Bis einer zahlt – was wäre denn eine Killer-App für bild.de?

Nick Hornby ist in der Stadt, einer den ich liebe, und er hat im großen Saal des Uni-Hauptgebäudes gelesen, unter Beifall wie ein Popstar (und falls von euch jemand da war: Die Frau in der zweiten Reihe, deren Handy mitten in der Lesung geklingelt hat, die dann zwei Minuten danach gesucht hat und dann, als sie es endlich gefunden hatte RANGEGANGEN ist? Das ist meine Mutter. Ich bin sehr stolz auf sie). Es ist beeindruckend, wie geschriebene Wörter noch einmal anders wirken, wenn sie lebendig gemacht werden. Was nicht einmal heißt, dass sie gesprochen oder gespielt noch besser sind – aber ich finde es elektrisierend intim, jemanden öffentlich das Privateste offenlegen zu sehen, das ein Mensch haben kann: seine Gedanken.

Man kann das sehr gut und abendfüllend mit fremden Gedanken machen – auf deutsch hat das heute ein Ensemble-Mitglied des Schauspielhauses getan, und wenn ich ihn auf dem Foto richtig erkannt habe (ganz schwierig, weil er andere Haare, keinen Bart und dafür eine Brille trug – dann war es Tim Grobe. Aber es ist noch einmal etwas anderes, wenn es der Mensch ist, der die Gedanken selbst formuliert und aufgeschrieben hat. Nachdem ich so viele Stunden mit Hornbys Gedanken und Figuren verbracht und so eng mit ihnen gelitten habe, wirkt er vertraut, wenn ich ihn sehe – als wäre er so etwas wie ein Therapeut, nur das er die ganze Zeit geredet hat und ich deshalb mehr über ihn weiß als er über mich. Was scheißegal ist: Am Ende machen sich ja doch alle Menschen die gleichen Sorgen und haben die gleichen Ängste. Wenn ich ihn kenne, kenne ich mich auch. Das ist die tröstende Macht von Geschichten. Wenn sie wahr sind und gut erzählt.

Wenn man dann sieht, wie viele hundert Menschen sich an diesem Montagabend drängen um ihn zu sehen und danach mit ihren gebundenen Erstausgaben um Widmungen anstehen (die man ja auf geklaute Ebooks nicht schreiben kann), dann freut man sich, dass er damit hoffentlich schweinereich wird.

Und bei schweinereich gelingt mir endlich die Überleitung, die mir bei „wahr“ und „gut erzählt“ irgendwie entglitten ist: Den Webauftritt der Bildzeitung gibt es auf dem iPhone wohl bald nur noch gegen eine Abo-Gebühr. Es ist angeblich der erste Schritt des Springer-Verlages hin zum Paid Content, zunächst auf Smartphones (was sicher auch daran liegt, dass es da technisch einfach umzusetzen ist und das Smartphone-Nutzer ja durch ihre Smartphone-Nutzung schon bewiesen haben, dass sie bereit sind, Geld für die merkwürdigsten Sachen auszugeben (Disclosure: Ich bin süchtig nach meinem iPhone)). Dabei wird offenbar der Zugang zu bild.de über den iPhone-Browser gesperrt, so dass er nur über ein Abo-pflichtiges App möglich ist (für welt.de gilt das gleiche) – allerdings bietet der Dienst dann auch noch irgendwelche Zusatzgeschichten, also mehr als nur die (überall sonst kostenlose) Internet-Seite. Und da wird es spannend: Was würde man von Bild wohl so unbedingt und unterwegs wissen wollen, dass man dafür bezahlt? Oder würde man für Bild-Online von unterwegs auch einfach so bezahlen?

Ich persönlich gebe zu: Ich habe ganz oft eine Riesenfreude an der Bildzeitung.  Das ist kein Qualitätsmerkmal, weder für mich noch für die Zeitung, aber ich hatte in meinem Leben – früher natürlich –auch schon eine Menge Freude in preisgünstigen Striptease-Bars, an hausgebranntem rumänischen Schnaps und mir steigen bis heute Tränen der Rührung in die Augen, wenn am Ende von egal wie schlechten Fernsehserien Männer voreinander salutieren. Um es kurz zu sagen: Mein Urteil in Geschmacksfragen ist nichts, auf das man bauen sollte.  Trotzdem: Ich bin ein sehr unregelmäßiger Käufer der Zeitung und ein relativ häufiger Besucher der Webseite – Journalisten können ja außerdem auch immer behaupten, sie müssten Bild lesen, damit sie wissen, was abgeht. Würde ich also Geld bezahlen für die Seite? Oder welche Inhalte müssten drauf sein, damit ich es täte? Und: Wie viel darf es kosten?

Es wird ernst im deutschen Online-Journalismus, wenn dieses System tatsächlich eingeführt wird. Es wird zum ersten Mal die große Frage des Paid Content in der Praxis getestet: Wofür zahlt tatsächlich jemand? Und, das mal laut und deutlich: Ich freue mich über den Versuch. Egal, wie er ausgeht. Er fügt dem Gelaber endlich so etwas wie eine empirische Dimension hinzu, und das wurde Zeit.

Aber zahlen würde ich dafür noch nicht. Nicht für zusätzliche Infos, Videos oder Titten jedenfalls. Aber eine Sache gäbe es, die ich spannend genug fände, um dafür zu bezahlen, um zu abonnieren und tatsächlich zu jubeln, selbst wenn das alle meine Aussichten auf eine Freundschaft mit Charlotte Roche auf immer beerdigen würde: ein Back-Channel. Wenn ich als Leser mit meinem iPhone live einen Bild– (oder Welt-) Reporter ansetzen könnte auf die Frage, die mich zu einem Thema besonders interessiert, wenn es funktionieren würde wie ein eigener Twitter-Kanal, in dem jeder das einbringt, was er kann, und der Bild-Redakteur oder -Reporter in dem Fall seine Zeit, Zugangs-Macht und sein Telefonbuch, dann wäre das nicht nur ein iPhone-App, sondern der erste Schritt in den neuen Journalismus. Wenn der neue Abo-Kanal ein Blick in die Gedankenwelt des Nachrichtenzyklons wäre, der jeden Tag in einem Newsroom entfacht wird, mit dem oder den nötigen iPhone-Redakteur/en, um den Strom zu händeln.

Aber ich denke, wir werden nur Titten kriegen. Und dann spare ich mein Geld doch lieber für die wahren Geschichten, die gut erzählt sind.

 

 

5 Antworten auf „Bis einer zahlt – was wäre denn eine Killer-App für bild.de?“

  1. Ist die Bemerkung jetzt zu billig? Egal:
    Das mit dem Back-Channel ist eine geniale Idee, aber ich hätte ihn noch lieber zu einem Reporter, der dann auch wirklich etwas herausfindet, was der Wahrheit irgendwie ähnlich sieht und das vielleicht noch auf eine Art verpackt, von der mir nicht schlecht wird…
    Dann würde ich sogar auch bezahlen wollen.

  2. Womit du ohne Zweifel nicht nur recht hast, sondern auch noch Geschmack beweist. Aber ich kann nicht anders als der Bild zugestehen: Sie machen medientechnisch im Netz sehr viel mehr Sachen richtig als alle Mitbewerber. Journalistisch ist das eine andere Sache. Da machen sie ganz offensichtlich sehr viel mehr Sachen falsch.

  3. Irgendwas müssen sie richtig machen, sonst wären sie nicht so erfolgreich.
    Ich bin auch keiner von denen, die stolz drauf sind, dass sie Bild nicht lesen, ich habe einfach keine Wahl. Ich kriege Kopfkrebs, wenn ich bloß deren Titelseite sehe…

  4. Du verharmlost die Bild. Ich habe auch nichts gegen Boulevard an sich. Titten, Promi-Tratsch und die Ereignisse des Tages auf ein paar Laute zusammen gefasst, dazu Kreuzworträtsel und Wetter – es gibt Leute, die brauchen sowas.

    Bild ist allerdings skrupellos und betreibt Gehirnwäsche. Weil Springer so groß und mächtig ist, glaubt die Bild sich alles erlauben zu können. Bild geht über Leichen, kennt keine Grenzen („Guck ma, Auf diesen Bildern stirbt gerade jemand!“). Bild macht Profit mit dem Verletzen von Persönlichkeitsrechten Dritter, das ist sogar amtlich. Bild ist CDU-lastig und manipuliert gezielt die einfachen Leute.

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