Das Riekelsche Gesetz

Es ist eine Weile her, dass ich zuletzt dazu gekommen bin, hier etwas Substanzielles von mir zu geben, und diese Zeit ist gekennzeichnet von Niederlagen. Zum einen habe ich den Ideen-Wettbewerb Scoop des Axel-Springer-Verlages nicht gewonnen (ich war unter den letzten Sechs und durfte vor der Jury präsentieren, was Spaß gemacht hat, aber wenn man unter 1200 Bewerbern schon einmal so weit ist, will man auch gewinnen. Verdammt).

Und dann hat Patricia Riekel von der Bunten beschlossen, ganz offen eine alte journalistische Übereinkunft aufzukündigen, die zwar zunehmend erodierte aber doch über Jahrzehnte bestand hatte: Das Privatleben von Politikern in Deutschland war für Journalisten tabu. Jetzt erklärt sie, führende Politiker seien Vorbilder und müssten es sich deshalb gefallen lassen, dass zum Beispiel auch ihre heimlichen Liebschaften dem Wähler bekannt sein müssen. Sie hätte die Information gehabt, in Franz Münteferings Leben sei eine „entscheidende Änderung“ eingetreten, der die Rechercheure nachgehen sollten. Ja, genau. Die Information lag vor: Franz Müntefering hatte sich nach dem Tod seiner Frau wieder verliebt. Und deshalb hat er kein Recht mehr auf eine Privatsphäre?
Um es kurz vorweg zu sagen: Ich finde das ekelhaft. Ich finde, Patricia Riekel sollte von ihrem Job zurücktreten, sich entschuldigen und für ein paar Jahre den Ball sehr, sehr flach halten. Und in einem anderen Verlag als dem Burda-Verlag, in dem Frau Riekel und ihr Lebensgefährte Helmut Markwort offensichtlich machen können, was auch immer sie wollen, wären sie längst gefeuert worden. Und das völlig zu recht. Ich halte Riekels Argumentation für eine Niederlage des Journalismus.

Stellen wir uns vor, Kai Diekmann hätte Bild-Reporter auf Franz Müntefering angesetzt, damit sie dessen Liebesgeschichten ausspionieren. Er wäre weg. Die Spiegel-Chefredakteure, die den Kodex auch gebrochen haben um im Blatt über eine angebliche Affäre zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht spekulieren zu lassen fand ich auch schon eklig, aber die haben wenigstens die Existenz der Regeln anerkannt, sie haben sich nur ziemlich schmierig daran vorbei argumentiert (weil die angebliche Afäre zu Lafos Rückzug aus der Bundespolitik geführt haben sollte, wäre sie quasi politisch gewesen). Aber Riekel hält das Liebesleben von Münte für „Fair Game“. Sie behauptet einfach, diese Regel hätte es nie gegeben. Sie lässt verlautbaren:

Spitzenpolitiker wie Franz Müntefering haben Vorbildfunktion. Ihr Privatleben ist daher für die Öffentlichkeit von Bedeutung, weil sie Leitfiguren unseres Wertesystems sind. Ihr privates Verhalten hat daher Auswirkungen auf die Moral der Gesellschaft und damit unter Umständen auch auf politische Entscheidungsprozesse.

Die Zauberworte hier sind „unter Umständen“, denn unter Umständen hat tatsächlich alles Auswirkungen auf politische Entscheidungsprozesse. Nach dieser schäbigen Logik dürfte man Politiker und alle anderen Vorbilder tatsächlich immer ausspionieren, wie es Riekel tun ließ. Sie hat ja nicht nur Reporter auf das Privatleben des SPD-Vorsitzenden angesetzt, sondern offenbar eine Firma, die als Detektei eingetragen ist. Aber unabhängig von den unglaublichen Methoden inklusive technischer Überwachung, die die Riekel-Schnüffler angewandt oder geplant haben sollen, gilt ganz einfach der Satz: Die Bunte hatte im Privatleben von Politikern nichts verloren. Sie konnten jeden von ihnen nach seinem Privatleben fragen. Mehr nicht.


Diese Geschichte ist eine Schande: Für sie, für ihren Verlag (dessen Untätigkeit noch dazu beiträgt) und für unsere gesamte Branche. Wir sind Journalisten, keine Spanner, die im Gebüsch liegen um herauszufinden, ob und mit wem Parteivorsitzende ein Sexualleben haben. Ich bin ein freier Journalist und ich fühle mich von Frau Riekel und ihren Methoden beleidigt. Der Ruf unseres Berufsstandes gehört ohnehin zum niedersten. Frau Riekel trifft die Verachtung offensichtlich zu recht, aber ich leide mit darunter, wegen ihr. Eigentlich erwarte ich von ihr auch eine Entschuldigung.

Ich höre im Nachklapp des Rücktritts der Bischöfin Käßmann immer wieder, sie hätte die Sauf-Affäre durchstehen sollen und das Amt weiter führen. Aber ich halte das für unmöglich. In dieser Medienlandschaft muss man sich nicht einmal etwas zu Schulden kommen lassen, um von schmierigen Aasgeiern wie den Bunte-Schnüfflern und ihren Auftraggebern verfolgt zu werden, wenn man ein bisschen prominent ist. Um wie viel härter wäre es bei einer Frau geworden, die durch ihren Fehltritt zu Recherchen über das, was sie abends tut, in den Augen von Riekel und ihren Mitstreitern geradezu eingeladen hat? Sie hätten sie niemals in Ruhe gelassen, und ich kann nicht umhin zu glauben, dass auch diese Art der Berichterstattung dazu geführt hat, dass Amtsträger, vor allem Politiker, bei uns weniger Menschen zu sein scheinen als Phrasendresch-Maschinen ohne Eigenheiten. Wer würde denn in einem solchen Klima wirklich er selbst sein wollen? Klaus Wowereit hat sich offenbar weit gehend von den konventionellen Zwängen befreit und darf als Partybürgermeister Berlin regieren, aber wenn schon einem Mann wie Franz Müntefering der Wohnungseingang elektronisch überwacht werden soll, um herauszufinden, wer da wann hineingeht, was soll dann erst mit Politikern geschehen, die vielleicht erst halb so alt sind, tatsächlich Affären haben oder irgendwelche sexuellen Vorlieben, die Frau Riekel merkwürdig findet? Die Antwort ist: Sie werden sich einmal mehr überlegen, ob sie sich in der Politik wirklich in die erste Reihe stellen, und das bedeutet, der Personal-Pool aus dem wir die Führungskräfte des Landes rekrutieren wird noch schmaler. Jetzt darf man schon nicht mehr nur kein Geld verdienen wollen, um in die Politik gehen zu können, jetzt darf man nach der Riekelschen Logik auch keine Privatsphäre mehr erwarten.

Hätte Willy Brandt mit seinen Frauengeschichten Kanzler sein können, wenn ihm neben der Stasi auch noch Bunte-Detektive hinterher geschnüffelt hätten? Wäre er überhaupt angetreten in den heutigen medialen Umständen? Oder hätten wir auf unseren besten Kanzler einfach verzichten müssen, weil er sich den Schmutz nicht angetan hätte? Ich glaube, der Fall Käßmann zeigt: Es gibt viele gute und geeignete Kandidaten, die sich nicht alles antun lassen. Das ist unser Verlust.

14 Antworten auf „Das Riekelsche Gesetz“

  1. Ich kann Deine Empoerung verstehen und will die Bunte nicht in Schutz nehmen, aber mir ist die Kritik am Ende zu einseitig, zu schwarz-weiss. Viele Politiker wollen in die Bunte. Viele Politiker wollen ‚Prominente‘ sein. Viele Politiker nutzen jede Gelegenheit fuer Offentlichkeit. Das ist heute eben eine andere Zeit als in der ‚guten, alten Bonner Republik‘. Natuerlich denkt man, dass solange Politiker ‚freiwillig‘ zu Prominenten werden es gar kein Problem ist. Eine Homestory ist kein Paparazzi-Einsatz mit Muelltonnen-Recherche. Aber so selektiv funktioniert das eben nicht. Politiker A spricht ueber Privatleben, Politiker B nicht, oder nur manchmal, oder nur ein bisschen…egal, ‚Privatleben‘ ist auf einmal eine Recherchekategorie und damit Teil des normalen journalistischen Wettbewerbs. Muentefering stellt neue Freundin am Montag vor? Toll, aber ich will heute schon Bilder und Hintergruende fuer die Webseite. Erster sein. Das rechtfertigt keine illegalen Methoden und out-sourcen von Drecksarbeit, aber Politiker und Medien sind die Prominentenehe eingegangen-‚in guten wie in schlechten Zeiten’…den Mut, sich da raus zu halten und einfach nicht zu berichten haben viele nicht. Letzte Woche war bei ZAPP ein Bericht zum Medien’system‘ Guido Westerwelle zu sehen. Auch Kurt Kister kam zu Wort, hat die Provokationen angeprangert und entlarvt, leicht ueberheblich grinsend…so ist er halt, der Lautsprecher Guido…na und, habe ich gedacht, die SZ hat doch wie *jede andere Zeitung auch* brav auf der Titelseite und mit Kommentaren GW Raum gegeben…tag ein-tag aus. Den Mut eine polemische Aktion nicht gross aufzugreifen oder das Privatleben Privatleben sein lassen haben Medien (nicht) mehr. Bunte ist ein neuer Tiefpunkt, aber in gewisser Weise logische Entwicklung eines Systems…

  2. „Stellen wir uns vor, Kai Diekmann hätte Bild-Reporter auf Franz Müntefering angesetzt, damit sie dessen Liebesgeschichten ausspionieren. Er wäre weg.“

    Sicher? Arbeitet die Bild-Zeitung mit derlei Methoden nicht ständig, sogar bei Nicht-Promis?

  3. Also, dass hier ausgerechnet Diekmann und die BILD quasi als Gegenbeispiel angeführt werden, irritiert auch mich sehr.

    @teekay: Mit diesem Totschlagargument lässt sich nahezu jede mediale Sauerei rechtfertigen: „Die wollen ja in die Medien.“

  4. Das Beispiel mit Kai Diekmann und der Bild ist genau anders gemeint gewesen, im Sinne von: Nicht einmal die Bild dürfte sich das erlauben – denn natürlich sind das meistens die mit den skrupellosesten Geschichten. Aber für mich geht es, ehrlich gesagt, vor allem um ein Detail, das vielleicht etwas nerdig wirkt: Ich bin selbst Journalist und ich bin grundsätzlich ein Vertreter der öffentlichen Information. Ich glaube nicht, dass Journalisten objektiv sein sein können, ich glaube nicht, dass sie schlauer sind als andere und deshalb halte ich sie grundsätzlich für kein bisschen geeigneter als jeden anderen Menschen, zu entscheiden, welche Information sie publizieren und welche nicht. Ich weiß, dass manche Kollegen sich als Hüter von irgendetwas fühlen und den Wissensvorsprung vor der „gemeinen Bevölkerung“ genießen, dass es in vielen Bereichen inzwischen selbstverständlich ist, bestimmte Informationen zu haben, von denen es heißt „das kannst du aber nicht schreiben“. Ich halte das für problematisch, weil eben niemand die Kontrolleure kontrolliert, aber ich kann das Dilemma nicht lösen. Journalismus ist in keinem Bereich sauber. Er hat in den meisten Bereichen keine ganz sauber zu ziehenden Regeln, von der PR (darf man eine ganzseitige Geschichte über ein einziges Auto schreiben?) bis zur Sprache (des einen Freiheitskämpfer ist des anderen Terrorist). Aber ein paar einfache, eindeutige Regeln gibt es doch, wenn auch zum Teil ungeschriebene, das macht sie nicht weniger gültig. So darf der Journalist zum Beispiel seine Quellen nicht verraten. Und das Privatleben von Politikern ist tabu (außer sie steigen, wie Scharping damals, für den Fotografen selbst in den Pool, weil sie bescheuert sind). Darauf muss man sich verlassen können. Das heißt für mich nicht, dass diese Regeln umfassend sind, ausreichend oder sonst irgendetwas. Es heißt nur, dass sie gelten. Und wenn Frau Riekel behauptet, es sei anders, dann verletzt sie eine der Grundvereinbarungen der Berichterstattung in diesem Land und gehört nicht in den Job, den sie hat.
    Diese Regel lässt keinen Ermessensspielraum, sie greift auch nicht über auf andere. Vieles von dem, was die Bild-Zeitung tut ist sicher ähnlich schmierig und oft auch verwerflich, aber diesen Kodex bricht nicht einmal die Bild-Zeitung. Insofern tun mir viele Promis- und Nicht-Promis, die in die Fänge vor allem der Boulevard-Medien geraten, oft leid. Und die Verfehlungen werden auch zu recht u.a. vom Bildblog aufgezeigt. Aber für mich als Journalisten fallen sie, selbst wenn sie mir nicht gefallen, in den genannten Graubereich der Regellosigkeit einer freien Presse, aus der es keinen Ausweg gibt, weil er von der Integrität der einzelnen Kollegen abhängt. Das gilt aber nicht, wenn die Bunte das Privat- und Intimleben von Spitzenpolitikern ausspähen lässt. Da gibt es eine klare, eindeutige Linie. Sie ist überschritten worden, und dafür gehört Frau Riekel entlassen.

  5. Ich weiß, dass es dem Baum völlig egal ist, wenn sich das Wildschwein an ihm kratzt. Aber wenn sich viele Wildschweine heftig am Baum kratzen, juckt es ihn irgendwann doch. Will sagen: Ich lese weder die Bunte (überhaupt nicht) noch die BILD noch schaue ich RTL und Konsorten. Und nehme damit meine Macht als „Konsument“ wahr. Ich hoffe, dass ich nicht alleine damit bin und nicht alleine damit bleibe. Denn das einzige, was für diese Medien zählt, sind Auflage und Einschaltquote. Sicher werden deren Methoden kurzzeitig noch fieser und ekelhafter, wenn die Auflage sinkt – aber danach ist hoffentlich Ruhe.
    **Plopp* Traum geplatzt. Es wird nix helfen*

  6. 1. Es gibt ein gesellschaftliches „So etwas tut man nicht“ (Den Nachbarn umbringen. Kleine Kunder ficken. Banken überfallen. Auf die Straße scheißen.) Diese gesellschaftliche Übereinkunft nennt sich „Moral“.

    2. Wer gesellschaftliche Übereinkünfte bricht, gilt als unmoralisch und wird gesellschaftlich geächtet.

    3. Medien treiben sich öfter an der Grenzlinie der Moral herum. Aber bisher war niemand so unmoralisch (sic!) und hat diese Grenze als nicht existent definiert.

    4. Wer das tut ist sozusagen meta-unmoralisch – also amoralisch. Und dies gilt auch für die Chefs dieser Person – in diesem Fall für die Burda-Verlagsleitung.

    Die Folge: Siehe 2.

  7. @Joachim Graf: Es gibt aber eine weitere Kategorie, an die sich Journalisten bisher gehalten haben – den Kodex. Gibt ein Informant zum Beispiel Informationen „Unter drei“ weiter, dürfen sie nur als Hintergrundinformationen genutzt und nicht zitiert werden, „Unter zwei“ bedeutet, sie dürfen ohne Namensnennung („wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen …“) und nur „Unter eins“ wird das Zitat auch einer identifizierbaren Person zugeordnet. Das ist weder ein Gesetz noch eine gesellschaftliche Regel, und es konnte nur indirekt dadurch geahndet werden, dass gegen den Kodex verstoßende Journalisten Karriereprobleme bekamen. Aber es hat funktioniert, natürlich vor allem als Selbstschutz. Dieser Mechanismus muss hier auch greifen, denn unabhängig von einer gesellschaftlichen Ächtung oder einem juristischen Vorgehen der Bespitzelten gegen den Burda-Verlag verlangt es der Selbsterhaltungstrieb der Branche, dass unsere Regeln eingehalten werden. Alles andere ist nicht nur unfein, sondern auch ein schleichender Selbstmord.

  8. Hier in England steht ja die News of the World in der Kritik, die eine Detektei angeheuert hatte, um Handys von hunderten von Prominenten auszuspionieren…mehr als mittelhohe Wellen hat der Skandal nicht geschlagen und ohne die Berichterstattung vom Guardian waeren deutlich weniger Details ans Licht gekommen. Murdoch und seine Presseorgane halten sich da sehr bedeckt und auch in der Oeffentlichkeit erfaehrt man wenig, obwohl das noch eine Stufe ueber den Vorwuerfen gegen die Bunte steht. Interessant auch der nachstehende Kommentar: Illegale Ueberwachung wurde nicht etwa fuer ‚richtige‘ Skandale genutzt, sondern ’nur‘ fuer ein bisschen celebrity Quatsch…

    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/feb/26/news-of-the-world-phone-hacking

  9. Wahnsinn, da haben ein paar Praktikanten in der Rechtsabteilung sicher die ganze Nacht dran gesssen. Und Frau Riekel argumentiert inzwischen unter einer Menge Nebelkerzen tatsächlich damit, dass etwas automatisch richtig sein muss, wenn es in den USA gemacht wird. Dabei wüsste sie, wenn sie einen letzten Hauch journalistischer Ehre verspüren würde, dass die Regel ganz einfach ist. Und dass sie sie gebrochen hat und gehen muss.

    Die Frau ist vorbei. Weil sie, warum auch immer, dachte sie wäre so weit, dass sie die Regeln macht. Trauriges Ende.

  10. Sehr neckisch ist ja auch der Hinweis der Bunten, sie habe mehr Einzelverkäufe als der Stern. Das soll wohl heißen: Je besser ein Blatt sich verkauft, desto weniger darf es kritisiert werden.

  11. Im Fall von Willy Brandt sollte man allerdings eines nicht vergessen: es gab VS-Dossiers über sein Privatleben und dieses Wissen hat ihn nicht nur belastet, sondern auch seine Entscheidung zum Rücktritt mit beeinflusst. Da haben allerdings ganz andere Kaliber Regie geführt als die Detektiv-Laienspielschar in Berlin, im Falle Brandts saß man sozusagen „von Amts wegen“ vor dem Schlüsseloch….

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