Manufakturen?

5. Oktober 2009

Wenn man von Dresden aus vierzig Kilometer nach Südosten fährt, durch windige, herbstbunte Täler ohne Handyempfang, der landet in Glashütte, der Heimat der Zeit. Hier werden seit 160 Jahren Uhren gebaut, seit der Wende wieder einige der besten der Welt. Zehn Firmen stellen inzwischen in Glashütte Uhren her, drei von ihnen in so genannten Manufakturen. Und nachdem Bernd Buchholz meint, dass Magazine bei Gruner & Jahr einige Dinge zwingend selbst machen müssten, sich andere Bauteile ihrer Hefte aber auch einfach aus den „vielen Manufakturen im Haus“ dazuholen könnten, um Kosten zu sparen, lohnt es sich vielleicht, sich ein paar Eigenheiten jener legendären deutschen Manufakturen in einer ganz anderen Branche einmal anzusehen. Denn ich glaube, dabei sind ein paar Dinge zu erkennen, die man richtig und falsch machen kann.

Das Geschäft mit Uhren ist ein merkwürdiges: Eigentlich braucht heute ohnehin kaum noch jemand eine Armbanduhr,weil jeder ein Handy hat, dass ihm die Zeit anzeigt, so sind Armbanduhren inzwischen eher ein Schmuck als ein Instrument, was ein bisschen unserer Zeit enspricht, in der Funktionen sowieso eher Ausdruck von Träumen sind als eine Notwendigkeit (ich habe einmal gelesen, nur zwei Prozent der Vierrad-getriebenen Autos in Deutschland verlassen jemals geteerte Straßen). Aber die Uhrenindustrie hat noch eine Eigenheit, die so skurril ist, dass sie jemandem, der sich für Uhren gar nicht begeistern kann, eigentlich nicht mehr vermittelbar ist: Die teuren Uhren sind in ihrer Funktion im Prinzip schlechter als die billigen. Konkret: Eine Zwanzigtausend-Euro-Uhr aus einer Manufaktur in Glashütte zeigt die Zeit nicht genauer an als eine Hundert-Euro-Digitaluhr aus einer Fabrik in Japan – im Gegenteil: Mit hoher Wahrscheinlichkeit geht der Japanwecker genauer.

Wenn man die Schmuckfunktion von Uhren mit einrechnet könnte man in diesem Moment zum Gegenargument ansetzen indem man sagt: Ja, aber die Glashütter Uhr ist schöner! Und das ist sie mit Sicherheit. Allerdings ist das, was den größten Anteil am Preis der Uhr ausmacht, nicht ihr Design und auch nicht das Gold, aus dem ihr Gehäuse besteht (wobei das schonmal ein paar tausend Euro Unterschied zur Casio bedeutet). Das Teure an der Uhr ist ihre Technik, ihre mechanische Technik, von der man – und jetzt wird es ganz bizarr – den allergrößten Teil nicht sehen kann. Nie. Ein paar Details sieht man durch die heute modernen Glasböden, aber den größten Teil nicht. Man bezahlt einen Haufen Geld für eine Technik, die einer sehr viel billigeren Technik unterlegen ist. Mit normalen wirtschaftlichen Erwägungen ist das nicht zu erklären.

Ein Ökonom würde an dieser Stelle wahrscheinlich mit dem Status-Gewinn argumentieren, den es für Bänker und Geschäftsleute mit sich bringt, eine teure Uhr zu tragen, aber tatsächlich ist es so, dass der größte Statusgewinn außerhalb bestimmter, enger Zirkel viel eher mit Uhren von Marken zu erreichen ist, die jeder kennt: Rolex, Omega oder Breitling – allesamt sehr gute, schöne Uhren mit einer großen Bekanntheit (und deshalb hohem Statusgewinn in jeder Situation), aber keine Manufakturuhren. Denn um eine Uhrenmanufaktur zu sein, braucht es einige Besonderheiten, die zum Teil nur so ungenau zu definieren sind, dass heute niemand weiß, wie viele Uhrenmanufakturen es wirklich auf der Welt gibt. Für überzeugte Uhrmacher sind es wohl zwölf. Drei davon sind in Deutschland, alle drei in Glashütte (tatsächlich ein paar Meter voneinander entfernt): A. Lange & Söhne, Glashütte Original und Nomos Glashütte.

Sie erfüllen folgende Kriterien: Sie stellen die wesentlichen Teile ihrer Uhren selber her. Sie entwickeln eigene Werke. Und, für Puristen: Die wesentlichen Arbeiten werden von Uhrmachern durchgeführt (hier fällt zum Beispiel Rolex aus dem Raster, die die beiden ersten Anforderungen lässig erfüllen, aber bei einer Jahresproduktion von inzwischen wohl einer Million Uhren die Fertigung in viele kleine Schritte zerlegt haben, die eher industriell von Arbeitern ausgeführt und von Uhrmachern nur noch überwacht werden – etwa wie in der Auto-Produktion. Das ist überhaupt kein Qualitätsnachteil – Rolex-Uhren gehören zu den genauesten und langlebigsten mechanischen Uhren überhaupt – sondern eher ein philosophischer Unterschied. Für einen Glashütter Uhrmacher gehört es sich einfach, dass Uhren von Uhrmachern zusammengesetzt werden).

Keiner dieser Schritte macht einen wingenden Unterschied am tatsächlichen Produkt aus: Einer Uhr kann ich weder ansehen noch kann ich sonst irgendwie bemerken oder messen, dass wesentliche Teile zugeliefert wurden. In den meisten Luxusuhren der Welt laufen in Wahrheit Werke des Schweizer Herstellers ETA SA, die jeder kaufen und in ein Gehäuse einbauen kann. Manche Hersteller nehmen solche Werke als Grundlage und verändern oder verzieren es selbst, aber im Prinzip haben die meisten auch teureren Uhren das gleiche Innenleben. „Schweizer Werk“, nennen das Uhrmacher in Glashütte mit einem Hauch Enttäuschung in der Stimme, in Sätzen wie : „X ist eine tolle Marke mit einer großen Geschichte. Aber … eben … Schweizer Werk …“ Wer in der Welt der Uhren in die wahre Elite aufsteigen will, der muss selbst mindestens ein Werk entwickeln. Nicht, weil die fremden Werke, die es gibt, nichts taugen würden. Es gehört einfach um Selbstverständnis, zum Stolz des Handwerkers, dass er etwas anders macht als alle anderen.

Das ist das Gegenteil von dem, was bei Gruner & Jahr unter „Manufaktur“ verstanden wird.

Das Argument bei Gruner und allen anderen Verlagen dafür, dass Dinge nicht mehr selbst, eigen und einzig in den eigenen Redaktionen erstellt werden ist: sparen. Und natürlich ist die Wirtschaftlichkeit ein Argument – ist sie ja immer. In Glashütte ist man der Meinung, dass es nicht darum geht, was der Träger einer Uhr von der angewandten Meisterschaft tatsächlich sieht, sondern wovon er weiß, dass es da ist. An Manufakturuhren sind traditionell auch Werkteile verziert, die höchstens einmal ein anderer Uhrmacher zu Gesicht bekommt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach niemals jemand. Das ist auf den ersten Blick das Gegenteil von Wirtschaftlichkeit – auf den zweiten allerdings wissen die Käufer der entsprechenden Uhren sehr genau um die Wunderwerke an ihrem Handgelenk, und lieben die Dinger dafür. Der unsichtbare, unmessbare, auf den ersten Blick unwirtschaftliche Teil der Uhr wird zum Kaufargument.

In der Medienbranche sind wir in einer anderen Situation: Uns werden seit langem eine Meisterschaft  und ein Aufwand nachgesagt, den wir längst nicht mehr treiben und die wir meist nicht mehr erreichen. Wenn ich sehe, über welche Fehler von Medien sich Kommentatoren bei Niggemeier oder dem Bildblog ereifern, dann bin ich manchmal sanft verunsichert, welche Vorstellung von Medienunternehmen und insbesondere von redaktionellen Websites viele Konsumenten offenbar haben – welchen Standard sie sich vorstellen – und wie anders die Realität aus meiner Sicht aussieht. Ich muss sagen, dass mich eher die geringe Menge der Fehler erstaunt, die da aufgedeckt werden. Ich bin der Meinung, dass die Arbeit der Kollegen im Durchschnitt unglaublich gut sein muss, wenn trotz der real existierenden Situation in den Redaktionen nicht noch viel mehr Fehler gemacht werden.

Mit Manufakturen hat das, was wir tun, jedenfalls längst nichts mehr zu tun.

Bernd Buchholz hat seine Worte für ein Spiegel-Interview gewählt, und gut gewählt, weil er auf die Qualität innerhalb seines Hauses hinweisen wollte. Und es besteht für mich kein Zweifel daran, dass Gruner eines der Qualitätshäuser in der deutschen Landschaft ist, dieser Text macht an seinem Interview fest, aber er ist keine Kritik an dem Haus. Ich glaube aber, dass wir im Zuge der Krise nicht durch übertriebene Sparsamkeit überleben werden, sondern dadurch, dass wir uns auf das besinnen, von dem wir die ganze Zeit behaupten, dass wir es tun.

Um es kurz zu machen: Eine Redaktion, die sich nicht als Manufaktur versteht, hat meiner Meinung nach überhaupt keinen Sinn. Wer nicht den weit überwiegenden Teil seiner Inhalte selbst herstellt, den braucht es nicht. Wer nicht bestrebt ist, anders zu sein als die anderen – sein eigenes Werk zu bauen; ein eigenes Verständnis zu haben – den braucht es nicht. Und wer nicht sein Produkt von den Handwerkern, den Journalisten, so fein, genau und schön wie möglich zusammenbauen lässt, der ist nur ein weiteres, überflüssiges Hindernis im Datenmeer. Es muss nicht alles von jedem gesagt sein. Und es sind mir diejenigen so viel lieber, die nur ihren einen, kleinen Teil der Welt beackern und das gut, ausführlich, mit Expertise und Liebe.

Wahrscheinlich sage ich das auch zum Selbstschutz: für alles andere braucht es nämlich keine Journalisten.  Ich bin jedenfalls dagegen, dass ausgerechnet wir diejenigen sind, die uns abschaffen.

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