Some Girls are bigger than others (and some are in Paris)

ACHTUNG: Dieser Text ist eine Art Meditation über dicke und dünne Frauen, recht lang, leicht philosophisch und echt langsam. Wer das hier nur liest, weil sie es lustig fanden, dass ich gestern so hart und aus der Hüfte auf Berliner Verleger eingehauen habe, der wird enttäuscht sein. Das sag ich nur vorweg, damit hinterher keine Klagen kommen. Aber jetzt geht’s los.

Die Brigitte will ab nächstem Jahr keine professionellen Models mehr für Modeproduktionen einsetzen, sondern „echte Frauen“, was nach meinem Verständnis jeder, der es hört, versteht als „nicht ganz so dünne Frauen“, was schnell zu „dickere Frauen“ wird und – in der Kurzform, in der man sich bei uns im Büro unterhält – also mit „in der Brigitte sind jetzt dicke Frauen“ umschrieben wird. Und ich finde: hoffentlich stimmt das.

Für mich ist die neue Regel am Ende vor allem ein Zeichen dafür, dass ein Medium sich noch näher an seine Leser heranrückt, was für mich der Kern aller Bemühungen in den „Neuen Medien“ sein muss. Leserinnen als Models sind ja auch User Generated Content, irgendwie. Und aus Sicht der Leser(innen)-Blatt-Bindung ist das unfassbar schlau. Ich bin also dafür. Und ich finde die Idee nicht nur gut, ich finde sie auch neu und mutig (warum genau erkläre ich nachher).

Umso lustiger fand ich die Reaktionen der Konkurrenz, die Alexander Becker für Meedia von den Cheffens anderer Frauenzeitschriften eingeholt hat. Vorweg: Die Idee, ausgerechnet die Konkurrenz zu fragen, was sie von einer neuen Linie bei der größten deutschen Frauenzeitschrift hält, ist meiner Meinung nach merkwürdig. Was sollen die schon sagen? Aber was sie dann sagen ist schon geil: Im Prinzip sagen alle, sie würden sowieso fast immer darauf achten, dass ihre Models nicht zu dünn sind und echte Frauen ohnehin dauernd und eigentlich und überhaupt und sowieso finden sie das von der Brigitte nix dolles, weil sie es schon viel länger so gemacht haben – was man halt so sagt, wenn man die Konkurrenz nicht zu sehr loben will. Richtig arschcool kommen nur zwei weg: „Einige Chefredakteurinnen können auf die MEEDIA-Anfrage noch nicht antworten, da sie, wie beispielsweise „Vogue“-Macherin Christiane Arp oder ihre „Cosmopolitan“-Kollegin Petra Winter, auf der Pariser Fashion-Week weilen.“ Und die anderen offensichtlich alle nicht.

Alles nicht so wichtig, aber an einer Stelle habe ich mich dann doch festgebissen. Ulrike Zeitlinger, die Chefredakteurin der Freundin, sagt zu Meedia: „Bei Freundin arbeiten wir seit Jahren in beinahe jeder Ausgabe mit ganz normalen Frauen – sei es in der Mode […] oder in Reports. Trotzdem wird es bei uns immer auch professionelle Models geben – die Leserin will sich zugehörig und verstanden wissen, aber sie will auch träumen. Ich finde es deshalb wichtig, beide Bedürfnisse zu erfüllen – das nach Zugehörigkeit, Service, Beratung und das nach Emotion, großer Inszenierung und Glamour.“

An dieser Stelle muss ich zugeben: Ich verstehe ja nachgewiesenermaßen Frauen nicht (Disclosure: Ich habe eine Kolumne mit dem Titel „Was ich an Frauen nie verstehen werde“ in der Emotion), aber ich kann mir beim allerbesten Willen und mit aller Anstrengung nicht vorstellen, dass Frauen die Stichworte „Emotion“, „große Inszenierung“ und „Glamour“ tatsächlich noch mit professionellen Models verbinden. Mit Brangelina vielleicht, mit Heidi Klum zur Not gerade noch, (aber doch selbst die eher nicht dann, wenn sie modelt, oder?), aber mit Models? Ist das tatsächlich noch so? Bringt es eine Frau stärker zum träumen, wenn ein Model in einer glamourösen Situation inszeniert wird, als wenn es eine „echte Frau“ ist?

Ich sage eine Sache dauernd, warum soll ich es also nicht noch einmal sagen: Nach meinem Verständnis benutzen Menschen Informationen, um sich in der Welt zu verorten. Die Verortung wird umso genauer, je näher einem die Information steht (ist es nicht das geilste Gefühl der Welt, einen Autoren zu lesen, von dem man denkt, er verstände einen?). Wozu ich gehöre und wozu ich eben gerade nicht gehöre sind wichtige Faktoren im Leben. Aber dann gibt es eben noch eine weitere Dimension: das Träumen. Das „Wozu ich gehören will“.

Es war eine treibende Kraft in diesem Land in den 50 Jahren nach dem Krieg: Man wollte was sein (wir alle haben an jedem Jahrestag des Wunders von Bern die Analyse gehört, der Sieg hätte unseren Großeltern das Gefühl gegeben, man sei „wieder wer“). Und das ist jetzt vorbei. Meine Generation hat weder eine Ahnung, was sie ist, noch ob sie dabei überhaupt „jemand“ ist. Der Weg ist heute nicht mehr in dem Sinne das Ziel, dass wir auf ein Ziel zugehen und es dabei schon erreichen, weil wir unterwegs sind. Für uns ist der Weg das Ziel, weil wir ihn suchen.

Bei Brigitte heißt es: „Die Mode hat sich geändert. Die Frauen haben sich verändert. Unsere Welt ist eine andere.“ Natürlich steht die Erklärung da positiv: Keine Models mehr, weil Frauen „keine Stellvertreter brauchen“. Mein Eindruck ist eher das Gegenteil: Ich glaube, Frauen brauchen keine Models mehr, weil sie sehr viel anspruchsvoller sind in Bezug auf das, was sie als Vorbild akzeptieren. Eigentlich fast gar nichts mehr. Das ist nicht so uneingeschränkt positiv, wie es klingt: Es macht das Leben anstrengend, weil man sich jeden Standpunkt zu jedem Detail neu erarbeiten muss (und das macht – nebenbei – die Existenz von Parteien fast unmöglich). Ich glaube, es ist so: Frauen himmeln längst keine Frauen mehr dafür an, dass sie dünn sind und gut aussehen. Aber was sie stattdessen sehen wollen ist auch nicht klar. Nach Frau Zeitlinger, die ja ihren Job versteht, ist es irgendwie alles – die richtige Mischung zu finden wird aber jedes Jahr ein bisschen schwerer. Bei der Brigitte hat man sich entschieden, diese Mischung in Zukunft von den Lesern machen zu lassen. Das finde ich mutig, richtig und gut. Und in diesem Zusammenhang ist es tatsächlich eine Revolution: Das große, öffentliche Anerkennen davon, dass sich alles geändert hat.

 

Und jetzt alle:

6 Antworten auf „Some Girls are bigger than others (and some are in Paris)“

  1. „Und ich finde die Idee nicht nur gut, ich finde sie auch neu und mutig.“
    69% der Brigitte-Leserinnen sind 40 Jahre und älter. Ich vermute, dass die Orientierung an Models aus dem Modeteil und an vermeintlichen Idealfiguren in dieser Lebensabschnittsphase weitestgehend beendet ist. Essstörungen wie Magersucht und häufig in der Folge auch Bulimie sind dagegen Phänome, die ihre Wurzeln eher im BRAVO-Alter als im BRIGITTE-Alter schlagen. Das belegen übrigens sehr eindrucksvoll die Zahlen aus der aktuellen Dr.-Sommer-Studie: 75% aller Mädchen im Teenageralter sind unzufrieden mit ihrer Figur, fühlen sich zu dick. Tatsächlich deutet aber nur bei 25% der BMI in Richtung Übergewicht. BRAVO GiRL! arbeitet seit Jahren ausschließlich mit Laienmodels. Die sind dick, dünn, klein, groß, rothaarig, blond, brünett, tragen Brille, Kontaktlinsen oder Zahnspange. Und wir fotografieren sie im Park, in der Schule, bei McDonalds, in der Fußgängerzone. Nicht in Miami oder Kapstadt. Alles ganz normal – so wie unsere Leser. Aber das sind halt nur Jugendliche, die BRAVO GiRL! lieben und keine Medienjournalisten, die nur BRIGITTE lesen.

  2. @michalis Das bestätigt doch einmal mehr, dass viele Journalisten über das reden und schreiben, von dem sie keine Ahnung haben. 😉

  3. Für mich ist die ganze „ohne Models“ Aktion der Brigitte ein plumper Versuch, Kosteneinsparungen zu kaschieren. Die Aufgaben einer Modelagentur übernimmt man jetzt schlichtweg selbst, akquiriert und castet die Models direkt aus der Leserschaft und spart sich so die teure Modelagentur. Mitmachen kann natürlich jeder, über die Casting-Couch hinaus kommen dann aber eh nur solche Frauen, die auch bei einer Modelagentur unter der Rubrik „People“ zu finden gewesen wären.

    Dieser Hype um dicke (es heißt dann gern „natürlichere“) Models ging mir schon bei der Dove-Kampagne immer mächtig auf den Keks. Diese Anbiederung an die Leserin/Konsmuentin, empfinde ich schlicht als ekelhaft und scheinheilig – diese ganze „Jede Frau ist schön auf ihre Art und Weise schön“-Masche.

    Die Brigitte ist, und wird das immer bleiben, ein Hochglanzmagazin. Die darin gezeigten Bildwelten sind, ob mit dicken Frauen oder dünnen, immer geschönt und fernab der Wirklichkeit. Bilder von „Frauen wie Ihnen und uns“, wie die Brigitte es nennt, wird es darin nie geben. Oder wird man in Zukunft auch auf den professionellen Fotografen, den Stylisten, die teuren Locations verzichten und sich nicht mehr von den Luxuslabels für die Fotoproduktionen ausstatten lassen?

    Wenn man sich hier schon so lebensnah geben möchte, dann doch bitte auf ganzer Linie. Wenn man wirklich ein Zeichen setzen wollte „gegen die oft perversen Gesetze des Modelgeschäfts“, müsste man auch so konsequent sein, die Anzeigenbuchungen von Labels abzulehnen, die genau diesen Gesetzen folgen und sie mit definieren.

    Entweder man akzeptiert Mode und ihre Inszenierung als Kunstform oder man verfolgt konsequent den naturalistischen Ansatz, alles so zu zeigen wie es in Wirklichkeit ist. Was die Brigitte versucht, ist den Spagat dazwischen, eben kunden-/lesernah (user-generated-content/Amateurmodels) und anzeigenkundennah zu sein (Hochglanzbilder, Product placement). Dass man die Beine bei einem Spagat besonders breit machen muss, liegt in der Natur der Sache. Brigitte scheint’s nicht zu stören.

    Und warum auch? Solange die Produkte nicht mit allzu hässlichen Kandidatinnen präsentiert werden (und dafür wird Brigitte schon sorgen), haben die Anzeigenkunden gegen die Arbeit mit den Amateuren nichts einzuwenden, die Leserin freut sich, weil sie denkt, sie könnte auch so schön aussehen (und das könnte sie auch: mit professionellem Fotografen, Stylisten, an entsprechender Location…) und die Brigitte freut sich, dass sie die Kosten für diese, ohnehin immer so abgehobenen Profimodels sparen kann, die jetzt kurz mal verteufelt werden, nachdem man jahrzehntelang mit ihnen gearbeitet hat.

    Kundenbindung erhöht. Gewinn gesteigert. Fähnchen nach dem Wind gedreht…

    Brigitte ist eine Hure.

  4. Vielen, vielen dank für den ausführlichen Kommentar. Eine Sache muss ich berichtigen: Brigitte wird durch die Aktion kein Geld sparen, sondern mehr ausgeben, weil die Mädchen Model-übliche Honorare kriegen, aber natürlich langsamer arbeiten.

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