Die gescheiterte Assimilation des Thilo Sarrazin

Die Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, stört es nach eigener Aussage, dass Thilo Sarrazin weiterhin SPD-Mitglied – und es darf unterstellt werden, dass ihre Meinung in diesem Punkt auch der ihres Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel entspricht. Das ist keine ganz kleine Aussage, denn es gehört schon Größe dazu, als Führungsfigur einer Partei zuzugeben, dass die Dinge selbst im eigenen Laden eben nicht unbedingt so laufen, wie man sich das gewünscht hätte. Für die Demokratie an sich ist die Tatsache großartig, dass zwei Menschen mit in einzelnen Punkten stark widerstreitenden Ansichten Mitglieder ein und der selben Partei sein können – und dass selbst Parteivorsitzende Mitglieder mit widerstreitenden Ansichten nicht einfach hinauswerfen können.

Es ist an sich müßig, darüber zu streiten, ob Sarrazins (auch aus meiner Sicht) teilweise abstrusen Thesen Platz in der Sozialdemokratie haben. Neben vielen Stärken und klaren Analysen enthält sein Buch eben durchaus Passagen, die ich so verstanden – nach Sarrazins Erklärung im Parteischiedsverfahren missverstanden – habe, dass eben nicht alle Kinder gleich viel wert und vor allem nicht gleich wünschenswert sind. Aber so, wie die Dinge nach dem Mahlen der Mühlen der Parteijustiz sind, bleibt in jedem Fall die Ironie, dass Sarrazin und seine parteiinternen Anhänger nun das geworden sind, was sie Migranten in Deutschland im- oder auch explizit vorwerfen: eine Parallelgesellschaft. Sarrazin nimmt für sich in Anspruch, ertragen zu werden in seiner Eigenheit, mit dem Gefühl, er sei schließlich im Recht – was wohl ziemlich genau dem Gefühl jeder religiösen und kulturellen Minderheit entspricht, wobei die meist nicht mit dem Sarrazin’schen Sendungsbewusstsein mithalten können.

Nach der Einigung vor der Partei-Schiedskommission in Berlin steht nun also fest, dass Sarrazin nicht ausgewiesen wird. Eine Assimilation in die offizielle Parteilinie steht – siehe Nahles – gar nicht zur Debatte, er wird sich nicht mehr in den Rahmen der klassisch sozialdemokratischen Werte begeben. Wir sprechen also bei der Randgruppe Sarrazin in der SPD über die Möglichkeit einer Integration im Sinne von Lord Ralf Dahrendorf: Parallelgesellschaften sind – jenseits des öffentlichen Raumes, für den klare Regeln gelten – zu ertragen. Das ist die einzige Form der Integration, die bisher irgendwo funktioniert hat. Für den Genossen Thilo Sarrazin wird die Zurückhaltung im öffentlichen Raum eine schwierige, wenn nicht letztlich unlösbare Aufgabe sein, weil er in dem Gefühl, recht zu haben, jedes Gefühl dafür verloren hat, was eine angemessene Äußerung ist.

Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.

Die Wahrheit ist: Thilo Sarrazin muss überhaupt niemanden anerkennen. Er muss aber, wie jeder von uns – und als exponierter Vertreter einer politischen Partei und staatlicher Institutionen sogar in besonderem Maße –, im öffentlichen Raum zum Beispiel die Regeln des gegenseitigen Respekts beachten. Ich kann nicht erkennen, warum er das plötzlich verstanden haben sollte, und ich traue es ihm vor allem deshalb nicht zu, weil er offenbar sicher glaubt, auf der Wahrheit zu sitzen. Er unterliegt dabei dem gleichen Missverständnis wie viele Populisten: Nicht alles, was „unbequem“ ist, ist deshalb gleich eine Wahrheit. Er hat außerdem die Grundzumutung des demokratischen Systems ausgeblendet: Selbst wenn er mit allem, was er sagt, recht hätte (und er hat es in einem eher kleinen aber entscheidenden Teil seiner Thesen aus meiner Sicht nicht), wäre seine Stimme nicht mehr wert als jede andere im Kanon der politischen Willensbildung.

All das zusammen macht Sarrazin unangenehm. Ich möchte nicht ausblenden, dass sein Buch mehr Stärken hat als Schwächen. Aber in diesem Fall, im Zuge dieser Diskussion und nicht zuletzt auch in der von ihm fachmännisch und mit der Erfahrung eines politischen Lebens gesteuerten Kampagne rund um das Erscheinen des Buches samt Vorabdrucken in Spiegel und Bild, die in breiten Teilen der Bevölkerung zu einem Ventil rassistischer Ressentiments geworden ist, wiegen die Schwächen am Ende schwerer. Das Buch ist, wie die Kanzlerin es korrekt zusammengefasst hat, „nicht hilfreich.“ Nicht mehr und nicht weniger.

Und trotzdem muss man Thilo Sarrazin ertragen. Das ist Demokratie. Er ist in der SPD nicht assimiliert und ein produktiver Beitrag zur Parteipolitik ist für die Zukunft eher nicht zu erwarten, es werden sich im Gegenteil wahrscheinlich die meisten freuen, wenn er in Zukunft einfach nur still ist (ich weiß, hier kommt gleich das Argument, dass viele Wähler Sarrazin doch zustimmen. Aber, bitte: Niemand wählt die SPD, weil er findet, es gäbe zu viele schlecht integrierte Ausländer in Deutschland. Für wen Sarrazin der entscheidende Grund wäre, SPD zu wählen, der wählt gleich die NPD). Der Genosse Sarrazin ist in seiner Partei vom produktiven Mitglied zur Belastung geworden, zum Äquivalent eines Transferleistungs-Empfängers. Und trotzdem hat er die exakt gleiche Berechtigung, in der Partei zu sein, wie Andrea Nahles. So geil ist Demokratie. Schade, dass er das nicht verstehen wird.

22 Antworten auf „Die gescheiterte Assimilation des Thilo Sarrazin“

  1. Die größte Stärke ist aus meiner Sicht der Abschnitt zu Bildung und Ausbildung, aber auch sonst ist das Buch ja in weitesten Teilen ein Gewinn und eine Fleißarbeit. Natürlich muss man sich Gedanken machen über die Zukunft, und auch wenn Prognosen für die Zeiträume, über die er spricht, seriös kaum zu treffen sind (was er ja zugibt), ist es sinnvoll, sich aufgrund der Daten von heute Gedanken über die Gesellschaft der Zukunft zu machen. Es ist ein ganz spannendes Buch. Aber ein paar Stellen sind eben furchtbar, und das reicht eben am Ende, damit es nicht hilfreich ist. Trotzdem: Weiteste Teile kann ich voll unterschreiben.

  2. Ich lese das Buch jetzt noch einmal in aller Ruhe durch, nachdem ich es für einige Monate ausgeliehen hatte.
    Welche Stellen sind „furchtbar“?
    Was heißt „nicht hilfreich“?

  3. Ihre Ansichten über den Menschen Sarrazin teile ich nicht, die über sein Schaffen nicht.

    Ich toleriere Sarrazin als Teil der Gesellschaft mit seiner Meinung und seinem Gehabe. An einen weisen Ausspruch aus seinem beruflichen Leben kann ich mich aber bei bestem Willen nicht erinnern.

  4. @Christian Benduhn: Furchtbar ist aus meiner Sicht vor allem die Verknüpfung von Vererbungslehre und Aufstiegs- und Bildungschancen. Ich habe einige Kommentare gelesen, in denen gesagt wurde, Sarrazin wäre nahe an der Eugenik, auch wenn er sie nur durch ihr Negativum – „dysgenische Entwicklungen“ – benennt. Das stimmt so nicht. Er spricht explizit davon, dass die Fruchtbarkeit bestimmter Schichten „eugenische und dysgenische“ Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Gesellschaft hat. Ich weiß nicht, wie man das anders verstehen soll, als das bestimmte Kinder eben aufgrund ihres Gen-Materials gesellschaftlich unerwünscht sind. Allerdings habe auch ich zu akzeptieren, dass Sarrazin offenbar glaubwürdig versichert hat, dass ich mit meiner Interpretation falsch liege.

    Nicht hilfreich: Als jemand, der zum Beispiel im Elternrat einer Grundschule in Hamburg recht viel mit Integrationsproblemen von Migrantenfamilien zu tun hat, habe ich festgestellt, dass Thesen wie Sarrazins – die durchaus verstanden werden können und auch verstanden wurden als: Bei den Türken ist Integration praktisch ausgeschlossen, weil sie aus genetischen Gründen zu dumm sind, auch deshalb, weil sie mit ihren Cousinen Inzucht betreiben – bildungs- und integrationswillige türkische Eltern davon abhält, sich an Schulen zu engagieren und das Beste für ihre Kinder herauszuholen. Der Integrationswille und die Selbstkritik der türkischen Community wird bei Sarrazin ja praktisch vollständig ausgeblendet. Das führt dazu, dass in der Diskussion eben nicht mehr – wie er behauptet – realistisch aufgrund von Zahlen diskutiert wird, sondern aufgrund von Vorurteilen. Ein Beispiel: Ich habe einen Migrationshintergrund. Wenn ich in der Diskussion darauf hinweise, heißt es, um mich ginge es ja nicht. Meine Kinder sind eine Mischung aus deutschen, arabischen und griechischen Familienhintergründen. Aber auch um die geht es offensichtlich nicht. Wenn wir nach diesem System diejenigen ausschließen, um die es nicht geht, und die, die viel integrationswilliger sind, als Sarrazin deutlich macht usw., dann kommen wir zu einem sehr viel konstruktiveren, realistischeren Bild, das bessere Lösungsansätze bieten würde. Aber damit verkauft man sicher nicht so viele Bücher. Insofern hat Sarrazins Buch die große Stärke, dass in ihm faktische Probleme angesprochen werden, von denen ganz offensichtlich ein riesiger Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, sie wären so nicht angesprochen worden (wobei ich die gerne mal einladen würde zur Arbeit z.B. eines Elternrates in einem sozialen Brennpunkt. Ich habe nämlich nicht das Gefühl, dass Probleme dort verschwiegen würden, aber das ist ein anderes Thema). Aber Sarrazin tut das in einer Art und Weise, die die Lösung der Probleme da, wo an der Lösung gearbeitet wird, nur erschwert. Das ist nicht hilfreich.

  5. @mikis
    Wenn man das also so versteht wie Sie es im Kommentar schreiben, wie passt das mit den Aussagen im Artikel zusammen? Wohl durch den Schluss, Sarrazins Buch habe deswegen die große Stärke gefühlt Unausgesprochenes auszusprechen.

    Damit doktorn Sie aber genauso an der Daswirdmanwohlnochsagendürfenlegende wie alle anderen.

  6. @VonFernSeher: Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstehe, aber ich versuche es nochmal auf blauen Dunst. Das Buch hat mehr als 400 Seiten, von denen wahrscheinlich 400 gut sind, oft schlau, vieles richtig, und eine grandiose frickelige Fleißarbeit. Davor habe ich Respekt. Aber es kommen einzelne Aspekte darin vor, die ich erstens vollständig falsch finde und die zweitens (für den Profi Sarrazin sicher nicht überraschend) den Rest des Buches derart überlagern, dass ich mir insgesamt wünschte, er hätte es einfach nicht geschrieben. „Man wird doch noch sagen dürfen“ halte ich für den größten Scheiß aller Zeiten. Man darf alles sagen, und wer so tut, als gäbe es in diesem Land Denkverbote, der begibt sich damit schon auf den falschen Weg. Sarrazin darf auch alles sagen. Allerdings widerspricht aus meiner Sicht eben ein kleiner, aber wichtiger Teil dessen, was er sagt, sowohl den Regeln des Anstandes als auch dem sozialdemokratischen Menschenbild.

  7. Das Buch von Sarrazin mag eine Fleißarbeit sein, dann ist es aber eine ohne Kopfarbeit. Denn dann müsste man ja voraussetzen er habe tatsächlich unabsichtlich und mit bestem Vorsatz die Statistiken verdreht und er glaube seinen Genetikmüll selbst, ohne dabei auch nur irgendwie rassistisch zu sein (?).

    Wenn man aber davon ausgeht, dass dieser Mann über ein Mindestmaß an Intelligenz und Gerissenheit verfügt (der war schließlich in der Bundesbankführung, dafür muss man was tun), dann ist es plötzlich fast egal, ob die Statistiken verbogen sind – sie sind es –* er könnte sogar 400 Seiten die „reine statistische Wahrheit“ erzählt haben. Wenn er es sich auf nur zehn Seiten so hindreht (es sind ja erheblich mehr), dass er auf einmal als Vertreter der besseren Abstammung daherkommt, dann ist das kein kleiner Teil neben größeren Stärken, sondern der Sinn und Zweck des Schriftwerks.

    Sarrazin hat dieses Buch nicht geschrieben, um soziographische Wissen zu verbreiten und einen offenen Diskurs zu beginnen; er hat es geschrieben, um Zustimmung von der schweigenden vermeintlichen Mehrheit zu erheischen, sich damit hervorzuspielen und Geld zu machen. Und um sein geparktes Ego noch mal warmlaufen zu lassen.

    Wenn Sie sich also so klar gegen das „Man wird doch noch sagen dürfen“ stellen, dann bleibt immer noch das „Es ist ja nicht alles falsch, was er schreibt“, der kleine Psychobruder vom „Es war ja auch nicht alles schlecht, damals“.

    Es gibt keinen gaubwürdigen dialektischen Ansatz dieses Buch zu verteidigen ohne seine Logik anzunehmen. Wenn man seine Logik aber ablehnt, gibt es keinen Grund zur Verteidigung.

    *sog. Merkelscher Argumentationsansatz

  8. @VonFernSeher:

    Vorweg: Ich kann weder fachlich noch inhaltlich beurteilen, ob die Statistiken bei Sarrazin stimmen, und ich bezweifle, wie gesagt, dass er in jedem Fall zulässige Schlüsse aus ihnen zieht.

    Aber ich für mich versuche, das Buch sachlich zu betrachten (und, ehrlich gesagt: „Es war nicht alles schlecht damals“ halte ich für nicht vergleichbar und unangemessen mit der sachlichen Betrachtung eines Buches, das – IMHO – mit kruden genetischen Thesen operiert. Ich wünschte, ein besserer und möglicherweise klügerer Autor hätte sich des Themas angenommen, aber ich kann mir die Realität nicht schnitzen. In der Realität aber finde ich bei Sarrazin tatsächlich vieles Richtige (wenn auch davon praktisch nichts neu ist), viele gute Vorschläge z.B. zu Bildung und Ausbildung, aber eben auch das krude, menschenverachtende Zeug, das nur einen kleinen Teil ausmacht, der aber letztlich dazu führt, dass das ganze Buch destruktiv ist (und damit meine ich explizit: weil es eben nicht auf der Realität beruht. Eine wahrhaftige Analyse ist immer hilfreich).

    Ich werde trotzdem keinen Dämon aus einem alternden Rechthaber machen. Aus meiner Sicht ist der Mann eine Parallelgesellschaft, die nur bedingt Kontakt zu der Welt hat, in der wir alle gemeinsam leben.

  9. @mikis
    Nochmal: Was ist dann die Stärke des Buches? Wenn nichts neu ist, vieles falsch oder falsch dargestellt, manches Alte zwar richtig wiedergegeben, aber die Intention eine Verachtenswerte ist, wie kann man dann die Tatsachenbeschreibung als Stärke verkaufen? Es ist halt nicht „eben auch das krude, menschenverachtende Zeug“, sondern das ist die Intention des Werkes. Es handelt sich doch um ein politisches Pamphlet und nicht um ein Sachbuch.

    (Ich bin übrigens auch kein Experte auf dem Gebiet, aber die wirklichen Experten haben sich ja zu Wort gemeldet, sogar die Expertin, deren angebliche Schlüsse Sarrazin zur Beweisführung nutzt. Ich erinnere mich an Sätze wie „Er hat da was nicht verstanden.“ Das ist die rein wissenschaftliche Betrachtung, ich tendiere ja eher zum „Er hat da wohl was nicht verstehen wollen.“)

    Einen Dämon will ich aus Sarrazin indes auch nicht machen. Ich möchte nur auf die bewährte Schiene „Mit vielem hat er doch Recht“ hinweisen, die an das Gefühl und nicht an den Verstand appelliert und eine beliebte Kommunikationstechnik derer darstellt, die sich außerhalb des gesellschaftlichen Konsenses (also in den Extremen) bewegen. Und die ist – da muss ich deutlich widersprechen – gar nicht weit von „Damals war auch nicht alles schlecht“ entfernt.

    So wie nämlich die von damals darauf anspringen, so sollen die von heute auf das „Irgendwie haben sie ja schon recht“ kommen. Diese Figur ist erprobt und funktioniert, egal ob bei pro XY oder den völkischen Jugendgruppen. So legitimiert sich das NPD-Mitglied am Stammtisch der Fußballeltern und die äußere Rechte der Union in den Talkshows.

  10. @VonFernSeher: Was qualifiziert Sie eigentlich, dem Herrn Sarrazin eine „verachtenswerte Intention“ zu unterstellen? Verfügen Sie über eine höhere Intelligenz als er? Haben Sie eine höhere Moral gepachtet?
    Sarrazin hält sich immer noch für einen Sozialdemokraten und er macht sich Sorgen um sein, mein, unser Land.
    Verachtenswert finde ich, dass Sie ihm eine rechtsradikale Gesinnung unterstellen. Hat er zur Vernichtung von Türken oder Arabern aufgerufen?

  11. Hat er zur Vernichtung von Türken oder Arabern aufgerufen?

    Das ist Ihre Definition von rechtsradikaler Gesinnung? Die beginnt also erst, wenn man zur Vernichtung aufruft?

    Für mich reicht es auch schon, wenn man den Deutschen nahelegt, es wäre keine gute Idee, wenn diese Migranten noch mehr Kinder bekommen, weil die nämlich genetisch irgendwie minderwertiger als die rein deutschen sind. Oder zu behaupten Intelligez ließe sich ursächlich auf Genetik zurückführen und da seien manche Ethnien halt nicht so vorteilhaft.

    All das ist bei Sarrazin nachzulesen resp. nachzuhören und keine Unterstellung. Und ja, die Intention der Lehre, einige Ethnien seien genetisch minderwertiger als andere, finde ich verachtenswert.

    Aber solange Sie sich noch fragen, was mich denn qualifiziert einfach so eine Meinung zu haben, rechne ich mal nicht so bald mit Verständnis. (Das werde ich ja wohl noch sagen dürfen.)

  12. Ich muss Herrn von Fernseher zum Teil aber zustimmen. Das Wesen eines Buches bestimmt sich am ehesten durch seine ratio. Was will uns das Buch sagen? Wenn wir also davon ausgehen, dass 400 Seiten richtigen drin stehen und der Rest auf deren Basis rechtsstaats- oder menschenrechtsfeindliche Schlüsse zieht, hat das Buch eine größere Schwäche. Zu mehr Stärken als Schwächen kommt man dann nur, wenn man die Lage rein nach Quantität betrachtet. Es sollte aber Qualität zählen.

  13. Ja, finde ich auch. Deshalb sage ich ja: Trotz allem, was in dem Buch richtig ist, ist es am Ende ein Buch, bei dem mir persönlich lieb gewesen wäre, es gäbe es nicht.

    Allerdings glaube ich tatsächlich, Sarrazin hat nach einem langen Leben, in dem die Welt leider nicht auf ihn gehört hat, endlich einmal beweisen wollen, wie recht er hat. Der falsche Schritt, den er macht ist ja, dass er tatsächlich Deutschland zwar als nationale Gemeinschaft von Deutschen und als Volkswirtschaft begreift (an der dann auch „produktive“ Ausländer teilnehmen dürfen), und auch möchte, dass dieses Deutschland prosperiert, aber er verrennt sich an gleich mehreren Stellen in Statistiken, die (wie er im Vorwort der aktuellen Auflage auch zugibt) keinen Schluss auf einzelne Menschen zulassen. Aber dadurch, dass er einzelne Menschen ausblendet und von Bevölkerungsgruppen nur als statistische Größe spricht, geschieht im Effekt eben genau das. Wenn nach Sarrazin türkischstämmige Bürger Deutschlands statistisch gesehen schlechtere Schulabschlüsse machen („dümmer sind“), dann wird daraus spätestens in der Wahrnehmung vieler Leser „Türken sind dümmer als Deutsche“. Wenn dann weiter die Fruchtbarkeit bildungsferner Schichten nach Sarrazin „dysgenische Effekte“ hat, dann verstehe ich das nicht als „alle Kinder sind gleich viel wert“. Ich habe an dieser Stelle (http://print-wuergt.de/2010/09/08/migrationsvordergrund/) ja schon darauf verwiesen, wie sehr ich das verachte (übrigens, @VormFernSeher, mit einigen Ihren ziemlich ähnlichen Argumenten zum Thema „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“), aber das ändert nichts daran, dass meine persönlichen Rückschlüsse auf Sarrazins Geisteshaltung dabei nicht entscheidend sind. Er hat in seiner Erklärung vor dem Schiedsgericht zumindest sehr deutlich gesagt, dass meine Interpretation seines Buches und seiner Äußerungen nicht dem entspricht, was er sagen wollte. Ich muss damit leben, dass ich ihn missverstanden habe, obwohl ich finde, dass man ihn an vielen Stellen auch durchaus missverstehen konnte. Er hat damit, glaube ich, zugunsten der PR für sein Buch auch gespielt. In der Zumindest in der Wirkung war sein Buch deshalb „nicht hilfreich“.

    Sachlich betrachtet ist das Buch dennoch in weiten Teilen eine treffende Bestandsaufnahme der Herausforderungen für die demografische Entwicklung, der Probleme des Bildungssystems und in Teilen sogar der Probleme bei der Integration von Migranten in Deutschland. Das sind sicher Themen, über die wir offen und in klarer Sprache sprechen müssen, das tun Migranten meiner Erfahrung nach auch. Ich kann über Sarrazins Intention in dem Punkt natürlich auch nur spekulieren, aber ich befürchte, dass gerade sein Gefühl, ausschließlich sachlich aufgrund von Zahlen – aus seiner Sicht also vorurteilsfrei und ohne jeden rassistischen Hintergrund – zu argumentieren ihm den Blick verbaut hat dafür, was er da tatsächlich geschrieben hat. Wenn nämlich tatsächlich jedes Kind gleich viel wert ist, dann muss die Stoßrichtung von Politik sein, jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, zu dem besten zu werden, der er werden kann. Sarrazins ganze Idee besteht aber darin, Deutschland zu dem besten zu machen, was es sein kann. Die Menschen stellen dafür nur das mehr oder weniger geeignete Personal, bis hin zum gänzlich ungeeigneten, dem polemisch gesprochen „wertlosen“ Menschen. Aber, noch einmal, das ist meine Interpretation. Sarrazin selbst widerspricht dem vehement, und ich kann eine offen rassistische Intention aus dem Buch heraus nicht belegen.

  14. @mikis
    Wir kommen da nicht mehr zusammen. Ich sehe bei Sarrazin klar eine populistische Intention und es ist mir daher völlig egal, ob er nachher behauptet, so habe er es dann doch nicht gemeint. Er hat es so gemeint, so verbreitet (er hat sich ja auch neben dem Buch oft genug geäußert) und darf jetzt auch danach beurteilt werden. Ich kann keinen Grund finden das zu relativieren.

    Er hat kein Sachbuch geschrieben, er gibt vor ein Sachbuch geschrieben zu haben. Er kann seine Thesen nicht belegen und verfälscht Statistiken und Studien*, auf die er sich beruft (auch das nicht nur im Buch). Warum? Weil er davon ausgehen darf, dass diejenigen, die er erreichen will, sowieso lieber glauben als zu wissen und deshalb seine Aussagen nicht nachprüfen werden. Ich gehöre nicht zu Sarrazins Zielgruppe. Zu Sarrazins Zielgruppe gehören diejenigen, die es ja schon immer geahnt haben, die, die ja eigentlich nichts gegen Ausländer haben, die, die sagen, wo Rauch sei, müsse auch Feuer sein.

    *Es ist für die Bewertung völlig egal, ob Sarrazin wissentlich oder unwissentlich fälscht. Er nutzt verfälschte Aussagen, um das zu belegen, dass er gerne belegt hätte. S.a. Basler Zeitung, mente et malleo, HNA

  15. Sorry, aus irgendwelchen Gründen ist der Kommentar in der Moderationsschleife gelandet. Sollte eigentlich direkt freigeschaltet sein.

    Aber zur Sache: Wir sind uns ja im wichtigen Teil einig, nämlich dass das Buch im Ergebnis ein großer Scheiß ist. Die Intention allerdings mag ich Sarrazin nicht unterstellen, aber vielleicht bin ich dabei zu naiv.

    Ich habe ein bisschen das Problem mit Elsbeth Stern (die sich richtigerweise verteidigt, denn was Sarrazin falsch von ihr zitiert, ist ja bekannt (und hier gut zusammengefasst). Aber so einfach, wie Sarrazin hier von der Kritik gemacht wird, ist er ja nicht. Er zitiert an einer Stelle falsch und sagt sinngemäß „Intelligenz ist zu … ererbt“ anstatt „Intelligenzunterschiede sind … ererbt“. Das ist ein Fehler, es macht im Ergebnis auch einen quantitativen Unterschied, ändert aber an der Kernthese nichts. Dass die Sozialisation und die Bildung wichtiger sind als die Gene steht bei Sarrazin ja eben auch genau so, wie Stern es beschreibt. Ich finde, die Kritik darf man sich da nicht zu einfach machen.

    Ich gebe ungern Frank Schirrmacher recht, aber mein Unwohlsein beim Lesen von Sarrazin liegt eben nicht daran, dass er fälscht, falsch zitiert oder dumpf rassistisch ist – das ist er im Buch nicht –, sondern daran, dass er biologistische Lösungsansätze zumindest insinuiert, während er über kulturelle Herausforderungen spricht.

  16. Nein, mein Problem liegt auch nicht darin, dass er im Buch dumpf rassistisch ist. Mein Problem liegt darin, dass er in dem Buch dezent unterschwellig bleibt und damit das Rassistische schon zementiert, bevor er es überhaupt konkret ausgesprochen hat.

    Deswegen verstehe ich nicht – obwohl wir uns doch in der Wertung der Auswirkungen so einig sind – warum Sie ihn zu entschuldigen suchen. Der Mann war doch lang genug in der Politik um zu wissen, wer ihm zujubeln würde. Er hat das kalkuliert.

  17. Ich habe gar nicht den Eindruck, ich würde ihn verteidigen Ich versuche eigentlich nur, die pauschale Kritik zu vermeiden und ihn da zu kritisieren, wo es konkret etwas zu kritisieren gibt. Aber ich sehe ein, dass das nur möglich ist, wenn man ihm unterstellt, seine Motive wären ehrlich. Und da, wie gesagt, bin ich vielleicht tatsächlich zu naiv. Aber so bin ich.

  18. Hm, ich denke, das kommt im Artikel etwas so rüber.
    Am Ende ist es eine Sache der Spekulation über seine Absichten. Wir können dem Mann nicht in den Kopf gucken, sondern nur mutmaßen. Es ist also entweder ein Scheißbuch mit guten Absichten oder ein Scheißbuch mit schlechten Absichten. Jedenfalls ein Scheißbuch. 🙂

  19. Und, ehrlicherweise: Dass er jetzt immer noch nachlegt und behauptet, er habe in seiner Erklärung keine Thesen seines Buches relativieren müssen, gibt eher VormFernSeher recht als mir …

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