Wie Bernd Buchholz zur Legende wird

Wenn Kai-Hinrich „Die Medienwühlmaus“ Renner recht hat, und das hat er ja irgendwie immer, dann muss Dr. Bernd Buchholz am 31. August mit 50 Millionen Euro Gewinn (EBIT) ein irre schlechtes Ergebnis für das erste Halbjahr von Gruner & Jahr verkünden. Ich bin richtig schlecht, wenn es um Zahlen geht, aber so wie KHR das schreibt, klingt das alles Bernd Buchholznicht so gut. Aber ich bin mir sicher, dass für Dr. Buchholz alles gut ausgeht, weil ich heute Morgen, während ich einen sehr guten griechischen Mokka getrunken habe, eine Vision hatte. Ich glaube ich weiß, was Dr. Buchholz tun wird. Er hat nämlich eine grandios gute Idee, für die ich ihn immer bewundern werde.

Zunächst einmal wird Dr. Buchholz seinen Shareholdern erklären, dass das Umfeld im Moment wirklich eine alte Scheiße ist, und das deshalb der Gewinn nur halb so hoch ausfällt wie im letzten Halbjahr. Das muss er sagen, das gehört sich so. Aber dann geht es los. Ich bin mir nicht ganz sicher, was er wörtlich sagen wird, denn ich habe mit Dr. Buchholz in der realen Welt nur einmal einen Händedruck ausgetauscht und ein paar Worte gewechselt, aber inhaltlich kommt in etwa Folgendes: Liebe Leute, wird er sagen, wir alle hier finden 50 Millionen sind ein lächerlicher Gewinn. Als Hilmar Kopper so eine Summe mal Peanuts genannt hat, da dachte er wenigstens noch an einen Snack. Wir alle hier sind uns aber einig: Diese 50 Millionen sind kein Snack mehr, das ist eigentlich so gut wie gar nix. Und von nix kommt eigentlich nix. Im Normalfall. Aber wir hier sind in einer besonderen Situation. Wir haben zwar nix verdient, aber uns gehört immer noch Gruner & Jahr. Und bei Gruner & Jahr gibt es etwas, mit dem wir aus einer leeren Schüssel Erdnüsse noch etwas Tolles basteln können. Wir bei uns nennen es „Journalisten“. Wir nennen es „Ideen“. Und wir nennen es „Magazine“. Ich erklär ihnen gleich mal, was das genau bedeutet.

In diesem Moment wären die Shareholder im Prinzip bereit,  Dr. Buchholz mit ihren Schuhen zu bewerfen, aber Shareholder sind kühle Rechner und sie wissen, dass der Wert ihrer Schuhe dengefühlten Wert von 90 Prozent der Magazine im Verlags-Portfolio übersteigt. Insofern hören sie noch ein bisschen zu, während sie das Shareholder-Sprech-Äquivalent denken von: „Komm uns doch nicht wieder mit dem alten Scheiß!“

Dr. Buchholz spürt natürlich, wie ihm die Situation zu entgleiten droht, und er sagt: Ich komme ihnen auch nicht wieder mit dem alten Scheiß. Ich komme mit etwas ganz Neuem. Und zwar so: Ich bin hier schließlich derjenige, der sich den ganzen Tag mit diesen Journalisten abkaspern muss. Die meckern immer. Sie haben schon gemeckert, als sie noch die verwöhnteste überbezahlte Bande von Cappucino-Trinkern waren, und sie meckern jetzt, wo wir den Cappucino ersetzt haben durch das Wasser aus der Regentonne – was im Übrigen nur möglich war, indem wir ihnen die Hausausweise weggenommen  und ihnen so den Zugang zur Cafeteria versperrt haben, denn unsere Leute verstehen verdammt viel von Cappucino. Wie dem auch sei, ich werde hingehen und diesen Leuten sagen: Okay, dann macht mal. Zeigt mir, was ihr drauf habt. In diesem Haus ist schließlich Talent versammelt. Nehmen wir nur einmal das Korrespondentennetz des Stern. Ein dichtes, weltumspannendes Netz aus vielen der besten Journalisten ihres Fachs. Und ich habe nachgesehen: Es gibt Ausgaben des Stern, in denen hat das Auslands-Ressort genau so viele Geschichten wie wir Euro an Dividende ausschütten sollten: null. Nada. Nix. Wenn mich jemand fragen würde, würde ich sagen, das ist eine Vergeudung von Talent. Und als Chef von dat Janze hier bin ich ja quasi immer gefragt.

Dr. Buchholz Idee ist die Folgende: Er nimmt zehn Prozent von dem Nichts an Gewinn und schafft damit ein Magazin, für das die Korrespondenten des Stern schreiben. Ein Monatsmagazin. Er verlangt von den Journalisten, dass sie ihr Bestes geben. Die Welt erklären, auf so vielen Zeilen und Seiten wie sie eben brauchen. Nichts im Nachrichtensinn Spektakuläres, sondern Geschichten im Stile des New Yorker, in denen auf 20 Seiten Dinge erklärt werden wie ganz Afghanistan. Opulent. „Gebt mir das Beste, was ihr könnt.“ In zwei, drei leerstehenden Kammern darf Andreas Petzold  es mit zwei, dreiRedakteuren und Grafikern seiner Wahl zusammen schrauben, und Peter-Matthias Gaede, Timm Klotzek, Michael Ebert und Andreas Lebert dürfen drauf gucken, aber nur unter einer Bedingung: Sie dürfen nur konstruktive Vorschläge machen, nichts kritisieren (mein Gott, was ist in diesem Haus an Talent versammelt! Und wenn sie schlau sind, dann bezahlen sie Bettina Wündrich dafür, dass sie auch noch mal guckt). Es geht schließlich um Ideen.

Dann geht Dr. Buchholz zu seinen Druckern und sagt noch einmal: Zeigt mir das Beste, was ihr könnt. Jetzt geht es um die Ehre eures Berufsstandes. Jahre lang haben wir euch alles immer billiger machen lassen, aber wenn ihr dabei nichts verlernt habt, dann ist jetzt der Moment, es zu beweisen. Macht all den geilen Scheiß mit Papier und Farbe, der euch dazu einfällt.

Um es kurz zu machen: Dr. Buchholz möchte das beste politische Reportage-Magazin der Welt machen. Er hat alles, was man dazu braucht.  Und es ist nicht einmal teuer.

Wir brauchen drei Jahre, sagt Dr. Buchholz den Shareholdern, und dafür reichen zehn Prozent von dem Nichts, über das wir heute jammern. Meine Jungs sind motiviert wie nie, ich habe sie bei der Ehre UND den Eiern. Es wird rocken. Natürlich kann man dabei untergehen. Das kann man immer. Aber seien wir ehrlich, unsere ganze Branche könnte untergehen. Und wenn es so ist, dann will ich sagen können: Wir sind nicht ohne Kampf untergegangen. Es hat gedauert, aber dann haben wir tatsächlich ein Mal das Beste aufgefahren, was wir hatten. Und wir haben den Kampf des Jahrhunderts geliefert. So sind wir. So bin ich. Ich kann gar nicht anders.

Muss man den Typen nicht lieben? Das ist der Mann, der gerade noch rechtzeitig aufgestanden ist und gesagt hat: So, Leute, bevor wir hier weiter seitwärts mit dem Arsch an der Wand entlang laufen, werfen wir uns lieber noch einmal nach vorne und zeigen der Welt, was wir können und sonst keiner. Was Print kann und sonst kein Medium. Was Journalisten können und sonst aber wirklich niemand. Was Drucker können. Was Fotografen können. Was Grafiker können. Wir atmen jetzt alle einmal tief ein, und dann werfen wir uns in die Schlacht. Auf sie mit Gebrüll!

Für mich ist der Mann eine Legende. Ein Anführer. Es mag am Mokka liegen, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Wir werden sie unseren Enkeln erzählen: Die Legende vom dritten Bernd.




8 Antworten auf „Wie Bernd Buchholz zur Legende wird“

  1. ja wenns so einfach wäre. aber: die 50 mille sind vor steuern. also sinds nur 28 mille (egal, reicht auch). und die shareholder sind auch nur die mohns, mit denen müsste man reden können. aber darum gehts gar nicht mehr. es geht darum (mein voller ernst), dem verlag gruner & jahr ganze titel abzukaufen und sie selbst zu machen. also z.b.: die pm-gruppe rauszukaufen. mit einem investor (gibt es bei entsprechenden konzept). der preis wird so um die 20 mille festzumachen sein. zahlbar in raten, jedes habjahr eine mille (die ersten fünf jahre, dann weitersehen). danach raus aus der weihenstephaner, rein nach adlershof, 2000 quadratmeter um 3000 euro, anstellungen in verträge umwandeln, overheadkosten killen, grosso neu verhandeln. und als aboprämie nicht uhren, sondern eine reise in den weltraum (mit branson) anbieten. das wärs. muss ja nicht die pm-gruppe sein, auch emotion geht. mit 100000 lesern? warum nicht? spex lebt mit 20000 lesern. es ist zeitenwende, gruner & jahr wird nicht überleben. die großen verlage sind die musikindustrie von 2012..

  2. 1. das gerühmte stern-korrespondentennetz besteht mittlerweile in wahrheit aus vier stellen, zwei in nyc, eine in london, eine in istanbul. ein freier arbeitet in china. wie lange noch? on va voir
    2. das projekt gab es schon mal, spiegel reporter wurde eingestellt, obwohl sich alle einig waren, dass das ein tolles projekt war. gescheitert ist es nicht an bösen verlegern, sondern an mangelnder solidarität der kollegen des spiegls, die weniger mitarbeiterprämien kassiert hätten, bis das magazin in den schwarzen zahlen gewesen wäre
    3. das beste geben sollte nicht von leuten aus dem vorstand eingefordert werden müssen, das sollte eine selbstverständlichkeit sein.
    4. mangelnde demut, mangelnder fleiß, mangelnder kontakt zur basis machen viele journalisten heute zu lose fliegenden satelliten, die nur in einem kosmos wichtig sind: ihrem eigenen
    5. http://www.freitag.de/kultur/0931-kummer-facebook-popjournalismus-medien

  3. Eigentlich klasse Idee. Weil es in der deutschen Medienlandschaft weder ein Print- noch ein Onlinemedium gibt, dass einigermaßen ausführlich darüber berichtet, was so jenseits der hissigen Grenzen geschieht. Schade. Wir sind überall präsent, aber wissen doch nur von USA und ein wenig Malle…

  4. Sauber, wir werden es ihm ausrichten 😉
    Schönen Resturlaub, Pante.

    HSV 2009 mal wieder Meisterkandidat?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.