Spieltheorie

Die letzten Tage waren für mich – neben vielem anderen – ein bewegendes Indiz dafür, wenn nicht gar der Beweis, welche großartige Metapher auf das Leben Fußball ist: Für den Kampf und die Angst, die Feude und die Trauer, den Sieg, die Niederlage und die Kameradschaft, Freundschaft und den Zusammenhalt in beidem. Oder eben das Fehlen von all dem. Fußballer tun, was sie tun, stellvertretend für uns – kämpfen, leiden, siegen und feiern. Und wenn einer unserer Stellvertreter sich das Leben nimmt, dann trifft uns das offensichtlich hart und ohne Umweg. Das hätten wir sein können, oder, stärker noch, die Wahrscheinlichkeit, dass wir es tun würden, sollte eigentlich höher sein, als die das er es tut. Es fühlt sich einfach ungeheuer falsch an, dass die Welt so ist. Es ist unheimlich.

Wir nehmen unseren Fußball ernst. Das habe ich in den letzten Tagen bemerkt, wo dieser kleine, etwas abseitige Medien-Blog mit seinen viel zu langen Texten plötzlich überrannt wurde (icerocket.com sagt, mein kleiner Blog war am Donnerstag die Nummer 22 der Welt, Freitag die 131 und erst seit Samstag sind wir langsam wieder unter uns), weil ich dafür plädiert habe, Robert Enkes Rückennummer 1 in der Nationalmannschaft für die acht Monate bis nach der WM nicht neu zu vergeben, um so auf das Schicksal von vier Millionen an Depression leidenden Menschen in Deutschland hinzuweisen. Es kamen viele Besucher über Links auf Fan-Foren hierher, deshalb habe ich dort nachgelesen, was man über die Idee denkt. Ein sehr großer Teil der Fußball-Fans findet sie „dann doch übertrieben“ oder sagt es wie Max hier in den Kommentaren noch klarer: „Das geht ja nun wirklich zu weit und so einen Schwachsinn hab ich auch selten gelesen.“

Vielleicht geht es tatsächlich zu weit. Das weiß ich nicht. Es mag sein. Aber dann halten wir fest, dass es zu weit ginge, die Nummer auf dem Trikot eines Mannes zu ändern, der ein Spiel spielt, um damit potenziell das Schicksal von Millionen Kranken ein winziges bisschen zum Besseren zu beeinflussen. Wir greifen nicht einmal ins Spiel selber ein, wir ändern nur die Nummer auf dem Trikot. Es ist eigentlich ein winziges Nichts, aber wenn es wirklich nichts wäre, hätte ich es natürlich gar nicht vorgeschlagen. Ich finde auch, dass es weit geht – nicht zu weit, aber weit. Wie gesagt: Wir nehmen unseren Fußball sehr ernst. Und der Punkt, auf den ich eigentlich hinaus will ist der: Weil Fußball diese großartige, ernst zu nehmende und ernst genommene Metapher auf das Leben ist, können wir Journalisten eine Menge daraus lernen. Denn schließlich ist es unser Job, zum Leben die Erzählung zu liefern.

Beim professionellen Fußball geht es in Wahrheit nicht um die auf dem Platz. Die dürfen da nur stehen, weil wir zusehen. Dieser Fußball wird für das Publikum gespielt. Wie der Baum in der philosophischen Frage nach dem umstürzenden Baum im menschenleeren Wald wäre ein professionelles Fußballspiel ohne jemanden, der es bemerkt, so vollkommen sinnlos, dass es praktisch nicht existieren würde (ich weiß, dass viele Spieler niedriger Spielklassen sich jetzt angesprochen fühlen. Und tatsächlich: Deshalb werdet ihr nicht dafür bezahlt!). Die Partizipation der Zuschauer und Fans ist nicht ein Teil des Fußballs, er ist der Grund dafür. Fußball ist so erfolgreich, weil er eben unsere Metapher auf das Leben ist, und ich bin mir sehr sicher, dass die Verhältnisse von Berechenbarkeit und Unberechenbarkeit, belohnter Leistung, Glück und Pech, Sich-anstrengen-müssen und Leichtigkeit, Freude und Trauer ziemlich genau unserer Sicht auf die Welt entsprechen. Fußball passt zu uns, dass macht ihn so unwiderstehlich. Er zeigt und erklärt uns, wie die Welt wirklich ist. Für uns.

Aber natürlich ist das auch die gefühlte Aufgabe von Journalisten. Die erklärte Aufgabe auch. Und es mag sogar Fälle gegeben haben, in denen das gelungen ist. In den meisten Fällen gelingt es uns aber – genau wie mir hier gerade – nicht einmal zu erklären, was Fußball eigentlich ist. Vom Leben ganz zu schweigen.

Ich würde gerne wissen, warum. Und deshalb kommt hier ein Gedanke, den ich dazu gerne in den Raum stellen würde.

Leser und Fußballfans haben (mit uns allen) gemeinsam, dass sie leben, was bedeutet, dass sie irgendeine Position einnehmen müssen – physisch im Raum wie auch in Gedanken und Gefühlen. Wenn der einfachste Beweis für die Existenz des Menschen Descartes „Ich denke, also bin ich“ ist, dann schafft es auch tatsächlich keiner von uns, nicht zu denken – obwohl es manchmal so wirkt. Ich habe an dieser Stelle früher schon einmal ausgebreitet, dass ich glaube, Menschen brauchen Informationen (und damit auch Medien) um sich und ihre Positionen innerhalb der Welt ständig neu zu verorten und zu versichern. Ohne Input gehen wir ein. Ganz simpel: Wir haben den Drang zu wissen, was in der Welt passiert, damit wir einordnen können, was mit uns passiert. Aber – und jetzt kommt der entscheidende Punkt – das Einordnen selbst ist natürlich selbst schon Leben. So wie das Beobachten der Metapher Fußball selbst schon Leben und Erleben ist. Das klingt selbstverständlich, ist es auch fast überall – nur eben in vielen Medien nicht.

Zunächst mal gibt es nämlich eine ganze Armada von Medien der Kategorie „Leg mich schnell wieder weg und mach etwas anderes“, angeführt natürlich vom Focus, einer Zeitschrift, deren Konzept zuletzt vor allem darin bestand, dem Leser Tipps zu geben, was er alles tun kann außer Focus zu lesen – welcher Arzt gut ist und welches Handy, und was man gegen die Schweinegrippe tun soll. Was theoretisch bei der Verortung in der Welt hilft, aber es ist eben kein Leben. Es ist die Vorbereitung aufs Leben, eine Art Bedienungsanleitung, aber nicht das Ding, das wir bedienen wollen. Um beim Fußball zu bleiben: Hefte wie der Focus verhalten sich zum echten Leben wie das Anschauen der Vorberichterstattung zum Anschauen des eigentlichen Spiels. Am Fernseher wohlgemerkt.

Die nächstbessere Kategorie an Medien ist eine ganze Klasse besser, und deshalb im Gegensatz zum Focus und vielen anderen wenigstens nicht mehr albern: Weil sie in ihrem eigenen Medium einlösen, was sie versprechen. Nehmen wir den Spiegel, der verspricht dass seine Leser mehr wissen. Und dieses morbide Besserwisser-Gefühl, die korrupte Welt durchschaut zu haben, stellt sich tatsächlich bei jedem lesen wieder ein. Ähnlich wie offenbar die Landlust bei Landlust* und das Jubeln bei Bravo, sonst gäbe es nicht so viele Käufer dafür. Es gibt ganz offensichtlich Hefte, die ihre Versprechen einlösen (mir persönlich fällt immer sofort Brand Eins ein), ohne einfach nur auf tolle Dinge in der Welt zu zeigen, in der Hoffnung, dass etwas vom Schein auf sie abfällt. Denn natürlich packe ich nicht einfach die schönsten Kleider der Welt auf Seiten und habe das beste Modemagazin. Wie im richtigen Leben und im richtigen Fußball kommt es nicht nur darauf an, was man tut, sondern auch darauf, wann und wo: Übersteiger am eigenen Strafraum sind idiotisch. Ganz besonders wenn kein Gegner in der Nähe ist. Und am Ende hilft doch wieder nur die harte Arbeit, die das Quentchen Glück erzwingt.

Im Idealfall sind Leben und Metapher eins. Da steht man im Stadion und ist ein Teil der Veranstaltung. Da ist man Teil einer Community, wie bei Neon. Wahrscheinlich muss man hier auch den 1414-Bild-Leser-Paparazzi nennen (obwohl ich die Rubrik weit gehend verachte), auch Bild kämpft für Sie, auch die Fotocommunity von Mein schöner Garten (ein positives Burda-Beispiel. Halleluja!). Das New Yorker Festival. Die Brand Eins-Gruppe auf Xing. Den Supporters Club des HSV.

Das Prinzip ist klar: Erstens wird niemand ernst genommen oder gar geliebt, wenn er seine Versprechen nicht hält. Ein Fußballer muss genial sein oder fleißig oder beides. Aber er muss noch mehr bieten: Er muss deutlich machen, für wen er tut, was er tut. Für die Zuschauer. Für uns. Das ist schonmal gut.

Aber dann muss er uns auch noch einladen. Gar nicht unbedingt alle auf einmal, wir können mit Stellvertretern leben, aber zumindest mittelbar. Ich muss im Stadion brüllen, singen und die Welle starten können.

Wenn Fußball unsere erfolgreiche Metapher für das Leben ist, dann sind die Spieler unsere Stellvertreter. Das bedeutet wir wissen, dass wir tun müssen, was sie tun: Für den Erfolg im Regelfall rennen bis wir umfallen. Wir wissen, dass wir kämpfen und die Zähne zusammenbeißen müssen, und trotzdem oft verlieren werden. Dass wir in Ausnahmefällen großes Glück haben und Geniestreiche vollbringen können – aber in Wahrheit nur, wenn wir im Training hart dafür gearbeitet haben. Wir lernen und sehen, dass wir uns unterordnen, demütig arbeiten und im Team kameradschaftlich sein müssen, um eine Chance zu haben.

Meine Medien sind dafür da, mir diese Welt einzuordnen und sie mir erfahrbar zu machen, je nach Anspruch eher meinem Bauch oder meinem Kopf. Dabei gibt es keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass ich von meinem Medium erst einmal genau das gleiche erwarte wie von meinem Verein. Ich erwarte, dass für mich gearbeitet wird. Und dass ich ins Stadion kommen kann und die Welle starten. Dass es Teil meines Lebens wird.

In einem der Fan-Foren, ich habe leider vergessen in welchem, habe ich einen rührenden Eintrag über Robert Enke gelesen: Mit spürbar unendlichem Respekt beschrieb ein Fan einer anderen Mannschaft als Hannover, wie Enke bei ihnen im Stadion ein geworfenes Feuerzeug abbekam, aber anstatt sich wie üblich theatralisch auf den Boden zu werfen und eine Strafe für die Heimmannschaft zu provozieren schüttelte er nur den Kopf, hob das Feuerzeug auf legte es neben den Platz.

Das ist die Geschichte, an die ich denken werde, wenn ich wieder Kollegen höre, die sich beklagen wie Intellektuellen-feindlich das Internet doch sei. Ich werde denken: „Dann schieß du mal eine Ecke in einem fremden Stadion.“

Wir sind alle nicht genial, insofern werden wir fleißig sein müssen. Wir werden unsere Versprechen halten müssen. Und in aller Öffentlichkeit schießen. So ist das Leben, wenn man an Metaphern arbeiten will.

*Der Burda-Verlag, in dem auch der Focus erscheint, hat übrigens den Titel Landglück schützen lassen und entwickelt offenbar ein eigenes Landlust Me-too. Ich muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass es peinlich enden wird.

2 Antworten auf „Spieltheorie“

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