Hallo? Hört mich hier jemand?

Downtown Kangerlussuaq

Der Ort heißt Kangerlussuaq, was reichen würde, aber er wird auch noch ganz anders ausgesprochen. Ich sitze hier fest wegen eines Fehlers von Air Greenland. 500 weitere Menschen sitzen hier fest, weil sie hier leben. Sie halten den internationalen Flughafen geöffnet, der an diesem Ort aufgemacht wurde, weil das Wetter immer stabil ist. Ansonsten gibt es hier nichts. Kangerlussuaq liegt am Inlandeis von Grönland. Was soll hier sonst sein?

Air Greenland hat mich und meine Begleiter auf einen früheren Flug umgebucht, ohne uns Bescheid zu sagen. Dadurch haben wir den Flug verpasst. Die Reaktion von Air Greenland war ziemlich wörtlich: „Dann kaufen Sie ein neues Ticket und fliegen Sie morgen!“ Kurz: Wir waren ihnen scheißegal. Ob wir nun recht hatten oder nicht – den Angestellten am Schalter war das schnurz. Sie wollten uns das Ticket nicht einmal selbst verkaufen. Sie wollten, dass wir in ein Internet-Café gehen und dort die Tickets selbst buchen. Dabei gibt es in Kangerlussuaq nicht einmal eins – das nächste Internet-Café ist von hier aus nur mit dem Flugzeug zu erreichen. Eine blöde Situation. Man ist in der Theorie ein zahlender Kunde, aber in der Praxis ein Arsch, der nervt, weil er Aufmerksamkeit braucht, die Zeit kostet – und zwar jemanden, der überhaupt nichts davon hat, wenn er einem hilft. Man ist ziemlich genau das, was ein Leserbriefschreiber ist, der sich mit einem kritischen Brief an eine Zeitschriftenredaktion richtet.

Ich war, glaube ich, in genug Redaktionen, um behaupten zu können, dass die meisten Kollegen zumindest stillschweigend zustimmen werden, wenn ich sage: Es sind meistens die Pappnasen, die Meckerbriefe schreiben. Allerdings sind es auch meistens die Pappnasen, die ihren Flug verpassen und hinterher behaupten, sie hätten aber den späteren gebucht.* Viele von den Typen, die Leserbriefe schreiben, haben irgendetwas falsch verstanden, gerne auch, weil sie etwas falsch verstehen wollten. Und viele von denen, die an Flughäfen in der falschen Reihe stehen oder flaschenweise Schnaps im Handgepäck haben oder ein Samuraischwert am Gürtel sind doof oder zu faul zum Schilder lesen oder sonst irgendwie nervige Zeitgenossen. Man hat Mitleid mit dem Personal am Gate, genau wie man Mitleid mit einem Redakteur hat, der Oma Kawuppke eine popkulturelle Referenz erklären soll oder einem Göttinger Antifa-Rechthaber, dass Axel Hackes Buch „Der weiße Neger Wumbaba“ nun mal ganz sicher nicht rassistisch ist. Und man muss ihnen gratulieren, dass sie es überhaupt versuchen. Denn während wir Air Greenland keine Wahl gelassen haben, bis ein Teil von uns auf dem nächsten Flieger war und der traurige Rest von uns (also unter anderem ich) wenigstens auf den übernächsten gebucht war, passiert für den Leserbriefschreiber im Regelfall genau gar nichts – der dumme Brief landet im Müll. Für unverlangt eingesandte Manuskripte wird keine Haftung übernommen und gedruckt werden dumme Briefe schon gar nicht. Ende der Geschichte.

Bei Kommentaren im Internet hat sich im Internet eine Art Brigade geformt, die immer wieder so etwas wie den korrekten, transparenten Umgang mit Kommentaren und gegebenenfalls auch den aus ihnen resultierenden Korrekturen verlangt. Wenn also in einem Artikel falsche Informationen standen, sie einem Leser aufgefallen sind und ein Redakteur sie korrigiert hat, dann soll auch unter der Geschichte stehen, dass da vorher etwas Falsches gestanden hat. Mir ist das recht, nicht weil ich glaube, dass Leser immer mal wieder gucken, ob in den Artikeln, die sie schon gelesen haben, plötzlich etwas Neues steht (das glaube ich nicht), sondern weil ich grundsätzlich der Meinung bin, dass offener Umgang mit Informationen unser Beruf ist.** Insofern haben Leserbriefschreiber eine Lobby, zumindest scheint es so. Denn in Wahrheit haben die nicht alle, sondern nur diejenigen Leserbriefschreiber, die mit ihren Anmerkungen unignorierbar recht haben. Diejenigen, deren Anmerkungen sich zu Korrekturen an Artikeln entwickeln. Die Idioten, die richtig dumme Leserbriefe schreiben, haben keine Lobby. Und vielleicht ist das ein Problem.

Ich habe einen langen Flug hinter mir, und kann deshalb aus dem Dossier der Zeit referieren (ein Satz der klingt, als wäre ich Lehrer in Hogwarts, oder wie das heißt). Das Thema ist die Macht des Stammtisches in Deutschland, und die These ist, dass an Stammtischen einerseits bei weitem nicht so platt diskutiert wird, wie es das geflügelte Wort will, der Tenor an den Stammtischen auf der anderen Seite aber trotzdem ist, dass Politiker alle gleich sind und am Ende doch nichts ändern, egal, welchen man wählt. Eine dumme Meinung. Oder?

Die Hypothese des Dossiers ist, dass sich die Politik von den Stammtischen entfernt hat und in einem Paralleluniversum agiert, das nicht mehr von der Wirklichkeit der Menschen definiert wird, sondern von der Wirklichkeit der Medien – und dass es einen Unterschied zwischen beiden gibt. In der Zeit ist die Politik im Wesentlichen schuld daran. Und diesen Schluss halte ich für gewagt.

Es kann in der Politik nicht darum gehen, demjenigen Stammtischbruder zu folgen, der als erster sechs Bier weghat und alle Politiker für Verbrecher hält. Genau so wenig, wie ein Flughafen umgebaut werden muss, weil der eine Typ, der die Piktogramme für Fahrstuhl und Toilette nicht auseinander halten kann, in den Lift pinkelt. Aber es muss klar sein, dass der Eine, der die Piktogramme völlig falsch versteht (und außerdem nicht stubenrein ist), möglicherweise für viele steht, die einen Augenblick lang verwirrt sind. Und dass der eine, der alle Politiker in einen Sack stecken und mit seiner Steuererklärung draufschlagen will, für viele steht, die sich beim Ausfüllen der Erklärung den Magen mit Bleistiftkrümeln verderben.

Ich glaube, es steckt eine Lektion darin, die uns helfen könnte, als Journalisten bessere Angebote an Menschen zu machen. Wir alle, die wir irgendwelche Ausbildungen in unserem Fach durchlaufen haben, und sei es nur das vieltausendfache Ansehen von Focus-Werbung, haben eine Goldene Regel verinnerlicht: Immer an den Leser denken. Aber wer ist unser Leser? Das können wir im Zweifel aus dem Material herunterbeten, dass uns die Anzeigenabteilung zur Verfügung stellt: Unser Leser ist erstaunlich jung, dabei überdurchschnittlich gebildet, hat ein deutlich überdurchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen (ein Wort, das wir erst in den Materialien der Anzeigenabteilungen kennengelernt haben) und mag gerne Marken, Konsum, Reisen und alles andere, wofür man Anzeigen schalten kann (Liebe Kunden aus der Pharmaindustrie, unsere Leser sind zwar nicht alt und krank, aber überdurchschnittlich interessiert an einem gesunden Lebensstil – und nehmen Ihre sehr, sehr hochwertigen Präparate deshalb auch gerne prophylaktisch ein).
In einem Satz: Wir schreiben nicht für die Leser, die wir haben, sondern für die, die wir gerne hätten (übrigens eine Regel von irgendwem dafür, wie man sich für den Job anziehen soll (Disclosure: Ich war mal bei GQ)). Wir schreiben einen guten Teil der Zeit für unsere eingebildeten, unsichtbaren Freunde. Ganz offensichtlich auch der Focus, sonst müsste das Ding ja mal irgendjemand kaufen.

Natürlich gibt es einen guten Grund dafür, und der Grund ist gleichzeitig der Grund, warum im Zeitschriftengewerbe im Augenblick Redaktionen und Verlagsmanager so unvereinbar gegeneinander arbeiten: Chefredakteure können ihren Lesern gar nicht weit genug voraus sein. Und Manager leben davon und dafür, die Erwartungen von Kunden so knapp wie nötig zu erfüllen. Der grandiose James Surowiecki hat im New Yorker erklärt, warum so wenig Firmen die Möglichkeit nutzen, gerade in der Krise gegen die sparende Konkurrenz die eigene Position durch mutige Investitionen auszubauen, obwohl es dafür bestechend gute Präzendenzfälle gibt. Er legt dar, dass es zwei Möglichkeiten gibt, eine Firma zu zerstören: „Das Boot versenken“ oder „Das Boot verpassen“. Manager haben ungleich viel mehr Angst davor, das Boot zu versenken. Journalisten hingegen haben vor nichts mehr Panik als davor, ein Schiff zu verpassen. Dazwischen sitzt ein Leser, der übervisionären „Das ablegende Boot erreichen“-Journalismus serviert bekommt (Bsp.: Den Star von morgen, den er nicht kennt), produziert mit den Möglichkeiten, die der „Das Boot über Wasser halten und dafür zur Sicherheit möglichst nicht bewegen“-Manager freigibt (Bsp.: Ein Niemand von Morgen – billig, aber mit großen Titten (Disclosure: Ich bin nicht mehr bei GQ)). Zwei Ängste regieren, und es ist kein Fall von Minus mal Minus, sondern nur einer von Minus plus Minus. Ein Desaster.

Dabei gibt es einen ganz einfachen Weg dort hinaus: den Leser. Er ist ein unbekanntes Wesen, das gebe ich zu, aber ich glaube, er müsste es nicht sein. Anstatt an ihn zu denken sollten wir ihn nur vielleicht einfach mal fragen. Oder zumindest seine Briefe nicht wegwerfen. Vielleicht ist der Typ, der einen geschrieben hat, fünfmal oder zehnmal dümmer als er sein sollte. Dann stecken in seinem Brief aber immer noch zehn oder zwanzig Prozent Wahrheit. Anstatt uns Leser vorzustellen, die nach dem Shopping aus Gründen der Fitness im Sprint zu ihrem Cabrio rennen, hineinspringen und dann vorsorglich ihre Tabletten nehmen, könnten wir auch das, was wir tatsächlich hören, auf eventuelle Wahrheiten hin abklopfen. Auch das ist ja Teil unseres Day-Jobs.

Vielleicht geht es weniger darum, ein neues Boot zu bekommen oder ein altes so zu vertäuen, dass kein Sturm es umwerfen kann, sondern einfach darum, unser Boot zu segeln. Allerdings: Die Passagiere sollten wir sowohl mitnehmen als auch sicher abliefern, denn sie bezahlen dafür. Nicht dafür, dass wir uns gegenseitig zeigen, wie gut wir segeln können, sondern dafür, dass wir sie sicher transportieren. Hörst du mich, Air Greenland? Das gilt auch für dich. Wir sehen uns morgen früh. Sei besser pünktlich.

 

 

*In unserem Fall können wir das zum Glück beweisen
** Allerdings geht es mir auf den Geist, dass dauernd irgendwer Regeln dafür festlegen will, wie dies oder jenes „im Internet“ gehandhabt werden soll. Es sind gerne die größten Internet-Verfechter, die darauf beharren, dass man bestimmte Dinge im Internet auf eine bestimmte Art und Weise tun muss. Meiner Meinung nach widerspricht aber gerade das dem Geist des Netzes. Es geht nicht um Regeln, es geht um eine Kultur. Weil sowieso niemand jemals etwas schöner sagen kann als Oscar Wilde, soll er es an dieser Stelle sagen: „Mir sind Menschen lieber als Prinzipien und Menschen ohne Prinzipien das liebste auf der Welt.“ Da liegt für mich der Punkt: Bei der Betonung auf Mensch. Wer als Leser und Kommentator das Gefühl hat, dass er von mensch zu Mensch kommuniziert, der fühlt sich ernst genommen. Nicht weil seinetwegen irgendein Protokoll in Gang gesetzt worden ist, sondern ein Gehirn, ein Herz und mindestens zwei Finger auf einer Tastatur.

Eine Antwort auf „Hallo? Hört mich hier jemand?“

  1. Erwarte dich zu sechs Bier zum lokalen Stammtisch im N-Klub in Hamburg. Wie deine Orte in Grönland heißen ja sonst nur die Aupair-Mädchen meiner Freundinnen….

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