Bitte erhalten Sie diesen Journalismus!

Bei der 60-Jahr-Feier der Deutschen Journalistenschule (DJS) gab es auf dem Podium ein Zauberwort, um das letztlich all die großen und kleinen Reden kreisten: der Qualitätsjournalismus, oder besser: der Erhalt desselbigen. Die Sprache war defensiv. Da musste eben „erhalten“, „gerettet“, „geschützt“ werden – während gleichzeitig das Vorstandsmitglied des Schulvereins Prof. Dr. Hubert Burda in seiner Eigenschaft als Präsident des Verbandes der Zeitschriftenverleger den Manteltarifvertrag für Redakteure kündigen ließ und sich danach beschwerte, die Suchmaschinen verdienten unverhältnismäßig viel an journalistischen Inhalten.Der Erhalt der Branche sollte ein „Selbsterhaltungstrieb des Rechtsstaates“ sein. Die Gemengelage der Medienreden des Tages könnte man so zusammenfassen: Damit die Demokratie funktioniert, sollen Journalisten in Zukunft sehr billig sehr guten Journalismus machen, mit dem dann bitte vor allem „die Branche“ nach Definition der Zeitschriftenverleger verhältnismäßig viel Geld verdienen soll. Und warum sollte man das auch nicht fordern: So ist es schließlich bisher gewesen. Ich habe allerdings das bestimmte Gefühl, dass es in Zukunft anders sein wird. Und wir sind daran natürlich nicht unschuldig.

Während des Festaktes wurde auch deutlich gemacht, was unter Qualitätsjournalismus zu verstehen ist. Eine junge Absolventin der DJS, deren Namen ich schändlicherweise nicht weiß, hat für die Seite 3 der SZ eine einfühlsame Geschichte über die psychischen Folgen geschrieben, die Lokführer erleiden, wenn sich Selbstmörder vor ihren Zug werfen. Sicher eine gute Geschichte. Ich habe sie allerdings nicht gelesen, und ich denke, da geht es mir wie den meisten Menschen in diesem Land. Was nicht gegen die Geschichte spricht, aber Qualitätsjournalismus als Garant für Demokratie und als schützenswertes Gut sollte sich meiner Meinung vor allem anderen an den Nachrichten orientieren, die die meisten von uns regelmäßig und dauernd lesen, hören oder sehen. Das ist das journalistische Handwerk. Die Seite 3 der SZ ist wunderbar, ich mag sie sehr, aber sie gehört zu dem Kunsthandwerk, auf das wir am ehesten verzichten könnten, wenn es ausschließlich um die Demokratie ginge.

Nur nebenbei: Wir haben die Fotoreportage abgeschafft. Ich habe es gerade noch erlebt, mit einem Fotografen eine Woche oder länger irgendwo auf der Welt unterwegs zu sein, um eine Geschichte „einzufangen“. Aber das ist lange her. Es ist traurig und hat viele Foto-Kollegen dazu gebracht, zu kellnern oder Pornos zu drehen. Aber die Demokratie hat daran nicht gelitten. Und der iranische Tweeterstand hat uns gezeigt, dass es keinen Reporter am Boden braucht, um eine Geschichte zu erzählen, wenn es stattdessen tausende Microblogger gibt und ein paar schlaue Redakteure bei der New York Times oder ähnlich professionellen Organisationen, die aus der Masse der Informationen den Roten Faden spinnen. Vielleicht hat es dafür sogar ein gutes Amateur-Beispiel gegeben, das ich nur verpasst habe, aber die NYT hat schon einen guten Job gemacht. Und das diese Informationen für die Demokratie relevant sind ist hinlänglich sichtbar.

Es mag sein, dass eine Zukunft des Qualitätsjournalismus darin liegt, aus der Masse der wabernden Informationen im digitalen Ökosystem einen Roten Faden zu spinnen, einen Sinn zu filtern, die Wahrheit zu erklären. Vielleicht programmiert auch irgendein Nerd ein System, mit dem die User das glaubwürdig und transparent erledigen können, wer weiß (mir fällt kein Weg ein, aber mir ist auch Google nicht eingefallen). Und ich glaube auch daran, dass das Kunsthandwerk der Reportage, der anrührenden langen Geschichte ein Zukunft hat, wenn auch vor allem in kleinen, schlank gemachten Magazinen wie „Brand Eins“ oder „Dummy“, deren Leser sie kaufen, weil sie sie wirklich lesen wollen (und deren Verlage nicht ausufernde Apparate um den Verkauf von Anzeigen, Profitcenter rund um die Dienstwagen und Konferenzräume und ein gigantisches mittleres Management aufgebaut haben. Denn die nützen dem Qualitätsjournalismus in Wahrheit auch nicht so wahnsinnig viel). Was ich nicht glaube ist, dass man in Zukunft noch so reich damit werden kann, wie es Verlage in der Vergangenheit waren (haben sie eigentlich die Mitarbeiter daran beteiligt? Oder mit welcher Berechtigung verlangen sie jetzt von den Mitarbeitern, die Lasten der Krise zu tragen? Wo ist eigentlich das Geld hin?). Der Ruf nach staatlichem Schutz, wie ihn der Verlegerpräsident gestern formuliert hat, der Protektionismus und das Beharren auf den Strukturen offenbart meiner Meinung nach nur, dass die Medienindustrie aus der Geschichte der Musikindustrie nicht viel gelernt hat (nebenbei: niemand muss sich von Google finden lassen. Genau wie niemand gezwungen ist, seine Zeitschriften an mitverdienenden Kiosken zu verkaufen).

Es offenbart aber noch etwas, das ich viel wichtiger finde: Offenbar wähnen sich Journalisten immer noch in der Deutungshoheit darüber, was Qualitätsjournalismus ist. Und das ist Bullshit. Die haben die Leser, Nutzer, Zuschauer und -hörer. Wir haben die Chance, Angebote auf jedem Niveau zu machen, und es mag uns allen gut gefallen, auf dem Niveau der Seite 3 der SZ zu arbeiten, aber genau so wie der Kunde, der für 80 Euro einen Tisch kauft ein Recht darauf hat, die bestmögliche Qualität für diesen Preis zu bekommen, hat es der, der einen Tisch für 2000 Euro kauft. Tischler bekommen keinen staatlichen Schutz dafür, Kunsthandwerk abliefern zu dürfen, und sie verlangen ihn auch nicht, obwohl es sicher viele lieber tun würden als Massenware herzustellen. Im Prinzip bezahlen uns Menschen doch dafür, dass wir ihnen das, was sie wollen, dahin liefern, wo sie es wollen. Oder nicht? Die Grundsicherung durch den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ist ohnehin gesichert, ansonsten muss doch jeder die Nachrichten und Geschichten, die er lesen möchte, finden und lesen können. Und sich dabei darauf verlassen können, dass es echte Nachrichten sind, keine versteckte Werbung oder Propaganda. Das ist unser Qualitätsversprechen, und es war immer eine Menge wert, obwohl wir es nicht immer ausreichend gewürdigt haben.

Wenn die Menschen in Zukunft das Gefühl haben, sie können das genau so gut allein, dann ist das eben so, ob wir nun darauf beharren, dass wir es aber besser können oder nicht. Arroganz können wir uns ganz einfach nicht mehr leisten. Sie ist auch kein Merkmal dafür, wie gut wir tatsächlich sind.

Eine Antwort auf „Bitte erhalten Sie diesen Journalismus!“

  1. Wahre & schlaue Worte. Die Verleger nutzen die Journalisten, um sich selbst vor dem Aussterben zu schützen. Letzlich eine gelungene PR-Strategie, wenn man bedenkt, dass die Journalisten nicht wahrnehmen, für wen sie da letztlich kämpfen. Es wird Zeit, dass die Journalisten kaufmännischer denken.

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