Wie begeistert man Print-Journalisten für “Online”?

Vor gut zehn Jahren war der junge Fußballer Lars Ricken ungefähr zehnmal das, was Mesut Özil gerne werden würde. Er hatte mit dem spielentscheidenden Tor für Borussia Dortmund im Champions-League-Finale das Tor des Jahres 1997 geschossen und hatte eine gigantische Zukunft vor sich. Zu dieser Zeit drehte er einen Werbespot für seinen Ausrüster Nike, in dem es um die alten Helden im Fußball ging, um die Großen, die Ricken nun im Voice-Over herausforderte. Ich habe den Spot online nicht gefunden, deshalb zitiere ich den zentralen Satz aus dem Kopf. Ricken sagte etwas wie: „Voller Respekt sage ich: Kommt nicht zwischen mich und den Ball!“

Er konnte nie an seine ersten großen Erfolge anknüpfen und galt bald als ewiges Talent. Aber der große Sieg und das unfassbare Tor bleiben.

Mich erinnert die Situation um das Internet-Manifest ein bisschen an Rickens Nike-Spot: Eine Gruppe der vielleicht besten deutschen Onliner stellt sich mit breiter Brust (und aus meiner Sicht ungefragt) aufs Spielfeld und sagt „kommt nicht zwischen uns und den Ball.“ Sie glauben erklärterweise, wie das Spiel gespielt werden muss, und der Tonfall des Dokumentes strahlt nicht nur zwischen den Zeilen, sondern geradezu zwischen allen Zeichen aus, dass sie überzeugt davon sind, dass sie es selbst können. Ich habe schon deutlich gemacht, dass mir das unangenehm ist, und das es mir ungleich leichter gefallen wäre, diesen Text zu akzeptieren, wenn die Verfasser selbst schon spielentscheidende Tore geschossen hätten. Auch aus diesem Grund halte ich das Manifest für missraten, aber es ist zu einfach, Dinge einfach schlecht zu machen. Deshalb will ich versuchen zu erklären, was meiner Meinung nach heute sinnvoller gewesen wäre als der Text. Und während ich das sage, muss ich auch gleich auf einen echten Fehler in meiner Argumentation gegen das Manifest hinweisen: Diejenigen Kollegen, die tatsächlich schon spielentscheidende Tore geschossen haben, haben sich bisher nicht aufgerafft, eine Meinung zu den Möglichkeiten des Journalismus im Internet zu formulieren. Und das wird von vielen Kollegen offensichtlich als Lücke empfunden. Mir ging es nicht so, deshalb habe ich den Gedanken erst von (Manifest-Mitverfasser) Wolfgang Michal übernommen. Da hätte ich selbst drauf kommen können und sollen.

Aber, wie gesagt, meine Gedanken gehen in eine andere Richtung: Wenn das Internet so viele Möglichkeiten bietet und so toll ist, wie ich glaube, warum gelingt es uns nur so mühsam, Kollegen davon zu überzeugen? Das muss etwas bedeuten, aber was?

Als der Sportreporter Christoph Biermann von der Süddeutschen Zeitung zum Spiegel gewechselt ist, war das allen Mediendiensten eine große Geschichte wert, denn erstens ist Biermann ein hoch dekorierter, großartiger Fußballfachmann, der die komplizierten taktischen Abläufe auf dem Platz außergwöhnlich gut analysieren und erklären kann, aber zweitens – und vor allem – wechselte er von der SZ nicht zum gedruckten Spiegel, sondern zu Spiegel Online. Es war der erste freiwillige, hochkarätige Wechsel eines Autoren von Print zu digital, an den ich mich erinnern kann. Und es blieb – zumindest in meinem Bewusstsein, ohne jemandem Unrecht tun zu wollen – der einzige. Die Dämme sind nicht gebrochen. Das Beispiel hat nicht Schule gemacht. Für die meisten Autoren bleibt online die zweite Wahl.

Das ist nicht unverständlich: Noch immer ist das Internet neu. Noch immer gibt es keine journalistische Marke, deren Strahlkraft online an die des gedruckten Titels oder der Fernsehsendung heranreicht. Und natürlich wird im Regelfall für Texte, die nur online erscheinen, weit weniger gezahlt als für Autorentexte in Magazinen. Eine reine, journalistische Online-Medienmarke für Autoren gibt es nur als selbstfinanzierten Zusammenschluss von Autoren, aber so weit ich es weiß nicht als abend- und kontofüllenden Arbeitgeber. Es kann also keine Überraschung sein, dass Autoren und Reporter nicht in Scharen zu Online-Medien wechseln. Was mich aber erstaunt ist, wie zaghaft angestellte Print-Journalisten offenbar nur bereit sind, zu den Online-Ablegern ihrer eigenen Häuser beizutragen. Das kann nicht nur Faulheit sein, es liegt auch an der Geringschätzung des neuen Mediums (bzw. Vertriebsweges. Das Internet an sich ist ja kein Medium).

Zum Teil liegt es an Kinderkrankheiten: Online war lange nur eine Abwurfstelle für ohnehin vorhandene Printtexte, die dann auf den Rankings gegen die Titten-Galerien verloren. Online-Redaktionen waren das, wohin man ungewünschte Redaktionsmitglieder abschob, die zu feuern zu teuer gewesen wäre. Und anstatt Journalismus zu machen, saßen die Online-Redakteure oft genug da und haben sich Quiz-Fragen ausgedacht, weil Quizze mehr Klicks bringen als Texte und weniger kosten als Tittenfotos. Vielen Journalisten kam es vor, als würde an das Sterne-Restaurant, in dem sie arbeiten, noch eine Pommesbude angebaut. Nur das die Pommesbude kein Geld verdiente und deshalb im Restaurant gespart werden musste. Und der Gestank des Fast Food von nebenan färbte auf die eigenen Räume ab. Online schien eher zu schaden als zu nützen. Tatsächlich waren die Kollegen von Spiegel Online die einzigen, die es rechtzeitig angefangen und es konsequent durchgezogen haben. Dass nun offenbar ihre Zeit als Klickführer vorbei ist tut mir deshalb richtiggehend leid.

Auch das tut mir leid: Der historisierende Abschnitt ghet noch einen kleinen Tick weiter, die nächste Stufe der Entwicklung war nämlich, die Print-Redakteure von Magazinen „einzubeziehen“, was bedeutete, plötzlich sollten sie sich nicht nur zusätzliche Gedanken machen, wie ein Thema, das sie bearbeiteten, „online weitergespielt“ werden kann – sie sollten am besten zu jedem Interview, dass sie führen, eine Videokamera mitnehmen und einen Film mit nach Hause bringen. Was bedeutet, dass gestandene Redakteure und Reporter plötzlich statt der noblen, geschliffenen Werke, die sie zu schaffen gewohnt waren, plötzlich die Autorenschaft über rohe, amateurhafte, zittrige und nichtssagende Filmchen innehatten. Das Netz brachte nicht nur zusätzliche Arbeit, sondern solche Arbeit, die vielen zurecht peinlich war. Seien wir ehrlich: Die Webseiten vieler Magazine waren (und sind teilweise auch heute noch) voll mit billigem Dreck. Seiten voll mit großartigem journalistischen Content sind dagegen selten. Wenn mich heute ein Kollege, der vielleicht Mitte 50 ist und seit 25 oder 30 Jahren in dem Job arbeitet, der ein ordentliches Auskommen hat und Freude an seiner Arbeit (okay, ich fantasiere. Aber bitte lasst mich für das Argument) – wenn er mich also fragt, welche Webseiten er sich ansehen soll, um vom Internet überzeugt zu sein, welche empfehle ich ihm dann? Und wenn er mich fragt, welche denn vielleicht einen Job hätte (keine freie Stelle, einfach nur einen Posten), der ihm, wenn er denn frei wäre, Spaß machen könnte, was erzähle ich ihm dann? Gibt es einen geilen journalistischen Online-Posten in Deutschland?

Das ist der Zustand von Online aus Sicht eines Print-Kollegen mit einem halbwegs gesicherten Job: nicht erstrebenswert. Aber wir sprechen im Zuge der Diskussion um das Internet-Manifest nicht davon, was war, sondern was werden kann und soll. Wenn wir versuchen wollen zu locken, dann können wir das nur mit dem theoretisch möglichen. Das real Existierende ist meiner Meinung nach nicht verlockend genug. Und hier liegen zwei Knackpunkte begraben, von denen ich glaube, dass sie von den Internet-Propheten, von den Manifestoren, den großen Jarvisses und den vielen kleinen, so genannt internetaffinen Bloggern und Schreibern wie mir viel zu lange nicht ernst genommen wurden. Den ersten Punkt habe ich schon einmal dargelegt: Ich glaube, dass Publizistik im Internet von Autoren verlangt, dass sie sich mitten in die
Diskussion begeben, erreichbar, kritikfähig und direkter als bisher verantwortlich sein müssen (mehr dazu hier). Und ich kann Kollegen verstehen, denen das sehr unangenehm ist. Ihnen immer wieder zu sagen, dass sie es nun einmal müssen, wird sie nicht umstimmen – sie müssten die Vorteile dieser Art zu arbeiten selbst erkennen können, um zu verstehen.Auf den zweiten Punkt, der hier wichtig ist, möchte ich näher eingehen, weil er meiner Meinung nach nur in eine Richtung diskutiert wird. So steht er auch im Internet-Manifest. Da steht:

(Zitat Anfang) 6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.

 Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten. (Zitat Ende)

Die Nachricht als Prozess: Der bekannteste und lauteste Verfechter dieser These ist Jeff Jarvis, und natürlich gehört es inzwischen nicht nur unter Bloggern sondern auch in den meisten Online-Redaktionen zum guten Ton, Verbesserungen, Korrekturen usw. an Texten zu kennzeichnen. Aber das ist nur ein Teil dessen, was gemeint ist. Gemeint ist auch und vor allem, das Wiki-Prinzip auch auf Nachrichten anzuwenden, also ständig und mit jeder neuen Information zu verbessern, zu erneuern und so immer näher an den Idealzustand der wahren Nachricht zu kommen. Zumindest in der Theorie ist das eine schöne Sache (in der Praxis ist es – zugegeben – eine dreckige Angelegenheit. Wir erleben das, wenn live und während eines Geschehens von dem Ort des Geschehens berichtet wird. Ein Gerücht jagt das nächste). Aber selbst der ärgste Internet-Kritiker muss meiner Meinung nach zugeben, dass Wikipedia überragend gut funktioniert – plusminus den einen oder anderen Wilhelm. Trotzdem finde ich, dass die These sehr, sehr schwer zu halten ist. Aus zwei Gründen: Zum einen ist nach meinem persönlichen Erleben die Überlebensdauer einer falschen Nachricht in einer Zeitung oder einem Magazin bisher kürzer als die im Internet, weil Magazine und Zeitungen Verfallsdaten haben, Onlinetexte aber nicht (und bevor jemand mit dem Argument kommt: Aber Zeitungen gehen ins Archiv und der nächste Idiot schreibt es ab – das Internet ist sein eigenes Archiv und sehr viel mehr Idioten schreiben es ab). Das hängt aber zweitens mit dem nächsten Grund zusammen, von dem ich glaube, dass er den Onlinejournalismus beschädigt: Journalisten wollen, müssen und sollen irgendwann fertig sein. Natürlich kann man Texte online nachträglich verbesern. Aber man muss es auch tun. Und je größer das eigene Archiv wird, umso größer wird der Zeitaufwand, alte Texte, die möglicherweise kaum jemand irgendwann mehr anklickt, nachträglich zu korrigieren.

Ich habe es an zwei Stationen, in denen ich die Verantwortung hatte, eine Online-Redaktion zu organisieren und zu führen, erlebt, wie kompliziert es allein ist, alte Texte nachträglich mit neueren Texten zu verlinken. Stellen wir uns vor, der Journalist muss auch noch seine alten Texte verbessern, weil inzwischen neue Informationen aufgetaucht sind, und diese Verbesserungen dann auch noch transparent zu kennzeichnen. Stellen wir uns auch vor, wir würden durch das gesamte Schaffen der Manifestoren in den letzten fünf oder zehn Jahre flöhen und nach Behauptungen suchen, die sich nachträglich als falsch erwiesen haben. Natürlich würden wir fündig, aber der Arbeitsaufwand ist untragbar.

Es steht außer Frage, dass die Nachrichtenbeschaffung und -darstellung ein Prozess ist, aber so zu tun, als wäre von dem alten Rhythmus zu heute einen Quantensprung von unzuverlässig zu nahezu unfehlbar gemacht, ist ganz einfach falsch. Und das noch aus einem weiteren Grund: Zu behaupten, der Nachrichtenfluss wäre von einem Stakkato von Momentaufnahmen quasi ins Fließen gekommen, beinhaltet die Forderung, man müsse überall zugleich sein oder zumindest die nachrichtenrelevanten Punkte der Welt pausenlos überwachen. Wir müssten einen unendlichen Fluss aller Nachrichten der Welt erzeugen, in den sich Leser nach belieben an jeder Stelle einklinken könnten. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Wir lesen einmal im Jahr eine Nachricht aus Obervolta oder Katmandu und dann am nächsten Tag nicht mehr. Das ist kein Manko der Darstellung. Es ist so, wie Menschen funktionieren.

Dargestellte Nachrichten entstehen nicht als Fluss, sie sind immer nur Momentaufnahmen, und das Internet steht da in Sachen Geschwindigkeit sogar noch hinter dem Radio zurück. Ich glaube also nicht, dass der Mythos von „Nachrichten als Prozess“ den Journalismus verbessert (abgesehen von den transparenten Korrekturen, die allerdings jeder Zeitschrift, jeder Zeitung und jedem Sender auch gut stehen würden und nicht onlinespezifisch sein sollten). Stattdessen führt diese ständig wiederholte Behauptung meiner Meinung nach dazu, dass viele Kollegen Journalismus im Netz als unbeständig und eher wertlos betrachten. Denn was ist ein Werk wert, das in der Erwartung aufgestellt wird, ständig verändert und verbessert zu werden?

„Life is beta“ nennt Jarvis das, immer nur die unfertige Testversion. Ich finde das sympathisch. Es zeugt von Lockerheit, wenn man an jede Aufgabe immer in dem Bewusstsein herangeht, dass man es nicht perfekt hinkriegen wird. Dass man scheitern wird. Dass es einen nächsten Versuch brauchen wird. Wie gesagt: sympathisch. Aber es widerspricht jedem journalistischen Ehrgeiz und Ethos. Und, ganz ehrlich, ich würde jeden Journalisten verachten, der mit dem Bewusstsein an jede Recherche herangeht, dass er sowieso nicht alles herausfinden wird. Ich weiß, dass es wahrscheinlich nah an der Wahrheit ist, aber ich fürde keinen Kollegen vor allem locker und sympathisch finden, der seine Geschichten in dem Bewusstsein schreibt, dass es sowieso nicht die ganze Wahrheit ist, was er da publiziert. Ich wünsche mir Kollegen mit dem brennenden Ehrgeiz, alles herausfinden zu wollen. Und der verbohrten Überzeugung, alles, was sie schreiben, müsse wahrhaftig sein. „Life is beta“ mag richtig sein. Aber ich möchte nicht, dass es der Leitsatz von Journalisten wird. Da sind Netzkultur und Journalismus für mich nicht vereinbar.

Das heißt nicht, dass Journalismus im Internet nicht geht. Ich versuche nur zu erklären, warum meiner Meinung nach Journalisten, die nicht alles bejubeln und das Netz nicht für die Rettung der Menschheit halten, deshalb nicht automatisch altmodisch und im Unrecht sind. Vielleicht sind ihre Reflexe auch einfach ganz gut.

Und jetzt wenden wir uns der Frage zu, was man meiner Meinung nach hätte tun sollen, anstatt dieses Manifest zu schreiben.  Ein Vorschlag steht ja sogar tatsächlich in dem Text selbst: „Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.“ Es wäre eine Freude gewesen zu sehen, wenn sie das selbst beherzigt hätten. Dass sie es unterlassen haben, liegt meiner Meinung nach in der Natur der Gruppe: Die Journalisten unter den Unterzeichnern bewegen sich in der Mehrzahl auch beruflich im Internet oder den Medien: Sie berichten im Medium über das Medium. Aus dieser Binnensicht heraus mag das Manifest irgendwie einen Sinn ergeben: Wer tatsächlich glaubt, dass der politische Diskurs im Internet stattfindet statt in der realen Welt, der setzt irgendwann offenbar Freiheit im Netz gleich mit Freiheit im Allgemeinenund versteigt sich in eine Vorstellung von der eigenen Relevanz, die weder mit dem Lebe
n noch mit dem Berichten darüber noch viel gemein hat.Die Freiheit wird nicht da verteidigt, wo man im Internet darüber schreibt, sondern da, wo einer aufsteht und sie sich nimmt. Ich habe bewegt vor den Tweets aus Teheran gesessen, aber ich war nicht dort auf der Straße. Ich bin froh darüber, dass jeder Iraner mit einem Handy die Möglichkeit hat seinen Schmerz mit der Welt zu teilen, aber was er für die Freiheit getan hat, hat er nicht im Internet getan sondern auf der Straße, Auge in Auge mit einem knüppelnden Schergen.

Was wäre gewesen, wenn die 15 Manifestoren sich ins Leben begeben hätten? In eine Pommesbude, ein Asylantenheim oder ins Bundeswehr-Camp von Kunduz? Wenn sie in einem langen, ständigen Fluss multimedial berichtet hätten, mit dem versammelten Talent, das ja in ihnen steckt? Wenn sie ihre Behauptung, dass in jeder Tasche ein Medienimperium steckt im ganz Kleinen bewiesen hätten anstatt nur Großes zu behaupten? Wenn Glaube, Liebe und Hoffnung ihr Thema gewesen, Leben statt Reden?

Wie gesagt: Zur Not hätte eine Pommesbude in Bremerhaven wahrscheinlich gereicht, und es wäre geiles Zeug dabei herausgekommen. Eine Seite, die man dem alten Kollegen empfehlen würde, wenn er nach gutem Online-Journalismus fragt. Berichte die den Kollegen klar machen, welche Chancen das Internet bietet, anstatt es ihnen einfach nur immer wieder ins Gesicht zu schreien.

Aber so wie es ist, glaube ich, dass den Manifestoren passieren wird, was Lars Ricken passiert ist: Die Anderen, die Alten, die angeblich längst Überholten kamen zwischen ihn und Ball.

 

Was nicht so schlimm ist. Er hat ja dieses Tor geschossen. Das bleibt:

8 Antworten auf „Wie begeistert man Print-Journalisten für “Online”?“

  1. Du argumentierst sehr bildhaft, überzeugend und schön geschrieben. Was ich aber nach wie vor einfach nicht verstehe, in diesem Text wie auch in den vorherigen 17 Entgegnungen zu den Manifestbehauptungen ist, warum Dir der Hintergrund und die so genannte Leistung der Manifest-Autoren so wichtig ist, um sie deshalb nicht ernst nehmen zu können. Argumente sind Argumente, gute und schlechte, zumindest das macht Praktikanten, Päpste sowie alle Zwischenränge vor dem Mediengott gleich. Oder ist das anders?

  2. Du hast vollkommen recht, da bin ich nahezu willkürlich, widersprüchlich und unverständlich.Ich versuche mal, das zu erklären, indem ich einfach bei null anfange: Es sollte keinen Unterschied machen, wer dieses Manifest geschrieben hat, aber für mich macht es einen.
    Es gibt eine Menge Menschen, bei denen hätte ich es ignoriert, so wie ich vieles ignoriere, das ich lese. Wäre es von Hubert Burda gekommen hätte ich gelacht. So, wie es ist, habe ich es schwerer, weil unter den Unterzeichnern einige Journalisten sind, die ich professionell sehr achte (ich kenne keinen von ihnen im engeren Sinne persönlich). Es sind einige dabei, von denen ich denke, dass ich in Bezug sowohl auf den Journalismus als auch auf das Internet (und die Kombination aus beidem) auf der gleichen Seite stehe wie sie. Nur als Beispiele: Ich mag sowohl Bildblog als auch den Blog von Niggemeier sehr gerne. Ich halte Wolfgang Michal für einen großartigen Reporter und Autoren. Ein paar von den Autoren finde ich fürchterlich. Ein paar kenn ich gar nicht, und warum Sascha Lobo, der sich selbst Werbetexter nennt, erklärt, wie Journalismus funktioniert, ist mir auf unangenehme Weise schleierhaft. Wie dem auch sei: Es ist die Mutter aller Internet-Posses, zumindest in diesem Land. Im Prinzip muss man sie ernst nehmen. Jedenfalls bis man dieses Manifest liest. Danach ist das ein bisschen anders.
    Es mag ein Fall von „design by comittee“ sein, dass dieser Text so unterirdisch ist, und vielleicht hätten zumindest ein paar der einzelnen Autoren allein besser geschrieben. Aber unterschrieben haben sie es ja sehenden Auges. Um es kurz zu machen: Ich halte diesen Text formal für aufgeblasenes Blabla und inhaltlich für teilweise falsch, größtenteils überflüssig und für höchstens unfreiwillig komisch. Dieses Manifest kann ich nicht ernst nehmen. Wenn ich aber nicht einige der Autoren ernst nehmen würde hätte ich nicht versucht zu erklären warum.
    Und obwohl du recht hast, dass ein gutes Argument ein gutes Argument sein sollte, egal von wem es kommt, wäre doch der Hinweis, dass Kondome vor Aids schützen, irgendwie etwas anderes, wenn er vom Papst kommt.

  3. Irgendwie hat die ganze „Banalität“ und „Mittelmäßigkeit“ des Manifests ja doch was erreicht: Es reizt zum Besser machen. Wäre das Manifest so perfekt und gottgleich geworden, dass man es nur ehrfürchtig hätte bestaunen können, was hätte es ausgelöst? Und welches Aha-Erweckungs-Erlebnis hat die Netz-Gemeinde denn erwartet, dass sie nun so voller Enttäuschung reagiert? (Okay, es lag natürlich an uns).

    Lassen Sie uns zurückkehren zum Ernst der Debatte: Lieber Michalis Pantelouris, Sie verlangen schlicht und einfach Übermenschliches. Sie sagen, es sei die Aufgabe von kleinen unter- oder nicht bezahlten Zweiter-Klasse-Bloggern, vornehme Qualitäts-Printjournalisten ins zu Netz locken. Sie gar mit herrlichen Erzählformen („geilen Geschichten“) zu empfangen und zu verwöhnen, damit sie auch wirklich keine Angst mehr haben vor dem bösen Netz, wenn sie schon so fürchterlich unter Statusverlust leiden müssen. Meinten Sie das so? Aber warum sollte es die moralische Pflicht von ein paar Bloggern sein, bequeme Printjournalisten durch allerfeinste Werke von online zu überzeugen?
    Hat Sie irgendjemand überzeugen müssen, als Sie Ihren Blog planten? Wieso randalieren die Printjournalisten nicht längst in ihren Verlagen und rütteln wie Schröder am Netzgitter: Ich will da rein! Und wieso sollte es ausgerechnet die Aufgabe von Bloggern sein, neue Geschäftsmodelle zu ersinnen (obwohl sie – nebenbei bemerkt – daran arbeiten). Es ist wirklich wenig hilfreich in dieser Debatte, einem Bettler fünf Euro in den Hut zu werfen und ihn aufzufordern, damit ein Qualitätsmedium im Internet aufzubauen… Ah, du kannst das nicht? Ja, dann, lieber Bettler, ist dein Schild neben dem Hut doch vollkommen wertlos. Feine Argumentation.

    In einem anderen wichtigen Punkt gebe ich Ihnen allerdings mehr als Recht. Das betrifft den Prozessjournalismus. Im traditionellen Printmodell gibt es den auch, nur ist er da hierarchisch geordnet (und was gedruckt ist, ist halt gedruckt, dieses großartige Gefühl des Fertigseins sollte man nicht unterschätzen. Doch genau diesen Individualismus hebt das Netz ein Stück weit auf, das ist ein großes Thema, das ich hier nicht weiter verfolgen kann, aber in diesem Punkt ist das Netz wirklich „anders“).

    Zurück zu Print: Bei Print kann der jeweils Nächsthöhere (Redakteur, Textchef, Chefredakteur) einen Text verändern (und der freie Journalist, der am Anfang der Bearbeitungskette steht, staunt manchmal nicht schlecht, was dann im Blatt steht).
    Der Prozessjournalismus im Internet hat ein ähnliches, aber (leider? Gottseidank?) nicht hierarchisches Problem: hier hat derjenige gewonnen, der als letzter in den Text eingreift. Das ist gewöhnungsbedürftig und war – nebenbei – ein bisschen die Arbeitsweise der auf mehrere Orte verteilten Manifestanten. Wer zwei Stunden lang alle Rechtschreibfehler und Verschwurbelungen verbessert hatte, konnte am nächsten Tag sehen, dass ein anderer wieder einiges rausgeschmissen oder rückgängig gemacht oder sonstwie verändert hatte. Im Netz ist es vielfach so: Der Hartnäckige schlägt den Toleranten, der Ausdauernde den Faulen, der Freche den Nachdenklichen. Wenn ein Text um 11 Uhr 55 erscheint, hat eben derjenige gewonnen, der um 11 Uhr 54 in den Bearbeitungsmodus bei google docs geht. Das ist ein Problem.

    Auch die Pommesbude in Bremerhaven ist ein Argument! Aber ein klassisches Totschlagargument. Sie kennen es vielleicht aus Redaktionskonferenzen. Wer ein wichtiges, aber schwieriges Thema vorschlägt, muss es dann garantiert auch selber machen.

    Lieber Michalis Pantelouris, Sie verlangen zu viel von 15 Leutchen. Dort drüben, in den Verlagen, sitzen tausende!

    P.S. Bevor wir endgültig einen Narren aneinander fressen, sollten wir einen eigenen Blog daraus machen: „Wer würgt wen? Print und Online im Dialog“ (beim stern mit Klickstrecke von allen 160 Pommesbuden in Bremerhaven)

  4. Ha!

    Alles richtig. Und eine irre Freude zu lesen! Und ich muss mich wahnsinnig für Ihre Energie bedanken, mir das in dieser Ausführlichkeit darzulegen.
    Sie kennen meinen generellen Einwand: Ich glaube nicht, dass da 15 Bettler waren, die Bitten formuliert haben, weil sie die Zustände nicht mehr ertragen konnten. Ich sehe es so, dass da 15 teilweise durchaus einflussreiche Profis mal einen rausgehauen haben, um den Ignoranten mal zu erklären, wie es wirklich geht. Und das halte ich für eher kontraproduktiv, weil unter den tausenden in den Verlagen viele sind, die das, was sie machen, tatsächlich auch können. Und nun sollen sie – und vergessen wir das nicht: Bevor wir den echten Beweis erbracht haben, das guter Journalismus im Internet inhaltlich und wirtschaftlich auf einem ähnlichen Level erfolgreich sein kann wie wir es in den Holzmedien gewohnt sind – plötzlich alles ändern, weil Menschen das sagen, die ihren Einfluss zu einem großen Teil auf ganz anderen Gebieten aufgebaut haben als im Nachrichten- und Reportage-Journalismus? Ich glaube ganz einfach nicht daran, dass das der Weg ist.
    Und, ja, es ist ein schwieriges Thema, aber als Spinn-Idee: Ich persönlich fühle mich gerade unglaublich unwohl mit der Diskussion um die Bundeswehr. Ich war einerseits gegen den Afghanistan-Einsatz, weil ich zu tief sitzende pazifistische Reflexe habe. Aber wenn die Jungs nun mal da drüben sind, verdienen sie meiner Meinung nach unser Vertrauen und unsere Unterstützung. Was wäre also, wenn die einflussreichsten Blogger Deutschlands sich journalistisch betätigen und ein „Bad Kunduz“-Blog einrichten, embedded von dort aus den Alltag unserer Soldaten bloggen und das ganze mit Spenden von denen finanzieren, die daran interessiert sind, über die Wahrheit jenseits der Skandal- und Sensationsnachrichten im Bild zu bleiben? Gerne langsam, nachdenklich, persönlich und multimedial. Würden wir die Kohle zusammenkriegen, um immer einen idealistischen Kollegen vor Ort zu halten (vorausgesetzt, die Bundeswehr wäre hilfreich und nicht dagegen)? Ist das unmöglich? Oder wäre das der dezentral organisierte, wahrhaftige, gute und direkte Journalismus, den wir uns wünschen?
    Denn mir geht es im Moment so: Ich habe wenig Erfahrung mit der Bundeswehr. Aber jede Erfahrung, die ich mit deutschen Soldaten gemacht habe, macht es mir im Moment unmöglich zu glauben, dass ein deutscher Oberst einen Luftangriff befiehlt oder erbittet, bei dem zivile Opfer zu erwarten oder auch nur wahrscheinlich sind. Nur: Ich habe – obwohl ich den Medien folge – nicht den Hauch einer Ahnung, wie es dort vor Ort zugeht. Ich weiß nicht, was die Soldaten dort denken, fühlen oder tun. Das wäre eine Aufgabe, die lohnt, glaube ich.
    Die Pommesbude sollte nur die einfache Version davon sein, denn wenn 15 Menschen je zwei Tage in etwas investieren, an das sie glauben, hat man schon einen Monat voll. Hart, aber möglich. Ich muss eine Familie durchbringen, ich weiß selbst, was das gerade im Moment heißt. Aber wir diskutieren das ja alles nicht, weil wir es einfacher haben wollen, sondern weil wir an etwas glauben.
    Wir (ich zähle mich jetzt mal zu den Web-Wichteln, wenn auch nicht zu den wichtigen) sind meiner Meinung nach in der Pflicht, Argumente zu liefern statt Behauptungen. Klar: In die Pflicht nehmen wir uns nur selbst. Aber das entspricht eher meinem Selbstverständnis als die behauptete Schlüsselloch-Funktion.
    Und ich bin außerdem sicher, dass es irgendwann jemand schaffen wird, weil ich ja glaube, dass das Netz großartige Möglichkeiten bietet. Ich glaube ja, wir haben recht und könnten viel mehr machen, wenn den großen Verlagen Inhalte wieder wichtiger wären als Rendite und publizistische Leistung nicht nur ein Produkt, sondern auch ein Dienst an der Öffentlichkeit. Wenn das Manifest von Dr. Döpfner gekommen wäre und ab sofort die Grundlage des Handelns im Springer-Verlag, dann hätte ich jede Kritik heimlich runtergeschluckt und es als Fortschritt betrachtet. Aber Sie, Sie 15, wir alle, die wir uns bemühen, sind meiner Meinung nach weit über das Stadium der Behauptungen hinaus – die meisten davon haben wir ja auch schon tausendmal gehört und gesagt. Jetzt stehen wir plötzlich da und sind die, die immer noch nur behaupten. Und auch wenn Sie die Unterzeichner im Vergleich zu den Großverlagen eher als Bettler sehen: Was bleibt wird sein, dass selbst die Alpha-Blogger nur behaupten und nicht zeigen. Dass die ehemalige Chefredakteurin von Tagesspiegel-Online es zwar nicht schafft, die Seite geil zu machen, aber das Maul aufreißt. Dass der Werber mit der Selbstdarsteller-Frisur sich zwar von einer farblich passenden Handyfirma die Taschen vollmachen lässt, aber nix dafür tut als reden. Das mag falsch und nicht fair sein, aber man hätte voraussehen können, dass das die Reaktion derjenigen sein würde, die nicht ohnehin schon überzeugt sind. Und wenn man sich das Manifest dann nicht zugunsten einer anderen Aktion verkniffen hätte – was meine favorisierte Vorgehensweise gewesen wäre – dann hätte man vielleicht weniger arrogant und abgehoben formuliert. If you can’t be funny, be interesting. Oder so.

    Ich hoffe, ich liege da falsch. Ich hoffe, eine riesige Gruppe von Kollegen entdeckt plötzlich, dass diese Netzkultur eben nicht auf rumbrüllen und -trollen basiert, sondern auf dem Austausch zwischen Menschen. Aber ich fürchte, sie fühlen sich eher von Trollen angebrüllt.

    Und, PS. Wahrscheinlich sollten wir. Aber ein Bier trinken gehen müssen wir. Also geht das vor.

  5. Lieber Herr Pantelouris,

    nach dem Lesen diese Artikels und der Kommentare möchte ich ganz kurz auf einen Punkt hinweisen, den Sie m.E. vergessen; jedenfalls kommt er in dem Artikel nicht vor: Sie vergessen die Leser. Sie vergessen, dass nicht mehr nur die Journalisten selbst für alles verantwortlich sind und beständig am eigenen Archiv feilen sollte, sondern dass die Leser selbst engagiert sind, dass die Öffentlichkeit des Netzes selbst diese Korrekturfunktion übernimmt. Die BILD korrigiert (natürlich) nicht die eigenen Fehler, sondern das Bildblog tut das, wobei es wiederum vielfach einfach durch Leser auf Fehler hingewiesen wird. Es muss einfach nicht mehr alles am selben „Platz“ passieren, sondern ist im Netz eben… vernetzt. Insofern kann jeder Redakteur, jeder Journalist wohl auch in Zukunft seine Geschichten zu „seinem“ Abschluss bringen. Man muss einfach die Größe haben, sich im Nachhinein Fehler zuzugestehen. Das Leben ist eben nicht nur beta, sondern es ist, sofern es im Netz öffentlich gemacht wird, sogar meiner Verfügungsgewalt ein Stückweit entzogen. Auch das ist nichts neues, sondern passiert seit jeher mit dem Leben eines jeden, der – freiwillig oder nicht – in die Öffentlichkeit gerät. Der Unterschied ist einfach jetzt der, dass nicht mehr nur die Geschichte öffentlich wird, sondern der Journalist mit ihr.

    Eine kleine Anmerkung zum Internet-Manifest: Ich kann verstehen, weshalb es Ihnen nicht gefällt. Frei nach Nietzsche (aus dem Kopf, weil ich zu faul zum Nachschlagen bzw. Googeln bin): „Oft widersprechen wir einer Meinung nur, weil uns der Ton, in dem diese vorgetragen ist, missfällt.“ Aber ich kann auch verstehen, weshalb die Unterzeichner, von denen sicherlich viele den Text anders formuliert hätten, ihn eben trotzdem unterzeichnet haben. (Und ich wünschte, ich könnte das auch irgendwie.) Weil es nämlich trotz der schlechten Formulierungen Wahrheit enthält, und weil einfach auch mal eine Antwort auf Hamburger Erklärungen und dergleichen mehr erfolgen musste. Vielleicht schießt man damit über das Ziel hinaus, oder meilenweit dran vorbei. Aber man tut immerhin nicht mehr so, als lässt man sich alles gefallen. Das ist wohl Politik. Und der kann man es m.E. auch verzeihen, wenn sie übertreibt.

  6. Liebe oder lieber V,

    vielen Dank für den richtigen, guten, wichtigen Kommentar. Ich gebe mir im Regelfall Mühe, den Leser nicht nur wichtig zu nehmen, sondern in den Mittelpunkt von allem zu stellen.
    In diesem Fall kommt er tatsächlich nicht vor, weil sich nach meinem Verständnis dieses Manifest nicht an „den Leser“ im Internet richtet, sondern an den Journalisten. Es ist geschrieben worden in dem Wunsch, den Journalismus zu verbessern, indem man denen, die für den Großteil des Journalismus (in Deutschland) verantwortlich sind erklärt, wie er besser zu machen wäre. Und, ja, ich halte den Ton in dem das passiert für arrogant und kontraproduktiv. Ich halte ein paar Dinge für fatal falsch („Die Gesellschaft ist das Internet ist die Gesellschaft“ kommt mir in den Sinn. Ich hoffe, so weit ist es noch nicht). Aber ich glaube doch, dass ich allein schon durch mein Engagement hier zeige, dass ich an die Möglichkeiten des Mediums glaube. Insofern haben Sie vollkommen recht: Ich würde alles unterschreiben, von dem ich glauben könnte, dass es entweder konstruktiv oder unumgänglich ist um den Journalismus besser zu machen, für Leser und Kollegen. Das Manifest gehört für mich in keine der beiden Kategorien, aber hier steht weiter oben die ausführliche Erklärung von Wolfgang Michal, warum das für ihn anders ist – und davor habe ich großen Respekt. Für ihn ist subjektiv die Uneinsichtigkeit von zahlreichen Kollegen und Verlagen so unerträglich, dass er zumindest seine Stimme dagegen erheben will. Das finde ich aller Ehren wert. Und Ihren Hinweis, Sie wünschten, Sie könnten das Manifest auch irgendwie unterzeichnen, verstehe ich (hoffentlich richtig) ähnlich.

    Ich muss ganz persönlich sagen, ich fühle das so nicht. Ich habe das Gefühl, ich habe den besten Job der Welt. Ich verdanke dem Journalismus sehr viel mehr als er mir, und bin wild entschlossen, dafür zu arbeiten, dass unser Journalismus so gut ist wie er nur sein kann. Dafür muss ich ständig lernen und besser werden, das ist mir klar, und ich gebe mir Mühe. Aber ich brauche keine Gruppe von Menschen, die mir ein Manifest hinknallt, wie das zu geschehen hat. Ich habe Vorbilder, ich nehme Rat an, ich nehme (widerwillig, aber doch) Kritik an – aber wenn jemand kommt und meint, er kann das alles besser als ich, dann soll er es bitte beweisen und nicht bloß behaupten.

    Wie Sie vollkommen richtig gesagt haben: Die Instanz, die darüber zu entscheiden hat, ob ich es gut genug kann oder nicht, ist der Leser. Und er hat ein Recht auf echte Information, und die enthält auch das Recht auf die Korrektur von falscher Information. Und all das und noch viel mehr ist enthalten in der Tatsache, dass der Journalist mit seiner Geschichte viel stärker selbst in der Öffentlichkeit steht als zu Zeiten, als man Autorenzeilen noch nicht anklicken konnte. Ich habe mehrfach darüber geschrieben, dass das der wichtige nächste Schritt für uns Journalisten ist („Sie nutzen nur 10 Prozent Ihres inneren Journalisten“). Aber der braucht Mut, und Mut kann man nicht befehlen. Man kann nur vorleben, dass er sich lohnt.

  7. Lieber Herr Pantelouris,

    nur ganz kurz, weil ich mit Ihnen im Ganzen konform gehe: Ich glaube, das Internet-Manifest ist weder an Sie (als Journalist) noch an mich (als Leser) gerichtet, sondern es ist, stellenweise ganz direkt, eine Antwort auf die Hamburger Erklärung und damit an die Unterzeichner derselben, also an die Verleger adressiert. Es will in meinen Augen damit auch nicht den erfahrenen Journalisten erklären, wie man Journalismus macht; das kann es, wie Sie richtig gesagt haben, auch gar nicht. Sondern es soll von alten Vertriebsstrukturen, alten Geschäftsmodellen wegweisen. Es soll den Verlegern und der Öffentlichkeit zeigen, dass das Internet nicht der Feind des Journalismus ist, sondern dieser eine Zukunft bieten kann.

    Das geht aber nicht, so lange diese Diskrepanz zwischen Leser und Schreiber weiter besteht. Sie selbst nehmen den Leser als Maßstab dafür, wie gut Sie Ihren Job machen, was eine duchweg noble und ehrenwerte Haltung ist, aber trotzdem noch immer ein Gegenüber konstatiert. Ich erinnere mich an ein (Jahre altes) Interview, bei dem Stefan Niggemeier Mario Sixtus erzählte, dass für ihn (Niggemeier) das eigentlich Spannende am Bloggen ist, dass die Leser nicht mehr einfach nur Empfänger sind, sondern Partner, dass sie einem Helfen wollen, wenn man sie lässt, dass sie sogar froh und stolz darauf sind, wenn sie es dürfen.

    Auch das will das Internet-Manifest sagen: Wir sitzen hier alle im selben Boot, deshalb müssen wir auch alle rudern. Wie gesagt, das hätte auch besser formuliert werden können. Aber als Antwort auf die Hamburger Erklärung finde ich es durchaus angemessen.

  8. Your POST variables are: Array ( [comment] => Das finde ich einen sehr guten und schönen Ansatz, und dem Blogger Niggemeier gebe ich recht dabei (und man muss auch noch anerkennend festhalten, dass er einer der ganz Frühen war, der es mit aller Geduld und Leidensfähigkeit, die dazu gehört, durchzieht). Aber von dem bezahlten Profi Niggemeier (z.B. bei der FAS) dürfen Leser guten Journalismus erwarten, selbst wenn sie ihm dabei nicht helfen wollen (ich bin mir sicher, das sieht er auch so. Das ist nicht als Kritik gemeint). Und so sehe ich es für mich auch: Wenn ich dafür bezahlt werde, dann weil es jemand anderem nutzt. Deshalb ist es ein Beruf. Das heißt nicht, dass nur Profis Journalismus machen können (genau wie nicht nur Profi-Köche kochen können). Aber der Standard muss bei den Profis stimmen, da dürfen Amateure mehr ausprobieren. Und: Mit den Verlegern haben Sie recht. Man muss es Ihnen offen, ehrlich und deutlich sagen dürfen, wie es geht. Aber man müsste auch zeigen können, dass es tatsächlich so geht, sonst steht man sehr schnell nackt da. Und – Nebenkriegsschauplatz – es sieht für mich noch einmal beschissener aus, wenn dann eine Autorin des Manifests seinen Erfolg und seine Innovationskraft erstens daraus ableitet, dass die \“Mainstream-Medien\“ es wahrnehmen und darüber dann selbst einen Jubelartikel in dem Mainstream-Medium schreibt, bei dem sie angestellt ist, wie Mercedes Bunz es gemacht hat. So viel zur Konfrontation mit Verlegern. http://www.guardian.co.uk/media/pda/2009/sep/08/internet-manifesto-future-journalism

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