Standard der Reichen

Die Rating-Agentur Standard & Poor’s hat den USA gerade eine makellose Kreditwürdigkeit bescheinigt (AAA), dabei aber angedeutet, es könnte in der Zukunft einmal so etwas wie ein Hauch eines Zweifels an der Zahlungsfähigkeit des Landes aufkommen. Mit anderen Worten: amerikanische Staatsanleihen sind heute nach Meinung von S&P todsicher, werden aber möglicherweise einmal nur noch sehr sicher sein. Klingt langweilig? Schon, aber nur, wenn man sich für Wirtschaft interessiert. Wenn man stattdessen hauptberuflich darüber schreibt, dann kann man sich davon zu einer Menge spannender Zeilen inspirieren lassen.

Spiegel-Online schreibt von einer „Rating-Schmach“, die Frankfurter Rundschau kommt in einer so genannten Analyse zu dem Schluss, die „Weltschuldenmacht“ habe nur noch eine „letzte Chance“, alles überragend weiß aber vor allem die FAZ, was Barack Obama jetzt tun muss: Unter der irreführenden Headline „Herabgesetzt“ fordert Patrick Welter, Obama müsse jetzt mal ganz schnell damit aufhören, dauernd Dinge für die Armen zu tun.

Während andere Länder einen mittelfristigen Defizitabbau beschlossen und mit der Umsetzung begannen, musste in Amerika die Sanierung des Staatshaushaltes hinter großen Sozialprojekten wie der Gesundheitsreform zurückstehen. […] Die Quittung für diese Sorglosigkeit hat Obama jetzt erhalten.

Obama setze auf „wundersame Einsparungen in den Sozialversicherungen“ während die Republikaner „sich im Interesse des Wachstums jeglicher Steuererhöhung“ verweigerten. Die Argumentation ist so derart simpel, dass es fast wehtut: Jeder Sozialstaat ist schlecht, Steuersenkungen sorgen für wirtschaftlichen Aufschwung.

Das allein wäre noch nicht unbedingt verwunderlich, denn natürlich ist all das schon tausendfach widerlegt, aber da jede Art von Prognose sich auf die Zukunft bezieht, mag meinetwegen jeder seine Meinung haben und mit einer Art Argumentationssimulation tarnen. Mein Problem ist ein ganz anderes: Die Empfänger der Botschaft vom schlechten Sozialstaat und der Mär von der erdrückenden Schuldenlast sitzen nämlich ganz eindeutig nicht in den USA. Wie nichtig die Nachricht über die unverändert perfekte Bewertung der USA tatsächlich ist, lässt sich nämlich sehr einfach an der Reaktion der Menschen ablesen, die tatsächlich etwas von der Materie verstehen: Gäbe es auch nur den Hauch eines Zweifels an der Kreditwürdigkeit der USA hätten die Zinsen für US-Staatsanleihen am Montag steigen müssen. Tatsächlich sind zum Beispiel die für 10-jährige Bonds gefallen. Und am Dienstag wieder. Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman nennt die S&P-Bewertung auf seinem Blog einen „Non-Event“.

Das zum Anlass zu nehmen, derart abenteuerlich die Tatsache anzugreifen, dass zigmillionen US-Amerikaner zum ersten Mal eine Krankenversicherung haben, hat offenbar ein anderes Ziel. Nachdem die Hetze auf Hartz-IV-Empfänger ja von der Bild schon wieder eröffnet wurde, bin ich gespannt, wann wir uns angeblich deren Krankenversicherung nicht mehr leisten können.

Eine Antwort auf „Standard der Reichen“

  1. Alleine, dass die USA mit ihren Schulden und Gelddruck-Aktionen überhaupt noch irgendwie gut gewertet werden, verwundert mich bereits bzw. zeigt, dass bei den Rating-Agenturen auch nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

    Interessant ist es, zu beobachten, was mit dem Goldpreis passiert – da steht der Dollar ganz schön alt da.

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