Eine Technik ist eine Technik ist eine Technik. Facebook nicht.

Offenbar habe ich gestern das Wort Qualitätsjournalismus dieses berühmte eine Mal zu oft gelesen, jedenfalls dachte ich heute Morgen, als ich beim Qualitätskiosk gehalten hatte um Qualitätskaugummis zu kaufen (für Griechen ist es schwer, mit dem Rauchen aufzuhören. Wenn ihr mich das nächste Mal sehr werde ich so dick sein wie ein Haus), und mich der Qualitätsbettler der Schanze angehauen hatte (dieser lange, dunkle, Rasputin-artige, der auf den Stufen der Flora schläft), ich dachte also: „Du und ich“, dachte ich, „du und ich, wir bilden schon eine Qualitätsdemokratie!“ Dabei bin ich mir gar nicht sicher, was ein Qualitätsbettler zu einer Qualitätsdemokratie beiträgt. Bei mir weiß ich es ja nun echt: Journalisten machen Qualitätsjournalismus, ne? Und alle so: hmmhmm.

Durch einen blöden Zufall ist nun schon wieder Bernd „Der Dritte“ Buchholz ein Thema, weil er gestern bei seiner Keynote zur Eröffnung der dmexco in Köln gesagt hat, Facebook sei nur eine Technologie, er sähe aber „in der digitalen Welt die klassischen journalistischen Funktionen, wie Einordnung und Selektion von Informationen immer wichtiger werden“ (Zitat via Meedia). Ich habe ja an dieser Stelle schon einmal geschrieben, dass ich persönlich nicht erkennen kann, warum Journalisten die für mich relevanten Informationen besser selektieren können sollten als die Summe meiner (Facebook-)Freunde, aber das ist mir letztlich auch egal: Schön, wenn sie es könne, umso besser für mich – als Leser und als Auftragnehmer. Aber darum geht es mir gar nicht, sondern um eine merkwürdige Bewertung der Funktion und des Wertes von Journalismus, die mir gerade von allen Seiten entgegenschlägt.

Ich möchte noch ein Beispiel einführen: Auf freitag.de fragt sich Professor Thomas Rothschild, welche Auswirkung  es auf die Demokratie hat, dass 46 Prozent aller bei einer Umfrage befragten Journalisten angegeben haben, sie könnten sich vorstellen, in die PR zu wechseln. Rothschild hält sich gar nicht lange damit auf, lange um die steile These herumzumäandern, diese Journalisten hätten sich im Dritten Reich auch gleichschalten lassen (Zitat: […] waren [die Journalisten im Dritten Reich] „bloß“ Opportunisten, die in Kauf nahmen, was man ihnen von nun an abverlangte, um zu „überleben“? (Zitat Ende) – bizarrer Einsatz der Tüddelchen bei überleben, oder? Vielleicht hätte Carl von Ossietzky sonst „überlebt“?). PR zu machen für Unternehmen, die nur Profit machen wollen, ist in Rothschilds Logik ziemlich genau das gleiche wie für die Nazis: Nur mit Selbstbetrug und Verdrängung zu ertragen. Deshalb wird, Zitat: „… der ehemalige Kämpfer für Wahrheit und Aufklärung [vielleicht] noch nicht einmal bemerken, dass das so ist.“

Und hier hat meine Qualitätsgeduld dann endgültig ein Ende. Bei allem Hang zu Pathos und Verklärung, bei aller Liebe zu meinem Beruf: Jetzt sind wir nicht nur die einzigen, die Qualität im Internet und sonstwo herstellen können, nun sind wir auch noch „Kämpfer für Wahrheit und Aufklärung“. Wundert sich eigentlich noch irgendwer, dass Journalisten mit der Realität nicht klarkommen? Wann genau ist uns eigentlich das letzte bisschen Demut abhanden gekommen? Und wer lässt eigentlich die Verlagsoberen und Professoren die ganze Zeit über Zeug reden, das nur auf ihrem Planeten Standard zu sein scheint. Dabei hätten wir diese sinnlose Verklärung nicht einmal nötig. Denn was wir haben ist gut genug.

Es ist ja nicht so, dass die Leute Kommunikation und Geschichten nur wollen. Nach allem, was die menschliche Entwicklungsgeschichte so hergibt, dürfen wir davon ausgehen, dass sie sie BRAUCHEN. In jeder Kultur erzählen sich Menschen Geschichten, geben sie Informationen weiter und nehmen sie Informationen auf, weil Menschen das Bedürfnis haben, sich und ihren Platz in der Welt immer wieder zu verorten. Das ist der Sinn hinter den ansonsten unbrauchbaren Informationen, die wir in der Zeitung lesen. Das ist der Grund, warum es nicht überflüssig ist zu wissen, was in China und dem Amazonasgebiet passiert, wie die Lage in Honduras ist oder in Bielefeld. Menschen suchen ihren Platz in der Welt, jeden Tag aufs Neue. Dabei leben sie von Informationen wie von Nahrung (tatsächlich ist beides gar nicht immer sauber zu trennen). Wie es den Landwirt gibt und den Schriftsteller, so gibt es eben auch den Faktenhandwerker Journalist. Und tatsächlich brauchen wir für Journalismus eine einzige Voraussetzung, ohne die unser Handwerk nicht funktioniert, und das ist die freie Rede. Wir sind im Prinzip dafür da, alle Informationen an alle zu verteilen, und nur weil das sinnlos wäre, ordnen wir in wichtig und unwichtig – obwohl unser Ordnungssystem sicher nicht mit dem aller Leser überein stimmt und es in Wahrheit keinen Hinweis gibt, dass unser System besser ist als das irgendeines anderen (oder das vieler anderer).

Die freie Rede. Dafür lohnt sich jeder Kampf. Uns deshalb zu Kämpfern für die Freiheit und Aufklärung zu stilisieren zeugt von einer Blasiertheit, die nicht nur unsympathisch ist, sondern auch noch langweilig (ist dann eigentlich ein Auto-Journalist ein Freiheitskämpfer für aufgeklärte mobile Selbstbestimmung? Oder einfach kein Journalist?). Wer für die Freiheit kämpft, wenn sie bedroht ist, der ist ganz sicher ein Held. Aber nicht alle journalistische Arbeit muss einem heldenhaften Impuls entspringen: Das journalistische Handwerk hat sauber und im Sinne und zum Wohle der Menschen ausgeführt zu sein – wie jedes andere auch – und das war es dann auch schon. Dass eine Gesellschaft mit einer perfekten Pressefreiheit auch eine freie Gesellschaft ist, ist implizit. Ein Journalist muss der Wahrheit verpflichtet sein. Klar. Genau wie Bänker, Bäcker oder Lehrer. Das ist doch keine Qualität von uns allein – wir sind nur aufgeblasen und arrogant genug, da dauernd drüber zu reden. Unsere Freiheit wird von Polizisten, Blumenhändlern und Fahrradkurieren genau so verteidigt. Exponiert in diesem Zusammenhang sind erst einmal Politiker und Soldaten, was man unter anderem auch daran sieht, dass sie die ersten sind die sterben, wenn die Freiheit bedroht ist. Es gab und gibt die Kollegen, die in großer Gefahr für die Wahrheit kämpfen, aber wie selbstverliebt müsste man sein, um zu sagen: „Die sind wie wir alle – nur mit der Gelegenheit zum Heldentum“? Eben nicht. Es sind Helden, nicht weil sie Journalisten sind, sondern weil sie heldenhafte Menschen sind.  Ich wäre selber gerne mal ein Held, aber es ist nicht so, dass da eine Tüte Heldenmut mit im Umschlag mit dem Presseausweis war. Der Beruf allein macht es nicht.

Insofern kann ich Professor Rothschild also beruhigen. Die Demokratie ist nicht in Gefahr, wenn Tischler plötzlich nicht mehr Tische bauen sondern Stühle, und auch nicht, wenn Faktenhandwerker die Seiten wechseln und Fakten nicht mehr nach Relevanz sortieren sondern nach Wirkung. Problematisch ist nicht PR, problematisch heute sind Medien, die das eine vom anderen nicht trennen. PR-Mann sein heißt auch nicht, dass einem der Holocaust egal ist. Und seien wir ehrlich: Das kleinste Problem damals an den Nazis war, dass sie eine so gute Presse hatten. Zu glauben, mehr Ossietzkys hätten das deutsche Volk gegen Hitler aufstehen lassen könne und so vielleicht das Schlimmste verhindert bedeutet, die Macht von Medien zu überschätzen. Oder was haben Sie heute gegen den Klimawandel getan? Eben.

Die interessante Erkenntnis dieser Auseinandersetzung ist aber eine andere, und die geht wieder direkt an Bernd III.:Wenn Jo
urnalismus an sich nichts ist als ein Handwerk, wenn man seinen Wert also eher an seiner Funktion messen muss als an seiner bloßen Existenz – wie steht er dann zu Facebook und anderen?

Um es noch einmal zu sagen: Die Funktion von Kommunikation ist es, Menschen ihre Verortung in der Welt zu ermöglichen. Verortung in der Welt? So wie: Zwischen meinen Freunden, die mir Geschichten erzählen, faktische und fiktive? Ähm, ja, zum Beispiel. Also so wie … auf Facebook? Ziemlich genau, ja.

Diese „Technik“ wäre nicht so erfolgreich, wie sie ist, wenn sie nicht ein Bedürfnis befriedigen würde. Wenn sie nicht etwas könnte, das Menschen nicht nur wollen sondern auch brauchen.

Facebook ist in dem Sinne nur eine Technik, in dem das Kanzleramt nur ein Haus ist. Smarte Bernds müssten am Zaun hängen und schreien: „Wir wollen hier rein!“

Und alle so: Willkommen!

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