Das Duell: Steinmerkel vs. Vier ????

Über das TV-Duell kann man vieles sagen, im weiteren Sinne sogar, dass es ein TV-Duell gewesen sei, wenn auch eher das des Steinmerkel gegen die Vier ????. Eines kann danach aber wohl niemand mehr behaupten: Spätestens nach diesem Abend wäre es absurd zu sagen, die Krise wäre vorbei oder das Land wenigstens auf dem Weg der Besserung.

Da wurde ein ganzer Abend auf allen Sendern in verschiedensten Runden geredet, ohne dass irgendwem eine Antwort auf irgendetwas eingefallen wäre – oder auch nur eine Frage. Ich habe meinen griechischen Vater einmal vor ungefähr zwanzig Jahren dabei überrascht, wie er beim (gerade erfundenen) Zappen bei einer Volksmusiksendung hängenblieb und sich Heino ansah. Als er meinen schockierten Blick bemerkte sagte er nur: „Ethnologisches Interesse“. Und vielleicht hat ihm Heino damals einen Hinweis darauf geben können, worum es uns im Großen und Ganzen geht in Deutschland.

 

Das Duell der beiden einzig realistischen Anwärter auf die wichtigste Position in der wichtigsten Institution des Landes gestern abend hat keinerlei derartige Aufschlüsse zugelassen. Bei den beiden nicht, bei den Fragern nicht, bei den Diskutanten danach bei Anne Will nicht. Wohin Deutschland steuert oder steuern will, das wissen wir nicht. Beides nicht. Und das ist nicht nur das Problem der Merkels und Steinmeiers, denn sie sind ausführende Instrumente. Aber diese Instrumente haben ganz offensichtlich keine verlässliche Verbindung mehr zu den Regierten, was zu einem großen Teil unser Problem ist, denn diese Verbindung sollten wir sein. Beide Kandidaten sind im Umgang mit dem Wahlvolk live sehr viel überzeugender als im Fernsehen. Manchmal sogar begeisternd. Wie kann es da sein, dass an dem Abend, an dem sie in (nach Fernsehmaßstäben) epischer Breite ihre Vision darlegen sollen, nichts als Äther über den Äther kriegen?

 

Danach saßen dann mehr oder weniger Berufene bei Will und schlingerten um die Frage herum, warum die, die man da sieht, einfach gar nichts mehr sind, sagen, bewegen? Weil sie, wie Jauch vermutet, selbst nicht mehr wissen wie es geht? Weil sie falsch inszeniert waren, wie Wowereit meint oder weil sie so sehr nichts zu inszenieren haben, dass Claus Peymann sich einen Berlusconi oder Sarkozy wünscht, weil die wenigstens mal auf den Tisch hauen? Oder hat vielleicht sogar Patricia Riekel recht, die … auch was gesagt hat?

 

Es gab einen bizarren Moment, in dem Peymann plötzlich der Riekel recht gab, die irgendwie darauf hinweisen wollte, dass in einem Land etwas falsch läuft, wenn 50-Jährige Männer für ihre Zivilcourage in der S-Bahn erschlagen werden. Sie hat keine Worte dafür gefunden, was sie eigentlich meint. Irgendwas mit „menschlich“. Und Peymann hat erst recht keine Worte gefunden und deshalb irgendwas mit „Angst“ gesagt. Das Thema war dann schnell erledigt, weil es irgendwie nichts mit der Kanzlerwahl zu tun hat. Dabei war es der einzige Moment des Abends, an dem für ein paar Sekunden so etwas wie Wahrhaftigkeit aufblitzte. Leider auf den Tisch gebracht von den zwei am wenigsten geeigneten Anwesenden, eine kluge Debatte im Fernsehen zu führen. Peymann ist kein Fernsehmann und Riekel ist … sagen wir: menschlich?

 

Die Wahrheit ist: Merkel und Steinmeier sind die Kandidaten, die wir geformt haben. Sie sind perfekt, was man schon daran sehen kann, das es vier hoch dekorierten Journalisten live im Fernsehen nicht gelingt, sie anders als durch impertinentes Unterbrechen und quatschige Vergleiche mit Spielzeug-Enten auch nur Sekundenbruchteile aus der Ruhe zu bringen. Es war eine Bankrott-Erklärung unserer Zunft. Jetzt, am Ende einer langen Entwicklung hin zum Medien-Politiker, ist unsere Krise auf jeden Fall da: Die sind jetzt besser als wir. Eigentlich könnten wir jetzt einpacken, denn wir haben in diesem Spiel nichts mehr hinzuzufügen. Ob wir die noch interviewen oder nicht ist für dieses Land scheißegal – sie sagen was sie wollen wie sie es wollen, und zumindest die Vier ???? konnten es nicht ändern – und ich würde mich schwer tun, einen Kollegen zu benennen, der es vielleicht könnte. Ehrlicherweise müssen wir feststellen: Echte, entscheidende politische Momente finden sicher nicht mehr in unseren Medien statt. Der letzte Beweis ist spätestens mit diesem so genannten Duell erbracht.

 

Das ist der Status Quo: Die Politiker, die uns regieren sollen, sind so unangreifbar wie unergründlich. Sie haben gelernt, die Medien zu füttern mit einer Art Politik-Ersatzstoff, der stopft und nicht aufstößt. Und wir haben das Zeug gefressen und gefressen. Jetzt beschweren wir uns, dass er keinen Nährwert hat, aber vorher haben wir uns jahrelang über jeden Inhalt aufgeregt, weil er manchmal schwer verdaulich war. Und wir haben verlernt, die Fragen zu stellen, die dazu führen könnten, dass jemand zumindest zwischendurch einmal etwas auf den Tisch bringt, das wenigstens ein bisschen bissfest ist. Und das – für mich – Schlimmste ist: Wir haben nicht einmal mehr Worte für das, was uns fehlt. Etwas „menschliches“? Etwas gegen „die Angst“? Mehr Obama? Weniger Verwaltung und mehr … Führung? Aber Führung wohin?

 

Deutschland hat sein Ziel verloren, und wir haben unseren Teil dazu beigetragen, und es war ein ordentlicher Teil. Denn wir haben einen großen, wichtigen Teil der richtigen Fragen verdrängt und versteckt, weil wir uns nicht getraut haben, uns ihnen zu stellen.

 

Die Worte, nach denen Riekel und Peymann gesucht haben, sind: spirituelle Führung. Sie klingen unangenehm, pompös, verdächtig und fremd wenn wir sie sagen, weil sie im Deutschen eine esoterische Dimension haben, die über die eigentliche Bedeutung hinausgeht, aber sie beschreiben exakt den Unterschied zwischen einem Obama und einem Steinmerkel. Es klingt nicht einmal komisch, wenn Obama darüber spricht. Die Worte beschreiben auch den Unterschied zwischen einem Steinmerkel und Willy Brandt, Helmut Schmidt und sogar Helmut Kohl. Merkwürdig ist: Ich bin mir relativ sicher, dass das Steinmerkel eine übergeordnete, geistig-moralische Empfindung dafür hat, wohin es das Land führen will (nicht hundertprozentig sicher, aber doch 51-prozentig). Aber es kommt nicht darauf, darüber zu sprechen. Zum Teil auch deswegen, weil wir nicht danach fragen.

 

Wir tun sogar das Gegenteil: Als Steinmeier im TV-Duell für einen Moment so etwas wie eine Emotion zeigte, die man mit Überzeugung hätte verwechseln können, fragte ihn Plasberg mit einem findigen Lächeln, ob wir jetzt gesehen hätten, wie ein Steinmeier die SPD-Stammwähler mobilisiert. In Wahrheit ist unser Misstrauen Politikern gegenüber so groß, dass wir ihnen schon ihren Machtanspruch übel nehmen. Wer bei uns gewählt werden will, ist dadurch automatisch suspekt.

 

Als gäbe es an diesem Land nichts, was man gerne regieren wollen könnte.

 

Ich erinnere mich an zwei Momente – das Sommermärchen 2006 und an den Zusammenhalt nach der Oder-Flut – in denen die Politiker beschworen, dieses Gefühl nicht zu vergessen, und die Energie, die sichtbar wurde, über das Ereignis hinaus zu retten. Es ist uns nicht gelungen: Den Politikern nicht, den Medien nicht, den Menschen nicht. Vielleicht auch, weil uns die Worte fehlten, es zu beschreiben.

 

Ich habe mit noch einmal das „Yes, we can“-Video von Will.i.am mit der Obama-Rede angesehen, und ich bin immer noch bewegt, wenn ich es sehe. Tatsache ist: Wir haben viele der Probleme nicht, um die es in dieser Rede ging. Aber wir verstehen sie trotzdem, weil wir natürlich viele Werte, Ziele und Hoffnungen mit den Amis teilen. Nur schaffen sie es, ihre Ziele und Hoffnungen zu formulieren, bis hin zum „Streben nach Glück“ in der Verfassung, und wir nicht. So richtig schlecht sind wir auch nicht: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ steht bei uns in Artikel 2, aber wir sprechen ansonsten ungern darüber. Nur, um das noch einmal klar zu sagen: Die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist nicht nur ein Grundrecht, es ist der Grund, warum wir alles andere tun. Wir haben eine Wirtschaft, damit wir leben und uns entfalten können. Nicht anders herum. Aber anstatt darüber zu reden, was denn unsere Gemeinsamkeiten dabei sind, warum es für so viele von uns immer noch erstrebenswert scheint, sich in diesem Land zu entfalten statt irgendwo anders, lassen wir nicht einmal bei unseren Kanzlerkandidaten Entfaltung zu. Wir reduzieren sie auf Machtmaschinen, die alles sagen, so lange sie da oben bleiben dürfen. Wollen wir das wirklich? Ist das unser Land? Soll es das sein?

 

Ich glaube, wir haben unter all den Alltagssorgen, unter all den Geldproblemen und Ängsten vergessen, dass unser Leben nicht erst beginnt, wenn „die Krise“ überwunden sein sollte. Wir haben in der täglichen Arbeit als Journalisten ein Stadium von Abgewichstheit erreicht, das zwischen uns und den Fragen steht, die wirklich wichtig sind. Und dadurch schießen wir uns selbst ins Knie, denn unter all dem unverständlichen Brabbeln und Stottern haben in diesem Fall ausgerechnet die Riekel und der Peymann recht: Die Menschen sind nicht abgewichst und sie nehmen das Ganze nicht als Inszenierung wahr – zumindest nicht freiwillig – sondern mit Hoffnungen und Ängsten. Sie würden gerne die echten Menschen mit ihren echten Überzeugungen sehen, die sich um die Kanzlerschaft bewerben. Und wenn wir ihnen die nicht zeigen können, obwohl wir sie im Studio vor uns stehen haben, dann ist etwas ganz grundlegend falsch gelaufen – und da ist nicht das Steinmerkel dran schuld. Denn das hat ganz fehlerfrei getan, worauf wir es dressiert haben.

2 Antworten auf „Das Duell: Steinmerkel vs. Vier ????“

  1. Also ich weiß nicht, warum ausgerechnet eine Fußballmannschaft Nationalgefühl produzieren soll. Was hat denn der einzelne Zuschauer 2006 außer Daumendrücken dazu beigetragen, dass Podolski und Klose getroffen und Lehmann gehalten hat? Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das daraus entstanden sein mag, kam doch ziemlich einseitig zustande. Die Nationalspieler schießen ihre Toren ganz allein oder eben nicht (Egal wie laut der Einzelne beim Elfmeterschießen mit Bierbüchse und Chips in den Händen brüllt: „Unten links“) Ich finde es eher peinlich, wenn Politiker oder Journalisten meinen, aus den Erfolgen von 22 Kickern und ihren Betreuern eine Art Forschritt des Nationalgefühls ablesen zu können. Was machen wir, wenn das DFB-Team die Qualifikation diesmal vergeigt? Kollektiv Trübsal blasen, das Land für weniger liebenswert halten und uns wieder mehr als Bayern und Rheinländer denn als Deutsche betrachten?

    Da nehme ich doch lieber die Oderflut oder auch die an der Elbe, bei der jeder, dem das nahe ging, hinfahren und Sandsäcke füllen oder wenigstens etwas spenden konnte. Und warum feiern wir nicht öfter den Herbst 1989? Das war mal eine gelungen Revolution und noch dazu eine ganz neuartige, nämlich friedliche. Für viele Ostdeutsche war das eine fast schon existenzielle Erfahrung. Das passte der Satz eines Liedermachers, der lange vor Obama schrieb: „Du hast es nur noch nicht probiert und darum glaubst Du’s nicht.“ Die Westdeutschen haben die Botschaftsflüchtlinge an der Grenze empfangen und nach der Maueröffnung wildfremde Ossis mit zu sich nach Hause genommen. Politiker reden und Journalisten schreiben, wenn es um 1989 geht, viel über Lasten und Solidaritätszuschlag und kaum etwas über eine Zeit, in der die Deutschen das glücklichste Volk der Welt waren und sich und sich so ziemlich alle anderen mit uns freuten. Sind wir wirklich so zynisch?

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