zunächst dementiert wurde – und dann doch stattgefunden hat. Also glauben die Verschwörungs-Medien-Journalisten doch natürlich auch, dass an der anderne Geschichte auch irgend etwas stimmen muss.

  19. @griecho: Das stimmt. So weit ich das recherchieren konnte, sollte dieses Treffen (wie viele Treffen dieser Art) geheim bleiben, und alle Beteiligten sollten ihre Teilnahme bis zum Treffen dementieren (und man kann davon ausgehen, dass solche Treffen am Freitag abend stattfinden, um „die Märkte“ nicht zu beunruhigen). Das bedeutet: Die Sprecher, also diejenigen, die angerufen werden wenn so ein Treffen durchsickert, haben eine Anweisung: dementieren. Sie können weder entscheiden, sich daran zu halten, noch können sie schnell europaweit eine andere Kommunikationsstrategie koordinieren. Im Ergebnis heißt das, alle Ministeriumssprecher lügen in diesem Punkt, und wer einmal lügt … Das ist tatsächlich ein Desaster (und die Nachricht von dem Geheimtreffen hatte der Spiegel richtig und hat sie auch zurecht verbreitet). Dabei entsteht allerdings die Frage: Derjenige in „deutschen Regierungskreisen“, der die Informationen durchgesteckt hat, hat offensichtlich eine vereinbarte Verschwiegenheit missachtet. Was bedeutet, der Journalist, der diese Information erhält, muss umso mehr davon ausgehen, dass ein strategisches Ziel dahinter steckt. Sich zum Werkzeug dieses strategischen Ziels zu machen, widerspricht journalistischen Grundsätzen, unabhängig davon, ob die Ministeriumssprecher in einer anderen Frage lügen (was durchaus ein Thema war).

  20. Sich selbst über Falschmeldungen bei SpOn aufregen und dann selber höchst umstrittene Umstände so darstellen, als wären sie unwiderlegbar, spricht aber auch nicht gerade für guten Journalismus.

    Sie mögen der neoliberalen Propaganda ja gerne Glauben schenken, aber daß der Austritt aus der Währungsunion für Groiechenland wirtschaftlicher Selbstmord wäre, ist alles andere als eine Tatsache.
    Im Moment ist die griechische Regierung des einzigen Instruments beraubt, welches einen Ausweg aus der Krise böte – die Herrschaft über die eigene Währung. Die massiven Einschnitte bei den Sozialausgaben und der rigorose Sparkurs werden nur dazu führen, daß der Binnenkonsum komplett einbricht und die Steuereinnahmen noch weiter sinken. Und wie soll Griechenland je wieder auf die Beine kommen, solange ein so massives Außenhandelsdefizit besteht und die griechischen Märkte mit Produkten u.a. aus dem Land des „Exportweltmeisters“ mit seinen gerade im Vergleich zur Produktivität extrem niedrigen Löhnen überschwemmt wird.

    Die Währungsunion kann nur mit einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik funktionieren. Solange Länder wie Deutschland auf Kosten ihrer europäischen Nachbarn gute Geschäfte machen, wird sich an der Situation von Griechnland, Portugal, Irland, Spanien usw. nichts ändern – im Gegenteil. „Wir“ müssen diesen Ländern helfen, nachdem Wirtschaft und Finanzwelt mit Hilfe der Politikl sie haben ausbluten lassen. Allerdings zahlen – mal wieder – nicht die Verursacher die Zeche, sondern die Steuerzahler, nachdem sie vorher schon die versteckten Subventionen (z.B. Aufstockung von Niredriglöhnen) finanziert haben, die erst zu dieser fatalen Situation geführt haben.

  21. @SwENSkE Ich bin mit Ihrer Analyse völlig einverstanden, aber selbst die Befürworter eines Austritts aus der Währungsunion wie Hans-Werner Sinn sind der Ansicht, ein Austritt würde die griechische Wirtschaft, die Banken und in ihrem Zuge auch andere europäische (auch deutsche) Banken zusammenbrechen lassen und Griechenland für zehn oder 15 Jahre vom Kapitalmarkt ausschließen. Ich bestehe nicht darauf, das „Selbstmord“ zu nennen, wenn Ihnen ein besserer Begriff einfällt, aber diese Konsequenzen sind – so weit ich das sehen kann – unbestritten. Wie gesagt: Ihre Analyse teile ich vollkommen. In meinem Text geht es allerdings noch einmal um einen Teilaspekt: zumindest in Griechenland gibt es in Regierungskreisen niemanden, der einen Austritt aus der Währungsunion in Betracht zieht. Und das hat SpOn behauptet, ohne nachzufragen, und obwohl sie ahnen mussten, dass es so nicht stimmt. Ich nehme an, das spricht dafür, dass ihre deutsche Quelle glaubwürdig war. Aber nehmen wir nur für das Argument einmal an, ihre Quelle war der Finanzminister selber, der ja ein glaubwürdiger Mann ist: Wenn er nicht als Quelle zitiert werden will, muss ich das doch gegenchecken und gleichzeitig davon ausgehen, dass er eine versteckte Agenda hat, die zu bedienen nicht die journalistische Aufgabe ist. Darum geht es in meinem Text. Ich persönlich halte den Begriff „wirtschaftlicher Selbstmord“ hier für angemessen, aber ich hänge da überhaupt nicht dran. Die Konsequenzen, die gemeint sind, sind ja bekannt.

  22. Dass Informationen durchgestochen werden und vermeintliche Schweige-Gelübde durchbrochen werden – davon leben wir Journalisten doch!
    Und, ja klar, die Märkte reagieren nervös dabei. Aber wir Journalisten haben bei aller Verantwortung vor allem die Aufgabe, zu informieren und aufzuklären. Angesichts der Milliarden Steuergelder, die (möglicherweise) fließen, ist dieses öffentliche Interesse gar nicht hoch genug einzuschätzen. Sehr gut wird das heute m. M. nach auf Seite 4 der Süddeutschen beschrieben.
    Die Europäer sollten sich darauf besinnen, ehrliche Treffen mit ehrlichen Antworten zu veranstalten. Konspirativ können sie auch am Telefon sein…

  23. @griecho: Absolut richtig. Aus meiner Sicht darf ein Staat prinzipiell höchstens in absoluten Ausnahmefällen Geheimnisse vor seinen Bürgern haben. Ich habe das auch nicht verteidigt, sondern dargestellt, wie es passiert ist. Aber das alles ändert nichts an der Tatsache, dass SpOn ja nur nebenbei die richtige Nachricht von einem Geheimtreffen verbreitet hat. Die Überschrift war „Griechenland erwägt Austritt aus der Euro-Zone“.

  24. Und, weil das offenbar falsch aufgefasst wurde: Mir geht es nicht moralisch darum, dass ein Beamter seine Verschwiegenheit bricht. Aber als Journalist frage ich mich doch, warum er das tut. Weil er mich so nett findet? Weil der will, dass die unterdrückte Wahrheit ans Licht kommt? Oder weil er ein anderes Ziel verfolgt? In diesem Fall hätte man stutzig werden können. Bei der anderen Seite nachfragen und sie zitieren muss man sowieso.

  25. Eine Kleinigkeit: An drei Stellen steht „dass“, obwohl es jeweils „das“ heißen müsste. Sollte vielleicht geändert werden.

    Bis heute ist Spiegel-Online das einzige Medium, _das_ diese Information verbreitet.

    Schäuble muss niemanden von etwas abhalten, _das_ er nicht tun will.

    die ominösen Quellen von Spiegel-Online, die etwas sagen, _das_ extrem unwahrscheinlich und gleichzeitig weltexklusiv ist

  26. @jp: Danke! Ich würde jetzt hier gerne sagen, ich hätte gerne eine Redaktion, die nochmal gegenliest – aber irgendwie wissen wir alle, dass es nichts nützen würde …

  27. Die Süddeutsche behandelt das Thema heute ebenfalls, allerdings nicht mit Fokus auf den SPIEGEL (obwohl auch drauf hingewiesen wird, dass der SPIEGEL vor Veröffentlichung ein Dementi bekommen hat, das er nicht veröffentlicht hat), sondern auf die augenscheinlich undichte Stelle in deutschen Regierungskreisen, die immer wieder „Gerüchte und Halbwahrheiten“ zu streuen scheint:
    http://www.sueddeutsche.de/geld/griechenland-wird-spekulanten-zum-frass-vorgeworfen-geheimnisverrat-in-berlin-erzuernt-euro-staaten-1.1095194

  28. @mikis #5

    Die beiden Behauptungen, dass der Euroaustritt die teuerste Alternative (für uns?) wird und der Euro nicht stärker, ist kein Widerspruch. Im Gegenteil: Die wirtschaftlich teuerste Folge für Deutschland als Exportnation dürfte ein stärkerer Euro sein.

    An den Finanzmärkten gehen eigentlich alle davon aus, dass der Euro ohne Portugal, Griechenland und Irland in ganz anderen Sphären schweben würde. Im Moment ist der Euro der Einäugige unter Blinden (v.a. gegenüber dem Dollar). Ein Euro ohne die Krisenländer hätte eine noch viel bessere Performance abgeliefert … Der Dollar ist als Weltleitwährung eigentlich fällig, aber es gibt keinen Ersatz. Ohne Zweifel am Euro wäre das der Schweizer Franken in groß …

  29. Ich glaube, wenn es um Griechenland geht, hört Herr Pantelouris mehr auf sein Herz als auf seine Vernunft.

  30. vielleicht kann mir das ja jemand erklären, der in ökonomie etwas bewanderter ist als ich: warum eigentlich stossen die finanzmarkthaie ihre euronen ab, wenn spiegel onschleim an den haaren herbeigezogene gerüchte verbreitet, wonach europas finanzielle sorgenkind den euro-raum verlassen wolle? müsste das, mal ganz zynisch betrachtet, nicht eher gerade einen run auf den euro auslösen? verstehe einer die devisenspekulanten…

  31. @ugugu: Geld hat immer nur den Wert, den wir ihm zumessen. Wenn der Euro-Raum nicht hält, erschüttert das Vertrauen. Es würde den Dollar auch erschüttern, wenn Alaska den Dollar-Raum verlassen würde, obwohl die USA schuldentechnisch nicht besser dastehen als die Euro-Sorgenkinder. Der Weg, die jeweils Schwächsten aus einem Währungsraum auszuschließen, um die Währung zu stärken, funktioniert nicht prinzipiell (was nicht heißt, dass er prinzipiell nicht funktioniert). Am Beispiel des Dollar z.B. lässt sich unter anderem ablesen, dass eine Währung stärker werden sollte, wenn klar ist, dass einer für den anderen einsteht – was ja der Grund ist, weshalb Merkels kaum erkennbarer Kurs für so viel Kritik sorgt. Das Wichtigste wäre Klarheit. Das Schlechteste sind ständig wechselnde Gerüchte.

  32. „Ich weiß nicht, wie man das sonst nennen soll, wenn nicht eine gezielte Kampagne. “

    Ganz normale Pressearbeit – würde ich sagen.

  33. Wie weit man mit tollen Texten kommen kann, ohne vernünftig recherchiert zu haben, zeigt Rene Pfister, der kurzfristig einen Henri-Nannen-Preis verleihen bekommen hatte. Wäre die ausgebliebene Recherche nicht zufällig aufgeflogen, wäre die Reportage weiterhin als vorbildhaft gefeiert worden. Und dass sich die Spiegel-Chefredaktion nicht mindestens peinlich berüht zeigt, macht mir Kummer.

  34. Das Handelsblatt bestätigt heute, dass es (aus dem BMF) ein Vorbereitungspapier zu dem Treffen gab, in dem es um den – möglichen – Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ging.

    Die Behauptung, dass SPIEGEL ONLINE eine „Falschmeldung“ verbreitete, steht also inzwischen zumindest unter dem Verdacht, selbst wahrheitswidrig zu sein.

    Diesen Verdacht legte im Ansatz auch schon der von anfromme erwähnte SZ-Bericht nahe (denn das dort erwähnte Dementi war, wie sich bereits aus dem SZ-Bericht ergeben hat, jedenfalls bezüglich des Umstands, dass es das Treffen gar nicht gegeben habe, falsch!) Inzwischen hat Herr Juncker sogar ausführlich erläutert, wie es zu dem falschen Dementi kam.

    Und wenn, weil man so schön dabei ist, auch noch dem SPIEGEL-Redakteur Pfister „ausgebliebene Recherche“ unterstellen, dann haben sie sich noch nicht einmal in diesem Blog (geschweige denn anderswo) richtig informiert, bevor sie ihren hanebüchenen Unfug verbreiten.

    Wenn jedenfalls die hier so munter Kritisierten auch nur halb so leichtfertig vorgehen würden wie ihre Kritiker hier – dann gute Nacht!

    (Und nur am Rande sei auch hier erwähnt, dass das Verbreiten ehrenrühriger Behauptungen, wenn diese nicht „erweislich wahr“ sind, nach § 186 StGB strafbar sind – auch im Internet!)

  35. @Observer: Das hat nur erstens nicht mit der Tatsache zu tun, dass SpOn in diesem Fall keine Bestätigung eingeholt hat (sondern im Gegenteil ein Dementi verschwiegen), zweitens stützt es immer noch nicht die These „Griechenland erwägt …“, drittens habe ich nirgendwo René Pfister ausgebliebene Recherche unterstellt sondern sogar im Gegenteil darauf hingewiesen, dass es nur um die Definition von Reportage ging und viertens finde ich zumindest subjektiv, SpOn ist ganz gut im Austeilen von Kritik. Insofern auch Gute Nacht.

    Vielleicht lesen Sie mal die Texte, die Sie anprangern?

  36. @mikis
    Dankeschön, dass Sie den Kommentar veröffentlicht haben – das ehrt Sie.

    ad 1 und 2:
    Dazu, dass der Bericht jedenfalls bezüglich der Thematisierung des Griechenlands-Austritts in einer BMF-Vorlage offenbar zutreffend war, siehe das Handelsblatt von heute. (Das mit dem „Verschweigen“ des Dementis ist ja ein Nebenkriegsschauplatz – mal abgesehen davon, dass das Dementi zumindest bezüglich des Treffens eindeutig falsch war; was Sie mit „keine Bestätigung eingeholt“ meinen, verstehe ich indes nicht – davon war bei mir doch gar keine Rede.)
    ad 3:
    Nicht Sie, aber #anfromme.
    Sorry, in meinem ersten Beitrag war nach einer Überarbeitung das „manche“ verschütt‘ gegangen – deshalb war das etwas missverständlich.
    (Dass ich nicht „Sie“ damit meinte, kann man aber trotzdem eigentlich durch den Hinweis auf Ihren Blog erkennen. Und wenn es hier eine „Vorschau“-Funktion gäbe, und nicht nur dieses Mini-Fenster, ließen sich solche Fehler noch besser vermeiden.)

    Keine Angst: Nicht alles, was ich lese, prangere ich an – aber alles, was ich anprangere, habe ich gelesen.

    Indes: Würde Ihnen wirklich ein Zacken aus der Krone fallen, wenn Sie jetzt darauf hinweisen würden, dass es inzwischen auch aus anderen Quellen Hinweise darauf gibt, dass SPON sich die Sache doch nicht völlig aus den Fingern gesaugt hat??

  37. @Observer: Da habe ich noch keine Ehre verdient, ich veröffentliche ja alle Kommentare …

    Sorry, wenn ich Sie da teilweise falsch verstanden habe. Aber zu SpOn: Der Redakteur hat eine Information aus dem BMF erhalten (das habe ich ja nie in Abrede gestellt, sondern explizit erwähnt), heute vermelden einige Medien, es wäre eine Redevorlage gewesen. Daraus wurde der Satz zitiert, im Falle eines Verlassens des Euro würde die neue griechische Währung (wohl die Drachme) 50 Prozent ihres Wertes verlieren. Daraufhin rief ein Spiegel-Redakteur nach Recherchen der SZ in Athen an und wollte eine Bestätigung. Die Information wurde, wie es später hieß, auf die schärfste nur mögliche Form dementiert. Dieses Dementi hätte SpOn selbstverständlich zitieren müssen. Stattdessen geht die SpOn-Geschichte ab hier schon davon aus („egal, für welche Möglichkeit er sich entscheidet“), Griechenland würde entweder den Euro verlassen oder es käme zu einer Umschuldung (das Zweite ist ja nicht unwahrscheinlich, steht aber auch noch nicht fest). Noch einmal: Für die SpOn-Geschichte unter der Überschrift „Pläne für eigene Währung: Griechenland erwägt Austritt aus der Euro-Zone“, die bereits vorher erkennbar marktbeeinflussend war, gab es eine einzige Quelle – jemanden im Finanzministerium, der sie veröffentlicht sehen wollte, um (meine Interpretation) Druck auf die Kanzlerin auszuüben oder (Zeit-Online-Interpretation) Schäuble zu schwächen. In jedem Fall verfolgte das Durchstecken einen Zweck, was die Information noch einmal nicht vertrauenswürdiger macht. Abgesehen davon belegt die Redevorlage so, wie sie zitiert wird, nur, dass Schäuble in jedem Fall gegen einen Austritt Griechenlands aus dem Euro ist, aber nicht, dass Griechenland das (jenseits der inzwischen mehrfach im Blog erwähnten Planspiele) ernsthaft in Erwägung zieht. Nach dem, was alle Teilnehmer des Treffens sagen, ist darüber nicht einmal in der Theorie gesprochen worden. Als Journalist kann ich nicht einfach nur das Gegenteil von dem veröffentlichen, was mir überall bestätigt wird, weil ich eine Quelle habe, die zwar nicht offen reden kann, aber dafür mit unwahrscheinlichen, exklusiven Informationen um sich wirft. Ich muss es bestätigt bekommen und eventuelle Dementis mit veröffentlichen.

  38. Was das Dementi anbelangt: geschenkt. Auch sonst kann ich vieles an Ihrer Kritik absolut nachvollziehen.
    Nur (und das ist der einzige Punkt, um den es mir geht): Dass es eine „Falschmeldung“ war, wissen weder Sie noch ich.
    Viele Leute behaupten das, o.k.. Die haben aber auch das Treffen an sich abgestritten – und das war nachweislich gelogen. Müssen deswegen die anderen Dementis auch gelogen sein? Nein. Müssen sie wahr sein? Nein.
    Man weiß es nicht. Aber was man nicht weiß (und nicht beweisen kann), sollte man auch nicht behaupten. Weder SPIEGEL ONLINE noch Sie noch sonstwer.
    (Wie schon an anderer Stelle erklärt: Hätten Sie geschrieben: „Die Informationen sind zwar dementiert, aber exklusiv“ – wahlweise auch „nicht“ oder „schlecht belegt“, hätte ich nichts gesagt.)

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