Der hat nur Glück gehabt

In der Berliner Zeitung war ein sehr freundlicher Artikel über die Zeitschrift  Monocle, den ich nur gefunden habe, weil der Stern-Onlineredakteur Dirk Liedtke in in seinem Twitter-Feed erwähnt hat, den ich eigentlich verlinken wollte, aber Twitter ist gerade down (ich korrigiere das so schnell es geht, aber ich bin jetzt eine Woche in Grönland. Geil, oder? Alles darüber auf bravo.de). Das heißt, eigentlich bin ich zuerst durch eine an Dirk Liedtke gerichtete Nachricht eines anderen MonocleJournalisten darauf gestoßen, deren
Wortlaut ich natürlich auch gerade nicht auf Twitter finden kann, aber deren Inhalt ungefähr so war: „Die haben keine 60 Angestellten und profitabel sind sie auch nicht.“ So schreiben und reden Journalisten über journalistische Produkte.Wer selbst jemals versucht hat, mit Herzblut oder aus Überzeugung ein neues Heft zu machen (oder ein altes anders), der hat es erlebt: Häme, Missgunst, Besserwisserei.

Ich nehme mich da nicht aus. Ich habe schon gehässiges doofes Zeug über die Arbeit von Kollegen geredet, da waren die Journalistikstudenten, die heute über jedes neue Heft herfallen, noch nichts als das Flackern in den Augen zweier Fremder auf einem PUR-Konzert. Es hat sich bei mir ein bisschen gelegt, nachdem ich selber meine Breitseiten abbekommen habe, und feststellen musste, dass nur sehr, sehr wenige Kollegen kritisieren um zu verbessern. Selbst wenn ich doppelt so oft mit meiner Kritik recht hatte wie alle anderen, wäre die Quote sinnvoller Kritik immer noch im niedrigen einstelligen Promillebereich gewesen. Im Regelfall ist es doch so: Wer etwas tut kriegt dafür prophylaktisch eine rein. Und sollte er, Gott bewahre, trotzdem Erfolg haben mit seiner Arbeit, dann wird eben ein bisschen neu justiert und wenigstens noch auf die Füße geschossen. Der Grund ist einfach und immer der gleiche: Neid.

Tyler Brulé beschreibt sein Konzept für Monocle (aus dem Kopf sehr frei zitiert) als „Büros aufmachen statt schließen“. Das Heft berichtet unaufgeregt aus der ganzen Welt für die ganze Welt und die Ausstattung ist mit großartigem Papier (verschiedene Papiere innerhalb einer Ausgabe), aufwendigem Druck und Liebe zum Detail meiner Meinung nach im Moment der Maßstab. Alles Dinge, die ich nur bewundern kann. Es sind einige der wichtigen Stärken des Printjournalismus. Ich habe keine Ahnung, ob er inzwischen 60 Leute angestellt hat. Ich weiß auch nicht, ob das Heft profitabel ist. Beides steht im Artikel der Berliner Zeitung, offensichtlich sind das die Informationen, die Monocle selbst über sich verbreitet und gerne lesen will. Aber ist das wichtig?

Der Punkt ist aber doch: Ich hoffe, dass Brulé für sein Heft bald nicht nur 60 sondern 600 Angestellte braucht und ich bete dafür, dass er das Geld mit Schubkarren in sein Tresorhaus fahren muss. Soll ich mir aus Neid auf seinen Erfolg wünschen, dass er nicht einmal 60 Menschen Arbeit gibt? Oder dass er wenigstens kein Geld verdient? Mir geht diese Haltung auf den Sack, weil ich glaube, dass sie Ausdruck eines größeren Problems ist als nur der Tatsache, dass wir in einer eitlen Branche arbeiten. Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass ein großer Teil der Unsicherheit, die unseren Neid erzeugt, auf der Tatsache beruht, dass wir viel zu oft keine belastbare Ahnung davon haben, was wir eigentlich genau warum tun.

Die Faktoren, auf denen heute Erfolge und Misserfolge basieren, sind so zahlreich und oft so weich, dass es in den seltensten Fällen gelingen wird, einzelne Personen oder Ideen direkt verantwortlich zu machen. Die unzähligen Bestandteile eines einzigen Magazins werden dann auch noch von hoffentlich vielen Lesern unterschiedlich aufgefasst, so dass es unmöglich ist, ein klares Bild davon zu zeichnen, was funktioniert und warum. In dem Punkt haben wir es meiner Meinung nach eher schwerer als die meisten anderen Branchen, und es ist auch der Grund, warum Marktforschung so selten wirklich funktioniert. Die Wahrheit ist: Niemand weiß vorher, wie es geht. Es scheitern manchmal großartige, erprobte Journalisten und manchmal kommen Schnacker, Poser und Dünnbrettbohrer mit Zeug durch, für das man ihnen in einer gerechten Welt den Hintern versohlen würde. Der Punkt ist: Wir wissen nicht, was funktioniert, bevor wir es versuchen. Aber zu viele von uns sind zu viel Kritiker und zu wenig Ausprobierer. Und sie machen es den Mutigen damit zusätzlich schwer.

Tyler Brulé hat mit Monocle ein gewagtes und großes Magazinkonzept hingelegt (er betextet unter anderem in jedem Heft einen Manga-Comic über einen Designer, der als Geheimagent arbeitet – und der wird dann auch noch von rechts nach links gedruckt. Da muss man nicht nur drauf kommen, das muss man sich auch trauen). Man muss ein Luxus-Reise-Politikmagazin nicht mögen, aber hämisch darüber herzuziehen, dass er wahrscheinlich jede Putzhilfe, die einmal die Woche zwei Stunden ins Gebäude kommt, in seiner Öffentlichkeitsarbeit zu den Angestellten zählt, ist so albern kleinlich, dass es mich jetzt noch mal ganz kurz schüttelt, bevor ich nie wieder darüber nachdenke. Wer ihn dafür kritisieren will, der beschwert sich in Wahrheit, dass Tyler Brulé Mut hat und er selbst nicht. Punkt.

Das, worüber wir reden sollten und was es zu kritisieren gilt ist unser Handwerk. Das sollten wir ehrlich, ausdauernd und ohne falsche Rücksicht tun. Aber Ideen sind etwas anderes. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Ideen oft überschätzt werden und die Schlachten tatsächlich in und mit der Umsetzung gewonnen werden. Aber gerade deshalb muss es möglich sein, fast jede Idee zu testen. Je mehr wir ausprobieren, umso mehr Treffer werden wir landen, und Treffer brauchen wir, um die echten Stärken unseres Mediums von den eingebildeten zu trennen. Dabei werden wir natürlich auch Misserfolge produzieren. Aber anders geht es nicht. Und ich halte es für bedeutend ehrenhafter, schlauer und erfolgversprechender, Dinge zu riskieren und dabei auf die Schnauze zu fallen, als nichts zu tun.

Wir brauchen in Zukunft auch in unserer Branche die Stärke, Fehler zu vergeben. Wie gesagt: Nicht die handwerklichen, da kann der Maßstab nur bei perfekt liegen. Aber die, in denen eine Idee nicht so gezündet hat, wie es jemand erhofft hat. Dazu gehört, uns gegenseitig Erfolge zu gönnen und zu wünschen. Ich finde das nicht einmal viel verlangt, denn davon leben wir alle und wir haben es gerade alle schwer.

Eins muss ich doch noch zu den Angestellten und dem Profit sagen: Es kann sein, dass ich diese eine Nachricht, an der ich diesen Text festgemacht habe, falsch verstnden habe und sie eigentlich nur die Recherche der Berliner Zeitung kristisieren sollte. Dann habe ich meinen Ärger darüber, dass wir uns lieber gegenseitig anpinkeln als gemeinsam eine Rinne zu finden und einen Fluss zu pissen, an der falschen Meldung aufgehängt. Am Ärger ändert das nix.

2 Antworten auf „Der hat nur Glück gehabt“

  1. Den Mut, Neues auszuprobieren …. Michael Jürgs wettert gegen die Verblödung und sagt im Kölner Stadt-Anzeiger: „Spannender denn je wäre es, jetzt eine Zeitung, ein Magazin zu machen, da die Blöden anlockt, um sie ans andere Ufer zu ziehen und dort festzuhalten.“ Finde ich gut. Machen! Ich kenne auch zwei, die da sofort Gutes beitragen würden.

  2. Korrektes Statement. Tyler Brûlé ist übrigens, wenn man seine Vorträge mal für sich sprechen lässt, ein ziemlich arrogant auftretender Zeitgeist. Lese Monocle trotzdem gern und gönne ihm den Erfolg (relativen Erfolg, keine Ahnung, wasauchimmer).

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