Im Falle keines Phallus

Ich bin ein Mann, ein Fan von Magazinen und habe lange Zeit für Männermagazine gearbeitet. Natürlich ist für mich der Playboy die großartigste Magazinmarke der Welt. Als Marke. Das Magazin ist es schon lange nicht mehr, weder in der deutschen, der amerikanischen noch irgendeiner anderen Ausgabe. Und mit dieser Ansicht bin ich nicht alleine, bei Burda Playboymuss man ähnlicher Ansicht gewesen sein, als man sich im Mai von Chefredakteur Stefan Schmortte getrennt hat. Die Zahlen sind dabei gar nicht so unterirdisch wie die mancher (vor allem der inzwischen eingegangenen) Mitbewerber es waren – der deutsche Playboy verkauft immer noch ausgewiesene 95.000 Hefte am Kiosk und über 43.000 an Abonnenten (und etwa 74.000 als Sonderverkäufe). Aber natürlich geht der Trend in zweistelligen Prozentschritten nach unten, und es war auch nicht der Hauch eines Konzeptes in Sicht, wie das aufzuhalten sein könnte. Dann kam die Reißleine – und Florian Boitin als neuer Chefredakteur.

Und nun also das erste Heft unter seiner Herrschaft. Grund genug, sich das einmal genau anzusehen.

 

Die gute Nachricht ist die, die einen zuerst anspringt, deshalb nenne ich sie auch zuerst, obwohl ich dann noch darauf kommen werde, warum ich es für höchstens eine halbe gute Nachricht halte: Das mit den nackten Frauen ist gut gelöst. Gundis Zámbó auf dem Cover (und drinnen auf 13 Seiten) ist tatsächlich prominent, tatsächlich nackt und sieht tatsächlich gut aus (wir könnten über den Lidschatten reden, aber ich rede nicht über Lidschatten). In allen drei Kategorien braucht der Playboy ja immer auch ein bisschen Glück, weil das Reservoir in diesem Land nicht unendlich ist. Das Playmate, aus Anlass von 40 Jahren Woodstock oder so im Hippie-Look fotografiert, sitzt auf einem Bild derartig breitbeinig, dass die Playboy-Lehre von unsichtbaren Schamlippen einige anatomische Fragen aufwirft, die wohl nur durch die ganz Hohe Schule des Photoshop zu erklären sind (übrigens eine Playboy-Unart, die mir als Jugendlichem einige unangenehme Erfahrungen bereitet hat. Irgendwie habe ich die Haare zu wichtig genommen. Aber das ist ein anderes Thema). Dann gibt es noch eine deutsche Leichtathletin, passend zu WM (die nun wieder ihr Schamhaar nicht zeigt und außerdem auf einem Foto dicker aussieht als sie ist. Wie auch immer so etwas zustande kommt). Insgesamt erledigt der Boitin-Playboy den entblößenden Teil seiner journalistischen Aufgabe mehr als solide. Nackte Frauen angucken macht immer noch Spaß, und natürlich bleibt das die erste Aufgabe des Magazins. Irgendwie.

 

Denn gerade an dem gelungenen Gesamtpaket von nackten Frauen wird klar, dass der Rest des Playboy mit diesen Frauen überhaupt nichts zu tun hat.  Gundis Zámbós Körper folgt direkt auf eine Reportage über eine Gruppe kolumbianischer Arbeiter, die im Auftrag des Staates Koka-Pflanzen ausgraben und vernichten. Die Prämisse ist offenbar, dass im Playboy alles einen Platz findet, was Männer interessiert (was immer noch besser wäre als der Claim „alles, was männern spaß macht“ – die Kleinschreibung stammt vom Cover des Playboy. Wenn man einen scheiß Claim hat kann man ihn auch scheiße schreiben).

 

Alles, was Männer interessiert führt (genau wie alles, was männern spaß macht) nicht ganz unweigerlich, aber beim deutschen Playboy, zu einer Art Zoo von außergewöhnlichen Höchst- und Fehlleistungen durch Männer. Hier können wir also sehen, dass Männer im Dschungel von Kolumbien Koka-Pflanzen ausreißen, können auf fünf Seiten (!) den Wahlkampf der satirischen Partei DIE PARTEI begleiten und erleben lesend, wie Frauen sich an ihren Ex-Partnern rächen (stinkender Fisch im Briefkasten). Dazu gibt es Autos und das Neueste von der Funkausstellung. Also durchaus Dinge, die Männer interessieren, aber nichts, was nicht überall stehen könnte (okay, fünf Seiten über DIE PARTEI könnten sonst nur in Titanic stehen, aber das hat einen Grund). Es ist auch ein Playboy-Interview drin, natürlich, immerhin eine Benchmark des Journalismus weltweit, diesmal mit Jens Lehmann, und es ist ordentlich, auch wenn er nichts sagt, das wirklich überraschend ist, was daran liegt, dass er nur über Fußball spricht. Das hat er schon öfter getan.

 

Schon auf der oberflächlichen Ebene hat der Playboy da ein Problem. Und das Problem liegt nicht in einer Ausgabe, es ist systemimmanent. Der Playboy hat lange schon vergessen, was sein Thema ist.

 

„Alles, was Männer interessiert“ ist kein Thema. Es führt im besten Fall zu einer Sammlung von Anekdoten, die je nach Männerbild des Chefredakteurs mehr oder weniger bizarr ausfallen. Am Ende können dabei aber nur solche Geschichten eine Rolle spielen, in denen extreme Leistungen eine Rolle spielen – Heldengeschichten, in denen Männer bestimmte Situationen überdauern, meistern, durchleiden. Das ist ein elendes, überkommenes und altes Männerbild, und das seit Jahrzehnten. Gleichzeitig passt es weder zu den nackten Frauen noch zu den Autos und Gadgets (die wiederum dann theoretisch zusammen passen, wenn man dem Leser ein falsches Frauenbild unterstellt – in dem Frauen Spielzeuge sind, die unterschiedlich gut sein können und benutzt werden wollen). Es ist eine Welt von Haben, Haben, Haben (Frauen, Autos, Kerben im Colt für die durchlittenen Erlebnisse). Und es hat nichts zu tun mit dem Leben irgendeines Mannes, den ich kenne. Und ich kenne Hugh Hefner nicht, aber ich glaube, nicht einmal mit seinem Leben hat es etwas zu tun. Das ist kein gutes Konzept.

 

In Männermagazinen kann es nur um eine Frage gehen: Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein? Im aktuellen Playboy klingt das an einigen Stellen sogar an, um dann vernachlässigt zu werden. Jens Lehmann sagt im Interview sinngemäß, es wäre ihm scheißegal, was über seine Helikopterflüge in der Zeitung steht. In zehn Jahren spricht da kein Mensch mehr drüber, aber wenn er nicht so schnell wie möglich nach Hause geflogen wäre, dann würden ihn vielleicht seine Kinder eines Tages fragen, wo er eigentlich war, als sie ihn gebraucht haben. Eine Antwort an die sich viele Fragen anschließen ließen darüber, was es heißt, ein Vater zu sein der viel unterwegs ist. Natürlich kommt keine Nachfrage. Weil es im Playboy heute eher um den Lifestyle mit Helikopter geht als darum, was es bedeutet, ein Vater zu sein. Wobei ich glaube, dass das Zweite für einen Mann relevanter ist als das Erste. Nur als Beispiel. (Ein anderes, um es mir nicht zu einfach zu machen: Neben den fünf Seiten über DIE PARTEI ist eine Polemik über die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Auf einer Seite, relativ scharf geschrieben. Die Frau kennen zu lernen würde wahrscheinlich mehr über unser Land aussagen als der Wahlkampf der PARTEI).

 

Nun ist der Playboy nicht das Zentralorgan der Männer an sich, sondern Botschafter eines bestimmten Lebensstils: Des ewigen Junggesellen, zumindest im Geiste. Und wahrscheinlich mag jeder Mann hin und wieder ein bisschen Junggesellengefühl, und was wäre da angenehmer als das Junggesellengefühl in der risiko- und geruchsfreien Welt der retuschierten Schamlippen. Die echten Junggesellen können es von da an weiter tragen, Verheiratete wie ich belassen es dabei und haben nichts Schlimmes angestellt. Das ist der Appeal des Playboy. Nur kommt er im Playboy nicht vor. Der Playboy hat immer eine Fantasiewelt vertreten, eine Welt, wie sie sein sollte. Aberselbst für die entfernteste aller Fantasiewelten gelten Regeln: Ein Leser muss sie sich vorstellen können. Und er muss sie sich tatsächlich wünschen.

 

Stattdessen wird eine Welt aufgemacht voller Luxussportwagen und Modestrecken, in denen homosexuell aussehende Jungs irgendwo in der Landschaft stehen. Wir wissen warum, und Anzeigen sind nichts Schlechtes, aber über die Jahre hat sich das Männerbild des Playboy offensichtlich der Fantasiewelt der Anzeigenkunden angepasst. Und ich würde behaupten, ein großer Teil des Verlustes an Lesern und Auflage des Playboy liegt daran, dass es zwischen der Fantasiewelt und der Realität keine Verbindung mehr gibt. Kein Playboy-Leser wünscht sich, schwul in der Landschaft zu stehen, egal wie erstrebenswert das für die Marketing-Abteilung von Modehaus XY sein mag.

 

Um auch mal ein bisschen auf Details herum zu reiten: Ich habe nie ein Playmate-Poster in einer Anwaltskanzlei gesehen. Ich habe nie ein Playmate-Poster in einer Bank gesehen. Aber in Bauwagen und Autowerkstätten. Insofern ist es folgerichtig, wenn der Playboy in der Rubrik Kompass erwähnt, dass Kloinstallateure, Maurer und Autolackierer ihre eigene Weltmeisterschaft haben. Allerdings sind diese Handwerksmeisterschaften im Playboy in die Rubrik „Memme“ einsortiert. In der gegenüberliegenden Rubrik „Mann“ war offensichtlich kein Platz mehr frei, weil dort ein Fotobuch vorgestellt wird, in dem Amy Winehouse noch so aussieht, wie „die Amy, die wir liebten“ (es ist von 2007). Ist das der Stand: Amy Winehouse ist uns zu verlebt und Klo-Installateure sind Memmen? Halleluja! Plötzlich macht es einen Sinn, dass da jemand keine Schamlippen sehen will.

 

Der Playboy hat sein Schicksal in den vergangenen Jahren an einen einzigen Faktor gekoppelt: Die Zugkraft der Frau auf dem Cover. Das kann gut gehen, und es lohnt sich, sich noch einmal die Grafik der Zahlen anzusehen. Das im Dezember 1998 ist der berühmte Lewandowski-Phallus, der entstand, weil Kati Witt auf dem Cover war (Peter Lewandowski war Chefredakteur, die Produktion allerdings vom US-Playboy). Allerdings gibt es, meiner Meinung nach, in Deutschland ganz einfach nicht genug schöne prominente Frauen, die bereit sind, sich vor einer Kamera auszuziehen (was keine Kritik an den Frauen ist).

 

Die Lösung wäre, ein Heft zu machen, das mit redaktioneller Brillanz überlebt. Aber dafür müsste man nah an dem Mann sein, dessen Träume man projiziert. Der aktuelle Playboy ist es nicht.

 

Ich mag – Disclosure – Florian Boitin sehr, und ich halte seine Ernennung für einen guten Zug, schon deswegen, weil der Playboy auch nicht besonders gut aussieht, und Florian ein gelernter Art Director ist (die Frauen werden am Ende immer mehr verkaufen als die Redaktion – und das ist auch gut so). Aber ich kann mir schwer vorstellen, dass der Verlag ihm die Möglichkeit gibt, eine echte Vision für das Heft zu entwickeln und durchzusetzen. Der Schritt ist riesig, und er muss gleichzeitig irre schnell gehen, und braucht auf der anderen Seite die Zeit, bis sich das am Markt bemerkbar macht. So, wie er jetzt ist, braucht man den Playboy nicht. Vorausgesetzt, man kann sich mit der Realität zumindest so weit abfinden, dass Frauen Schamlippen haben dürfen. Ich würde es empfehlen.

2 Antworten auf „Im Falle keines Phallus“

  1. Weder ist die Tante prominent (Sie hat nichts geschaffen, woran wir uns erinnern können, oder weiss jmd. mit wem die Frau schläft?) noch schön. Nackt ja, aber zum davonlaufen.

  2. Chapeaux, hätte nicht gedacht, dass man so reflektiert über den Playboy schreiben kann. Ich habe das Heft auch nur noch als Schatten seiner Vergangenheit kennengelernt, mal mehr, mal weniger gute, eher wenig aufregende Aktfotos zwischen aufgeblasenem Lifestylequatsch, von dem weder Autoren noch Leser wirklich glauben können, es könne irgendjemanden interessieren.

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